Archiv: Rezensionen zu Literatur und Film

Sonntag, 15. Juni 2014

Haruki Murakami: Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki (Rezension)







Die Murakami Rezensionen 7

Japan 2013


Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki
Autor: Haruki Murakami
Originaltitel: Shikisai wo motanai Tazaki Tsukuru to, kare no junrei no toshi
Erscheinungsjahr: 2013 in Japan, 10. Januar 2014 in deutscher Übersetzung beim DuMont Buchverlag
Übersetzung: Ursula Gräfe
Genre: Drama, Mystery



"Eri hörte ihm aufmerksam zu, ohne ihn mit einem Wort zu unterbrechen.
>>Du musst um sie kämpfen, Tsukuru<<, sagte sie, als er geendet hatte. >>Unter allen Umständen. Wenn du sie jetzt gehen lässt, wirst du vielleicht nie wieder eine Frau wie sie finden.<<
>>Aber mir fehlt das Selbstvertrauen.<<
>>Warum denn?<<
>>Weil ich nichts bin. Ich habe keine Persönlichkeit, ich bin farblos. Ich habe ihr nichts zu bieten. Das ist von Anfang an mein Problem gewesen. Ich komme mir vor wie ein leeres Gefäß. Vielleicht habe ich eine gewisse Form, aber von Inhalt kann keine Rede sein. Überhaupt kann ich mir nicht vorstellen, dass ich zu ihr passe. Mit der Zeit wird sie mich besser kennenlernen und unweigerlich enttäuscht sein. Und mich verlassen.<<
>>Du solltest mehr Mut und Selbstvertrauen haben, Tsukuru. Ich hatte mich doch auch in dich verliebt. Damals hätte ich alles für dich getan. Ein wahrhaftiges, echtes Mädchen, in dessen Adern warmes Blut floss. Du kennst deinen Wert nicht. Du bist überhaupt nicht leer.<<"
(Haruki Murakami, Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki, Übersetzung: Ursula Gräfe, DuMont Buchverlag)


Genau in diesen Augenblicken, wo ich diesen Text hier verfasse, spielen die Jungs der Elfenbeinküste gegen die japanische Nationalmannschaft im warmen, wie gleichermaßen verregneten Recife bei der noch jungen Fußballweltmeisterschaft in Brasilien. Während das Spiel leise im Hintergrund läuft, stelle ich mir die Frage, was wohl der Autor gerade tut, der in Japan geboren und aufgewachsen ist, und immer noch dort lebt. So wird meine Frage wohl auch nach dieser Rezension unbeantwortet bleiben, ob Haruki Murakami sich dieses Fußballspiel wohl angeschaut hat.

Sollte Murakami aber auch nur etwas von seinem Protagonisten besitzen, der im gleichnamigen, hier besprochenem Roman auftritt, dürfte ihn Fußball wohl nur wenig interessieren.
Nach Murakamis großer 1Q84 Trilogie, wurde 2013 sein neuster Roman in Japan publiziert. Der Titel klang seltsam und übersetzte sich in die Englische Sprache ungefähr "Colorless Tsukuru Tazaki and His Years of Pilgrimage" (ironisch an der Sache ist, die englischsprachige Ausgabe erscheint erst am 12. August dieses Jahres). Selbst kurz vor der Veröffentlichung des Romans war, wie gewohnt bei Haruki Murakami, kaum etwas über die Handlung bekannt. Von blinder Treue könnte man sprechen, denn in seinem Heimatland erzielte der farblose Herr Tazaki eine Rekordauflage. In Deutschland sicherte sich wie immer der DuMont Verlag die Rechte an der Übersetzung, und erneut kümmerte sich die großartige Ursula Gräfe um die Übersetzung in unsere eigenwillige, rustikale Sprache.
Für den DuMont Verlag dürften Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki äußerst lukrativ gewesen sein, denn der Roman eroberte sowohl die Amazon Bestsellerliste als aber auch die Spiegel Bestsellerliste. Dies war nicht nur eine freudige Überraschung weil es sich hier um einen japanischen Roman handelte, sondern es war auch ein Gewinn für die Belletristik. Es tat den Charts gut, die in einem Meer aus Self-Publish Werken und billigen Erotikromanen regelrecht abgesoffen sind.

