Archiv: Rezensionen zu Literatur und Film

Samstag, 24. Dezember 2016

Winterpause 2016/2017




Der angedrohte letzte Beitrag des Jahres pünktlich zu Heiligabend!

Obwohl die Zukunft von "Am Meer ist es wärmer" noch nicht entschieden ist, wird an dieser Stelle trotzdem die obligatorische Winterpause einberufen. Die ist inoffiziell zwar schon nach dem letzten Einwurf gestartet, wird aber nun noch einmal offiziell angekündigt. Rückblickend kann ich behaupten, zufrieden auf das Jahr als Blogger zurückzublicken. Das Archiv an außergewöhnlicher Literatur und Filmkunst wurde um etliche Einträge erweitert und ich hoffe daher sehr, dass die Leser, die sich hierher verirren, den ein oder anderen Titel für den launenhaften Winter finden werden.

Bevor es also weitere Neuigkeiten/Inhalte geben wird, wird es eine Winterpause geben, die erst einmal bis zum 15. Januar andauern wird (es besteht die Möglichkeit, dass wir auch früher oder gar wenige Tage später die Arbeit wieder aufnehmen werden, ich bitte daher um Verzeihung für die etwas ungenaue Angabe). Und nun packt endlich eure Geschenke aus!




"Am Meer ist es wärmer" wünscht allen Lesern, Verlagen und hoffentlich auch Neuankömmlingen während der Winterpause ein frohes Fest, einen erholsamen Jahresausklang und einen eleganten Start ins neue Jahr. Bis Bald!

Donnerstag, 15. Dezember 2016

Letzter Einwurf: 2016




Ich hoffe doch schwer, der Doppelpunkt im Titel dieses Posts wird bemerkt. Zwar handelt es sich hier ganz ohne Frage um den letzten Einwurf des Jahres, erstmals trägt der letzte Einwurf des Jahres aber auch das Jahr selbst als Titel. "2016" klingt schlicht, selbsterklärend und langweilig genug, um hieraus einen sentimentalen Jahresabschluss-Rückblick zu kreieren. Doch stattdessen will ich die verfügbaren Zeilen dazu nutzen, was ich in diesem Jahr selten getan habe. Über den Blog reden. Über belangloses Zeug philosophieren. Und tatsächlich wirds auch einen minimalen Jahresrückblick geben. Wie immer findet hier aktuelles Weltgeschehen und Politik keinen Platz. Man darf nicht vergessen, wir befinden uns hier auf einer einsamen Insel mitten im Nirgendwo. Auf dieser einsamen Insel gibt es lediglich eine Buchhandlung und ein Kino.

Das eher persönliche Ziel von 50 Beiträgen in 12 Monaten wurde dieses Jahr nicht erreicht. Wie ich aber schon erwähnte, der Blog soll nicht künstlich mit Beiträgen vollgestopft werden, die wenig Aussagekraft besitzen. Um den Blog in den sozialen Medien aktuell zu halten und auf sich aufmerksam zu machen sicherlich keine schlechte Idee, aber so etwas wird es hier auch weiterhin nicht geben. Wir können uns keine Beiträge erzwingen, in dem wir irgendeinen Unsinn verfassen oder irgendwelche Neuigkeiten kopieren. Die Philosophie von "Am Meer ist es wärmer", jeder neue Beitrag muss ein Unikat sein, die besteht auch hoffentlich weiter fort.

Adventskalender-Gewinnspiel 2016: Japp, ihr lest richtig. Gibts wieder nicht. Wieder kein Gewinnspiel in diesem Jahr. Wäre aber eine Idee für die Zukunft, so dass ich endlich meine Kurzgeschichten unter die Leute bringen kann. Von Türchen 1-24 nur Aufziehvogels Kurzgeschichten. Ein Traum für jeden Schmöker-Typ ganz gleich welchen Alters würde wahr werden.

Für jeden Leser, der nach dem Adventskalender-Gewinnspiel Abschnitt noch nicht den Post weggeklickt hat oder eingeschlafen ist, dem wird vermutlich aufgefallen sein, ich habe im Absatz über das "Eher persönliche Ziel" das Wort "Wir" benutzt. An dieser Stelle möchte ich mich nämlich noch einmal an meine Strand-Autorin Kirsten bedanken, die in diesem Jahr als Bloggerin zu mir gestoßen ist und mich unterstützt. Ich hoffe, die Gelegenheit zu haben, sie im nächsten Jahr der Leserschaft noch etwas näher vorstellen zu dürfen. Wieso die schwammige Aussage? Dazu am Ende mehr.


Bücher, die mir in diesem Jahr besonders gut gefallen haben:


Belletristik

Pierre Jarawan: Am Ende bleiben die Zedern

Natsume Soseki: Kokoro


Non-Fiction

Dierk Stuckenschmidt: Todai-Ji

Haruki Murakami: Von Beruf Schriftsteller


Die Enttäuschung wird hoffentlich nicht zu groß sein, wenn ich nun die Kategorie der Filme auslasse, die besonders in diesem Jahr eine eher kleinere Rolle in der Berichterstattung gespielt hat. Meine ausführliche Meinung zu den jeweils genannten Büchern findet ihr in den verlinkten Besprechungen.


Ich nähere mich allmählich dem Ende meines Einwurfs.
2016 plätscherte ein wenig dahin. Es veränderte sich lediglich die Jahreszahl, ansonsten war beinahe alles genau so wie im Jahr 2015. Der markante Unterschied für "Am Meer ist es wärmer": Der Blog feierte dieses Jahr sein fünfjähriges bestehen. Ein kleines Jubiläum, welches ich nie für möglich gehalten hätte, dieses einmal feiern zu können. Aus einer eher beiläufigen Idee, noch einmal einen Blog zu starten, noch einmal komplett bei 0 anzufangen, diesmal jedoch mit festen Themen und Struktur, aus dieser kleinen Veranda mit Gartenteich hat sich eine kleine Insel am Meer geformt, auf die ich sehr stolz bin. Allen voran möchte ich auch der Leserschaft noch einmal herzlichst danken, die diese kleine Insel mitten im Nirgendwo immer wieder besuchen. Der Dank geht natürlich auch an meine Bekanntschaften, die ich über Twitter geschlossen habe und ich häufiger bereits den ein oder anderen Geheimtipp zugespielt bekam. Vor fünf Jahren wusste ich trotz eines geplanten Konzepts noch nicht so wirklich, welche Wege dieser Blog einmal einschlagen wird. Der Stil war ungeschliffen, stümperhaft und einige Beiträge sind sehr gut da aufgehoben, wo sie sich gerade befinden; in den tiefsten Archiven dieses Google-Blogs. Ich habe mich unlängst von einem Bewertungssystem getrennt und so gut es mir möglich ist, korrigiere ich ältere Rezensionen und ergänze sie, damit diese Frühwerke nicht mehr ganz so stümperhaft wirken.

Ich versprach, dass es nicht sentimental wird und in diese Richtung soll der letzte Part meines Einwurfs auch nicht gehen. Aber es gibt dennoch ein Thema, worüber ich mir Gedanken mache und mir während der Blog-Pause weiterhin Gedanken machen werde. Anfang des Jahres habe ich es schon einmal angedeutet, nun möchte ich noch einmal etwas genauer drauf eingehen. Wird "Am Meer ist es wärmer" auch 2017 mit neuen Beiträgen versorgt werden? Und auf diese Frage kann ich noch keine genaue Antwort geben. Ich muss mir selbst die Frage stellen, ob ich mich nicht irgendwie abgenutzt habe. Haben die Beiträge noch genug Aussagekraft? Steckt in diesem Projekt noch genug Passion? Nun, da es sich hier um ein nicht kommerzielles Projekt handelt und es hier immer noch um mein Hobby geht, so möchte ich die ganze Geschichte nicht überdramatisieren. Letztendlich sind es sowieso die Bücher und Filme, die das Fortbestehen dieses Blogs bestimmen. Ob "Am Meer ist es wärmer" in ein 6. Jahr gehen wird, das werdet ihr Mitte Januar erfahren. Damit will ich selbstverständlich keine künstliche Spannung aufbauen. Ich kenne auf diese Frage noch keine Antwort und möchte mir in aller Ruhe darüber Gedanken machen.


Und damit endet der Einwurf mit dem Titel "2016". Das war doch ganz einfach. Die Worte sprudelten mir aus den Fingern wie ein frisches Pils aus dem Zapfhahn. Ich erhebe also mein virtuelles Glas und trinke auf Euch. Also nicht jetzt um kurz vor 8 zum Frühstück, aber heute Abend werde ich mich wohl zu einem Bier hinreißen lassen.


Noch seid ihr aber nicht komplett erlöst, ein letzter Beitrag, der das Jahr von "Am Meer ist es wärmer" abschließt, wird noch folgen.


Bis dahin gehabt Euch wohl,
Aufziehvogel



Am Meer ist es wärmer bedankt sich bei DuMont, Piper, der Verlagsgruppe Random House, dem Berlin Verlag und dem Hibarios Verlag.

Besondere Danksagung und Wertschätzung geht an: Klaus Lerch vom Hibarios Verlag, Ursula Gräfe und Ben L.

