Archiv: Rezensionen zu Literatur und Film

Montag, 20. Februar 2017

Rezension: Faber oder Die verlorenen Jahre (Jakob Wassermann)







Deutschland 1924

Faber oder Die verlorenen Jahre
Autor: Jakob Wassermann
Verlag: Manesse
Nachwort: Insa Wilke
Genre: Heimkehrerroman, Drama



"Faber kam mit dem Abendzug in seiner Vaterstadt an, in der er als Architekt gewirkt hatte, bis der Krieg ausgebrochen und er, im ersten Monat schon, in Gefangenschaft geraten war. Seitdem waren fünfeinhalb Jahre vergangen.
Mit ihm reisten ein paar Kameraden, letzte Nachzügler unter den Heimkehrern wie er selbst, Bürgersöhne wie er selbst, aber anders als er befanden sie sich während der zu Ende gehenden Fahrt in einer Erregung, in der sie unzusammenhängende Reden führten wie die Fieberkranken. Da sie beim Verlassen des Schiffs nach Hause telegrafiert hatten, konnten sie gewiss sein, von ihren Angehörigen und Freunden empfangen zu werden. Nüchterne Leute sonst, verstiegen sie sich bis zur Rührseligkeit, wenn sie von Frau und Kind, von Müttern und Schwestern, ja sogar von Häusern und Stuben sprachen. Faber war in nicht freundlicher Weise schweigsam. Einer fragte ihn: <<Wird deine Frau da sein?>> Er zog die dicken schwarzen Brauen hoch und antwortete nicht. Als der Zug in die Halle fuhr, reichte er den Gefährten vieler Monate kühl die Hand und drückte sich mit seinem Holzköfferchen abseits. Von der lärmenden Begrüßung, die ihnen zuteilwurde, war er nur vorüberhastender Zeuge."
(Faber oder Die verlorenen Jahre, Jakob Wassermann. Manesse)



Relativ selten wähle ich für das anfängliche Zitat für meine Besprechung direkt einen Part von der ersten Seite. "Faber oder Die verlorenen Jahre" könnte aber kaum einen besseren Einstieg finden als diese Einführung in die Geschichte. Faber ist mehr als ein Heimkehrerroman. Dies liegt aber auch daran, dass mit Jakob Wassermann hier ein begnadeter Erzähler am Werk war, der eben nicht nur die Geschichte eines heimkehrenden Kriegsgefangenen erzählt, Faber ist auch ein Familiendrama und gleichzeitig auch Gesellschaftskritik an ein trostloses Deutschland nach dem 1. Weltkrieg. Und gleichzeitig schwingt in diesem Werk nicht minder eine Vorahnung mit. Eine Vorahnung auf eine Zeit, die nur wenige Jahre später folgen und Deutschland danach für immer verändern sollte.

Eugen Faber, Architekt, 30 Jahre alt, kehrt nach einer knapp 6 jährigen Kriegsgefangenschaft zurück in seine Heimatstadt. Geflüchtet von Sibirien nach Peking und dann mit einem Schiff quer über den Pazifik, wirkt der junge Mann ausgemergelt und teilnahmslos. Wassermann bemüht sich gar nicht erst, diesen Charakter, den Protagonist dieser Geschichte, auch nur ansatzweise auf den Leser sympathisch wirken zu lassen. Versunken in Melancholie und Einsamkeit, sucht Faber weder seine Frau samt Sohnemann auf, der bisher eine längere Zeit ohne Vater verbracht hat als mit, noch das Elternhaus auf. Er vertraut sich einem alten Freund der Familie an, Doktor Fleming, der ehemalige Hauslehrer (und Mädchen für alles) der Kinder der Fabers. Mit gespielter Kühle und Teilnahmslosigkeit tritt Faber seinem alten Mentor gegenüber, der ihn, noch immer völlig überwältigt von der Rückkehr des Mannes, in das einweiht, was er in all den Jahren verpasst hat. Für Faber ist es unmöglich, sofort ins normale Leben zurückzukehren. Obwohl Fleming ihn ermutigt nach Frau und Kind zu sehen, bleibt Faber skeptisch. Und er sollte nicht unrecht behalten. In den verlorenen Jahren ging das Leben weiter, ohne ihn. Was bleibt ist ein Mann, für den es anscheinend keinen Platz mehr in der Gesellschaft gibt.

Jakob Wassermann, ein großartiger Schriftsteller deutsch-jüdischer Abstammung, suchte selbst viele Jahre nach Anerkennung und einen Platz unter den deutschsprachigen Schriftstellern. Kaum hatte er diesen Berg erklommen, fielen dunkle Zeiten über Deutschland herein, allen voran natürlich der Holocaust. Wassermanns Werk wurde Opfer der Bücherverbrennung von Schriftstellern jüdischer Abstammung. Ausgestoßen aus der Gesellschaft starb Jakob Wassermann im Jahr 1934 veramt und vereinsamt. Wassermann (Caspar Hauser oder Die Trägheit des Herzens) galt Seinerzeit als einer der meistgelesenen Autoren in Deutschland. Faber erschien im Jahr 1924, wenige Jahre vor dem Ruin. Die Geschichte von Eugen Faber wirkt nicht nur einmal im laufe der Geschichte wie eine unheilvolle Prophezeiung für den Autor. Umso interessanter war das Werk für mich persönlich, um diese feinen Parallelen zu Wassermanns eigenem Schicksal zu entdecken.

