Archiv: Rezensionen zu Literatur und Film

Donnerstag, 9. August 2018

Guillermo del Toro: Der nicht so beeindruckende, beeindruckende Geschichtenerzähler



Die überschaubare Filmografie des Guillermo del Toro Gómez aus Guadalajara Mexiko ist vielseitig. Jeder seiner Filme trägt eindeutig seine Handschrift, aber keiner ist wie der andere. Der 53 jährige Visionär ist oftmals beheimatet im Horrorgenre, aber Fantasy scheint ihm doch ein wenig mehr zu liegen. In Wahrheit ist es aber die Mischung, die es bei del Toro ausmacht. Es ist sein magischer Realismus, der in Filmen wie Pan's Labyrinth und The Shape of Water das Drama mit phantastischen Elementen verbindet. Doch ist dieser eigentlich geniale Filmemacher, Produzent und Autor auch ein Widerspruch für sich. Von Hobbits, Trollen und Elben halte er eigentlich nicht viel, und dennoch fühlt sich Hellboy 2- Die goldene Armee mit all seinen Fabelwesen an wie die moderne Interpretation einer Geschichte von Tolkien. Auch machte Guillermo del Toro darauf aufmerksam, dass Filmemacher ihre Filme vielleicht nicht zu lang gestalten sollten, er selbst besäße nicht mehr so viel Sitzfleisch und Konzentration, sich Filme von über 120 Minuten im Kino anzusehen. Dabei sind es die letzten drei Filme del Toros, die zusammengerechnet eine Laufzeit von knapp 7 Stunden (Abspann allerdings mitgerechnet), aufweisen. Seine Roman-Umsetzung zu The Shape of Water, die er gemeinsam mit dem Autor Daniel Kraus verfasst hat, verdoppelt sogar noch einmal den Umfang, den der bereits lange Film bietet.

Guillermo del Toro ist ist natürlich weitaus mehr, als seine Filmografie als Regisseur hergibt. Besonders in Spanien und Mexiko genießt er ein hohes Ansehen. Unter seiner Mithilfe als Produzent realisierten del Toro und sein guter Freund Juan Antonio Bayona den ausgezeichneten spanischen Grusler "Das Waisenhaus", losgelöst von sämtlichen konventionellen Geisterfilmen mit einem beachtlichen Budget. Filme wie The Devil's Backbone und Pan's Labyrinth sind ausschließlich in Spanien und Mexiko entstanden. Guillermo del Toro brachte den Gothic-Horror wieder in Mode. Es sind seine abstrakten Kreaturen, die Lovecraft persönlich nicht besser hätten entwerfen können, die sich dem Zuschauer einprägen. Ein Handwerk, welches er sogar bei für ihn untypischen Filmen wie Blade II eingesetzt hat. Doch immer wieder scheint es del Toros Perfektionismus zu sein, der ihm im Weg steht und durchaus auch den Leuten schaden kann, mit denen er zusammenarbeitet.

Mit Cronos feierte der Mexikaner 1993 sein Spielfilmdebüt. Komplett gedreht in Mexiko gab es aber schon damals einen amerikanischen Schauspieler, der ihn über viele weitere Jahre auf seinem Weg begleiten sollte: Ron Perlman. Der Film war ein Indie-Hit, ist aber in der Filmografie von del Toro nie über den Geheimtipp hinausgekommen. Bei seinem zweiten Spielfilm aus dem Jahr 1997 sah das schon anders aus. Mimic genießt bis heute mit seiner leicht trashigen art einen relativ positiven Ruf bei Filmfans. Der Creature-Horror entstand unter Miramax und brachte prompt einige Probleme mit Patriarch Bob Weinstein mit sich. del Toro machte hier einen Anfängerfehler und tappte in eine Falle, in die auch noch viele andere Filmemacher und Schauspieler nach ihm traten: Eine Zusammenarbeit mit Bob Weinstein. Hier hakte es an künstlerischen Differenzen und ganz besonders der Lauflänge des Films. Im Jahr 2009 bekam del Toro die Gelegenheit, endlich seine Wunschfassung des Films fertigzustellen, die im Jahr 2011 dann veröffentlicht wurde und etwas später auch den Weg nach Deutschland fand. Mit rund 6 Minuten mehr Inhalt fiel die Langfassung beim Publikum jedoch durch, die bevorzugen nämlich weiterhin die Kinofassung. Einige Versprechungen del Toros über ein paar pikante Szenen haben letztendlich nie ihren Weg in den Director's Cut gefunden.

