Archiv: Rezensionen zu Literatur und Film

Freitag, 23. August 2019

Review: Once Upon a Time in Hollywood

Poster: Alphaville Design






USA 2019

Once Upon a Time in Hollywood
Drehbuch und Regie: Quentin Tarantino
Darsteller: Leonardo DiCaprio, Brad Pitt, Margot Robbie, Al Pacino, Mike Moh, Margaret Qualley, Timothy Olyphant
Laufzeit: Circa 161 Minuten inklusive Abspann
Genre: Komödie
Verleih: Sony
Premiere: 15.08.2019 (DE)
FSK: Ab 16




Onkel Quentin hat mal wieder ein Märchen zu erzählen: Es war einmal.....


Seit "The Hateful 8" im Jahr 2015 seine Premiere feierte, so scheint es zumindest, hört sich bei Quentin Tarantino alles danach an, egal ob es die Filme selbst sind oder Interviews, als sei das, was kommt, alles ein großer Prolog für den Höhepunkt seiner Filmkarriere. Der berüchtigte finale und zehnte Film von Tarantino steht schon lange im Rampenlicht und ich wette ein bisschen Kupfergeld darauf, dass dieser finale zehnte Film nicht Star Trek heißen wird. Und wenn "The Hateful 8" der Prolog war, dann ist "Once Upon a Time in Hollywood" bereits der Mittelteil, der geradewegs auf das große Finale des Regisseurs zusteuert. Es scheint alles nach Drehbuch zu laufen, er hat alles im Griff und in circa 4-5 Jahren haben wir eine Antwort darauf, wie das Tarantino-Verse enden wird.

Bis dahin müssen wir uns noch mit dem Mittelteil dieser Geschichte begnügen. Lange, bevor bewegtes Material zu "Once Upon a Time in Hollywood" zu sehen war, gab Tarantino Umrisse der Story bekannt. Es war viel mehr ein kleiner Ausblick. Ein Ausblick auf das Leben von Charles Manson und seiner Manson Family und den Morden an die Schauspielerin Sharon Tate und ihrem Anhang. Und irgendwie in diese Geschehnisse geraten ein Schauspieler und sein Stunt Double. Ich erwartete hier eine art zynische Satire die zu Tarantinos frühsten Anfängen wie Natural Born Killers zurückgeht. Eine art Roadmovie durch Hollywood, blutig, sarkastisch und düster. Ein Szenario, welches ich mir ehrlich gesagt nicht gewünscht habe. Tarantino ist ein Typ, der sich, trotz immer wiederkehrender Elemente und Stilmittel, nur ungerne wiederholt. Obwohl beide Kill Bill Filme von ihm immer wieder als ein einziger Film angesehen werden, könnten beide Ausgaben sich nicht mehr voneinander unterscheiden. Was ich sehen wollte war keine düstere Geschichte über Manson und seinen verwirrten und zugedröhnten Anhängern, sondern etwas originelles was die Zuschauer von der düsteren Realität hinter diesen Ereignissen ablenkt.

Als im vergangenem Jahr der erste Trailer gezeigt wurde war ich mehr als überrascht. Es machte den Anschein, als bekommen wir es hier mit einem waschechten Buddy-Movie zu tun, der sich mit der goldenen Ära Hollywoods auseinandersetzt und ich mich die ganze Zeit fragte, wo die Story rund um Chales Manson und Sharon Tate noch ihren Platz finden würde. Mein Interesse ist durch das bewegte Material deutlich gestiegen und "Once Upon a Time in Hollywood" entwickelte sich zu einem Film, den ich ernsthaft herbeisehnte. Das Fundament für einen unterhaltsamen Film schien gelegt zu sein und man hatte nun endlich einen ungefähren Ausblick darauf, was einen bei diesem Film erwarten könnte.

Wenn ein Film mit "Once Upon a Time" im Titel beginnt denkt man als Filmfan vermutlich unweigerlich an Sergio Leones meisterhafte Amerika-Trilogie (Spiel mir das Lied vom Tod, Todesmelodie und Es war einmal in Amerika). Aber man denkt auch an Robert Rodriguez und sein Machwerk, welches sich "Once Upon a Time in Mexico" schimpft. Wenn man dem großen Zampano aus Italien Tribut zollen will, sollte man es besser ernst meinen oder besser ganz bleiben lassen. Natürlich gibt es noch viele weitere Filme die alle mit "Es war einmal....." beginnen. 
Aber keinem dürfte es vermutlich ernster sein als Quentin Tarantino. Seine Verehrung für das Werk von Sergio Leone kennt keine Grenzen. Tarantino ist großer Fan der goldenen Ära Hollywoods, doch kein anderer Filmemacher prägte ihn vermutlich so sehr wie Sergio Leone (1929-1989). Dabei würde es Tarantino jedoch nie einfallen, Leone zu kopieren. Er möchte seine eigene Geschichte erzählen und vermutlich war es nie eine persönlichere Geschichte als in "Once Upon a Time in Hollywood". Und hier könnte man schnell denken, Tarantino möchte lediglich seine persönlichen Ergüsse sammeln und mit Musik unterlegen während er sich den Film im privaten Kino dann täglich ansehen kann. Aber genau das ist "Once Upon a Time in Hollywood" nicht, und, dennoch, liege ich mit meiner Vermutung auch nicht falsch. "Once Upon a Time in Hollywood" ist kein Film, den Tarantino nur zum persönlichen Vergnügen gedreht hat. Es ist ein Film für Fans. Es ist ein Film für die Film-Geeks, für Fans von Italo-Western, Fans verstorbener Filmlegenden, Fans von guter Musik und einer kompletten Ära. Um diese Liebe zum erwidern, muss man in dieser Zeit nicht einmal geboren sein (als die besagte goldene Ära endete war Tarantino selbst gerade einmal sieben Jahre alt).

