Archiv: Rezensionen zu Literatur und Film

Dienstag, 1. Mai 2012

Review: Hotarubi no Mori e



Japan 2011
Originaltitel: Hotarubi no Mori e
Nach einem Manga von Yuki Midorikawa
Regie: Takahiro Omori
Produktion: Aniplex, Brains Base
Synchronsprecher: Kouki Uchiyama, Ayane Sakura
Laufzeit: 45 Minuten
Genre: Coming of Age, Romantik

Trailer:



Manga und Anime haben sich verändert. In der Zeit wo leicht bekleidete Damen und wenig Tiefgang immer mehr den Thron einnehmen, gerät die ehemalige Kunst und Kreativität vergangener Werke dafür immer weiter in die Vergessenheit. Einzigartige Werke wie Mushishi oder Mononoke erscheinen, verglichen mit dem Heutigen Trend, wie eine wehmütige Erinnerung. Visionäre wie Hideako Anno (Evangelion) und Hayao Miyazaki (Studio Ghibli Gründer) werden in einigen Jahren wohl das zum Inventar eines Museums gehören. Zumindest ihre Namen werden solche Hallen einmal schmücken. Und Satoshi Kon (Perfect Blue), muss sich den weniger qualitativen Trend der japanischen Zeichenkunst bereits vom Himmel aus anschauen.
Auch ich entfremde mich immer weiter dieser Kunst, bin selten mal auf einem aktuellen Stand. Nicht, weil ich älter werde und das alles nun unglaublich kindisch finde, nein, es ist tatsächlich die mangelhafte Qualität, die aktuelle Titel aufweisen. Abnutzungserscheinungen. Zu den letzten großen Highlights, die ich in den letzten Monaten gesehen habe, gehören gerade einmal Evangelion: You can (not) advance, Das Verschwinden der Haruhi Suzumiya und Ponyo. Eine desaströse Bilanz. Die Perlen finden sich längst nicht mehr wie Sand am Meer (wobei ihr euch ja gerade am Meer befindet, und mein Blog viele Perlen beherbergt, die ihr euch näher anschauen solltet). Doch ein weiterer Titel schlich sich ganz heimlich in diese Liste ein. Er gewann spielend meine Gunst, und ist mit einer kompakten Laufzeit von gerade einmal 45 Minuten ein echter Leckerbissen. Hotarubi no Mori e (übersetzt heißt das so viel wie "Zum Hain der leuchtenden Glühwürmchen". man verzeihe mir diese sehr freie Übersetzung, es gibt leider keinen offiziellen westlichen Titel) ist ein ganz besonderes Juwel. Es ist eine fantastische Coming of Age Geschichte. Eine Geschichte übers Erwachsen werden. Und in diesem Kurzfilm steckt dann auch tatsächlich die Philosophie, die aktuelle Werke so sehr vermissen lassen. Die Perfektion konnte Hotarubi no Mori e zwar durch die kurze Lauflänge nicht erreichen, dafür kann ich aber garantieren, verschwendet ist diese Zeit nicht. Es ist ein wirklich melancholisches Werk, dass die Zuschauer am Ende vermutlich mit einer gewissen Sehnsucht zurücklassen wird.