Mittwoch, 14. Dezember 2016

Rezension zum 100. Todestag von Natsume Sōseki: Kokoro







Japan 1914

Kokoro
Autor: Natsume Sōseki
Veröffentlichung (kommentierte und überarbeitete Übersetzung: 26.09.2016 bei Manesse
Übersetzung und ausführliches Nachwort: Oscar Benl
Genre: Klassische Literatur, Belletristik



"<<Oh, da sind Sie ja schon wieder?>>, begrüßte er mich lachend, als ich ins Empfangszimmer trat.
<<Ja, da bin ich wieder>>, erwiderte ich und lachte gleichfalls.
Hätte jemand anderer mich so empfangen, wäre ich wohl zornig geworden, doch da er mich fragte, geschah das genaue Gegenteil. Es stimmte mich fröhlich.
<<Ich bin ein einsamer Mensch>>, wiederholte er an diesem Abend. <<Ich bin einsam, aber fühlen nicht auch Sie sich gelegentlich einsam? Ich kann, weil ich schon alt bin, ganz still so dahinleben, aber Ihnen, der Sie noch jung sind, dürfte das nicht so leichtfallen. Je aktiver Sie sind, desto eher wächst ihr Wunsch nach noch mehr Tätigkeit, nach Kontakten, nach Zusammenstößen mit anderen!>>
<<Ich fühle mich nicht im Mindesten einsam!>>
<<Man ist nie so einsam wie in der Jugend. Ist es aber, wie Sie sagen, warum kommen Sie dann so oft zu mir?>> Und nach einer kurzen Pause fuhr er fort: <<Trotz Ihres Umgangs mit mir bleibt wohl noch immer ein Rest von Einsamkeit in Ihrem Herzen. Und weil ich nicht die Kraft habe, Sie davon zu befreien, werden Sie sich voll Sehnsucht bald anderen zuwenden müssen. Sie werden sehr bald nicht mehr bei mir erscheinen.>> Ein bitteres Lächeln lag um seinen Mund."
(Natsume Sōseki: Kokoro. Übersetzung: Oscar Benl, Manesse)



Wie könnte ich mein persönliches Jahr als Blogger für Literatur und Film zufriedenstellender abschließen als mit japanischer Literatur? Genau! Dies konnte nur noch gekrönt werden, wenn ich das Werk eines Autors lese, über den ich bereits einiges weiß, aber leider nie die Gelegenheit hatte, etwas aus seinem umfangreichen Portfolio zu lesen. Zum 100. Todestag von Natsume Sōseki (bürgerlich Natsume Kinnosuke: 09.02.1867 - 09.12.1916) legt der Manesse Verlag in seiner "Bibliothek der Weltliteratur" sein wohl bekanntestes Werk neu auf. "Kokoro" gilt in Japan als einer der meistgelesensten Romane der japanischen Moderne. Kokoro, ein Titel, der gleich mehrere Bedeutungen hat (eine wörtliche Übersetzung wäre "Herz", Natsume Sōseki wählte den Titel aber mit Bedacht und kann wesentlich melancholischer eingesetzt werden, wie zum Beispiel als "Das Herz der Dinge"), dokumentiert ein Japan im Wandel der Zeit von der Meiji-Ära zur Moderne. Entstanden ist ein ruhiges Werk, was aber in keiner Zeile zu langatmig oder bedrückend ist, dafür aber melancholisch und schlicht und dennoch ungeheuer sprachgewaltig ist. Seit einigen Jahren habe ich mir vorgenommen, etwas von Natsume Sōseki zu lesen. Ein Autor, der generationsübergreifend bis heute einen großen Einfluss auf japanische Schriftsteller ausübt. Akutagawa, Tanizaki und Murakami (Haruki), um einmal 3 großartige Generationen an japanischen Autoren zu nennen, gehören mitunter zu seinen Bewunderern.

Die Geschichte von Kokoro beginnt beinahe beiläufig. Der Leser lernt den namenlosen Ich-Erzähler der Geschichte kennen, ein Student, der in den Sommerferien einen Kommilitone in seiner Sommerpension besucht, der jedoch aus familiären Gründen abreisen muss. Unser Erzähler nimmt das Angebot seines Freundes jedoch an und bleibt alleine noch ein wenig in Kamakura. Dort am Strand, unter unzähligen Badegästen, macht der Erzähler eine Entdeckung, die auf ihn eine pure Faszination ausübt und nicht mehr los lässt. Ein älterer Herr in Gesellschaft eines Ausländers. Jener ältere Herr kommt auch einige Tage später, jedoch alleine, immer wieder zum Strand. Der Erzähler hat das unbändige Verlangen, diesen Mann anzusprechen, seine Aufmerksamkeit gewinnen, sich interessant zu machen um mit ihm ins Gespräch zu kommen. Durch eine glückliche Fügung gelingt es unserem Erzähler auch, die Aufmerksamkeit des älteren Herrn für sich zu gewinnen. Zwischen dem Erzähler und dem Mann, den der Erzähler dem Leser einfach unter "Sensei" vorstellt (und ihn auch privat immer so nennt), entwickelt sich eine etwas kuriose Freundschaft. Der Erzähler will das Rätsel um den alten Mann knacken. Wieso kommt der junge Mann nicht von dem geheimnisvollen, einsamen Mann und seiner Ehefrau los? Unser Erzähler hat so viele Fragen, erhält er aber umso weniger Antworten.

Natsume Sōseki brilliert darin, Tradition mit Moderne zu vereinen. Er porträtiert ein Japan, welches im Wandel der Zeit steckt, sich neu finden muss, aber auch durch die vielen westlichen Einflüsse auch in einer Identitätskrise steckt. Der zweite Weltkrieg ist noch viele Jahre entfernt und die Japaner sind mehr mit sich selbst als mit dem Weltgeschehen beschäftigt. Im Mittelpunkt stehen also keine politischen Machtkämpfe oder vom Krieg zerrüttelte Familientragödien, sondern zwei Männer, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten, sind in dieser Geschichte der zentrale Punkt. Der Leser wird mitten in die Geschichte hinein geworfen. Unser neugieriger Erzähler, der einem sogar häufig sehr aufdringlich erscheint, nimmt uns mit auf eine Reise. Diese Reise führt uns in das Seelenleben des alten Mannes, den wir nur unter der Anrede Sensei kennen. Die Anrede Sensei hat in Japan einen hohen Stellenwert und gilt meistens Doktoren, Professoren oder auch Künstlern. Der Erzähler rechtfertigt die Anrede, indem er dem Sensei sagt, er rede stets weitaus ältere Menschen respektvoll mit dieser Anrede an.
Ziel dieser Reise ist es, mehr über den geheimnisvollen Sensei zu erfahren. Die Unterhaltungen der beiden Protagonisten untereinander bestehen meistens nur aus wenigen Worten, doch Natsume Sōseki wählte jeden Dialog mit bedacht. In jedem Satz steckt unheimlich viel Aussagekraft und obwohl Kokoro niemals in ein Drama epochalen Ausmaßes umschlägt, so gelingt es dem Autor durch seine ganz eigenen Stilmittel, seine Leser regelrecht ans Buch zu binden. Natsume Sōseki ist von seinen Thematiken her ein Pionier und greift empfindliche Themen wie Einsamkeit und Isolation auf. Stilmittel, die besonders bei Autoren der Nachkriegszeit eine menge Anklang fanden.

Ursprünglich sollte diese Besprechung zum 100. Todestag von Natsume Sōseki am 9. Dezember Online gehen. Wie immer, wenn einem unvorhersehbare Ereignisse einen Strich durch die Rechnung machen, muss umgeplant werden. Der Manesse Verlag hat jedoch vorgesorgt und diese Neuauflage bereits am 26.09.2016 veröffentlicht. Für die ausgezeichnete Übersetzung von Kokoro ist wie bereits beim "Tagebuch eines alten Narren (Rezension)" von Jun'ichiro Tanizaki Oscar Benl verantwortlich. Die Übersetzung wurde neu durchgesehen und größtenteils an die neue Rechtschreibung angepasst (den Puristen zum Trotze eine gute Entscheidung). Zusätzlich gibt es noch ein Register an Fremdwörtern, die auf den letzten Seiten genauer erklärt werden. Auch ein ausführliches, sehr interessantes Nachwort von Oscar Benl wurde den Anhängen dieser Ausgabe hinzugefügt. Stilistisch passt sich das kleine gebundene Buch mit Schutzumschlag den Werken der "Bibliothek der Weltliteratur" an. Der Buchdeckel besteht aus Leinen und verwendet wird wie immer bei Manesse ein sehr hochwertiges Papier, was man sofort fühlt, sobald man die erste Seite aufschlägt.



Resümee

Mein längst überfälliger Ausflug in die literarische Welt von Natsume Sōseki endete für mich mit "Kokoro" nicht nur als eines meiner persönlichen Lieblingsbücher in diesem Jahr, ich hätte mir auch ehrlich gesagt kein passenderes Buch für die letzte Besprechung des Jahres 2016 hier auf "Am Meer ist es wärmer" vorstellen können.

Wie ein Maler hat Natsume Sōseki ein Porträt angefertigt, welches regelrecht den Zeitgeist einer Generation im Wandel eingefangen hat. Ohne Überheblichkeit oder literarischer Arroganz entfaltet sich Kokoro zu einer wunderschönen Blume, die bei genauerer Betrachtung seinen Beobachter aber nachdenklich, vielleicht sogar ein wenig einsam macht, ohne ihn jedoch in einen Sog der Traurigkeit zu stürzen. Ein Klassiker der japanischen Literatur, der leicht zu lesen ist, ohne aber plump oder zu simpel zu wirken. Genau so muss sich Belletristik lesen.

Donnerstag, 8. Dezember 2016

Der neue Murakami: Infos zum Japan-Release und surreale Kunst




Das Jahr neigt sich dem Ende, es gibt nicht mehr viel zu berichten (es folgt ehrlich gesagt nur noch eine einzige Rezension) und dennoch weigere ich mich, den Blog mit Füllmaterial zu bestücken. Die verbleibenden Posts möchte ich nicht verschwenden und mich sogar noch einmal Haruki Murakami widmen, dessen Essay-Sammlung "Von Beruf Schriftsteller" mir außerordentlich gut gefallen hat und mitunter zu den besten Büchern zählt, die ich in diesem Jahr gelesen habe. Anzumerken wäre dabei, es handelt sich hier um ein Non-Fiction Werk des Japaners. Murakamis letzter großer Roman ("Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki") liegt tatsächlich schon über 3 Jahre zurück. Wie immer hält sich der Autor mit Infos zu seinem neuen Roman stark bedeckt. Die Unberechenbarkeit besteht jedoch darin, dass Murakamis neue Veröffentlichungen nur selten angekündigt werden. Auch was eine ausführlichere Inhaltsangabe angeht bleibt das Mysterium aufrecht erhalten, bis der Titel letztendlich im Buchhandel erscheint. Genau dazu hat Murakamis Verlag nun aber überraschend Klarschiff gemacht: Der neue Roman wird im Februar 2017 im japanischen Buchhandel erscheinen. Ein genaueres Datum gibt es noch nicht und wird vermutlich erst 1-2 Tage vorher bekanntgegeben, bevor der Roman dann auch erscheint. Murakami selbst äußerte sich kürzlich zu seinem neusten Werk, als er im Rahmen des "Hans Christian Andersen Awards 2016" in Dänemark (Odense) zu Gast war und gemeinsam mit seiner dänischen Überstzerin Mette Holm an einer Diskussionsrunde teilnahm. Mehr als ein kurzes Statement konnte man ihm jedoch nicht entlocken. Murakami bestätigte jedoch, seine neue Geschichte wird erstmals nach einer langen Zeit wieder einen Ich-Erzähler haben (ein Merkmal der japanischen Literatur). Desweiteren beschreibt er, bei seinem neuen Buch würde es sich um eine >>sehr seltsame Geschichte<< handeln. Also eigentlich alles wie immer, oder? Gerüchten zufolge soll sein neustes Werk teilweise in Wien spielen. Je nachdem, wie lang der Roman sein wird, besteht natürlich auch die Möglichkeit, dass das Werk vielleicht noch 2017 in Deutschland erscheinen wird.