Mit einer Laufzeit von fast drei Stunden und der Aussicht auf eine noch längere Fassung, an die sich bereits Netflix die Rechte in Gestalt einer Mini-Serie gesichert haben soll, sollte man ordentlich Sitzfleisch ins Kino mitbringen. Dabei würde ich "Once Upon a Time in Hollywood" anders als so manch andere Filme von Tarantino nicht einmal als klassischen Film bezeichnen, der fürs Kino gemacht wurde. Besonders da der Film alte amerikanische TV-Serien aufs Korn nimmt und ihnen gleichzeitig Tribut zollt, eignet sich die Adaption als Mini-Serie unglaublich gut.
Diese etwas über 160 Minuten dürften die Zuschauer aber ungefähr so spalten wie das Rote Meer in einer bekannten Bibelgeschichte. Für die einen könnte "Once Upon a Time in Hollywood" ein Filmfest werden, die anderen könnten hier auf in 35mm Film gebannte Zeitverschwendung stoßen. War "Django Unchained" noch ein Film, der große Massen an Kinogängern angesprochen hat, so ist "Once Upon a Time in Hollywood" das komplette Gegenteil. Man wird eindeutig nicht den Film sehen, mit dem man in den Trailern lockt. Es reicht hier auch nicht lediglich Tarantinos Filmografie zu kennen, es kommt all das zusammen, was ich im letzten Abschnitt angesprochen habe. "Once Upon a Time in Hollywood" ist eine Liebeserklärung für einen selektierten Kreis an Zuschauern. Eine großflächige Empfehlung für "Once Upon a Time in Hollywood" auszusprechen ist einfach unmöglich und Enttäuschungen bei etlichen Zuschauern sind hier wohl auch vorprogrammiert (obwohl Kritiken, Zuschauerreaktionen und Einspielergebnisse durchaus beachtlich sind).

Quentin Tarantino schreibt hier mal wieder seine eigene Geschichte. Er schreibt die Geschichte viel mehr um durch die Magie des Medium Films. Ein Schwarzer lehnt sich gegen die gesamte Sklaverei auf, Adolf Hitler wird im Kino erschossen und die Manson Familie ist ein inkompetenter Haufen Hippies der die Aufträge seines Gurus nicht ausführen kann. Es ist beinahe schon ein Kuriosum, wie wenig "Once Upon a Time in Hollywood" mit Chales Manson zu tun hat und dennoch die ganzen Ereignisse im Film darauf aufbauen.
Tarantino ist ein Filmemacher, der das große Glück hatte schon zu Beginn seiner Karriere mit namhaften Darstellern zusammenzuarbeiten. Mit Brad Pitt und Leonardo DiCaprio treffen sich hier zwei Ausnahmekönner aus Tarantinos neueren Filmen wie Inglourious Basterds und Django Unchained. Doch wie immer kratzt man hier nur an der Oberfläche, denn es sind mal wieder die Gastauftritte, auf die man ein besonderes Augenmerk legt. So drücken sich langjährige Tarantino-Kollaborateure und andere bekannte Gesichter hier die Klinke in die Hand. In winzigen Rollen sieht man hier (erstmals in einem Film von Tarantino) Al Pacino, Kurt Russell, Timothy Olyphant, Michael Madsen, Bruce Dern, Luke Perry (in seiner letzten Rolle) sowie Zoë Bell. Und über allen wacht praktisch die Australierin Margot Robbie, die Tarantino für die Rolle der Sharon Tate auswählte.

Bereits im Vorfeld gabs Kritik seitens Shannon Lee, der Tochter von Bruce Lee, der Film würde respektlos mit dem Erbe ihres Vaters umspringen. Damit liegt sie, zumindest auf den ersten Blick, nicht komplett falsch. Bruce Lee (im Film verkörpert von Mike Moh) wird hauptsächlich als überheblicher Martial Arts Guru dargestellt, der irgendeinen philosophischen Kauderwelsch von sich gibt. Aber auf den gesamten Film gesehen ist diese völlig überzogene Darstellung einer Legende nicht ungewöhnlich. "Once Upon a Time in Hollywood" hat nichts mit der unseren bekannten Realität zu tun. Sämtliche Charaktere im Film, ob fiktiv oder real sind bis zur völligen Absurdität überzogen. Diese Absurdität geht so weit, dass selbst die Ereignisse um Charles Manson und seinen Anhängern kaum ernst genommen werden können. Nicht nur Altmeister Bruce Lee wird hier so comichaft dargestellt, es ist der gesamte Film der diesen Weg geht. Dieser spielt wie die Filme davor in Tarantinos eigenem Universum in dem einfach nichts so ist, wie es sich wirklich einmal abgespielt hat. Und dennoch kam es mir nie vor, als behandle man den Filmlegenden, die in "Once Upon a Time in Hollywood" vorkommen, respektlos.