Die Geschichte spielt in unserer Zeit. Erzählt wird sie von der Protagonistin Hotaru. Diese berichtet, wie sie sich im Grundschulalter einst in einem Wald verirrte. Gerüchten zufolge sollen dort Geister hausen. Voller Neugier wollte Hotaru dies selbst herausfinden. Doch statt Geister fand sie nur unendliches Grün. Voller Verzweifelung suchte die kleine Hotaru nach dem richtigen Weg. Als sie sich ihren Tränen hingeben musste, taucht plötzlich ein mysteriöser, maskierter junger Mann auf. Dieser erzählt, dass kein Mensch mehr aus diesem Wald hinausfindet, hat man sich erst einmal verlaufen. Er bietet Hotaru dennoch an, sie aus diesem Wald zu führen. Mit einer Bedingung. Sie darf ihn nicht berühren. Sollte dies passieren, würde der mit einem Fluch belegte Junge sich in Rauch auflösen. Nach anfänglichen Schwierigkeiten dies zu akzeptieren, freundet sich Hotaru mit dem geheimnisvollen Jungen an. Er stellt sich ihr als Gin vor. Als Gin Hotaru sicher aus dem Wald wieder auf den rechten Pfad führte, schwört die kleine dem einsamen Geist, ihn fortan täglich zu besuchen. Und das jeden Sommer, so lange sie ihre Ferien bei ihrem Onkel verbringt. Die Jahre vergingen, doch Gin alterte nicht. Hotaru reifte jedoch zu einer jungen Frau heran. Bald würde sie mit Gin vom Alter her gleich auf sein. Und obwohl eine Beziehung für die beiden unmöglich ist, entwickeln sie immer mehr Gefühle füreinander. Gibt es Hoffnung für die beiden? Oder wird Gin sich tatsächlich in Rauch auflösen sobald ihn ein Mensch berührt? Gin selbst scheint sich aber nichts sehnlicher zu wünschen, als Hotaru in seine Arme zu schließen. Auch wenn er dafür mit seiner Existenz als Preis bezahlen muss.

Der Film wird sehr ruhig erzählt. Die Zeichnungen sind flüssig und detailliert. Die sorgfältig gezeichneten Hintergründe erwecken Fernweh. Das perfekte Zusammenspiel der beiden Synchronsprecher verleihen den Dialogen eine sehr hohe Authentizität. Aber das kann man an sich von japanischen Sprechern erwarten. Die beiden jungen Seiyuu aus Hotarubi no Mori e schaffen es aber fast komplett ohne weitere Unterstützung, die Zuschauer für sich zu gewinnen. Regisseur Takahiro Omori beweist hier ein sehr gutes Händchen was die Inszenierung angeht. Der Kurzfilm zeugt von einer sehr hohen Qualität. Alles wirkt einfach bestens geplant. Auch Laufzeit wird keine verschwendet. Die Geschichte geht sofort los. Man wird in eine geheimnisvolle Welt gezogen. Hotaru dient dabei für den Zuschauer als Verbindung zwischen der realen Welt, und diesem geheimnisvollen Wald, der eigentlich nicht wirklich von dieser Welt ist. Er wird bewohnt von mystischen Wesen. Geister und Fabelwesen. Und dann ist da noch der geheimnisvolle Gin. Der scheint jedoch nichts von alledem zu sein. Er redet und sieht aus wie ein Mensch. Doch wieso lastet dann dieser Fluch auf ihn? Wieso altert er nicht? Obwohl der Film nur eine Schulstunde lang ist, nimmt man sich die Zeit, alles zu erklären. Die Entwicklung der beiden Charaktere ist unglaublich detailliert. Bei so einer knappen Lauflänge kann so etwas schnell in die Hose gehen.

Adaptiert wurde die Geschichte von der Mangaka Yuki Midorikawa. Leider kenne ich den Manga nicht, und weiß nicht, wie originalgetreu man das Werk nun umgesetzt hat. Vielleicht ist das auch ganz gut so, dass ich es nicht weiß. Allerdings handelt es sich bei Hotarubi no Mori e um einen Oneshot (vergleichbar mit einer Kurzgeschichte in der Welt der Manga). Daher kann man sich wohl sicher sein, dass man sich bei der Umsetzung wohl viel Mühe gab, um dem Original gerecht zu werden.
Vom Stil her wurde ich dabei oft an Takeshi Kitanos Dolls erinnert. Die Ruhe, der Wald, die Protagonisten. Ein Junge und ein Mädchen, beide verliebt ineinander verliebt, die einen idyllischen Wald durchschreiten. Und dann auch noch dieses verträumte Sommerfest, bei dem die Geister des Waldes sich als Menschen verkleiden. All das, bekommt man in ähnlicher Weise auch in Dolls geboten. Dieses sehr erfreuliche Deja Vu machte die Geschichte zu einem noch unterhaltsameren Vergnügen für mich.

