Archiv: Rezensionen zu Literatur und Film

Mittwoch, 22. Februar 2017

Junji Ito: Alpträume aus Tinte und Tusche



Wenn sich ein Künstler einen Horrorliteratur-Pionier wie H.P. Lovecraft und einen Horror-Mangaka wie Kazuo Umezu als Vorbild nimmt, der hat entweder die Möglichkeit, diese Ikonen zu kopieren, oder, sie zu übertreffen. Der gelernte Zahntechniker Junji Ito (53) hat sich dazu entschieden, den einen wie den anderen weder zu kopieren, noch zu übertreffen. Er hat sich dazu entschieden, noch weiter als diese Herren zu gehen. Eine Welt zu erschaffen, die man mit bloßen Worten bereits nicht mehr erklären kann. In seinen wirrsten, verrücktesten und bizarrsten Erzählungen haben die Kraft der Worte bei Lovecraft nicht ausgereicht, was die Illustrationen von Junji Ito so viele Jahre nach Lovecrafts Geschichten zeigen. Auch die Literatur kennt ihre Grenzen. Anders sieht es da schon bei dem Altmeister des Horror-Manga aus, Kazuo Umezu. Der Zeichenstil von Ito ist eine direkte Hommage an die Zeichenkunst Umezus, thematisch aber auch stilistisch geht Ito sogar noch eine Spur weiter als er. Wird es mir gelingen, die seltsam verstörende Welt von Ito zu erklären, oder können tatsächlich nur die Illustrationen selbst diesen Wahnsinn wiedergeben?




Während sich in Deutschland die Bekanntheit Itos größtenteils auf das Video eines hyperaktiven YouTubers beschränkt und deutsche Verlage auch nach 1-2 Anläufen es nicht geschafft haben, mit Itos Werken eine feste Leserschaft zu gewinnen, so bleibt der Mangaka im deutschsprachigen Raum eher eine Nische. In den USA hingegen sieht es da schon anders aus, erst in diesem Jahr sind sowohl von VIZ Media mit der Hardcover-Gesamtausgabe zu Tomie und Dissolving Classroom von Vertical Comics, zwei neue Veröffentlichungen erschienen (Tomie ist hierbei mehr eine schicke Neuauflage, die sich vom Design her an die anderen Hardcover-Ausgaben des Mangaka anpasst, die der Verlag bisher veröffentlicht hat).

Verwunderlich ist die eher zurückhaltende Einstellung gegenüber Ito nicht. Der deutsche Manga-Markt ist nicht sonderlich bekannt dafür, dass das Horrorgenre in den Regalen der Händler überquillt. Abseits davon legt Ito aber auch noch einmal eine Schippe von allem drauf, was andere Mangaka in dem Bereich so zeigen. Hier spielen nicht einmal grafische Illustrationen eine Rolle. Auch wenn Junji Ito für Body-Horror in Reinkultur steht, so sind es die Geschichten an sich, die die Leser häufig mit purer Verblüffung und einem Schauder zurücklassen. Im Genre der Kurzgeschichte fühlt sich Ito besonders wohl. Auch Itos Frühwerk, Tomie, die Geschichte über eine Schülerin aus der Hölle, die, sobald man sie ermordet und in Stücke hack, bald schon wieder zurückkehrt um neue Opfer heimzusuchen, besteht hauptsächlich aus Kurzgeschichten, die lose, beinahe ohne einem roten Faden folgend, miteinander zusammenhängen.

Von Itos Kurzgeschichten gibt es viele. Und so müsse man eigentlich meinen, hat man erst einmal 10-15 seiner Geschichten gelesen, würde man langsam ein Schema an seinem Stil erkennen. Doch genau hier kommt die Unberechenbarkeit ins Spiel. Während etliche von Itos Geschichten einen relativ ähnlichen Beginn haben, ja, sogar einem Muster folgen (männlicher oder weibliche(r) Protagonist(in), ein unerklärliches Ereignis, psychische Labilität des Hauptcharakters), so hat der Mangaka in seinen Stories immer wieder neue wahnwitzige, irrsinnige oder in einem positiven Sinne völlig absurde Wendungen auf Lager. Dies ist jedoch nur möglich, wenn man dieses Konzept auch in Illustrationen umsetzen kann. Zeichnungen, die mit Worten nicht zu beschreiben sind. Diese Kombination macht jede von Itos Geschichten zu einem Unikat.