Was die Musik angeht verlässt sich Tarantino diesmal nahezu komplett auf einen lizenzierten Soundtrack. Bestand die Musik zu "The Hateful 8" noch aus epochalen Stücken von Ennio Morricone, besteht die Musik in "Once Upon a Time in Hollywood" größtenteils aus mehr oder weniger bekannter Musik aus den 60ern. Und wie immer nimmt die Musik bei einem Film von Tarnatino wieder einen wichtigen Stellenwert ein. Viele Szenen funktionieren am besten mit der Musikuntermalung, das furiose Finale würde ohne die Musikuntermalung vielleicht überhaupt nicht zünden oder nur bedingt, hätte Tarantino hier den falschen Song ausgewählt. Wieder einmal muss der fantastische Soundtrack hervorgehoben werden.




Fazit


Onkel Quentin hat mal wieder eine Geschichte erzählt. Und sie wirkt beinahe wie eine mehr als zweistündige Einleitung für das Finale, was man wieder einmal kaum in Worte fassen kann. Oh ja, am Ende werden die Ketten sämtlicher Logik gesprengt, es wird blutig, ja, beinahe schon sadistisch. Die in LSD eingetauchte Filterzigarette fängt zu dieser Zeit dann auch bei den Zuschauern an zu wirken. Das Medium Film wird erneut zum ultimativen Held der Geschichte und schreibt sie gleichzeitig neu. Eigentlich alles wie immer bei Tarantino und dennoch ist dieser vorletzte Film von ihm ein bisschen verspielter und reifer zugleich und als alles, was er zuvor so abgeliefert hat. Allerdings ist "Once Upon a Time in Hollywood" auch ein Film, den viele Zuschauer als kaum zugänglich und anschaubar betrachten könnten. Ein provokanter Film der eigentlich gar nicht provokant sein will sondern bis über den Abspann hinaus lediglich am laufenden Band Tribut zollt. Ein Film, auf den man sich erst einmal einlassen muss. Wenn das möglich ist, dann macht dieses Märchen eine menge Freude und reiht sich mit zu Tarantinos besten Werken ein. Ein sehr netter Zeitvertreib bis zum zehnten Film.

Dienstag, 13. August 2019

Rezension: Die Liebe im Ernstfall (Daniela Krien)




Deutschland 2019


Die Liebe im Ernstfall
Autorin: Daniela Krien
Verlag: Diogenes
Genre: Slice of Life Drama




"In jenen Wochen erwähnte Ludger oft, wie glücklich er sei. Paula erschien es, als bezahlte sie den Preis für dieses Glück. Als lebte er von ihr. Je mehr Energie er hatte, umso schwächer fühlte sie sich. Je besessener er Pläne schmiedete, umso antriebsloser wurde sie.
Es war die Zeit, als er sich einen Bart stehen ließ, als er aufhörte, Fleisch zu essen und Insekten zu töten. Als er einen Wasserfilter installierte und eine Kornquetsche kaufte. Als er begann, einen erheblichen Teil seines Gehalts an Tierschutzorganisationen und Menschenrechtsverbände zu spenden und den Umzug ihres Bankkontos zu einer ethisch vertretbaren Bank organisierte. Und die Begründung für sein Handeln war so schlicht wie wahr: weil es nicht falsch sein konnte, das Richtige zu tun."



"Die Liebe im Ernstfall" wurde bereits zu seinem Erscheinen im März als der deutschsprachige Roman bezeichnet, der die Leser im Sommer begleiten könnte. Eine vielversprechende Aussicht, die der Literaturkritiker Denis Scheck erst kürzlich in seiner Sendung "Druckfrisch" noch einmal bestätigte.

Bereits 2011 erlangte die Autorin und zweifache Mutter Daniel Krien viel Aufmerksamkeit als ihr Roman "Irgendwann werden wir uns alles erzählen" erschien. Eine neue, deutsche literarische Hoffnung, die ausnahmsweise mal keinen Krimi schreibt. Dafür aber anscheinend einen Roman über frustrierte Frauen mittleren Alters, die unzufrieden mit ihrem Liebesleben sind. Und die Kerle sind sowieso immer an allem Schuld.
Es wäre tatsächlich so einfach, Daniela Kriens rund 300 Seiten langen Roman in eine Schublade zu packen. Schon auf den ersten Seiten könnte sich eine art Klischee breit machen, doch ich garantiere, diese ersten Seiten kratzen lediglich an der Oberfläche einer sehr interessanten Charakterstudie. Und diese kurze Zeit zur Entfaltung muss man dem Roman einfach geben. Selbstverständlich und vermutlich auch nicht ungewollt von der Autorin wurde "Die Liebe im Ernstfall" unter Lesern relativ kontrovers aufgenommen. Besonders das Schubladendenken des Lesers sehe ich hier jedoch als eine art Stilmittel an, welches die verschiedenen Geschichten rund um die fünf Frauen noch einmal intensiviert.