Doch was ist das denn für ein Roman, den Haruki Murakami da verfasst hat? Was sind das für seltsame Pilgerjahre? Da gehen die Meinungen weit auseinander. Verglichen wurde die Geschichte/Thematik des Buches häufig mit Naokos Lächeln und Südlich der Grenze, westlich der Sonne (ehemals Gefährliche Geliebte). Die japanischen Leser beäugten die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki aber durchaus kritisch. In Europa hingegen fand Murakamis neuster Roman wesentlich mehr Anklang und wurde von etlichen Feuilletons und Online Medien in den höchsten Tönen gelobt. Doch ausgerechnet die langjährigen Murakami-Leser hier in Deutschland scheinen sich mit dem Werk etwas schwer zu tun. Ich tausche mich gerne mit meinem Freund Salvo aus. Wir diskutieren gerne und ausgiebig über Murakami. Und so geht auch unsere Meinung bei diesem Roman erstmals etwas auseinander. Obwohl Salvo die Pilgerjahre gerne gelesen hat, kam ihm die Geschichte gleichzeitig aber auch etwas geradlinig vor, für Murakamis Verhältnisse sogar zu irdisch, da er auf surreale Elemente, genau wie bei Naokos Lächeln, nicht den Fokus gelegt hat.

Ich fragte mich, ob der fehlende Surrealismus der Grund für die Kritik sein könnte. Und ich bin nach der Beendigung des Romans noch einmal in mich gegangen, und kann mich der Kritik nicht vollends anschließen. Ein Grund für die Enttäuschung könnte natürlich auch 1Q84 gewesen sein. Mit 1Q84 feierte Haruki Murakami einen Neuanfang bei westlichen Bibliophilen. Obwohl der Roman im Jahr 1984 spielte, fing er problemlos den Modernen Zeitgeist unserer Gesellschaft ein. Surrealismus gab es beinahe auf jeder Seite, und beinahe auf jeder Seite gab es auch neue, skurrile Gestalten zu belesen.
Spätestens ab Band 3 wurde mir 1Q84 trotz vieler großartiger Momente aber auch etwas zu kompliziert. Die Geschichte war, krass ausgedrückt, etwas Over The Top. Mit Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki rudert Haruki Murakami zurück. Er entfernt sich von Parallelwelten und abstrakten Charakteren. Die Pilgerjahre ist ein ruhiger, besinnlicher Roman, und man muss schon ein wenig zwischen den Zeilen lesen, um viele Anspielungen zu verstehen. Und auch dem fehlenden Surrealismus kann man der Geschichte nicht vorwerfen. Denn die Pilgerjahre sind im höchsten Maße surrealistisch. Dies geht sogar so weit, dass man am Ende den Gedanken nicht los wird, dass der Protagonist bereits auf Seite 1 gestorben ist, und sein ruheloser Geist die Geschichte erzählt. Aber das ist natürlich reine Spekulation.

Wie bereits erwähnt ist der 36 Jahre alte Ingenieur Tsukuru Tazaki der Protagonist. Tsukuru macht alles aus, was einen echten männlichen Murakami-Charakter ausmacht. Er sieht nicht schlecht aus, ist bei den Frauen nicht unbedingt unbeliebt und durchschnittlich gebildet. Doch genau wie jeder andere Murakami-Charakter ist Tsukuru wenig selbstbewusst, depressiv und rastlos. Sein ursprüngliches Leben endete, als ihm im zwanzigsten Lebensjahr seine besten Freunde, ohne jegliche Begründung, die Freundschaft kündigten. Aber wieso haben seine vier besten Freunde das getan? Für Tsukuru kamen sie einer Familie gleich, seit vielen Jahren machten sie alles gemeinsam und gingen durch Dick und Dünn. Lag es etwa daran, dass Tsukuru als einziger von ihnen Nagoya verlassen hat und sich für die Universität, seine Karriere, in Tokio entschieden hat? Oder lag es wirklich daran, dass Tsukuru als einziger von ihnen keine Farbe in seinem Nachname trug? Beinahe 20 Jahre muss er warten, bis er auf diese Fragen allmählich Antworten erhält. Als Tsukuru Sara kennen lernt, und sich beide ineinander verlieben, stellt die selbstbewusste Frau ihn zur Wahl: Entweder er geht der Sache mit seinen vier Freunden auf den Grund, und erfährt endlich, was vor über 16 Jahren passiert ist, oder ihre Beziehung wird keine Zukunft haben.