Alltägliche Dinge driften in Juni Itos Welt zu unbeschreiblichen Alpträumen ab. In der Welt des Japaners gibt es keine Regeln und keine Gesetze der Biologie und Physik. Die Menschen könnten ihre Doppelgänger in Form eines Luftballon-Kopfes treffen, die sie gleichzeitig in ihr tödliches Verderben stürzen, sobald sie ihnen begegnen. Oder mutierte Fische mit mechanischen Prothesen, die ihnen dazu verhelfen, an Land laufen zu können um auf der Erde anschließend eine irre Apokalypse anzurichten..... all das könnte in einer Geschichte von ihm vorkommen. Zu versuchen, diese Geschichten in Worte zu fassen bringt aber relativ wenig, genau genommen, es ist unmöglich. Eine Inhaltsangabe oder ein Resümee einer Geschichte zu verfassen würden stupide und banal klingen. Wobei Banal hier gar nicht einmal das falsche Wort ist. Itos Geschichten haftet eine positive, eine wundervolle Banalität und Absurdität an, ohne die sein spezifischer Stil überhaupt nicht zur Geltung kommen würde. Itos Horror kehrt zu den Ursprüngen unser Ängste zurück. Ängste zeichnen sich in etwas aus, was wir mit Worten nicht erklären können. Hier verhält es sich ähnlich wie mi einer Phobie. Der Klassiker aller Phobien, die Phobie gegenüber Spinnen (zu dessen Anhängern ich leider auch gehöre), ist ein perfektes Beispiel. Die Ursprünge dieser Phobie und den Ängsten, die sie in Menschen auslöst, sind die acht Beine des Insekts. Der Mensch steht vor dem Rätsel, wie dieses Insekt sich auf acht Beinen bewegen kann. Er steigert sich in diese Gedanken rein und sieht, wie schnell und unberechenbar die Spinne sich mit diesen haarigen acht Beinen bewegen kann. Itos Horror baut auf genau diesen Urängsten der Menschen auf. Der Horror ist das Unerklärliche. Dies ist etwas, was es im neumodischem Horrorgenre schon lange nicht mehr gab. Zuletzt wurde aus filmischer Sicht dieser Aspekt eindrucksvoll von David Robert Mitchells "It Follows" bewiesen.




Genau so unberechenbar wie Itos Geschichten selbst sind seine Veröffentlichungen. Im Gegensatz zu anderen Mangaka ist es nicht selten, dass man von Junji Ito über Jahre nichts hört. Sein Hauptwerk besteht aus Kurzgeschichten, diese Kurzgeschichten werden relativ häufig gesammelt und als Anthologien veröffentlicht. Werke mit einer zusammenhängenden Geschichte wie Uzumaki oder Gyo sind eher Ausnahmen. Der Mangaka verrichtet seine Arbeit, wie es ihm passt. Allen voran, so meinte Ito in einem Interview in der BBC-Serie "Japanorama", zeichnet er für sich selbst. Zuerst einmal ist es wichtig, dass ihm seine Geschichten selbst gefallen. Ein Zitat, was undenkbar wäre wenn erfolgreiche Mangaka wie Masashi Kishimoto (Naruto) oder Hajime Isayama (Attack on Titan) so etwas von sich geben würden, die ihre Werke aufgrund eines stets wachsamen Redakteurs oder aber auch der Erwartungshaltung der Fans stetig und erheblich anpassen mussten und weit von der originalen, angepeilten Vision der Mangaka liegen.