Paula, Judith, Brida, Malika und Jorinde teilen alle ein gemeinsames Schicksal. Sie sind teilweise sehr unglücklich, hatten über die letzten Jahre keine glücklichen Lose gezogen und immer wieder spielte Amor ihnen einen Streich. Die volle Breitseite zu spüren bekam Paula, mit der die Geschichte auch beginnt (siehe Zitat aus dem Buch). Brida hingegen muss schmerzlich erfahren, dass ihr Mann sie gegen eine jüngere Version ausgetauscht hat. Das Konzept der Geschichte ist klar, die fünf Frauen teilen ähnliche Schicksalsschläge. Die Geschichten selbst erzählt Daniela Krien meistens aus Rückblicken und wie es zu den jeweiligen Ereignissen kam. Die Autorin springt, ohne, dass es für den Leser verwirrend wird, vor und zurück in den zeitlichen Ereignissen und setzt sich ausgiebig mit ihren Protagonistinnen auseinander. Der Roman befasst sich, ohne aufgesetzt zu wirken, mit Themen wie Depressionen, Burnout aber auch einem gesunden Maß an Selbstfindung. Doch es ist auch eine Geschichte über zweite Chancen und den Weg, Krisen zu bewältigen. Dabei ist "Die Liebe im Ernstfall" sicherlich kein Lehrbuch oder ein Buch, welches stark zu nachdenken anregen soll. Allen voran will Daniela Krien hier eine kurzweilige Geschichte über die Höhen und Tiefen moderner Frauen zu erzählen. Beim lesen der Lektüre wusste ich es daher sehr zu schätzen, dass das Buch nicht auf irgendwelche Trends aufspringt und die Leser mit Feminismus-Tiraden penetriert. Die Männer sind Schuld, die Frauen aber auch. Die Geschichten werden aus der Sicht der fünf Frauen erzählt, jedoch glorifiziert die Autorin ihre Protagonistinnen nicht. Zwar insgesamt ein bekanntes Thema, allerdings aus einer frischen Sichtweise erzählt.

Ist denn Daniela Kriens Roman nur etwas für Frauen? Sicherlich nicht. Ich fand die Geschichte bis zur letzten Seite sehr interessant und der Schreibstil ist so kurzweilig, dass das Lesevergnügen sogar relativ schnell endete. "Die Liebe im Ernstfall" ist ein Roman, den man völlig unabhängig des eigenen Geschlechts lesen kann. Allerdings sollte man gefasst sein, dass das Buch auch einige pikante Themen aufgreift und vielleicht nicht die Stimmung aufheitert, wenn man einen schlechten Tag hatte.





Abschließende Worte

"Die Liebe im Ernstfall" gehört bereits jetzt zu meinen literarischen Überraschungen aus dem Jahr 2019. Obwohl ich in diesem Jahr als Blogger ein wenig kürzer trete, war es mir ein regelrechtes Bedürfnis, den Roman von Daniela Krien hier vorzustellen. Es ist eine Geschichte über die Liebe, aber kein Liebesroman. Es ist eine Geschichte über tragische Schicksale und gescheiterte Beziehungen, aber keine melodramatische Tragödie in mehreren Akten. Alles ist hier wunderbar dosiert, ohne von einer Zutat zu viel hinzuzufügen. Wenn also energischer Applaus aus den hinteren Reihen für "Die Liebe im Ernstfall" ertönt, der kommt von mir.

Mittwoch, 31. Juli 2019

Rezension: Auf die Freundschaft





Internationale Autoren verschiedener Epochen, veröffentlicht 2019


Auf die Freundschaft
Autoren: Diverse
Herausgeber: Rafik Schami
Verlag: Manesse
Übersetzung: Diverse Übersetzer (alle vermerkt im Anhang)
Genre: Anthologie mit dem Schwerpunkt auf das Thema Freundschaft




Freundschaft: Ihre Lebensdauer richtet sich nach dem Zeiger des gegenseitigen Vertrauens
Else Lasker-Schüler



Ein wundervolles, kurzweiliges (und doch prall gefülltes) Buch für den Sommer mit einem originellen Konzept. "Auf die Freundschaft" wurde von dem syrisch-deutschen Schriftsteller Rafik Schami, ein Pseudonym aus der arabischen Sprache und so viel wie "Damaszener Freund" bedeutet, herausgegeben und kommentiert. Rafik Schami selbst ist auch mit eigenen Geschichten in der Anthologie vertreten.

Warum ich von dem Konzept so angetan bin hat einen Grund. In Zeiten der sozialen Medien wie Facebook oder Instagram hat der Begriff "Freundschaft" an Bedeutung verloren. Eine neue Freundschaft ist heute nur einen Klick entfernt. Und so unpersönlich wie dieser eine Klick ist meistens auch die Lebensdauer dieser Freundschaften. Um hier also auf das Zitat von Else Lasker-Schüler aus der Geschichte "Freundschaft und Liebe" zurückzukommen, die sich auf eine wundervoll humoristische aber auch poetische art und weise mit den "komplizierten" Themen Freundschaft und Liebe auseinandersetzt, so basiert eine innige Freundschaft auf Werten wie "Vertrauen" und "Verlass". Werte, die besonders in der virtuellen Welt heute keine enorm große Beachtung mehr finden.

Die ausgewählten Geschichten stammen aus den verschiedensten Epochen und wurden verfasst von namhaften Autoren. Ich will sie hier nun nicht alle nennen aber zu dieser Anthologie wurden Geschichten von der eben erwähnten Else Lasker-Schüler über Marcel Proust, Oscar Wilde, Natsume Soseki bis hin zu Texten von Konfuzius ausgewählt. Es ist ein buntes Spektrum an sehr kurzen bis mittellangen Erzählungen, Anekdoten und Aphorismen, ausführlichen Erklärungen und Einblicke in die verschiedensten Kulturen unserer Welt. Keine Geschichte gleicht der anderen durch diese erfrischende Auswahl. Eröffnet wird das Buch dabei von einer winzigen Anekdote des griechischen Dichters Äsop.