Um den Beitrag abzuschließen möchte ich noch etwas für die Augen bereitstellen. Obwohl es sich hier um Material handelt, was 2011 das Licht des Internets erblickt hat, ist der Bekanntheitsgrad dieser Artworks nicht all zu hoch. Besten Dank an "Am Meer ist es wärmer" Leser >>Mangrove<<, der mir den Tipp gegeben hat.

Bei den Artworks handelte es sich um eine Promo-Aktion für 1Q84. Der Künstler Micah Lidberg fertigte dabei fünf Zeichnungen an, die auf Romanen und Anthologien von Haruki Murakami basieren. Surreale Literatur trifft dabei auf surreale Kunst. Damit möchte ich den Autor auch in seine verdiente Winterruhe schicken, einige Leser wissen es vermutlich, das große Werk des Japaners gehört zu diesem Blog wie das Salzwasser zu den Meeren unserer Welt.


(Der Elefant verschwindet. Copryright: Micah Lidberg)


(Wilde Schafsjagd. Copryright: Micah Lidberg)


(1Q84. Copyright: Micah Lidberg)


(Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt. Copyright: Micah Lidberg)


(After Dark. Copyright: Micah Lidberg)


Quelle: Nowness

Sonntag, 27. November 2016

Tag 7 Review: Kingsglaive: Final Fantasy XV



Trailer

Aufgrund der strikten Copyright-Richtlinien auf YouTube und Co. sowie der Kurzlebigkeit der Videos wird es auf "Am Meer ist es wärmer" fortan keine Trailer mehr zu den jeweils besprochenen Filmen geben. Danke für euer Verständnis.



Japan 2016

Kingsglaive: Final Fantasy XV
Regie: Takeshi Nozue
Drehbuch: Takashi Hasegawa
Englische Stimmen: Aaron Paul, Sean Bean, Lena Headey, David Gent, Darin DePaul
Laufzeit: Circa 110 Minuten
Genre: Fantasy, Action, Animationsfilm
Verleih: Sony Pictures
Premiere: 9 Juli 2016
FSK: Ab 12



In genau zwei Tagen endet für viele Fans des Final Fantasy Franchise eine Odyssee, die nun beinahe 10 Jahre andauert. Eine rund 10 jährigen Reise, in der das geplante Final Fantasy XIII Spin-Off "Versus" im laufe der Jahre zum neuen, nummerierten Final Fantasy wurde. Und was eignet sich da so kurz vor der [offiziellen] Veröffentlichung des Videospiels besser, als das filmische Tie-in, welches im Juli dieses Jahres seine Premiere in Japan feierte. Kingsglaive: Final Fantasy XV dient nicht nur als Prequel, sondern auch als Interquel zum kommendem Videospiel. Die Macher waren dabei jedoch sehr ambitioniert, versprachen sie, Kingsglaive können auch die Leute genießen, die weder was mit den Videospielen am Hut haben, noch vor haben, Final Fantasy XV zu spielen.
Auf dem Papier mag das nicht falsch sein, ein Vorwissen über die Welt von Final Fantasy XV als aber auch das offene Ende des Filmes wird es den Zuschauern schwerer machen, durch die Bedeutung dieses Multimedia-Projekts durchzusteigen.

Von den professionellen Kritikern fast ausnahmslos in den Boden gestampft, hat es Kingsglaive aber durchaus geschafft, sich bei Fans aus verschiedensten Bereichen einen Namen zu machen. Alleine die beinahe realitätsnahen CGI-Animationen brachten dem Film eine menge Lob ein. Doch wieso ging Kingsglaive ausgerechnet bei der Filmkritik baden? Funktioniert Kingsglaive nicht als eigenständiger Film? Nun, dies könnte mehrere Gründe haben, einer davon hat seinen Ursprung sogar relativ weit in der Vergangenheit. Vor über 16 Jahren hatte Hironobu Sakaguchi, Schöpfer des Final Fantasy Franchise, die Vision, Filme, komplett generiert aus CGI, können irgendwann einmal mit echten Spielfilmen aus Hollywood mithalten. Sakaguchis kostspielige Vision war als Trilogie geplant (aus offensichtlichen Gründen blieb es aber bei nur einem einzigen Film) und zusammen mit dem neu gegründeten Square Pictures Studio ging er das große Wagnis ein, den Name "Final Fantasy" für sein ambitioniertes Projekt zu benutzen. An den Kinokassen ging Sakaguchis "Final Fantasy: The Spirits Withing (Die Mächte in dir)" unter wie ein Segelboot in einem Taifun. Die wenigen Bezüge zum Final Fantasy Franchise machten die Kritiker und Kinogänger stutzig und man warf Sakaguchi vor, den mächtigen Namen für sein egoistisches Filmprojekt benutzt zu haben. Trotz für damalige Verhältnisse realitätsnahe Animationen (die sich auch heute noch sehen lassen können), bot sein Film eine eher wirre, beinahe schon belanglose Geschichte, die nur wenig Anklang fand. Die Moral von Sakaguchis Ausflug in die Filmwelt: Square Pictures ging Bankrott, Squaresoft, die kurz davor waren, sich mit dem einstigen Rivalen Enix zu fusionieren, drohte ebenfalls ein finanzielles Desaster und für Sakaguchi bedeutete es das Aus in der Firma, der er so viele Jahre die Treue hielt. Bei den strengen japanischen Hierarchien in der Arbeitswelt ist jedoch kein Platz für Romantiker. Über die Jahre hinweg fand "The Spirits Within" jedoch seine Anhängerschaft und man konnte bereits vor etlichen Jahren die Produktionskosten wieder einspielen. Rückblickend kann man also sagen, der Misserfolg von damals könnte dafür gesorgt haben, dass bei der internationalen Presse ein neuer Film aus dem Final Fantasy Universum grundsätzlich einen schweren Stand hat. Über die letzten Jahre hinweg sind Fans neue Final Fantasy Produkte eher skeptisch angegangen. Jeder neue Ableger muss sich daher erneut den hohen Erwartungen und den überkritischen Stimmen stellen, ist kein Selbstläufer mehr wie es vor rund 10 Jahren noch der Fall war, wo das Franchise das Maß aller Dinge in der Videospielwelt für viele Videospieler darstellte.

Nach der durchaus soliden, filmischen Final Fantasy VII Fortsetzung aus dem Jahr 2005, nämlich "Advent Children", sollte es über 10 Jahre dauern, bis Square Enix einen weiteren, komplett aus CGI kreierten Spielfilm in die Kinos bringt. Dabei sollte noch angemerkt werden, hierbei handelte es sich nur um eine streng limitierte Kinoauswertung. Um sich modernen Standards anzupassen, wählte Square Enix für die breite Masse noch vor der Blu-ray und DVD Auswertung eine Veröffentlichung auf "On Demand" Plattformen, Online.


(Crowe Altius auf geheimer Mission ins Königreich Tenebrae)


Bei Kingsglaive kann sich aber der Fan wie auch der Filmfan ohne erweitertes Wissen über das Franchise, zurücklehnen. Von der ersten Minute an ist Kingsglaive da und unterhält rund 2 Stunden äußerst kurzweilig. Der Spagat, dem Franchise treu zu bleiben mit kleinen Fanservice-Einlagen und kompletter Eigenständigkeit, einen actionreichen Spielfilm mit grandiosen Effekten abzuliefern, ist durchaus gelungen. Die Geschichte rund um eine Spezialeinheit, die auf direkten Befehlen des Königs (Sean Bean) handelt und von dessen Magie profitiert weist sogar einiges an Aktualität zum Weltgeschehen auf. Die politischen Aspekte des Films nehmen dabei aber nie Überhand. Der einstige Leitspruch des Final Fantasy XV Projekt "A Fantasy based on Reality" ist auch bei Kingsglaive noch absolut zutreffend. Zudem hat man mit Protagonist Nyx Ulric (Aaron Paul) noch eine charmante Alternative zum sich aufdrängenden Bilderbuch-Helden ins Rennen gebracht. Die teils tragischen Ereignisse in Kingsglaive sind, und da macht der Film keinen Hehl draus, darauf ausgelegt, als Vorlage für das kommende Videospiel zu dienen. Charakterentwicklungen zu manchen Figuren kommen dementsprechend etwas kurz, könnten ein wenig weiter ausgearbeitet sein für die Leute, die nicht vorhaben, das kommende Videospiel zu spielen. Kingsglaive jedoch als eine rund 2 stündige Actionszene zu bezeichnen ist aber grundsätzlich falsch. Neben den sehr actionreichen Passagen gibt es im Film genügend Verschnaufpausen, um die Zuschauer etwas zur Ruhe kommen zu lassen. Der eigentliche Twist des Films, nämlich, welcher Charakter sich unter der dicken, gepanzerten Rüstung (ein Markenzeichen des Franchise so wie der maskierte Bösewicht aus dem Gundam Franchise) von Antagonist Glauca befindet, hätte ein wenig spektakulärer ausfallen können und bringt leider auch einige Logiklöcher bzw. fehlende Erklärungen mit sich.