Itos Werke zu verfilmen fand bisher auf einer eher kleinen Ebene statt. Zweimal durfte der japanische Filmemacher "Higuchinsky" ran, der bei der TV-Adaption zur Kurzgeschichte "Long Dream (Nagai Yume)" sowie dem Kinofilm zur Adaption von "Uzumaki" Regie führte. Higuchinsky hat es dabei relativ überraschend geschafft, obwohl sich besonders Uzumaki inhaltlich vom Manga abgehoben hat, Itos Horror unglaublich effizient umzusetzen. Eine völlige Entgleisung und ein großartiges Beispiel, wie man es falsch angeht, stellt die Anime-Adaption zu Gyo (Review) aus dem Jahr 2012 dar. Nicht nur verfälschte man Itos gesamten Stil (auch modernen Trends folgend bei dem Protagonist einen sogenannten "Gender-Swap" zu vollziehen), obwohl ein namhaftes Studio wie Ufotable am Werke war, wurde der relativ kurze Spielfilm auch noch mit unsäglichen CGI-Effekten vollgemüllt.

Ein relativ trauriges Ende fand das vielversprechende Reboot zum Silent Hill Franchise. Zusammen mit Metal Gear Schöpfer Hideo Kojima, Guillermo del Toro und Norman Reedus war Junji Ito als Designer für die Monster ein wichtiger Bestandteil dieser einzigartigen Kollaboration. Publisher Konami stampfte das Projekt jedoch ein. Einen kleinen Vorgeschmack auf Itos Designs gab es neben einer spielbaren Demo aber auch in einem kurzen Konzept-Trailer zu sehen.




Selbst die Pokemon Company konnte sich Itos bizarrer Welt wohl nicht entziehen. Beide hier präsentierten Artworks stammen aus Itos Feder und gelten als offizielle Zusammenarbeit der beiden Parteien. Bei so manchen Einträgen im Pokedex (der Videospiele) könnte man tatsächlich meinen, der Mangaka hätte dort tatsächlich seine Finger im Spiel gehabt.

Wer ein bisschen lust bekommen hat, Junji Itos Welt nun für sich zu entdecken, der hat einige Optionen. Wer der englischen Sprache nicht mächtig ist, der wird auf die in 3 Bände aufgeteilte Veröffentlichung von Uzumaki zurückgreifen können, die Carlsen Manga lizenziert und zwischen 2013-2014 veröffentlicht hat. Im englischsprachigen Raum ist die Auswahl hier schon um ein vielfaches umfangreicher. Ein Blick auf Amazon oder Thalia sollte Interessenten weiterhelfen (auch abseits der deutschen oder englischen Sprache).

Bereits seit einigen Monaten habe ich diesen Beitrag zu dem Werk von Junji Ito geplant, aber mir fehlten, wie auch jetzt gerade, die Worte. Aber heute Abend viel es mir zumindest leichter, mir nicht die Mühe zu machen, das Unerklärbare zu erklären, sondern einfach mal drauf los zu schreiben. Insgesamt wird der hier geschriebene Artikel dem Werk von Junji Ito zwar nicht wirklich gerecht, aber wenn hiermit auch nur eine Person zum Werk des Mangaka findet, hat sich dieser Ausflug in die Welt der Alpträume gelohnt!



Montag, 20. Februar 2017

Rezension: Faber oder Die verlorenen Jahre (Jakob Wassermann)







Deutschland 1924

Faber oder Die verlorenen Jahre
Autor: Jakob Wassermann
Verlag: Manesse
Nachwort: Insa Wilke
Genre: Heimkehrerroman, Drama



"Faber kam mit dem Abendzug in seiner Vaterstadt an, in der er als Architekt gewirkt hatte, bis der Krieg ausgebrochen und er, im ersten Monat schon, in Gefangenschaft geraten war. Seitdem waren fünfeinhalb Jahre vergangen.
Mit ihm reisten ein paar Kameraden, letzte Nachzügler unter den Heimkehrern wie er selbst, Bürgersöhne wie er selbst, aber anders als er befanden sie sich während der zu Ende gehenden Fahrt in einer Erregung, in der sie unzusammenhängende Reden führten wie die Fieberkranken. Da sie beim Verlassen des Schiffs nach Hause telegrafiert hatten, konnten sie gewiss sein, von ihren Angehörigen und Freunden empfangen zu werden. Nüchterne Leute sonst, verstiegen sie sich bis zur Rührseligkeit, wenn sie von Frau und Kind, von Müttern und Schwestern, ja sogar von Häusern und Stuben sprachen. Faber war in nicht freundlicher Weise schweigsam. Einer fragte ihn: <<Wird deine Frau da sein?>> Er zog die dicken schwarzen Brauen hoch und antwortete nicht. Als der Zug in die Halle fuhr, reichte er den Gefährten vieler Monate kühl die Hand und drückte sich mit seinem Holzköfferchen abseits. Von der lärmenden Begrüßung, die ihnen zuteilwurde, war er nur vorüberhastender Zeuge."
(Faber oder Die verlorenen Jahre, Jakob Wassermann. Manesse)