Am Ende des Buches befindet sich noch ein ausführlicher Anhang. In diesem findet man sämtliche Quellennachweise sowie die Namen der jeweiligen Autoren und den Übersetzern. "Auf die Freundschaft" ist bei Manesse in in der ehemaligen "Bibliothek der Weltliteratur" (ich weiß gar nicht, ob sie den Namen dieser fantastischen Reihe beibehalten haben) als Hardcover im kleinen Format mit Schutzumschlag und Lesebändchen erschienen.




Abschließende Worte

"Auf die Freundschaft" ist eine im wahrsten Sinne des Wortes zeitlose Sammlung an unterhaltsamen Kurzgeschichten. Die von Rafik Schami ausgewählten Texte sind abwechslungsreich und treffen die Thematik des Buches, ohne das Konzept damit zu penetrieren. Hier versammelt sich ein Staraufgebot an Autoren der Weltliteratur, die alle was zu einem Thema zu sagen haben, was wir im Internet zwar überall angezeigt bekommen und Einladungen dafür verschicken (oder diese ablehnen) und trotzdem kaum noch jemand versteht. Freundschaft ist mehr wert als ein Mausklick. Wie Freundschaft noch so funktioniert, erfährt man in diesem Buch.

Freitag, 28. Juni 2019

Rezension: Jenseits der Zeit (Cixin Liu)





Die Trisolaris-Trilogie 3


China 2010

Jenseits der Zeit
Originaltitel: Sǐshén yǒngshēng
Alternativ: Three Body Part 3
Autor: Cixin Liu
Verlag: Heyne
Übersetzung: Karin Betz
Genre: Hard Science-Fiction



Auch in der deutschsprachigen Science-Fiction Landschaft hat sich der Name Cixin Liu in den letzten 2-3 Jahren etabliert. Mit einer kompletten Übersetzung aus der chinesischen Sprache und viel Präsenz in den Medien hat es Heyne geschafft, ein angestaubtes Genre in Deutschland wieder salonfähig zu machen. Und dabei ist der Stoff von Cixin Liu doch gar nicht mal so einfach zu vermarkten. Genau wie der großartige walisische Science-Fiction Autor Alastair Reynolds (nur drei Jahre jünger als der Chinese) spielt Cixin Liu mit ungeheuren Zeitspannen. Wir haben es bei der Trisolaris-Trilogie mit einer großen Geschichte zu tun, die jedoch gewaltige Zeitspannen umfasst. So spielt der Abschlussband der Trilogie nochmal ein halbes Jahrhundert nach den Ereignissen in "Der dunkle Wald", Und immer wieder müssen wir Leser uns vor Augen halten, das diese gigantische Geschichte während der chinesischen Kulturrevolution (1966-1976) ihren Anfang fand.

Protagonist Luo Ji wird in "Jenseits der Zeit" durch die junge Raumfahrtingenieurin Cheng Xin, die aus dem Kälteschlaf geholt wurde, ersetzt. Luo Ji, nun ein alter Mann, soll seine Aufgaben an die jüngere Generation weitergeben. Und diese Aufgabe besteht aus keiner geringeren Last, als den Waffenstillstand zwischen der Menschheit und den Trisolanern aufrecht zu erhalten. Obwohl die Menschheit einen langanhaltenden Frieden genießt und sich durch die Technologie der Trisolaner stark weiterentwickelt hat was Lebensart und Technik angeht, wartet die außerirdische Rasse nur auf diesen Generationswechsel, damit sie in absehbarer Zeit zuschlagen kann. Einmal mehr steht die Menschheit vor einer scheinbar aussichtslosen Lage.

Dabei steht die Bedrohung gegen die Erde in "Jenseits der Zeit" gar nicht im Mittelpunkt. Wer hier eine art "Krieg der Welten" oder "Edge of Tomorrow" erwartet wo eine fiese außerirdische Rasse den Menschen das Leben zur Hölle macht, der wird enttäuscht werden. Viel mehr geht es in diesem letzten Band um die Entwicklung der Menschheit, um Fortschritt, um Technologie. Wie immer ist es ungemein schwer, die Welten und Konzepte von Cixin Liu zu beschreiben, da all das auf dem Papier sehr trocken und zäh klingt (in Wahrheit ist es das komplette Gegenteil, die Reihe hat trotz ihres Umfangs nur extrem wenige Längen, die aber immer wieder gut überbrückt werden). Mit diesem dritten Teil jedoch in die Reihe einzusteigen wäre ein unmögliches Unterfangen. Obwohl zwischen den Büchern inhaltlich Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte vergehen, so sind die Bücher wie auch alle darin vorkommenden Personen alle stark miteinander verknüpft. Das Große Ganze erschließt sich einem nur, wenn man von Seite 1 an dabei gewesen ist.




Abschließende Worte

Mit der letzten gelesenen Seite endete auch für mich eine lange Reise durch Raum und Zeit. Und wie immer erfüllte mich dies mit Wehmut. Ja, so etwas ist eine ganz normale Reaktion wenn man lange dabei ist und am Ende auch noch belohnt wird, den Autor auf so einer langen Reise begleitet zu haben. Ein Geschenk, welches eine gewisse TV-Serie ihren Fans zuletzt nicht gemacht hat. Doch einen runden Abschluss zu einer großen Geschichte zu erhalten ist an sich ein Luxus. Cixin Liu gewährt in seinen Werken einen tiefen Ausblick auf eine mögliche Zukunft. Dabei scheint es seine eigene Zukunft zu sein, die sehr ungewiss ist. Bleibt nur zu hoffen, dass weder Cixin Liu noch dem Heyne Verlag und seinen Bemühungen für die Übersetzungen die Puste ausgehen wird. Denn was mich angeht, ich bin schon wieder bereit, den nächsten Trip jenseits der Zeit zu buchen.