Mit der Realisierung seiner Projekte scheint Guillermo del Toro jedoch die meisten Probleme zu haben. Hellboy und Der Hobbit sind prominente Vertreter, doch es gibt noch weitaus mehr. Als großer Fan des Films Blade Runner fühlt sich del Toro auch zum Cyberpunk hingezogen. Doch auch relevante Werke von japanischen Manga und Anime Ikonen wie beispielsweise Katsuhiro Otomo habens ihm angetan. Eine Umsetzung von Otomos "Domu: A Child's Dream" scheiterte aus rechtlichen Gründen. New Line Cinema hingegen plante fest mit del Toro für Blade 3, dieser lehnte jedoch zugunsten von Hellboy ab und Blade 3 ging anschließend unter der Regie von David S. Goyer baden. Ebenfalls für Hellboy musste sein Engagement an Harry Potter und der gefangene von Azkaban weichen. Die Liste auf Wikipedia ist lang, jedoch auch ziemlich interessant. Auch der von Fans sehnsüchtig erwartete letzte dritte Teil der Hellboy Reihe ist im Sand verlaufen, stattdessen gibt es 2019 von Millennium Films ein Reboot.

Viele dieser Projekte sind aber nicht ausschließlich aufgrund von del Toros eigenen Absagen nicht entstanden. Er selbst witzelte nach der prominenten Einstampfung des Videospiels "Silent Hills" darüber, dass er am liebsten gar nicht mehr an einer Kollaboration beteiligt sein möchte, da er fürchte, mit dem Pech, welches er anziehe, würde vermutlich noch das Haus von eine der beteiligten Personen abbrennen oder gar noch schlimmeres passieren.
Sein Ausstieg aus dem Hobbit-Projekt wird heute jedoch weiterhin als sehr kontrovers betrachtet. Del Toro investierte rund zwei Jahre seiner Zeit gemeinsam mit Peter Jackson in die Realisierung der Adaption. Die original Vision des Hobbit-Projekts unterscheidet sich massiv von der Umsetzung, die wir nun kennen. Statt einer Trilogie plante man einen Zweiteiler. Del Toro wollte das komplette Buch in nur einem einzigen Film umsetzen, Teil 2 jedoch mehr als Brücke zum Herrn der Ringe nutzen. Ein eskalierter Streit rund um die Filmrechte um New Line Cinema, MGM und Tolkien Estate sorgten jedoch dafür, dass die Arbeiten an dem Projekt nicht vorankamen und del Toro zugunsten von Pacific Rim ausstieg. Seine Mitarbeit an den Hobbit Filmen wurde jedoch nicht unterschlagen und der Name Guillermo del Toro ist in jeder Edition der Filme im Abspann zu lesen. Genau wie Blade 3 hat der Ausstieg von del Toro jedoch für Probleme gesorgt. Mit ihm hätten wir hier wohl andere, mit großer Wahrscheinlichkeit aber auch bessere Filme erhalten. Selbstverständlich ist es nun ein wenig zu einfach, solch eine Behauptung aufzustellen. Seine Trilogie über den spanischen Bürgerkrieg gilt übrigens auch bis heute als unvollständig. Neben The Devil's Backbone und Pan's Labyrinth sollte der Film "3993" die voneinander unabhängige Trilogie abschließen. Del Toro gab Hellboy II jedoch den Vortritt.