Relativ selten wähle ich für das anfängliche Zitat für meine Besprechung direkt einen Part von der ersten Seite. "Faber oder Die verlorenen Jahre" könnte aber kaum einen besseren Einstieg finden als diese Einführung in die Geschichte. Faber ist mehr als ein Heimkehrerroman. Dies liegt aber auch daran, dass mit Jakob Wassermann hier ein begnadeter Erzähler am Werk war, der eben nicht nur die Geschichte eines heimkehrenden Kriegsgefangenen erzählt, Faber ist auch ein Familiendrama und gleichzeitig auch Gesellschaftskritik an ein trostloses Deutschland nach dem 1. Weltkrieg. Und gleichzeitig schwingt in diesem Werk nicht minder eine Vorahnung mit. Eine Vorahnung auf eine Zeit, die nur wenige Jahre später folgen und Deutschland danach für immer verändern sollte.

Eugen Faber, Architekt, 30 Jahre alt, kehrt nach einer knapp 6 jährigen Kriegsgefangenschaft zurück in seine Heimatstadt. Geflüchtet von Sibirien nach Peking und dann mit einem Schiff quer über den Pazifik, wirkt der junge Mann ausgemergelt und teilnahmslos. Wassermann bemüht sich gar nicht erst, diesen Charakter, den Protagonist dieser Geschichte, auch nur ansatzweise auf den Leser sympathisch wirken zu lassen. Versunken in Melancholie und Einsamkeit, sucht Faber weder seine Frau samt Sohnemann auf, der bisher eine längere Zeit ohne Vater verbracht hat als mit, noch das Elternhaus auf. Er vertraut sich einem alten Freund der Familie an, Doktor Fleming, der ehemalige Hauslehrer (und Mädchen für alles) der Kinder der Fabers. Mit gespielter Kühle und Teilnahmslosigkeit tritt Faber seinem alten Mentor gegenüber, der ihn, noch immer völlig überwältigt von der Rückkehr des Mannes, in das einweiht, was er in all den Jahren verpasst hat. Für Faber ist es unmöglich, sofort ins normale Leben zurückzukehren. Obwohl Fleming ihn ermutigt nach Frau und Kind zu sehen, bleibt Faber skeptisch. Und er sollte nicht unrecht behalten. In den verlorenen Jahren ging das Leben weiter, ohne ihn. Was bleibt ist ein Mann, für den es anscheinend keinen Platz mehr in der Gesellschaft gibt.

Jakob Wassermann, ein großartiger Schriftsteller deutsch-jüdischer Abstammung, suchte selbst viele Jahre nach Anerkennung und einen Platz unter den deutschsprachigen Schriftstellern. Kaum hatte er diesen Berg erklommen, fielen dunkle Zeiten über Deutschland herein, allen voran natürlich der Holocaust. Wassermanns Werk wurde Opfer der Bücherverbrennung von Schriftstellern jüdischer Abstammung. Ausgestoßen aus der Gesellschaft starb Jakob Wassermann im Jahr 1934 veramt und vereinsamt. Wassermann (Caspar Hauser oder Die Trägheit des Herzens) galt Seinerzeit als einer der meistgelesenen Autoren in Deutschland. Faber erschien im Jahr 1924, wenige Jahre vor dem Ruin. Die Geschichte von Eugen Faber wirkt nicht nur einmal im laufe der Geschichte wie eine unheilvolle Prophezeiung für den Autor. Umso interessanter war das Werk für mich persönlich, um diese feinen Parallelen zu Wassermanns eigenem Schicksal zu entdecken.