Donnerstag, 30. Mai 2019

Im Rückblick: Spiral -The Ring 2 oder: Aufklärung mit Dr. Med Suzuki




But regardless of whether or not the mechanism Miyashita had suggested was actually how it had happened, the fact remained that Mai Takano had given birth to Sadako Yamamura a week after insemination. That seemed to be beyond question at this point. A week from insemination to birth was an awfully short time. Something must have served to hasten the process of cellurar diversion. A cell's nucleus contains chemical compunds called nucleic acids, and cellular division only occurs when the level of these nucleic acids exceed a certain level. Accordingly, the only way to drastically accelerate the frequency of cellurar division is to provide excess quantities of nucleic acids. Perhaps the ring virus had managed this somehow, making it possible to force an incredible rate of growth in the fetus.


Vorab muss ich um Verzeihung bitten, sämtliche ausgewählte Zitate in diesem Post basieren auf der englischen eBook-Ausgabe von Spiral - The Ring 2 (die übrigens auch in deutscher Übersetzung leider nur auf der englischen Übersetzung aus dem Japanischen basiert). Ich kann aber Entwarnung an all diejenigen geben, deren Englisch eingerostet ist oder der Sprache gar nicht mächtig sind: Das zitierte Geblubber ist auch in der deutschen Übersetzung kaum erträglicher.

Der Grund, wieso ich mir ausgerechtet jetzt die Ring-Saga vornehme, hat mit einem Ereignis zu tun, welches knapp zwei Jahre zurückliegt. Ende 2017 erschien die englische Übersetzung des vierten Teils der Ring-Saga von Koji Suzuki, der auf den schlichten Titel "S" hört und somit ein Albtraum für sämtliche Suchanfragen im Internet ist. Mit "Tide" erschien ein Jahr später ein fünfter Roman (mit der Kurzgeschichten Anthologie "Birthday" wären es insgesamt sogar sechs Bücher), der allerdings noch nicht in die englische Sprache übersetzt wurde. Von einer deutschsprachigen Übersetzung will ich gar nicht erst reden, denn das letzte Ring-Buch was Heyne veröffentlichte war "The Ring 0 - Birthday" und erschien im Jahr 2006. Sämtliche deutschsprachigen Ausgaben sind mittlerweile Out of Print und meiner Recherche nach nicht einmal digital als eBooks erhältlich. Ein Grund dafür könnte sein, dass Heyne nicht mehr die Rechte für die Reihe besitzt.

Die Geschichte über das gruselige, untote Mädchen aus dem Brunnen mit tragischer Hintergrundgeschichte ist weltweit bekannt. Ob man nun den Roman von Koji Suzuki kennt (der sich dennoch drastisch von sämtlichen Verfilmungen unterscheidet) oder lediglich die Filme, die Chance ist sehr hoch, dass man einmal mit Sadako oder Samara irgendwie in Kontakt gekommen ist. 1991, also vor knapp 28 Jahren löste der Roman in Japan eine Massenhysterie im Buchhandel aus. Die Verfilmung aus dem Jahr 1998 von Hideo Nakata war jedoch auch weltweit ein großer Hit und schwappte über nach Amerika. Und bekanntlich ist der Rest Geschichte.

Ungefähr zur Zeit wo Vertical "S" in englischer Sprache veröffentlichte, nahm ich mir das Original von Koji Suzuki vor. Die Unterschiede zur Verfilmung, auch wenn die Story ungefähr die gleichen Wege geht, erheblich. Asakawa, Protagonist und tragischer Held, ist im Buch ein Mann und Ryuji Takayama ein exzentrischer Misanthrop (also keine ergreifende Familiengeschichte). Auch die Backstory rund um Sadako, dem Mädchen aus dem Brunnen, wurde drastisch verändert in der Verfilmung, die wesentlich mehr wert auf Unterhaltung und Schockeffekte legt. Das Sadako ein Hermaphrodit ist und gleichzeitig noch vergewaltigt wurde, was zu ihrem düsteren Ende im Brunnen führte, ist in der Verfilmung kein Thema.

The Ring oder auch Ringu war ein kurzweiliges wie spannendes Abenteuer. Der Grusel funktioniert auch im Buch. Suzuki hat es geschafft Horror mit Mystery und Drama zu verknüpfen und durch die Unberechenbarkeit des Videos konstante Gefahr über die Charaktere herabregnen lassen. Eine Spannung, die sich auf den letzten Seiten entlädt und in ein unglaublich pessimistisches, aber sehr rundes, abgeschlossenes Ende mündet. Die Story hätte gewiss keine Fortsetzung gebraucht, aber falls doch, so hatte sich Suzuki ein Hintertürchen offen gelassen da sein Protagonist Asakawa noch einige verheißungsvolle Ankündigungen macht. Und sollte es eine Fortsetzung geben, so hätte Suzuki theoretisch nur seine Zauberformel fortführen und erweitern müssen.