Für den stimmigen Soundtrack war John R. Graham verantwortlich. Zusätzlich wählte man noch ein paar ausgewählte Stücke aus dem Videospiel, die von der großartigen Yoko Shimomura komponiert wurden. Darunter auch das wunderschöne, mittlerweile 10 Jahre alte Stück "Somnus Nemoris", was bei der Ankündigung der ursprünglichen Version von Final Fantasy XV im Jahr 2006 benutzt wurde.
Noch eine interessante Info am Rande: Für Kingsglaive wurden zahlreiche verworfene Konzepte benutzt, die in das ursprünglich angekündigte Videospiel "Versus XIII" ihren Weg finden sollten. Veteranen, die schon lange dabei sind was die Entwicklung von Final Fantasy XV angeht, werden vielleicht einige bekannte Szenen aus alten Trailern in Kingsglaive wiederfinden. Selbstverständlich handelt es sich hier nicht um Recycling, die besagten Szenen wurden alle komplett neu konzipiert und animiert.
Neben einer guten deutschen Vertonung (die japanische Tonspur hat es leider weder in die digitale Version, noch in die fürs Heimkino produziertem Versionen geschafft), hat man sich für die englische Adaption (auf der, soweit ich recht informiert bin, auch die Bewegungen der Lippen im Film abgestimmt sind) etwas besonderes einfallen lassen. So engagierte man bekannte Größen wie Sean Bean (König Regis) und Lena Heady (Lunafreya), gemeinsam zu sehen in der ersten Staffel von Game of Thrones, als auch Aaron Paul (Nyx Ulric), den meisten wohl noch bekannt aus Breaking Bad. Die prominenten Sprecher, auch wenn Lena Heady vielleicht ein wenig zu alt für ihren Charakter Lunafreya klingt, liefern hier einen Klasse Job ab. Im Videospiel werden sie jedoch nicht zu hören sein. Auch die gesamten Designs im Film wurden an westliche Darsteller angepasst und unterscheiden sich teilweise sogar von denen aus dem Videospiel, besonders deutlich ist dies bei Prinzessin Lunafreya zu sehen. Insgesamt eine leichte Inkonsistenz bei den Designs, allerdings war dies wohl unvermeidbar weil man hier nicht auf asiatische Darsteller für das Motion Capture gesetzt hat.



(Ardyn Izunia wird auch im Videospiel den Protagonisten der Geschichte das Leben schwer machen)




Fazit

Kingsglaive: Final Fantasy XV bietet furiose, kurzweilige Unterhaltung mit großartigen Effekten. Von den 3 abendfüllenden Final Fantasy Spielfilmen hat Kingsglaive sich souverän bei meinem persönlichem Ranking als Nummer 1 durchgesetzt. Kleinere Schwächen was den Tiefgang der Geschichte und einiger Charaktere angeht, kann der Film überraschend gut kompensieren und ausgleichen. Ob Kingsglaive letztendlich dann was für Leute ist, die mit dem Franchise rund um Final Fantasy wenig oder gar nichts zu tun haben, kann hier nicht beantwortet werden und muss persönlich beurteilt werden. In Sachen ordentlicher Videospieladaption als aber auch beeindruckender CGI-Technik kann man den Film durchaus als Referenz nennen. Kingsglaive ist also nicht nur ein Warm-Up für das kommende Videospiel, sondern funktioniert durchaus als eigenständiges Werk.

Sonntag, 13. November 2016

Rezension: Das Buch vom Meer (Morten A. Strøksnes)







Norwegen 2015
Das Buch vom Meer
Alternativ: Das Buch vom Meer oder wie zwei Freunde in einem Schlauchboot ausziehen, um im Nordmeer einen Eishai zu fangen, und dafür ein ganzes Jahr brauchen
Originaltitel: Havboka – eller Kunsten å fange en kjempehai fra en gummibåt på et stort hav gjennom fire årstider
Autor: Morten A. Strøksnes
Veröffentlichung: 29.08.2016 bei DVA
Übersetzung: Ina Kronenberger, Sylvia Kall
Genre: -



"Seeleute an Land wirken häufig wie rastlose Gäste. Selbst wenn sie nie wieder zur See fahren werden, erwecken sie in Gesprächen und in ihrem Verhalten den Anschein, als wären sie nur kurz zu Besuch. Die Sehnsucht nach dem Meer werden sie nie ganz los. Das Meer, das nach ihnen ruft, muss sich jedoch mit ausweichenden Antworten begnügen.
Einen solchen geheimnisvollen Drang muss auch mein Ururgroßvater verspürt haben, als er das schwedische Binnenland verließ und durch Täler und über Berge nach Westen wanderte. Wie ein Lachs folgte er den großen Flüssen, zuerst gegen den Strom, dann mit ihm, bis er das Meer erreichte. Als Grund für die Wanderung soll er angegeben haben, er müsse unbedingt das Meer mit eigenen Augen sehen. Er hatte aber ganz sicher nicht die Absicht, jemals wieder dorthin zurückzukehren, von wo er gekommen war. Vielleicht ertrug er den Gedanken nicht, für den Rest seines Lebens mit gebeugtem Haupt über die kargen Äcker einer schwedischen Berglandschaft zu laufen. Er muss ein Mensch gewesen sein, der sich von Stimmungen leiten ließ, ein Träumer mit kräftigen Beinen, denn er schaffte es bis zur norwegischen Küste. Hier gründete er eine Familie und heuerte später auf einem Frachtschiff an. Irgendwo im Pazifik ging sein Schiff dann unter, und alle an Bord ertranken, ganz so, als wäre der Mensch vom Meeresgrund gekommen und müsste auch wieder dahin zurück. Als gehörte er eigentlich dorthin und hätte es die ganze Zeit über gewusst. So stelle ich es mir jedenfalls vor."
("Das Buch vom Meer", Morten A. Strøksnes. Übersetzung Ina Kronenberger und Sylvia Kall für DVA)



Der Blog vom Meer bekommt nun Unterstützung durch "Das Buch vom Meer". Morten A. Strøksnes Geschichte über 2 Freunde, die das Meer lieben und einen Eishai (besser bekannt als Grönlandhai) fangen wollen, hat sich zu einem kleinen Geheimtipp avanciert. Strøksnes ist in seiner Heimat natürlich kein unbekanntes Lichtchen. Als Journalist und Autor sind seine Aktivitäten relativ umfangreich. In Norwegen schätzt man Strøksnes Schreibkunst besonders im Segment der Sachbücher. Bei seinem neunten Buch, nämlich dem hier besprochenem "Buch vom Meer", hat der Autor sich dazu entschieden, das Sachbuch mit der Belletristik zu verbinden. Auf dem Papier ist der Roman Fiktion, verziert ist dieser aber mit Passagen, die genau so gut in eines seiner Sachbücher passen könnte. Zwischen Fiktion, etwas Naturwissenschaften und Wortwitz ist dem Norweger ein interessanter wie kurzweiliger Genremix gelungen. Leser, die ein gewaltiges Abenteuer im Stile von Moby Dick erwarten, könnten jedoch enttäuscht werden.

"Das Buch vom Meer" benötigt nicht lange, um direkt zum Punkt zu kommen. Strøksnes hält sich nicht lange mit Vorbereitungen auf und führt besonders die Charaktere zügig ein. Da hätten wir einmal den Ich-Erzähler, der den Leser durch die Geschichte geleitet (und ihm einen Platz auf dem Boot reserviert), gleichzeitig aber auch als Naturwissenschaftler agiert und die ganze Geschichte wie eine Dokumentation, aber auch einen Reisebericht beschreibt. Als zweiten Protagonist haben wir den langjährigen Kumpel des Erzählers, Hugo Aasjord. Der Erzähler nimmt sich keine Zeit uns Hugo bei der Begrüßung näher vorzustellen. Stattdessen webt er Hugos Hintergrundgeschichte (inklusive seiner Beschreibung) intelligent in separate Erzählungen beinahe beiläufig ein. Hugo ist ein etwas kauziger Zeitgenosse der am Meer aufgewachsen ist und regelrecht vernarrt und verliebt in seine Boote ist (und so ziemlich alles, was mit der See zu tun hat). Die Geschichte dieser beiden Herren beginnt an einem milden Sommertag. Die Vorbereitungen sind so gut wie getroffen, das teure Schlauchboot ist aufgepumpt und beide Männer wollen ihren Traum erfüllen, den sie lange im voraus geplant haben: Sie wollen einen Eishai fangen. Was beinahe schon simpel klingt, entpuppt sich für die beiden als eine langwierige Odyssee.

Wie ich schon beschrieben habe ist "Das Buch vom Meer" kein furioser Abenteuerroman. Stattdessen fährt Morten A. Strøksnes hier etwas ruhigere Gewässer an. Was aber nicht heißt, der Roman ist langweilig oder schwer zu lesen. Man muss ein wenig eigenen Enthusiasmus mitbringen, wenn man das Buch liest, sich besonders für die vielen dokumentarischen Anmerkungen des Erzählers interessieren, sich darin hineinversetzen können. Im laufe der Geschichte gibt es sicherlich immer mal wieder weniger interessante oder gar langwierige Abschnitte, die werden aber häufig durch wunderbar eingesetzten trockenen Humor kompensiert. Eines der Grundthemen des Buches ist die Sehnsucht und die Faszination des Meeres. Genau diese Mischung macht "Das Buch vom Meer" zu einem würdigen Vertreter, auf meinem Blog präsentiert und besprochen zu werden. Denn genau das ist die außergewöhnliche, exotische Literatur, nach der ich suche. So gesehen teile ich hier eine Leidenschaft mit den Protagonisten, auch wenn es wohl nun leicht an der Absurdität grenzen würde, wenn ich ein Buch mit einem Eishai vergleichen würde..... oder etwa.....


Resümee

"Der Weg ist das Ziel". Ein moosbewachsener Spruch, der zu diesem Roman aber großartig passt. Bei all den wundervollen Beschreibungen rund um die Natur und der See, da gerät das eigentliche Ziel dieser zwei relativ ungleichen Freunde schon einmal aus den Augen. Und dies gilt nicht als Kritik gemeint, die Beschreibungen, ganz besonders die Erklärungen, machen den Reiz dieser Geschichte aus.