Der Soundtrack profitiert sehr von den Geräuschen der Natur. Die Laute der Zikaden sind sehr entspannend. Auch ein sehr schönes Musikstück (Natsu wo Mite ita) mit Gesang von Shizuru Otaka gibt es am Ende zu hören. Rundum ein sehr gelungenes Paket, was hier geboten wird. Lediglich ist es das Ende selbst, welches leider nicht ganz so überzeugen kann. Es wurde zwar schön in Szene gesetzt, allerdings nahm man sich für die wichtigen Elemente kaum Zeit. Was sehr schade ist, da der Film diese Aufgabe bis zum Finale so gut meistert. Es ist, in der Tat, lediglich ein kleiner Wermutstropfen. Ich hätte mir aber dennoch ein wenig mehr Details gewünscht.


Fazit:


Für alle, die Genug von den immer gleichen Manga und Anime Szenarios haben, und einer wirklich melancholischen Coming of Age Geschichte nicht abgeneigt sind, werden in Hotarubi no Mori e eine wahre Perle finden. Solche Geschichten erzählen die Japaner nur noch selten. Umso erfreulicher ist es, wenn man solch ein Highlight mal findet. Fans von Mushishi und dem von mir bereits angesprochenen Dolls von Takeshi Kitano  könnten hier ebenfalls fündig werden, wenn sie nach einem Werk dieser Art suchen. Und auch die Romantiker werden bedient werden. Ohne das der Film dabei jemals kitschig wird.
Von so etwas würde ich in Zukunft gerne mehr sehen. Ich werde auch weiterhin auf der Suche nach Titeln wie Hotarubi no Mori e sein. Schwer zu finden sind sie. Aber, es gibt sie noch. Wer also mal wieder auf der Suche nach etwas anspruchsvollem ist, der wird hier fündig werden. Ein wirklich fantastisches Kunstwerk mit wunderschönen Zeichnungen, authentischen Synchronsprechern und einem exzellenten Soundtrack. Alles verpackt in einer Geschichte, die komplett auf Kitsch und gängige Anime Klischees verzichtet. Eine klare Empfehlung.


Wertung

8 von 10 Punkte


Kommentare:

  1. Vielen Dank für diese ausführliche Review!
    Ich geb dir vollkommen Recht, heutzutage lässt die Quali und der Inhalt der meisten Anime (und auch Manga wie ich finde) zu Wünschen übrig. Ich bin auch schon ewig nicht mehr auf dem neuesten Stand, ich warte immer nur auf neue Werke aus dem Studio Ghibli oder halt andere kleine Leckerbissen wie "30 Zentimeter pro Sekunde" oder eben "Hotarubi no Mori he". ich kannte den Film nicht nicht, auch wenn er mir bekannt vor kommt, irgendwie :D
    Sieht wirklich sehr melancholisch und romantisch aus, und der Trailer macht wirklich Lust auf mehr. Danke für die Review den werd ich mir bald mal anschauen.^^

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  2. Hallo Shou!

    Willkommen erst einmal auf meinem Blog =)

    Es ist schön wenn jemand durch meine Reviews tatsächlich einen Titel für sich entdeckt. Und Hotarubi no Mori e hat es tatsächlich verdient.
    Dieser ganze Harem und Comedy Trend entwickelt sich zu einer echten Plage. Es gibt kaum noch irgendwelche Anime die nicht auf Fanservice setzen wo anschließend die halbe Weibliche Besetzung fast komplett nackt zu sehen ist.

    Vom Studio Ghibli erscheint ja auch nicht jährlich was. Finde ich sehr schade. Aber Qualität braucht halt seine Zeit. Zuletzt haben sie Arietty gebracht, und, ganz neu, aber noch exklusiv in Japan, From Up on Poppy Hill. Ein Drama von Miyazakis Sohn Goro Miyazaki. Und der hat mit den Chroniken vom Erdsee ja viel Kritik einstecken müssen. Wobei ich glaube, hätte man den Film nicht über den Namen "Studio Ghibli" laufen lassen, wäre er von dem Publikum auch wohlwollender aufgenommen.

    Ich hoffe du schaust öfter mal vorbei.

    Liebe Grüße,
    Marcel.

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