Es ist die Einfachheit des Plots, die mich auf angenehme weise überrascht hat. Haruki Murakami versucht gar nicht erst, eine gequält langgezogene, undurchsichtige Handlung zu kreieren. Man blättert sich durch die Seiten und die Geschichte entfaltet sich wie ein wunderschöner Schmetterling. Und der ist farbiger, als man nach dem Prolog anzunehmen vermag. Anders als in anderen bekannten Werken von Murakami gibt es diesmal keine düsteren Rückblenden auf den Krieg in der Mandschurei. Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki sind bodenständig und stets verständlich, was die Thematik angeht. Viele Leser denken vielleicht, Tsukurus Pilgerjahre beginnen ab dem Moment, als seine Freundin Sara ihn vor die Wahl stellt, die Geschehnisse aus der Vergangenheit aufzuklären, oder aber die Beziehung zu beenden. Jedoch haben Tsukurus Pilgerjahre bereits viel früher begonnen. Diese Reise startet genau ab dem Augenblick, als Tsukuru von seinen Freunden verstoßen wird. Ganze 16 Jahre soll diese Pilgerreise dauern. Angefangen mit Tsukurus Einsamkeit, sein Verhältnis zu seinem Freund, dem mysteriösen Haida, bis zu dem Moment wo er in Finnland ankommt. Schnell kann die Einfachheit der Geschichte zur Last werden, da man wichtige Details verpasst, wenn man die Geschichte nicht ernst genug nimmt.

Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki basiert, wie so häufig bei Murakami, auf einem Musikstück. Bei dieser Geschichte diente Franz Liszts Années de pèlerinage als Ideengeber. Hervorgehoben wird aus dem komplexen Werk der Abschnitt "Le mas du pays" (interpretiert von Lazar Berman), der zu einem wichtigen Aspekt der Geschichte wird.
Im Fokus der Geschichte steht die Gruppierung von Fünf Freunden (3 Männer, 2 Frauen). Und hier wird es bereits kompliziert. Die innige Gruppe hat praktisch schweigend einen Pakt geschlossen, dass keiner von ihnen eine Beziehung mit einer Person aus der Gruppe eingehen wird. Bei einer Gruppe von fünf Mitstreitern sind da Probleme meistens vorprogrammiert. Und dennoch wird Tsukuru von erotischen Träumen heimgesucht, in denen ständig die hübsche, aber verklemmte Shiro (Fräulein Weiß) und die lustig und unbekümmerte Kuro (Fräulein Schwarz) vorkommen. Dies verwirrt den sexuell unerfahrenen Tsukuru Tazaki, und diese Träume werden ihn auf seiner  Reise noch lange begleiten.

Der Leser bekommt mit geschickten Rückblenden einen genauen Eindruck in Tsukurus Leben und Psyche. Wir sind Live dabei als sich der einst bodenständige und sympathische Teenager zu einem depressiven Wrack entwickelt. Immer wieder, so scheint es Tsukuru, wenden sich die Leute von ihm ab, wenn sie bemerken, dass sie bei ihm nicht das bekommen, wonach sie suchen. Obwohl Tsukuru sich in den Jahren fängt, sein Leben umkrempelt, hat er mit der Vergangenheit nie abgeschlossen. Sie begleitet ihn wie ein böser Geist. Aber auch bei den Pilgerjahren kommen die surrealen Elemente eigentlich nicht zu kurz. Murakami setzt sein so geliebtes Stilelement geschickt ein. Seltsame Träume und suspekte Personen gibt es wieder genug, und offene Fragen, die den Leser noch lange beschäftigen werden, gibt es ebenfalls.

Die größte Durststrecke, aber sogleich den größten Höhepunkt, feiert die Geschichte in Finnland. Erstmals bemerkt man bei Tsukurus Ankunft in Helsinki, dass Murakami hier Probleme mit der Geografie hat. Natürlich kann man immer noch sagen, man besucht hier Murakamis persönliches Finnland. Aber es ist nicht das gleiche, als wenn wir Murakamis Tokio oder Koenji besuchen. Haruki Murakami gab im Interview mit "Die Zeit" zu, er habe zwar vor vielen Jahren Finnland einmal besucht, aber seine Erinnerungen an diese Reise sind verblasst. Und das merkt man den beschriebenen Szenen im Buch auch an. Die Schwächen von Murakamis unglaubwürdigem Finnland gleichen sich aber sofort wieder aus als Tsukuru zu seiner Destination gelangt.