Einfühlsam, ja beinahe schon mit einer faszinierenden Ruhe erzählt Wassermann langsam und bedächtig, aber nicht träge und zäh, die Geschichte des Heimkehrers. Aus der Sicht von Doktor Fleming erfährt der Leser alles über die teils seltsamen Zustände in der Familie Faber. Der Vater, ein Doktor der Medizin, der aufgrund seiner Güte selten Geld von seinen Patienten verlangte und sich in Schulden stürzte, seine Frau, eine emanzipierte Dame und Frauenrechtlerin die einen großen Einfluss auf die gesamte Familie ausübte sowie die 4 Kinder, ein Ziehkind und weitere Eskapaden der Söhne. Das kuriose, teils schon absurde tragische Schicksal von Eugen Fabers Brüdern und der perfekte Bund zu eben jenem Ziehkind der Familie, die bezaubernde Martina, die er später einmal heiraten sollte. Wassermann spart es sich, diese Familiengeschichte und damit verbundenen Schicksale, langatmig auf unzählige Seiten auszudehnen. Für den Autor war es dafür umso wichtiger, Fabers Leben nach seiner Kriegsgefangenschaft zu dokumentieren. Das beeindruckende an der Geschichte ist jedoch, Wassermann übertreibt hier und da gerne absichtlich, beinahe wirkt der Roman an manchen Stellen gar wie eine Satire. Allerdings längst nicht so offensichtlich wie in einer anderen, von mir besprochenen Sammlung an Kurzgeschichten aus der Zeit nach dem 1. Weltkrieg: Die Komödie von Charleroi von Pierre Drieu La Rochelle.



Resümee

"Faber oder Die verlorenen Jahre" ist keineswegs so kompliziert wie es der Titel des Romans vielleicht vermuten lässt. Der Einstieg in die Geschichte ist leicht, man wird dank Wassermanns Erzählkunst direkt in die Geschichte gesogen. Und genau in diesem Tempo geht es auch weiter. Faber ist wesentlich zugänglicher als die von mir bereits erwähnte Komödie von Charleroi. Man muss die beiden Werke aber auch klar voneinander distanzieren. 
Ich kann hier natürlich nun schlecht schreiben, ich hatte meine Freude an Faber, so etwas wäre eine unpassende Aussage zu einem solchen Roman. Ich kann aber sagen, ich habe mit Faber etliche interessante Stunden verbracht. Besonders Romane aus der Zeit nach dem 1. Weltkrieg zu eben jener Thematik sind rar gesät oder erhalten längst nicht die Aufmerksamkeit, die ihnen gebührt. Deutschland hat diese sehr finstere Zeit hinter sich gebracht und nun gibt es selbstverständlich keine Ausflüchte mehr, Jakob Wassermann nicht zu lesen. Und wieso sollte man nicht mit diesem Werk anfangen? Auch wenn der Roman zum Ende von Wassermanns Karriere entstanden ist, so sticht dieses Werk aus dem Portfolio des Autors aufgrund seiner Bedeutung heraus. Ein Klassiker der deutschen Nachkriegsliteratur.



"Faber ließ ihn noch eine Weile toben, dann tippte er ihn am Ärmel; als Fleming stille hielt, legte er ihm beide Hände auf die Schultern und schaute ihn mit seinen schönen großen Tieraugen ruhig an. <<Kannst du dir einen Begriff davon machen, wie lang ein Jahr dauert, wenn man einsam ist?>>, fragte er mit umwölktem Lächeln. <<Stell dir's vor: ein einziges Jahr. Und dann verfünffache das Furchtbare. Jeder Traum, den man träumt, ist ein Wahrgesicht, und die Worte, die einem von außerhalb zukommen, haben eine Bedeutung, eine unheimliche Doppeltheit und Durchsichtigkeit, vor denen keine Illusion mehr standhält.>>"
(Faber oder Die verlorenen Jahre, Jakob Wassermann. Manesse)

Donnerstag, 9. Februar 2017

Einwurf: 2017 kann jeder Schriftsteller sein!