Die Metamorphose von einem kleinen Indie-Filmemacher aus Mexiko zu einem mehrfachen Oscar-Gewinner ist jedoch ein interessanter Prozess. Wenn es aber etwas gibt, wo mit del Toro nicht glänzen kann, dann sind dies beeindruckende Stories. Mit anderen Worten: Guillermo del Toro ist kein beeindruckender, jedoch beeindruckender Geschichtenerzähler. Ein mindestens genau so großer Widerspruch zu seiner Person wie einige Aussagen, die von ihm selbst kamen. Wenn wir ehrlich sind, so hauen die Geschichten in Devil's Backbone, Pan's Labyrinth aber auch The Shape of Water niemanden mehr aus den Socken. Es ist jedoch die Machart del Toros, seine Visionen, seine Kreationen, die hier die eigentliche Geschichte erzählen. Der relativ simple Aufbau von del Toros Geschichten wird durch seine Bilderwelten und wundervollen Effekte ausgeglichen. Eine nicht so beeindruckende Geschichte wird somit zu einem Erlebnis. Kaum ein anderer Film als Pacific Rim beweist diesen Fakt so gut. Eine Geschichte, die inhaltlich auf 1-2 Blätter Papier passt, umgesetzt jedoch als pures Bildspektakel. Dass das aber auch mal in die Hose gehen kann hat del Toro mit Crimson Peak bewiesen. Optisch und von der Szenerie her nicht minder beeindruckend als seine anderen Werke, schafft der Film es jedoch nie, einmal aus sich herauszukommen und Charakter zu zeigen. In meiner Besprechung aus dem Jahr 2016 bin ich auf diese Schwächen eingegangen. Crimson Peak fehlte es trotz namhafter Darsteller und einem gelungenem Setting an Seele. Etwas, was seine eher generische Art der Erzählung einer Geschichte ausgleichen konnte. Doch auch bei Crimson Peak schien es wieder del Toros Perfektionismus gewesen zu sein, der ihn daran hinderte, ein lang ersehntes Projekt zu realisieren. Del Toro besaß mehrere Drafts zu der Story, ein Draft unterschiedlicher als das andere. Es entstand laut seinen eigenen Aussagen ein förmliches Zettel-Wirrwarr und am Ende entschied er sich, das Drehbuch noch einmal komplett umzuschreiben. Genau wie Mimic in den 90ern, so ist Crimson Peak in der aktuellen Fassung nicht der Film, den sich del Toro vorgestellt hat. Und diese Uneinigkeit mit sich selbst könnte auch einer der Gründe sein, wieso der Roman zu The Shape of Water so viel umfangreicher und anders ist als der Film. Keine bloße Nacherzählung in Buchform sondern ein Sammelsurium an verworfenen Ideen und einem alternativen Ende. Sozusagen der Directors Cut als Buch.

In The Shape of Water fand del Toro jedoch wieder zu alter Form zurück. Hier nähert sich der Filmemacher überraschend dem Arthouse-Genre an. Geprägt ist der Film von verschiedenen Einzelschicksalen, die den Vorzug einer großen Katastrophe wie noch in Pacific Rim erhalten haben. Ruhig und beinahe entspannt erzählt del Toro hier, anders als in Crimson Peak, diesmal wieder mit einem Konzept eine ungewöhnliche Geschichte, die aber erst wieder durch die Magie der Bilder ihre wahre Wirkung entfaltet.

Die Wege des Guillermo del Toro sind unergründlich. Ich denke, so viel kann man mittlerweile sagen. Er ist ein einzigartiger Filmemacher, der nicht so beeindruckende Geschichten auf eine jedoch beeindruckende art und weise erzählen kann. Ein Widerspruch in sich, wie del Toro selbst. In den kommenden Jahren wird del Toro vermutlich wieder mehr Projekte entwerfen als er umsetzen kann. Es ist jedoch diese unberechenbare art, die es so spannend macht, den Weg dieses Filmemachers weiter zu verfolgen und zu beobachten, was dabei wieder einmal entstehen wird.

Kommentare:

  1. Ich finde ihn als Regisseur auch ganz gut, wenngleich sein Werk aus meiner Sicht als "etwas durchwachsen" zu beurteilen ist. "The Devil's Backbone"
    und "Pan's Labyrinth" als meine persönlichen Favoriten sind jedenfalls schon etwas älter.

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  2. Guillermo del Toro ist eigentlich immer eine Wundertüte. Seine Filme leiden meistens unter den selben Schwächen. Und natürlich ist auch das Amphibien-Wesen in The Shape of Water nicht wirklich eine Glanzleistung in Sachen Kreativität da hier extreme Ähnlichkeiten zu Abe aus Hellboy bestehen (hauptsächlich optisch). Von del Toro würde ich mir als nächstes wirklich mal etwas wünschen, wo er sich auch einmal komplett neu erfindet. The Shape of Water funktioniert für mich so gut, weil er hier auf Altbekanntes zurückgreift. Ich sehe das nicht als negativen Aspekt, aber ich denke, er kann auch etwas noch größeres erschaffen.

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