Einfühlsam, ja beinahe schon mit einer faszinierenden Ruhe erzählt Wassermann langsam und bedächtig, aber nicht träge und zäh, die Geschichte des Heimkehrers. Aus der Sicht von Doktor Fleming erfährt der Leser alles über die teils seltsamen Zustände in der Familie Faber. Der Vater, ein Doktor der Medizin, der aufgrund seiner Güte selten Geld von seinen Patienten verlangte und sich in Schulden stürzte, seine Frau, eine emanzipierte Dame und Frauenrechtlerin die einen großen Einfluss auf die gesamte Familie ausübte sowie die 4 Kinder, ein Ziehkind und weitere Eskapaden der Söhne. Das kuriose, teils schon absurde tragische Schicksal von Eugen Fabers Brüdern und der perfekte Bund zu eben jenem Ziehkind der Familie, die bezaubernde Martina, die er später einmal heiraten sollte. Wassermann spart es sich, diese Familiengeschichte und damit verbundenen Schicksale, langatmig auf unzählige Seiten auszudehnen. Für den Autor war es dafür umso wichtiger, Fabers Leben nach seiner Kriegsgefangenschaft zu dokumentieren. Das beeindruckende an der Geschichte ist jedoch, Wassermann übertreibt hier und da gerne absichtlich, beinahe wirkt der Roman an manchen Stellen gar wie eine Satire. Allerdings längst nicht so offensichtlich wie in einer anderen, von mir besprochenen Sammlung an Kurzgeschichten aus der Zeit nach dem 1. Weltkrieg: Die Komödie von Charleroi von Pierre Drieu La Rochelle.



Resümee

"Faber oder Die verlorenen Jahre" ist keineswegs so kompliziert wie es der Titel des Romans vielleicht vermuten lässt. Der Einstieg in die Geschichte ist leicht, man wird dank Wassermanns Erzählkunst direkt in die Geschichte gesogen. Und genau in diesem Tempo geht es auch weiter. Faber ist wesentlich zugänglicher als die von mir bereits erwähnte Komödie von Charleroi. Man muss die beiden Werke aber auch klar voneinander distanzieren. 
Ich kann hier natürlich nun schlecht schreiben, ich hatte meine Freude an Faber, so etwas wäre eine unpassende Aussage zu einem solchen Roman. Ich kann aber sagen, ich habe mit Faber etliche interessante Stunden verbracht. Besonders Romane aus der Zeit nach dem 1. Weltkrieg zu eben jener Thematik sind rar gesät oder erhalten längst nicht die Aufmerksamkeit, die ihnen gebührt. Deutschland hat diese sehr finstere Zeit hinter sich gebracht und nun gibt es selbstverständlich keine Ausflüchte mehr, Jakob Wassermann nicht zu lesen. Und wieso sollte man nicht mit diesem Werk anfangen? Auch wenn der Roman zum Ende von Wassermanns Karriere entstanden ist, so sticht dieses Werk aus dem Portfolio des Autors aufgrund seiner Bedeutung heraus. Ein Klassiker der deutschen Nachkriegsliteratur.



"Faber ließ ihn noch eine Weile toben, dann tippte er ihn am Ärmel; als Fleming stille hielt, legte er ihm beide Hände auf die Schultern und schaute ihn mit seinen schönen großen Tieraugen ruhig an. <<Kannst du dir einen Begriff davon machen, wie lang ein Jahr dauert, wenn man einsam ist?>>, fragte er mit umwölktem Lächeln. <<Stell dir's vor: ein einziges Jahr. Und dann verfünffache das Furchtbare. Jeder Traum, den man träumt, ist ein Wahrgesicht, und die Worte, die einem von außerhalb zukommen, haben eine Bedeutung, eine unheimliche Doppeltheit und Durchsichtigkeit, vor denen keine Illusion mehr standhält.>>"
(Faber oder Die verlorenen Jahre, Jakob Wassermann. Manesse)

Kommentare:

  1. Das klingt interessant. Ein Autor, den ich noch gar nicht kannte. Und dabei kann ich an den Zitaten erkennen, das er ein guter Erzähler ist!
    Das ist auch eine Zeit - vor, während, nach dem ersten Weltkrieg - für die ich mich in letzter Zeit sehr interessiere.
    Ich habe mir das Buch aufgeschrieben. Vielen Dank für die Rezension. :)

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  2. War auch für mich eine interessante Erfahrung, Andrea = )
    Ich hatte es schon einmal in meine Besprechung für die Anthologie "Die Komödie von Charleroi" angemerkt, aufgrund der Verheerung des 2. Weltkriegs ist viel von der Literatur über den 1. Weltkrieg untergegangen. So nach und nach erscheinen dann aber auch mal Bücher über einen Krieg, der lange Zeit in Vergessenheit geraten ist (auch außerhalb der Literatur scheint der 1. Weltkrieg derzeit ein Thema zu sein).

    Liebe Grüße,
    Aufziehvogel

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