Auf den letzten Seiten des Buches findet sich noch ein ausführliches Register, bei dem man Begriffe und Ereignisse nachschlagen kann. Auf dem Meer mag man sich als Laie verloren und hilflos vorkommen, in diesem ruhigen Abenteuer aus Norwegen haben wir mit Morten A. Strøksnes jedoch einen ausgezeichneten Reiseführer. "Das Buch vom Meer" ist Lesestoff für die kalte Jahreszeit. Und wenn einem das norwegische Klima doch einmal etwas zu nasskalt ist, hilft bestimmt ein warmer Glühwein aus.


(Steigen, Engeløya: Mehr Infos auf Norwegen Service)

Sonntag, 30. Oktober 2016

Rezension: Von Beruf Schriftsteller (Haruki Murakami)






Die Murakami Rezensionen 9

Japan 2015
Von Beruf Schriftsteller
Originaltitel: Shokugyo toshite no shosetsuka
Autor: Haruki Murakami
Veröffentlichung: 18.10.2016 bei DuMont
Übersetzung: Ursula Gräfe
Genre: Essays, Non-Fiction



"Der erste Pitcher der Hiroshima Carps war Satoshi Takahashi, glaube ich. Für Yakult spielte Yasuda. Als Takahashi in der zweiten Hälfte des Innings eröffnete, schlug Hilton den Ball sauber nach links und erzielte einen Two-Base-Hit. Der schöne, satte Ton, mit dem der Ball auf den Schläger traf, hallte im ganzen Stadion wider. Es erönte vereinzelter Applaus. Und just in diesem Moment kam mir völlig zusammenhanglos der Gedanke: >>Das ist es! Ich werde einen Roman schreiben.<<
In erinnere mich noch ganz genau an diesen Augenblick. Ich hatte das Gefühl, etwas wäre langsam vom Himmel gesegelt und ich hätte es mit den Händen aufgefangen. Warum es zufällig in meinen Händen landete, weiß ich nicht. Ich weiß es bis heute nicht. Doch was auch immer der Grund sein mag, es ist geschehen. Es war - wie soll ich sagen - wie eine Offenbarung. Am besten passt wahrscheinlich der Ausdruck >>Epiphanie<<. An jenem Nachmittag geriet plötzlich etwas in mein Blickfeld, das meine Perspektive völlig veränderte. In dem Moment, als Dave Hilton im Jingu Stadion den schönen Two-Base-Hit erzielte, wurde mein Leben ein anderes."
(Aus dem Essay "Wie ich Schriftsteller wurde" von Haruki Murakami, Übersetzung: Ursula Gräfe, DuMont Verlag)



Den Murakami-Oktober möchte ich mit einer in Deutschland brandneuen Veröffentlichung abschließen. DuMont hat Haruki Murakamis Essay-Sammlung "Von Beruf Schriftsteller" ein knappes Jahr nach der japanischen Veröffentlichung nach Deutschland gebracht. Und obwohl wir uns auf den nächsten großen Roman von Murakami wohl noch lange gedulden müssen, so ist das Non-Fiction Werk für jeden Fan des Autors (und vielleicht auch darüber hinaus?) ein mehr als gelungenes "Trostpflaster". Alles, was man in Murakamis Kurzgeschichten und Romanen findet, ist auch in dieser umfangreichen Essay-Sammlung vorhanden. Der DuMont Verlag geht die Vermarktung des Buches genau richtig an und bewirbt den Titel nicht als Autobiografie. Obwohl wir so viel über den eher scheuen und zurückgezogenen Autor erfahren wie nie, ist die Person >>Haruki Murakami<< nicht der Mittelpunkt dieser Essay-Sammlung. Gleiches gilt übrigens auch für seine Memoiren "Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede".

"Von Beruf Schriftsteller" ist aufgeteilt in insgesamt 11 Essays inklusive eines Nachworts. Für mein obligatorisches Eröffnungszitat habe ich bewusst diesen Absatz aus dem zweiten Essay "Wie ich Schriftsteller wurde" gewählt. Dieses Essay gehört mit zu den persönlichsten Abschnitten in dem Buch. Wenn es etwas gibt, was man beim recherchieren über Murakami immer wieder liest, so ist es der Moment, was den Japaner dazu inspirierte, Romanautor zu werden. Man liest immer wieder etwas "Von einem beeindruckendem Schlag während eines Baseballspiels". In dieser Essay-Sammlung erfahren wir von Murakami persönlich, wie sich dieser beinahe schon abstrakte Moment zugetragen hat. Anhand von seinen surrealen und bizarren Geschichten wissen wir bereits, bei Murakami hat man es nicht unbedingt mit einem gewöhnlichem Autor zu tun. Mit großer Freude blickt Haruki Murakami auf dieses Ereignis aus dem Jahr 1978 zurück. Murakami verfasste anschließend den kurzen Roman "Wenn der Wind singt". Jedoch sollte es eine lange Zeit dauern, bis der Autor seinen einzigartigen Stil gefunden hat. Viele Jahrzehnte verwehrte es Murakami, seine beiden Frühwerke "Wenn der Wind singt" und "Pinball 1973" international neu auflegen zu lassen. Irgendwann konnte er vermutlich das Flehen seiner Leser nicht mehr ertragen und gab grünes Licht dafür, diese beiden Werke komplett neu auflegen zu lassen. Die Romane sind, ebenfalls über DuMont, als Sammelband vereint mit beiden kurzen Romanen, im vergangenem Jahr in Deutschland erschienen.

Beim lesen der Essays habe ich mich dabei ertappt, wie ich in die Gedankenwelt Murakamis eingetaucht bin und das Buch gar nicht mehr für ein Non-Fiction Werk hielt, sondern für eine neue Sammlung von Murakamis Kurzgeschichten. Dabei sind die Essays nicht abenteuerlich geschrieben. Dafür aber sehr unterhaltsam, mit Wortwitz und dem typischen Murakami-Stil. Doch er findet, besonders im ersten Essay "Schriftsteller - ein toleranter Menschenschlag?" auch kritische Worte. Kritische Worte gegenüber der Schriftstellergilde, aber auch kritische Worte den Kritikern gegenüber. Dabei verfällt Murakami aber nie in eine Selbstverliebtheit gegenüber sich selbst, genau so wenig auch nicht in übertriebene Demut. Murakami weiß, was er kann (und auch nicht kann), beschreibt dies aber mit einer sympathischen Bescheidenheit, einer Bodenständigkeit. Seine Texte wirken wieder einmal motivierend. Ganz besonders Anfänger, die sich selbst ans Schreiben wagen, dürften hier inspiriert werden.

Haruki Murakami erweist sich auch hier wieder einmal als wichtiger Autor für eine noch junge Generation. Besonders die Altersklasse zwischen 20-30 Jahren, die ihren Lebensweg noch nicht so richtig gefunden hat, dürften in den Essays etliche tröstende Worte finden. Der Autor mahnt dennoch dazu, selbst wenn man durch glückliche Zufälle seinen Lebensweg gefunden hat, man hart arbeiten muss, um im Geschäft zu bleiben, oder, wie er es in einer Metapher ausdrückt, die Karriere mit einem Battle Royal beim Wrestling vergleicht. Egal ob Schriftsteller, Maler oder Handwerker, am Ende kommt es drauf an, nach wie vielen Runden man noch im Ring stehen wird.

In zahlreichen weiteren Essays schreibt Murakami über alltägliche Dinge, die allesamt mit dem Thema "Von Beruf Schriftsteller" zu tun haben. Ein weiteres interessantes Essay folgt direkt an Nummer 3: "Über Literaturpreise".

Die deutschsprachige Ausgabe ist wie gewohnt beim DuMont Verlag erschienen. Und wie gewohnt war die routinierte Japanologin Ursula Gräfe für die Übersetzung (selbstverständlich eine Übersetzung direkt aus der japanischen Sprache, eine englische Ausgabe existiert meines Wissens sowieso noch nicht) verantwortlich. In einem kurzen Austausch auf Facebook mit ihr konnte ich erhaschen, dass die Übersetzung diesmal ein relativ harter Brocken war. Von den Strapazen bekommen wir als Leser nicht viel mit, denn wie immer liest sich die Übersetzung flüssig und absolut hervorragend.

"Die Spezies Schriftsteller (zumindest die meisten von ihnen) gehört unbedingt zum Typ des weniger klugen Mannes. Sie können nicht begreifen, was der Fuji ist, solange sie ihn nicht wirklich auf ihren eigenen Beinen bestiegen haben. Es liegt womöglich sogar in der Natur des Schriftstellers, dass er den Berg, selbst wenn er ihn mehrmals besteigt, noch immer nicht versteht oder sogar umso weniger, je öfter er ihn besteigt. Hier hätten wir dann einen Fall von >>Sub-Effektivität<<.  Einem scharfsinnigen Menschen würde so etwas nie passieren." (Aus dem Essay: "Schriftsteller - ein toleranter Menschenschlag?" von Haruki Murakami. Übersetzung: Ursula Gräfe, DuMont Verlag)


Resümee

Für Leser/Fans von Haruki Murakami ist "Von Beruf Schriftsteller" Pflichtprogramm. Doch an diesem Werk könnten auch noch ganz andere Leute ihre Freude haben. Leute, die als Hobby gerne Texte verfassen, werden in dieser Essay-Sammlung etliche interessante Anekdoten finden. Aber auch außerhalb der Schriftstellerei gibt es in diesem Band genug zu entdecken, um sich in Murakamis Gedankenwelt zu verlieren.

Die Sammlung ist kein trockenes oder staubiges Sachbuch, kein Ratgeber und auch keine Autobiografie. "Von Beruf Schriftsteller" ist 100% Haruki Murakami. Mehr gibts da auch gar nicht zu schreiben, denn manchmal sind die Dinge einfach selbsterklärend.