Im letzten Jahr kamen die Einwürfe ein wenig zu kurz. Ich wurde einige male drauf angesprochen, ob es diese Rubrik nicht mehr geben wird. Im Fokus standen verstärkt Besprechungen zu Büchern, auch die Filmrubrik musste 2016 größtenteils eine Pause einlegen. Zum Ausklang des letzten Jahres habe ich mich aber wieder intensiver den Einwürfen gewidmet. Jetzt möchte ich mich auch gleich einem Thema widmen, was eine gewisse Schärfe mit sich bringen könnte, ich glaube, diese gewisse Schärfe/Brisanz ist leider nicht zu vermeiden.


Jeder kann Journalist sein

Ausgangspunkt der Überschrift ist ein Artikel, den ich vor einigen Jahren bereits gelesen habe. Der Ursprung des Artikels hat sich lange in Rauch aufgelöst und auch der genaue Inhalt des Artikels ist mir etwas abhanden gekommen. Es war jedoch die Überschrift, die sich eingeprägt hat. "Heute kann jeder Journalist sein" hieß es da. Doch wer war gemeint? Gemeint war die Zunft an Online-Journalisten, Leute, die Journalismus nicht studiert haben und sich trotzdem ihre Existenz rund um die virtuelle Berichterstattung aufgebaut haben. Das Internet und ganz besonders die Blogger würden den Löwenanteil daran tragen, dass das traditionelle Printmedium ausstirbt und sich Leute mit unzähligen Qualifikationen wie der große Zampano Claus Strunz zum Beispiel umorientieren müssen und den besonderen Fokus auf den Online-Journalismus akzeptieren müssen. Die Debatte über den Wert von Bloggern in der Welt des Journalismus hat natürlich nicht jener Artikel los getreten, dessen Überschrift mir die Idee für meinen Einwurf gab. Es war eine große Debatte, die Anklang bei vielen Leuten fand, die um ihr Bild oder Stern Abonnement fürchteten. Knapp 5 Jahre sind seit dieser Debatte vergangen. Die Kontroverse rund um Online-Journalisten die durch Affiliate-Links ihr Geld verdienen hat sich abgekühlt, das Printmedium erfreut sich immer noch großer Beliebtheit und die BWL-Studenten werden weiterhin einen Rabatt bekommen, wenn sie den Stern oder den Spiegel abonnieren. Dass die großen Herausgeber und Verlage ihr Angebot aber auf die digitale Basis ausgeweitet haben ist natürlich kein Geheimnis, dafür ist dieses Geschäft zu lukrativ. Die Aussage "Heute kann jeder Journalist sein" ist also alles andere als falsch, aber dem Wahrheitsgehalt dieser Aussage war ich mir immer bewusst. Wenn der kleine Mann aus dem Volk einen Blog eröffnen will, kann er dies innerhalb weniger Minuten tun. Wie immer ist es die eigene Motivation, ob die Karriere als Blogger ein kurzes Intermezzo ist, ein passioniertes Hobby oder der neue Beruf, mit dem man viel Geld verdienen kann, wenn man es richtig angeht. Heute kann also jeder ein Journalist sein, man kanns aber auch lassen. Das gleiche gilt fürs studieren.


2017 kann auch jeder Schriftsteller sein

Das eBook ist des Teufels Beitrag, weil er die Menschen gerne ärgert. Zumindest, wenn man den ständigen Klagen der Buchhändler lauscht. Ich stand dem eBook, als es allmählich salonfähig wurde, extrem kritisch gegenüber. Auch hier sind mittlerweile einige Jahre vergangen und die größte Aufregung hat sich gelegt. Das physische Buch und das eBook können untereinander koexistieren. Das gedruckte Buch wird auch in absehbarer Zeit nicht aus der Menschheitsgeschichte verschwinden, man kann vermutlich sogar relativ optimistisch sagen, ein Szenario, wo es einmal eine Welt ohne physische Bücher geben wird, ist nahezu ausgeschlossen (wobei meine Kristallkugel auch mal wieder ein Firmware-Update gebrauchen könnte).