Aber es sollte völlig anders kommen, denn Koji Suzuki hatte nie die Absicht, The Ring so fortzuführen, wie es normalerweise ein Sequel tut. 1995 erschien die Fortsetzung "Spiral" oder auch "Rasen" im Original genannt. Erschienen somit noch immer einige Jahre vor der ersten Verfilmung. Noch im Jahr 1998 hatte man es dann erstmals versucht, sich an Suzukis Fortsetzung Spiral zu setzen. Das Ergebnis war verblüffend ernüchternd, sowohl national als auch international generierte der gleichnamige Film keinen Hype und gilt heute als "Vergessen". Den Film habe ich Anfang der Jahrtausendwende gesehen und war mäßig begeistert über die wirre Handlung, schloss einige Jahre später aber halbwegs meinen Frieden damit. 2017 wagten sich die Amerikaner lose an Suzukis Fortsetzung, was allerdings in einem Fiasko für alle Beteiligten endete (der Film war gar nicht mal übel, wenn man mich fragt).

Obwohl die Verfilmungen von der Presse als Flops abgestempelt wurden, so scheint keiner dieser Herren und Damen jemals das Buch gelesen zu haben, was für Idee und Plot dieser Filme verantwortlich war. Und hier ist der springende Punkt, denn das Buch ist ein selbstverliebtes Sammelsurium an wirrer Science-Fiction gepaart mit Drama-Elementen und Philosophie. Zwar bewundere ich es einerseits, dass Kadokawa so zuversichtlich war und Spiral in diesem Zustand veröffentlicht hat ohne den Autor anscheinend in seiner künstlerischen Vision einzuschränken, andererseits frage ich mich, wie dieses Buch überhaupt entstehen konnte. Eine intelligente Fortführung der Geschichte wäre durch das etwas offene Ende des Vorgängers schon möglich gewesen, wieso Koji Suzuki jedoch den Weg gegangen ist, den er hier eingeschlagen hat, stellt für mich zumindest ein absolutes Rätsel dar.

Folgende Probleme begleiten diesen rund 300 Seiten langen Roman konstant:

- Medizinische Fachbegriffe bis zu einem Maß der Unerträglichkeit
- Plumper, langweiliger, besserwisserischer und in Selbstmitleid versinkender notgeiler Protagonist
- Teilweise widersprüchlich gegenüber dem Vorgänger
- Teilweise nur eine Nacherzählung des Originals
- Banale, in Möchtegern-Philosophie versinkende Dialoge


Intuition is all I have to go by regarding the changes in my body, but I know beyond a doubt that I am different from what I was before. I seem to have both a womb and testicles. Previously, I had no womb. Reborn, I have both. I am now a complete hermaphrodite. What is more, the man in me can ejaculate. I learned that as a result of what we did together.


Normalerweise bin ich ein großer Fan davon, wenn sich eine Fortsetzung nicht wiederholt. Wenn dabei aber so ein Plot-Durchfall bei herumkommt muss ich mich ernsthaft fragen, wieso der Autor nicht zumindest einen Kompromiss schließen konnte und eine Hälfte des Buches traditioneller, im Stile des Originals, hätte schreiben können. Spiral wird begleitet von konstanten Problemen in Sachen Pacing, die mangelnde Intelligenz sämtlicher Charaktere und widersprüchlichen Aussagen, die dem Original schaden.

Das zweite große Problem sind die medizinischen Fachausdrücke. Theoretisch müsste ich Spiral gemeinsam mit meinem Hausarzt lesen, um 30% des Inhalts folgen zu können. Viele Bücher entstehen in Zusammenarbeit mit Ärzten oder Gerichtsmedizinern. Diese Bücher entstehen jedoch meistens mit zwei Leuten vom Fach (Romanautor x Mediziner Kombination zum Beispiel). Bei Spiral könnte man meinen, Suzuki ist der Mediziner, jedoch nicht der Romanautor. Ich will nicht bezweifeln, das die Recherche für dieses Buch nicht aufwendig war und vielleicht teilweise auch in Zusammenarbeit mit einem Mediziner entstanden ist (leider habe ich zur Entstehungsgeschichte keinerlei Infos gefunden), wenn ein Buch jedoch in nahezu unaussprechlichen Fachbegriffen versinkt wirkt der Versuch dann doch eher überheblich, arrogant und herabblickend auf die Leser. Problem Nummer 2 führt gleichzeitig zum dritten großen Problem, Ando, unser Protagonist.

Ando ist Doktor der Medizin. Seine Schuld war es, dass sein kleiner Sohn vor einiger Zeit im Meer von der Strömung mitgerissen wurde und ertrank. Ando konnte gerade noch eine Haarsträhne des Jungen ergreifen. Danach ging Andos Leben, noch immer wenig verwunderlich, in die Brüche. Seine Ehe scheiterte und er lies sich gehen und verbringt seit dieser Schicksalhaften Zeit sein Leben grübelnd in einem kleinen Apartment und in der Arbeit versinkend. Als Ando auf einmal seinen ehemaligen Freund aus Studienzeiten, Ryuji, auf dem Obduktionstisch hat, beginnt für ihn und besonders für den Leser ein Albtraum. Denn wir, die Leser, müssen Ando und seine besserwisserischen Kommentare bis zum bitteren Ende ertragen. Wenn es im Buch mal keinen Abschnitt gibt, der sich mit Andos Selbstmitleid befasst, löst er entweder für den Leser kaum zu meisternde Rätsel, macht sich an sehr junge Frauen ran und mischt sich in Angelegenheiten ein, die ihn eigentlich nichts angehen. Begleitet wird Ando dabei von einem Arbeitskollegen, einen nicht weniger aufdringlichen, korpulenten Mann namens Miyashita. Hatten wir im Vorgänger noch mit Asakawa und Ryuji ein schlagkräftiges Duo, was sich auch noch gegenseitig ergänzt hat, haben wir es in Spiral mit zwei unglaublich unfähigen wie uninteressanten Protagonisten zu tun.