Freitag, 28. Oktober 2016

Kurzgeschichten-Intermezzo: Glühwürmchen (Haruki Murakami)







Die Murakami Rezensionen 8

Japan 1984
Glühwürmchen
Originaltitel: Hotaru
Autor: Haruki Murakami
Anthologie: Blinde Weide, schlafende Frau
Verlag: DuMont (Hardcover), btb (Taschenbuch)
Übersetzung: Ursula Gräfe
Genre: Drama, Slice of Life


"Vielleicht leuchteten Glühwürmchen nur in meiner verklärenden Erinnerung so hell. Oder es war in meiner Kindheit draußen dunkler gewesen. Ich wusste es nicht mehr; ich wusste nicht einmal mehr, wann ich zum letzten mal ein Glühwürmchen gesehen hatte.
Woran ich mich erinnern konnte, war das Rauschen von Wasser in der Nacht - an eine alte Backsteinschleuse, die mit einer Kurbel geöffnet und geschlossen wurde, und an einen von Pflanzen überwachsenen Bach. Ringsum war es stockdunkel, und über der Schleuse flogen Hunderte von Glühwürmchen. Eine Masse aus gelbem Licht loderte über dem Wasser, als stünde es in Flammen. Wann war das nur gewesen? Und wo?"
(Haruki Murakami, Glühwürmchen. Übersetzung: Ursula Gräfe)


Eingefleischte oder gar mittlerweile eingerostete Leser von "Am Meer ist es wärmer" können sich vielleicht noch dumpf an die Kategorie "Kurzgeschichte des Monats" erinnern. Die Rubrik wurde nicht nur schmerzlich vernachlässigt, sie ist quasi nicht mehr existent. Überraschend schaute ich auf den einzigen Eintrag aus dem Jahr 2014 der Kurt Vonnegut's großartiger Erzählung Harrison Bergeron (Link zur Besprechung) gewidmet war. Obwohl ich die kurze Geschichte verehre, ist die Auswahl an guten Geschichten viel zu enorm, um sich monatlich für eine entscheiden zu können. Dementsprechend möchte ich die Rubrik zum "Kurzgeschichten-Intermezzo" umtaufen, um nach und nach herausragende Kurzgeschichten, ohne zeitliche Begrenzung, entspannt präsentieren zu können.

Wenn man über Kurzgeschichten berichtet, darf man selbstverständlich nicht Haruki Murakami übergehen. Da ich den Oktober aus diversen Gründen immer mit Murakami in Verbindung bringe und die herbstliche Stimmung perfekt zu seinen Geschichten passt, da war es nicht schwer, Murakami für die wiedergeborene Rubrik auszuwählen. Die Frage war nur, welche Geschichte sollte ich wählen? Viele von Murakamis Kurzgeschichten brauchen sich nicht vor seinen großen Romane verstecken. Jede Geschichte ist ein Kleinod. Meine Wahl fiel als erstes auf "Tony Takitani", eine für Murakami typisch melancholische Kurzgeschichte von genau der passenden Länge. In der wundervollen Anthologie "Blinde Weide, schlafende Frau" könnte man aber quasi jede Kurzgeschichte wählen. Als ich dann aber bei der Geschichte "Glühwürmchen" angelangte, sie las und mir darüber Gedanken machte, da habe ich mir meine Auswahl noch einmal anders überlegt. Aber wieso? Nun, der Geschichte haftet etwas besonderes an sich, etwas, was Murakami ein paar Jahre nach der Veröffentlichung dieser Kurzgeschichte in seinem Heimatland zu einem der gefragtesten Schriftsteller machte.

"Glühwürmchen" spielt ende der 60er Jahre. Protagonist ist ein namenloser Ich-Erzähler. Ein Student, der über seine Zeit in einem etwas skurrilen Studentenwohnheim berichtet. Etwas trübe berichtet der Erzähler über alltägliche Dinge, seinen Tagesablauf und einem spleenigen Mitbewohner.
Eines Tages trifft unser Erzähler er eine alte Freundin wieder, beide haben sich lange nicht gesehen und er verrät dem Leser, wie sehr sie sich optisch verändert hat, jedoch noch hübscher geworden ist. Das Mädchen ist die ehemalige Partnerin des besten Freundes des Erzählers. Jener bester Freund, der vor einiger Zeit ohne einen Abschiedsbrief zu hinterlassen, den Freitod gewählt hat. Der Erzähler und das Mädchen haben sich nicht viel zu sagen. Sie schlendern planlos die Straßen entlang ohne ein Ziel vor Augen zu haben. Beide spüren sie jedoch eine Lücke in ihrem Leben, verfolgt von der Vergangenheit fühlen sie sich dennoch irgendwie zueinander hongezogen. Die beiden müssen einen gemeinsamen Weg finden, den Geistern ihrer Vergangenheit zu entkommen.

Wenn ich die Kurzgeschichte mit einem Wort beschreiben könnte, so würde ich "herbstlich" sagen. Eine Kurzgeschichte, die eine Jahreszeit wiederspiegelt und man beinahe den Laub riechen kann, der sich auf den herbstlichen Straßen und Wäldern tümmelt. Murakamis Protagonist ist einer seiner typischen 0815 Helden, ohne das dieser jedoch in ein surreales Abenteuer verwickelt wird. "Glühwürmchen" ist bodenständiger, weniger abenteuerlich und doch berührt einen die Geschichte, ohne das viel passiert. Der Erzähler erzählt selbst traurige Ereignisse nüchtern und beinahe teilnahmslos. Die Passagen im Wohnheim sind trocken-witzig und erheitern die oftmals melancholische Stimmung.

Gelegenheitsleser, oder Leser, die vielleicht erst durch Murakamis neuste Werke wie "1Q84" in die Welt des Autors eingetaucht sind, wissen es vielleicht noch gar nicht. Einige von Murakamis Erzählungen dienten als Inspiration für seine großen Romane. Die Kurzgeschichte "Der Aufziehvogel und die Dienstagfrauen" (Anthologie: Der Elefant verschwindet) diente als Prolog für einen von Murakamis bekanntesten Romanen, "Mister Aufziehvogel". Die Kurzgeschichte "Menschenfressende Katzen" (Anthologie: Blinde Weide, schlafende Frau) verarbeitete er in "Sputnik Sweetheart". Und wenn einem beim lesen von "Glühwürmchen" ein leichtes Déjà-vu beschleicht, der liegt nicht falsch. Denn "Glühwürmchen" diente als Inspiration für Murakamis Bestseller "Naokos Lächeln". Das Grundkonzept ist in der Kurzgeschichte schon enthalten. Die Charaktere besitzen noch keine Namen und benehmen sich ein wenig anders als im Roman, aber schnell wird man als aufrichtiger Leser sämtliche Parallelen entdecken. Die Kurzgeschichte kann dennoch problemlos als eigenständiges Werk angesehen werden. Das Ende wirkt rund, lässt wenige Fragen auf und dennoch regt es zum nachdenken an.



Resümee

Eine Geschichte wie eine Jahreszeit. "Glühwürmchen" ist eine kurze, aber wundervolle Erzählung die einen gut durchdachten Aufbau hat und für die wenige Seitenanzahl sogar einiges an Charaktertiefe aufweist. Haruki Murakamis Stil ist auch in diesem Frühwerk sehr gut erkennbar. Egal ob man Fan von Murakamis Kurzgeschichten ist oder aber einfach nur den Vorreiter zu "Naokos Lächeln" kennen lernen will, seine Zeit wird man mit dieser Kurzgeschichte sicherlich nicht verschwenden.

Montag, 24. Oktober 2016

Rezension: Die Stadt der Blinden (José Saramago)

Für mich sind die Werke von José Saramago (1922-2010) äußerst interessant, weil der Autor eine ganz eigene Art hat, mit Worten umzugehen.


Die Stadt der Blinden ist zwar erst der zweite Roman, den ich von ihm gelesen habe, aber es wird definitiv nicht der letzte sein.
Zur Handlung: Ein Mann erblindet eines Tages ganz plötzlich, während er in seinem Auto an einer Ampel steht. Es gibt keine Erklärung für diese Blindheit, auch der Augenarzt, den er aufsucht, kann keine Ursache feststellen. Auch dieser erblindet kurze Zeit später und mit ihm viele weitere Menschen. Die plötzliche Blindheit entwickelt sich langsam aber sicher zu einer Art Volkskrankheit und die Regierung weiß sich nicht anders zu helfen, als die Blinden gemeinsam in einer verlassenen Irrenanstalt unterzubringen. Die Frau des Augenarztes kann zwar noch sehen, gibt aber vor, ebenfalls erblindet zu sein, damit sie zusammen mit ihrem Mann in besagter Anstalt weiterleben kann.
Der Roman kann als eine Art Gedankenexperiment beschrieben werden: Was wäre, wenn die gesamte Menschheit erblinden würde? Wie würde das tägliche Leben funktionieren? Wie ist ein solches Leben möglich?
Die Zustände in der Anstalt verschlechtern sich. Zunächst herrscht noch Ordnung, die Essensrationen werden gerecht unter den Internierten aufgeteilt, die sanitären Anlagen sind noch intakt und der Platz reicht aus. Doch je mehr Blinde eingewiesen werden, desto desaströser wird die Lage. Für die Frau des Arztes wird ihre Fähigkeit, zu sehen, zunehmend zur Belastung, da sie den Zerfall und das Elend in ganzem Ausmaß erblicken kann.
Und dieses Ausmaß wird drastisch beschrieben. Die Schilderungen sind schonungslos, ausführlich und was dort geschieht, ist nicht nur hygienisch, sondern auch menschlich betrachtet, häufig widerwärtig. Doch gerade das macht den Roman aus, das Gedankenexperiment wird konsequent durchgespielt.

Eine Eigenart von Saramagos Stil sind die langen Sätze, in denen direkte Rede nicht als solche gekennzeichnet, sondern einfach durch Kommata aneinandergereiht wird, was dem Leser ein Gefühl von Unmittelbarkeit gibt, aber auch Aufmerksamkeit fordert.