Die Digitalisierung von Büchern war von vornherein immer nur ein großes Problem der kleinen, privaten Buchhandlungen, die nicht einem großen Konzern angehören. Große Buchhandelsketten wie Mayersche oder Thalia werden nie in berechtigte Existenzängste geraten sein. Dies liegt auch vor allem daran, dass die beiden großen Ketten auf Tolino und ein eigenständiges eBook Medium setzen. Die Kritik dieser Ketten richtete sich hauptsächlich gegen Amazon und seinem Flaggschiff, dem Kindle. So wird es auch sicherlich nicht das eBook gewesen sein, was das Ende für den Club Bertelsmann besiegelt hat. Die Probleme des Clubs waren dann doch wesentlich tiefsitzender.

Seit 2015 geschehen auf dem europäischen Buchmarkt Ereignisse, mit denen man nicht unbedingt gerechnet hat. Die lokalen Buchhändler in Großbritannien werden sich besonders freuen. Das eBook ist in Gesamtverkäufen eingebrochen. Nicht so sehr, dass nun das eBook selbst um seine Existenz fürchten muss, aber erstmals seit 2016 geht der Trend eindeutig wieder in Richtung Buchhandel. Der Buchhandel selbst kommentierte dies mit den steigenden Preisen für eBooks der großen Verlage und senden ihren Dank gleichzeitig an die Self-Publisher, die, so einige Experten aus dem Buchhandel, den digitalen Markt rund um die eBooks langsam zerstören werden. Erneut wird der Finger auf Amazon gerichtet. Einige Gegner des Konzerns witzeln dabei regelrecht spöttisch, Amazon würde sich mit seinen eigenen Waffen schlagen.

Doch was ist da dran? Wieso schwächen Amazon und Self-Publishing den eBook Markt? Und seit wann ist das eBook eine Waffe? Nun, die Antwort ist relativ einfach (zumindest was Punkt 1 angeht), wenn auch sicherlich nicht ultimative Antwort: Ein Kindle Unlimited Abonnement in Verbindung mit beliebten Werken von unabhängigen Autoren verdrängen die wesentlich teureren Werke namhafter Autoren und Verlage. Dies betrifft nicht nur das eBook an sich, durch Amazons Unordnung bei den Kategorisierungen von Büchern ist ein gemütliches Online stöbern kaum mehr möglich, sofern man sich nicht intensiv für Self-Publishing interessiert. Es soll nicht abwertend klingen, aber hier regiert Masse statt Klasse und Quantität über Qualität. Die angebotenen Werke der Indie-Autoren reichen von 99 Cent bis meistens 4,99 Euro. Verlockende Angebote für Schmöker-Menschen, die einen Kindle oder ein anderes Lesegerät verwenden, welche auch Amazons eBook Format bzw. ihre Kindle App unterstützen. Besitzt man ein Kindle Unlimited Abonnement, kann man eine menge dieser Titel die Amazon ins Programm aufnimmt sogar völlig kostenlos lesen. Die großen Verlage werden durch die schiere Auswahl an digitalen Indie-Büchern verdrängt und heben somit die Preise für ihre eBooks an, um die Verluste aufzufangen. Die Leserschaft ist darüber aber wenig begeistert und zieht somit das stöbern und einkaufen in den lokalen Buchhandlungen vor, weil dort die Chance auf ein qualitativ hochwertiges Produkt mehr gegeben ist, als sich die endlosen Bestenlisten auf Amazon anzusehen.