The man who had joined forces with Sadako to hunt down humanity for sport was in his room, watching how things went, laughing derisively at Ando for noticing too late to do anyting about it. 


Der Plot, so wirr uns unsinnig er auch letztendlich ist, lässt aber dennoch immer mal wieder Potential aufblitzen was tatsächlich in Suzuki steckt, wenn er über das schreibt, was er beherrscht. Den Leuten Angst einjagen. So gibt es zum Beispiel die Stelle im Buch, wo Ando alleine in Mai Takanos Apartment ist und eine unheimliche Präsenz spürt. Oder eine weitere Szene mit Ando (Überraschung), als er sich alleine auf dem Dach eines Hochhauses befindet und den Ort von Mais Verschwinden untersucht. In diesen Momenten wird Suzuki zu einem packenden Erzähler, der seine Leser erreicht und die Seiten im Buch sich beinahe automatisch umblättern. Leider haben wir es hier nur mit sehr seltenen Momenten zu tun, wo Spiral wirklich Potential offenbart. Die meiste Zeit jedoch dümpelt und plätschert die Story belanglos vor sich hin, wird mit langweiligen Rückblicken aufgebauscht und driftet gegen Ende in die völlige Banalität ab.

Spiral möchte Horror, Science-Fiction und Philosophie miteinander verschmelzen, opfert dabei aber nicht nur sämtliche Charaktere aus dem Vorgänger, sondern gleichzeitig auch die unheimliche, ikonische Gegenspielerin, Sadako Yamamura. Sadako verkommt in Spiral zu einer schwätzenden Samenbank, die nicht nur verstorbene Leute zurück ins Leben holen kann (Suzuki versucht dies wissenschaftlich und philosophisch zu erklären) sondern auch plant, die Bevölkerung der Welt durch Millionen von Sadakos auszutauschen. Mit anderen Worten, Sadako will die Weltherrschaft und dank Ando und ihrer Fähigkeit zur Reproduktion könnte dies ein Szenario einer nicht all zu fernen Zukunft sein.

Even if the Ring itself is destroyed, the media is going to be transformed by people who have contracted the ring virus. Just as that videotape mutated into a book, it's going to get into every stream: music, video games, computer networks. New media will crossbreed with Sadako and produce more new media, and every ovulating woman who comes in contact with them will give birth to Sadako.


Der Reiz an philosophischen und Science-Fiction Thematiken besteht darin, Theorien und unvorstellbare Möglichkeiten weiter zu spinnen und zu debattieren. Ein Autor, der dies auf verständnisvolle weise geschafft hat in grandiose Science-Fiction Geschichten umzuwandeln ist der chinesische Autor Cixin Liu, zu dessen Werke ich hier schon einiges geschrieben habe. Die Möglichkeiten der Science-Fiction sind nahezu unbegrenzt und müssen nicht zwanghaft immer etwas mit dem Weltraum und Laserpistolen zu tun haben. Science-Fiction ist allen voran auch, wie der Name sagt, Wissenschaft. Wissenschaft, die ebenfalls unbegrenzte Möglichkeiten bietet. Dazu ruft auch Spiral auf, besonders der Epilog zwischen Ando und Ryuji lädt dazu ein. Leider ist es mir dabei nur nicht möglich, ernsthaft über Frauen nachzudenken, die während ihres Eisprungs von einer übernatürlichen Macht per verschiedener Medien unserer Populärkultur befruchtet und anschließend die Welt mit ein und der gleichen Frau bevölkern werden. Es gibt Grenzen, an die meine Vorstellungskraft stößt und Koji Suzuki hat diese mit seinem Roman Spiral eindeutig gesprengt.

So wird mir Spiral als Roman über Frauen in Erinnerung bleiben, die sich in größter Gefahr begeben sobald sie ein spezielles Buch lesen oder einen beseelten Film schauen, während sie menstruieren.
Ich hatte bisher noch nicht die Motivation mit "Loop - The Ring 3" weiterzumachen. Das Buch ist eindeutig dicker als der Vorgänger und die Beschreibung des Inhalts klingt noch abenteuerlicher. Der Reiz, sich noch einmal ein Buch dieser art anzutun wird jedoch davon angespornt, zu beobachten, ob sich der Autor hier vielleicht doch wieder zu alter Stärke besinnt. Ob das nach Spiral überhaupt noch für mich als Leser möglich ist, die Geschichte rund um Sadako wieder ernst nehmen zu können, steht dabei auf einem anderen Blatt Papier.

The first thing to do was for Sadako to inseminate one of her own eggs. With both female and male functions, Sadako was the only one capable of implanting a fertilized egg in her uterine wall with no outside assistance. The next step was to remove this egg and replace its DNA with the DNA of the individual they wanted to bring back to life. True, it took delicate skill to extract the nucleus from one of the cells in Takanori's hair and switch it with the nucleus of Sadako's inseminated egg. But for a specialist, it wasn't all that difficult. Theoretically, it was possible even to resurrect long-extinct dinosaurs, as long as their DNA survived.


Es gäbe somit selbst für die Dinosaurier noch Hoffnung. Eine tröstende Spinnerei, die bei vielen Menschen für einen entspannten Schlaf sorgen dürfte.