"[...] Ich möchte damit sagen, dass es vierzig Tage wie vierzig Wochen sein können, vierzig Monate oder vierzig Jahre, wichtig ist vor allem, dass die Menschen isoliert bleiben, Jetzt müssen wir nur noch entscheiden, wohin wir sie schicken, Herr Minister, sagte der Präsident der Kommission für Logistik und Sicherheit, die schnell zu diesem Zweck gebildet worden war und sich um den Transport kümmern wollte, um die Isolierung und Versorgung der Infizierten, Welche unmittelbaren Möglichkeiten haben wir denn, wollte der Minister wissen, Wir haben eine leerstehende Irrenanstalt, die darauf wartet, einer Bestimmung zugeführt zu werden, militärische Einrichtungen, die aufgrund der plötzlich erfolgten Umstrukturierung der Armee nicht mehr gebraucht werden, ein Messegelände, das fast fertiggestellt ist, und außerdem, wobei mir niemand eine Erklärung dafür geben kann, einen Großmarkt, der Konkurs angemeldet hat, Welches von diesen Geländen würde Ihrer Meinung nach unseren Zwecken am besten dienen, Die militärische Einrichtung bietet die besten Sicherheitsvorkehrungen, Natürlich, Sie hat jedoch einen Nachteil, sie ist zu groß, und die Bewachung der Internierten wäre schwierig und aufwendig, Aha, ich verstehe [...]."

(Man bedenke, dass Anfang und Ende des Satzes hier fehlen, er ist also eigentlich deutlich länger... insgesamt erstreckt er sich etwa über eineinhalb Seiten.)



Der Roman steckt trotz der drastischen und auch oft brutalen Schilderungen voll schöner Wahrheiten und Weisheiten:

"Wir haben alle unsere Augenblicke der Schwäche, und es ist nur gut, dass wir noch weinen können, das Weinen ist oft eine Rettung, es gibt Situationen, da würden wir sterben, wenn wir nicht weinen könnten [...]."

Zusammenfassend kann ich sagen, dass Saramagos Stil vielleicht etwas gewöhnungsbedürftig ist, es sich aber wirklich lohnt, sich darauf einzulassen. Ein solcher Stil zeugt von einem gekonnten Umgang mit Sprache.

Sonntag, 23. Oktober 2016

Tag 7 Review: Attack on Titan - Part 1




Trailer

Aus lizenzrechtlichen Gründen nicht verfügbar




Japan 2015

Attack on Titan - Part 1
Originaltitel: Shingeki no kyojin
Vorlage: Hajime Isayama (Manga)
Regie: Shinji Higuchi
Darsteller: Haruma Miura, Kiko Mizuhara, Kanata Hongo, Jun Kunimura, Hiroki Hasegawa
Laufzeit: Circa 98 Minuten
Genre: Action, Horror, Endzeit-Drama
Deutscher Verleih: AV Visionen
Veröffentlichung: 24.02.2017
FSK: Ab 16


Weltweit feierte Hajime Isayamas düsterer Manga Attack on Titan (Shingeki no Kyojin in Japan) Erfolge. Diesen regelrechten Hype zu krönen, dafür sorgte anschließend noch die gleichnamige Anime TV-Serie, die im nächsten Jahr in Japan eine lang ersehnte zweite Staffel erhält. Die Fragen wurden schnell lauter, wann denn endlich die Live-Action Verfilmung in die japanischen Kinos kommen sollte. Nicht wenige machten sich dabei jedoch sorgen, die Japaner könnten überfordert mit einer Verfilmung sein, da besonders im Bereich Spezialeffekte nicht unbedingt die größten Stärken der Japaner liegen. Was allerdings viel mehr mit dem meist wesentlich geringerem Budget (im Vergleich zu Hollywood oder auch anderen Ländern) für die Filme zusammenhängt als der Mangel an fähigen Leuten, die mit Spezialeffekten umgehen können. Eine kleine Kostprobe, wie die Japaner eine mögliche Verfilmung von Attack on Titan handhaben, konnte man bereits 2014 in einem kurzen Werbespot einer bekannten japanischen Automarke entdecken. Man kann davon ausgehen, dass die gleiche Technik, die man später für den Film einsetzte, vorher für diesen Werbespot verwendet wurde.



 
(Werbespot wird für "Am Meer ist es wärmer" nicht zu Werbezwecken und nur als Zusatzmaterial für die Besprechung verwendet)





Das erste Material für den ersten Abendfüllenden Attack on Titan Spielfilm ließ dann nicht lange auf sich warten. Geplant hatte man einen Zweiteiler, der weniger auf Isayamas bekannter Vorlage basiert, als viel mehr von einem Original-Script Gebrauch macht und lediglich einige Charaktere und das Grundkonzept aus dem Manga übernimmt. Theoretisch optimale Voraussetzungen, wenn man bedenkt, wie umfangreich das Material rund um Manga/Anime doch ist. Eine Entscheidung, die eingefleischte Fans vermutlich nicht begrüßen, aber für ein rundes Filmerlebnis sicherlich nicht die schlechteste Wahl, was eine Adaption angeht. Dafür muss man dann aber zusehen, eine brauchbare Geschichte zu schreiben, die die Zuschauer über 2 Filme lang fesselt. Ist der Attack on Titan Verfilmung dieses Wagnis gelungen? Ich wills nicht weiter ausschmücken und die Frage mit "Nein" beantworten. Attack on Titan - Part 1 mag kein Rohrkrepierer sein, da gibt es ganz andere japanische Live Action Produktionen bekannter Manga, die gleich mehrere Ligen unter Attack on Titan spielen, allerdings ist diese Adaption nach freier Interpretation auch alles andere als gelungen oder sehenswert.

Die ersten 30 Minuten folgen relativ strikt (mit Ausnahme der Familienverhältnisse und den Charaktereigenschaften einiger Protagonisten) der Originalvorlage. Eren und Co. sind von Beginn an bereits junge Erwachsene, Eren selbst ist ein bisschen zu sehr von sich überzeugt und die Motivationen der Charaktere unterscheiden sich ebenfalls von den Vorbildern aus der Originalvorlage. Nach einer Weile greift der große Titan an, reißt ein Stück der Mauer nieder, der letzten großen Festung der Menschheit vor den menschenfressenden Titanen, und das Unheil nimmt seinen Lauf. Schon danach folgt die Verfilmung ihrer eigenen Geschichte, die weder originell, noch mitreißend ist, dafür jedoch häufig mal konfus und auch als relativ stirnrunzelnd anzusehen ist. Das größte Problem ist nicht nur das Script an sich, welches man als relativ dünn bezeichnen kann, auch die Darsteller sind alles andere als überzeugend. Eren Darsteller Haruma Miura kann das über-dramatische Overacting nicht sein lassen, Mikasa Darstellerin Kiko Mizuhara (unter anderem zu sehen als Midori in der Adaption zu Haruki Murakamis "Norwegian Wood") scheint ebenfalls überfordert mit ihrer Rolle zu sein. Schuld daran ist jedoch nicht Kiko Mizuhara sondern viel mehr eine unausgegorene Charakterentwicklung. Besonders darunter leiden musste letztendlich Mikasa selbst, wo man mit Fug und Recht behaupten kann, die Autoren haben absolut nicht verstanden, wie man diesen Charakter umsetzt. Eine derartige Entgleisung fällt Kennern des Originals sofort auf, Zuschauer, die mit der Verfilmung zum ersten mal etwas von Attack on Titan sehen, denen wird vermutlich nur auffallen, wie seltsam unsympathisch dieser Charakter (wie so ziemlich die meisten Figuren in diesem Film) ist.




Die größte Sorge, die Spezialeffekte, hat man relativ solide hinbekommen. Etliche Hintergründe sind wenig ansehnlich, da man die CGI-Effekte sofort bemerkt. Der große Titan, der leider nur einen sehr kurzen Auftritt hat, sieht schon sehr authentisch aus. Die kleineren Titanen variieren von einfallsreich bis weniger gut. Auch in diesem Bereich werden sich viele Zuschauer vermutlich mehr gewünscht haben, jedoch ist zu weiteren Eskapaden wohl nur Hollywood selbst fähig. Die Action-Szenen sind ebenfalls noch relativ gut choreografiert. Vom technischen Aspekt her kann man Attack on Titan durchaus als oberes Mittelmaß ansehen.

Regie führte Shin Godzilla Co-Regisseur Shinji Higuchi. Ein alter Weggefährte von Evangelion-Schöpfer Hideaki Anno (mit dem er letztendlich gemeinsam Regie beim neuen Godzilla führte). 
Fürs Writing engagierte man den durchaus bekannten Yusuke Watanabe (Gantz) und Tomohiro Machiyama. Das erste, was an den Änderungen rund um das Szenario auffallen dürfte: Die Autoren trennten sich von den Nachnamen der Protagonisten. Die kultigen deutschen Nachnamen wie "Jäger" oder "Ackerman" findet man in dieser Verfilmung nicht mehr vor, die Charaktere werden nur noch mit ihren Vornamen angesprochen. Auch wurden relativ viele japanische Ortsnamen eingebaut, was ebenfalls für die Reihe recht ungewöhnlich ist, da das Setting definitiv europäisch, und nicht japanisch ist. Dies dürfte aber der Live Action Verfilmung per se geschuldet sein, denn alle Darsteller sind durchweg ostasiatischer Herkunft (vielleicht hätte man dann aber auch "Armin" noch umbenennen sollen). Tatsächlich funktioniert bei dieser Verfilmung so einiges nicht, wie es sollte. Bester Beweis ist dafür noch der Song, der während des Abspanns läuft.


Deutsche Veröffentlichung

Für die deutsche Version ist AV Visionen verantwortlich. Hierhinter stecken vermutlich Kaze und/ oder Koch Media. Ende September lief der Film in einer etwas größeren Kinoauswertung einmalig während der Kaze Anime Night. An der deutschen Vertonung gab es sicherlich nichts auszusetzen. Besser macht sie den Film jedoch nicht, man wird vermutlich einfach nur ein wenig mehr von Haruma Miuras Overacting verschont bleiben. Trotz seines recht hohen Anteils an Gewalt/Splatter hat der Film von der FSK den "Ab 16" Segen erhalten (ähnliche Geschichte wie bei dem Zweiteiler zu Gantz). Am 24. Februar 2017 kann der Film dann auch fürs Heimkino erworben werden.