Natürlich darf man hier aber sicherlich nicht alles über einen Kamm scheren. Die Werke von Indie-Autoren reichen tatsächlich von Schund bis hin zu einigen richtig interessanten Büchern. Einige Freunde und Bekannte von mir sind diesen Weg gegangen und veröffentlichen seit nunmehr 2 Jahren ihre Bücher selbst über Amazon oder aber über unabhängige, kleine Online-Verlage. Und ausgerechnet ich, der "Online-Journalist" der niemals Journalismus studierte und einen Google-Blog führt, genau so einer sieht die Sache rund um die Indie-Autoren kritischer als vermutlich ein Großteil der digitalen Lese-Communities. Hier spricht aber nicht der Blogger aus mir der Bücher und Filme rezensiert, hier spricht der Purist aus mir. Auch ich bin der Meinung, dass die Flut an Indie-Werken auf Amazon ein unkontrollierbares Ausmaß angenommen hat. Hier handelt es sich um Werke, die sich definitiv nicht in den gleichen Ranglisten befinden dürften, in denen sich bedeutende Werke der Weltliteratur aufhalten. Die Geschichte wäre einfach zu klären, eBooks von unabhängigen Autoren einfach eine eigene Kategorie widmen und besagte Titel nicht mehr unter Bestenlisten führen, unter denen sich aktuelle Bestseller oder allgemein Titel kommerzieller Verlage befinden.
Weniger bekannte Werke junger deutscher Autoren die unter anderem bei DuMont oder dem Berlin Verlag unter Vertrag stehen haben nur selten die Chance, auf sich aufmerksam zu machen. Natürlich spielt hier wieder der Geldbeutel eine Rolle. Bezahlt man 20 Euro für den neuen Roman von Katharina Hartwell oder holt man sich für einen sogar noch günstigeren Preis lieber rund 20 eBooks (je nachdem wie viel man ausgeben möchte) von Self-Publishing Autoren? Natürlich kommt es hier auf persönliche Präferenzen an. Damit will ich nicht abstreiten, dass es unter Indie-Autoren nicht auch komplexere Werke gibt, die über die Thematik von Romantic-Horror und Zombie-Geschichten hinausgehen. Man darf nicht die Fehler machen und die günstigen eBooks alle in einen Pool zu werfen. Es ist nur die schiere Menge an täglich neuen Veröffentlichungen, die es schwer, beinahe unmöglich macht, hochkarätige Werke herauszufiltern. Und wie ich bereits sagte, ist dies nicht die ultimative Antwort, wieso der lokale Buchhandel wieder an Begehrtheit gewinnt, aber es ist vermutlich ein nicht unwichtiger Grund, wieso es derzeit so ist, wie es ist.

Das Verhältnis zum eBook in Deutschland hat übrigens nie Ausmaße angenommen wie es derzeit in Großbritannien oder auch den USA der Fall ist. Die Preise für eBooks bekannter Verlage in Deutschland waren nie attraktiv, nicht einmal charmant. Als positives Beispiel aus dem eigenen Interessenbereich fällt mir hier lediglich Festa ein, die eine absolut vorbildliche Preispolitik bei eBooks zu ihren Printausgaben führen. Doch ausgerechnet in Deutschland steigen die Verkäufe an eBooks an. Laut einem Artikel von Ingrid Süßmann liegt das auch daran, dass die Verlage ihre Preise ein wenig gedrosselt haben. Ein weiterer Grund dürfte aber auch hier Kindle Unlimited sein, was sich in Deutschland einer großen Beliebtheit erfreut.



Journalisten und Schriftsteller für alle!

Ich bin mir sicher, beide Thematiken werden weiterhin kontrovers diskutiert werden. Fakt ist, genau so wie jeder von uns ein Online-Journalist werden kann, kann jeder von uns Schriftsteller werden. Beide Karrieren waren auch vorher für Jedermann möglich, aber erfolgreich hat sich in den vergangenen Jahren bewiesen, mit etwas Engagement ist beides wesentlich einfacher zu erreichen. Das Wort "Bequem" möchte ich hier nicht in den Mund nehmen. Ob als Blogger oder Indie-Autor, wenn man Erfolg haben will, in Erinnerung bleiben möchte, der muss am Ball bleiben. Lediglich der Start wird einem in der heutigen Zeit erleichtert. Was man von beiden Gruppierungen halten mag, nun, da muss jeder für sich selbst urteilen. Aktuell reibt sich aber nicht nur der lokale Buchhandel die Hände. Auch Amazon profitiert und ermöglicht zahlreichen Indie-Autoren ihr Debüt. Also eine Win-win Situation, oder? Nun, wir wollen es uns mal nicht zu einfach machen.



Anhang
Aktuelle Statistiken zu den Verkäufen von eBooks: No Shelf Required
GoodEreader.com: Indie Authors are responsible for the US eBook decline