Fazit:

Meine Vorfreude auf Part 2 hält sich arg in Grenzen. Gegen Ende folgt die Verfilmung wieder etwas mehr dem ursprünglichem Material und prompt hat auch das Finale des ersten Teils an Fahrt gewonnen. Aus meiner anfänglichen Begeisterung, eine eigenständige Geschichte könnte dem Film zugute kommen, hat sich leider Enttäuschung entwickelt. Solide Technik wird begleitet von einem schwachen Script, mäßigen Darstellern und einigen teils haarsträubenden Dialogen und Situationen. Hier hätte man vielleicht doch darauf setzen sollen, sich etwas mehr an die Vorlage zu halten, denn gleich mehrmals steuert die Verfilmung auf eine Sackgasse zu. Was bleibt ist eine mäßige Live Action Verfilmung, der es so ziemlich an allem mangelt, was die Vorlage so bekannt machte. 

Ob neutrale Zuschauer hier ihre Freude haben werden, auch die Frage ist schwer zu beantworten. Nicht selten driftet die Geschichte in einige seltsame Momente ab die von sehr abstrusen Szenen begleitet wird. Auch für die neutralen Zuschauer wird der Mehrwert dieses Filmes sich wohl als relativ gering erweisen.

Mittwoch, 19. Oktober 2016

Einwurf: Verliert die Weltliteratur an Bedeutung?




Anstoß für diesen Einwurf war der Artikel "Why Bob Dylan shouldn't have gotten a Nobel". Veröffentlicht am 16.10.2016 bei der New York Times. Verfasst von Anna North: Link zum Artikel 


Noch immer wird über die kontroverse Entscheidung, Bob Dylan mit dem Nobelpreis für Literatur auszuzeichnen, heftig diskutiert. Ein Artikel der New York Times schließt sich den kritischen Stimmen an, ohne jedoch Bob Dylan zu anzugreifen (der ja überhaupt keinen Einfluss auf die Entscheidung hatte) oder sich abstrusen Verschwörungstheorien anzuschließen. Die Journalistin Anna North sieht in der Vergabe einen Gewinn für die Musikindustrie, jedoch nicht für die Weltliteratur.

"[...]He does deserve the many Grammys he has received, including a lifetime achievement award, which he won in 1991. He unquestionably belongs in the Rock & Roll Hall of Fame, into which he was inducted in 1988 along with the Supremes, the Beatles and the Beach Boys.[...]
[...]But by awarding the prize to him, the Nobel committee is choosing not to award it to a writer, and that is a disappointing choice.[...]" 

Der Tenor des Artikels der New York Times: Hier wurde ein Musiker ausgezeichnet, kein Schriftsteller. Bob Dylan, der große Auszeichnungen in seinem Leben bereits für seine Verdienste als Musiker erhalten hat, nun auch noch mit einem Preis ausgezeichnet wird, mit dem er eigentlich gar nichts zu tun hat. Dies würde, so die Journalistin weiter, die Weltliteratur an sich schmälern, denn immer weniger Leute würden zu einem Buch greifen. Die Journalistin macht natürlich darauf aufmerksam, dass es sich hier natürlich nicht um den Untergang der Literatur an sich handelt, sondern die Musikindustrie, der es relativ gut geht (um es nüchtern auszudrücken), nun auch noch von dem Nobelpreis der Literatur profitiert.

Die Frage ist natürlich, wieso hat man sich ausgerechnet für Bob Dylan entschieden? David Bowie, wenn vielleicht auch etwas kontroverser, hat zu seinen Lebzeiten nicht weniger erreicht als Bob Dylan und hatte bis zu seinem Tod zu beginn dieses Jahres neue Musik gemacht, die weltweit anklang fand. Somit dürften aber auch andere Vertreter dieser Zunft wie Paul McCartney, Bruce Springsteen oder auch Neil Young zu künftigen Favoriten für den Preis zählen, die allesamt enorme Erfolge vorzuweisen haben und legendäre Songwriter sind. Wieso man sich ausgerechnet nun für Bob Dylan entschieden hat, wo ich mir nicht unbedingt sicher bin, dass seine Musik Generationsübergreifend ist (zumindest bezogen auf die aktuelle Generation), kann man natürlich nachlesen. Das Zitat des Komitees kling etwas zufällig ausgewählt und würde auch auf unzählige andere Musiker zutreffen.

[...[By honoring a musical icon, the committee members may have wanted to bring new cultural currency to the prize and make it feel relevant to a younger generation.[...]
[...]But there are many ways they could have accomplished this while still honoring a writer. They could have chosen a writer who has made significant innovations in the form, like Jennifer Egan, Teju Cole or Anne Carson.[...] 

War die Entscheidung zugunsten Bob Dylans also ein Versuch, die Kategorie rund um den Nobelpreis für Literatur ein wenig zu modernisieren? Dies ist eine Theorie der Journalistin des Artikels. Wobei ich hier widersprechen muss. Wie ich bereits einmal erwähnt habe, Bob Dylan wurde von den Buchmachern bereits einige Jahre zuvor als Favorit für den Preis gehandelt. Von Modernisierung kann hier jedoch nicht die Rede sein. Den Nobelpreis für Literatur jüngeren Leuten zugänglich zu machen und sich dann für Bob Dylan entscheiden hat nichts mit Modernisierung zu tun. Bob Dylan macht in der Tat noch neue Musik, anders als bei dem erwähnten David Bowie jedoch ist diese aus heutiger Sicht weniger generationsübergreifend. Wenn man mit der Vergabe ein jüngeres Publikum ansprechen wollte, war Bob Dylan sicherlich die falsche Person.

Eine grundsätzliche Modernisierung des Preises, und da liegt Anna North komplett richtig, ist dringend nötig. Die vergangenen Jahre, und damit will ich nun nicht die Preisträger schmälern, hatten die Vergaben häufig mal politische Hintergründe oder aber der Preisträger war schlicht und ergreifend nur in Fachkreisen bekannt und geschätzt. Der Nobelpreis für Literatur kann aber so viel besser eingesetzt werden. Denn neben dem Preisgeld ist ganz besonders der kommerzielle Schub für Autor und Verlag sehr relevant. Kann der Verlag seine Veröffentlichungen des Autors mit "Nobelpreis für Literatur 20XX" Aufklebern schmücken, werden die Leser darauf aufmerksam. Selbst für die breite Masse weniger bekannte Autoren, darunter vergangene Preisträger zu denen Alice Munro oder Patrick Modiano zählen, profitierten eine ganze Zeit lang von der Auszeichnung. Natürlich bleibt die Frage, benötigt ein erfolgreicher Autor die Auszeichnung überhaupt? Die Frage ist schwer zu beantworten. Im Vordergrund sollte jedoch immer die Literatur stehen und einen populären und/oder modernen Autor, der über genau so moderne Themen schreibt (ohne zu sehr ins politische abzudriften), auszuzeichnen, dies wäre ein wichtiger Schritt. Auch mit der Entscheidung pro Bob Dylan wird der Nobelpreis für Literatur sicherlich nicht mehr jüngere Menschen erreichen als zuvor, oder, besser gesagt, jüngere Menschen dazu zu bringen, sich aus freien Stücken ein Buch zur Hand zu nehmen. Die Auszeichnung wirkt angestaubt, wie ein Altherrengetränk, bei dem sich die Verantwortlichen weigern, ihre Philosophie etwas an die modernen Zeiten anzupassen.

"Instead, the committee gave the prize to a man who is internationally famous in another field, one with plenty of honors of its own. Bob Dylan does not need a Nobel Prize in Literature, but literature needs a Nobel Prize. This year, it won’t get one."

Mit schönen Abschlussworten hat Anna North das Thema dann noch einmal auf den Punkt gebracht. Das Nobelpreis-Komitee zeichnete einen bedeutenden Mann aus, der allerdings in der völlig falschen Rubrik den Preis gewonnen hat. Auch wenn ich die Entscheidung noch immer relativ neutral sehe, kann ich den Aussagen einfach nicht widersprechen. Dieses Jahr ging die Zunft der Schriftsteller leer aus. Gewonnen hat ein Mann, der bereits alle nur erdenklichen Auszeichnungen in seinem Gebiet abgeräumt hat. Definitiv eine Schlappe für die Weltliteratur. Natürlich sollte man die Situation auch nicht überdramatisieren.

Viele Gegner des Nobelpreises wollen die Kategorien immer kleinreden. Die Auszeichnung, und daran wird sich auch nichts ändern, besitzt noch immer eine menge Prestige. Wenn die richtigen Leute, die tatsächlich einen positiven Einfluss auf unsere Generation haben, ausgezeichnet werden, kann man den Glanz dieses angestaubten Preises wiederherstellen. So wie es jedoch aktuell aussieht, ist man auf einem falschen Weg. Musiker sollten Musikpreise gewinnen, Schriftsteller Literaturpreise. In gewissen Aspekten konservativ zu sein ist gewiss kein Rückschritt. Immerhin wird ein Koch bestimmt auch nicht mit Sternen ausgezeichnet, weil er als Hobby sehr gut Haare schneiden kann.

Die Frage, ob die Weltliteratur nun an Bedeutung verliert kann sicherlich nicht beantwortet werden. Die Trends liegen derzeit aber eher bei Jugendliteratur, Romantic-Fantasy und Self Publishing Werken (die Leser günstig digital erwerben können). Tatsächlich sollte der Nobelpreis für Literatur genug Tragkraft besitzen, um auch anspruchsvollere Werke mal wieder auf die Besteller-Listen unserer Welt zu fegen. Etwas, worüber das Nobelpreis-Komitee sich vielleicht mal mehr Gedanken machen sollte. Ich bezweifle jedoch stark, dass sich an den Prinzipien dieser Herren und Damen in den kommenden Jahren etwas ändern wird. Bereits die nächste Auszeichnung könnte wieder an eine Person vergeben werden, wo sich selbst Bob Dylans Kritiker noch wünschen werden, sie hätten sich der Kritik gegen den Musiker besser nicht angeschlossen.


Bis zum nächsten Einwurf,
Aufziehvogel