Am Ende erfährt Tsukuru vielleicht, was vor 16 Jahren zwischen ihm und seinen Freunden vorgefallen ist. Doch die mysteriöse Murakami-Frau gibt es auch in den Pilgerjahren wieder. So ist es seine Freundin Sara, die das größte Mysterium in der Geschichte bleibt, und ohne Frage zu den suspektesten Personen gehört.

In gewohnt verständlicher und lockerer Sprache adaptierte auch wieder Übersetzerin Ursula Gräfe den japanischen Text in die deutsche Sprache. Etwas schwerer war es diesmal, denn die Wortspiele Murakamis mit den Farben würden in unserer Sprache nicht funktionieren. Beispielsweise bedeutet der Name "Tsukuru" so viel wie "Etwas machen/bauen", kann aber auch gleichzeitig, ändert man das Schriftzeichen nur ein wenig, "Etwas erschaffen" bedeuten. Auch im Namen von Tsukurus Freund Haida steckt eine Farbe, Grau. Das gleiche gilt natürlich für die Vier Jugendfreunde von Tsukuru und dem seltsamen Herr Midorigawa. Man kann diese Leute nicht einfach mit "Grau" oder "Blau" betiteln in der deutschen Sprache, es würde einfach nicht funktionieren. Daher entschied man sich, die Namen im Original zu belassen, und stets als Randbemerkung die Bedeutung, beziehungsweise, die Farbe des Namen zu erwähnen.

">>Es ist schon seltsam<<, sagte Eri.
>>Was denn?<<
>>Dass diese wunderbare Zeit vorbei ist und es niemals wieder so sein wird. Dass der Fluss der Zeit all unsere fabelhaften Möglichkeiten mit sich fortgetragen hat und sie nun verschwunden sind.<<
Tsukuru nickte wortlos. Er fand, er sollte etwas sagen, aber er fand keine Worte.
>>Die Winter sind lang in diesem Land.<< Eri ließ ihren Blick über den See schweifen. Es war, als würde sie von einer anderen Eri an einem weit entfernten Ort sprechen. >>Und die Nächte sind noch länger. Man glaubt, sie würden nie zu Ende gehen. Alles ist zu Eis erstarrt. Du denkst, es wird nie mehr Frühling. Also kommst du auf allerlei düstere Gedanken. Auch wenn du dir immer wieder vornimmst, diese Dinge nicht zu denken.<<"
(Haruki Murakami, Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki, Übersetzung: Ursula Gräfe, DuMont Buchverlag)


Resümee

Noch lange habe ich mich in meinen Gedanken über die Geschichte des farblosen Herrn Tazaki und seinen vier Freunden, Ao, Aka, Shiro und Kuro, nachgedacht. Dies ist ein Aspekt, der nicht ganz so zur Geltung kam, nachdem ich 1Q84 damals beendete. Genau wie ein schönes Musikstück, verhält es sich auch mit den Pilgerjahren des farblosen Herrn Tazaki. Man muss den Roman in mehreren Akten genießen.

Der Roman ist, bei genauerer Betrachtung, ein Großstadtroman. Es steckt allerdings so viel mehr darin. Seit "Kafka am Strand" hat Murakami nicht mehr so brillant bewiesen, wie gut er die Probleme der Modernen Gesellschaft versteht. Die Pilgerjahre behandeln ein gewagtes Thema. Freundschaft. Bei Insidern nennt sich diese Vokabel auch Lebensabschnitts-Bekannte. Freundschaften halten nur in den seltensten Fällen ewig. Man geht im Streit auseinander, und wenn es dieser Grund nicht ist, lebt man sich einfach auseinander. Dies ist ein unausweichlicher Vorgang. Natürlich, und dieser Punkt kommt in der Geschichte gut zur Geltung, erinnern sich wahre Freunde immer an die schöne Zeit, die man miteinander verbracht hat. Diese schönen Erinnerungen überschatten die schlechten.

Ich jedoch hätte mir gewünscht, Murakami wäre etwas mehr auf eine der wichtigsten Personen der Geschichte eingegangen, Shiro. Obwohl sie, ohne Zweifel, der wichtigste Charakter des Buches ist, bleibt sie, und das ist eigentlich schon fast etwas traurig, die einzige farblose Person. Das macht ihren Charakter zwar nur noch mysteriöser, aber es hätte die Verbindung zu dem Charakter noch mehr gestärkt, wäre Murakami weiter auf sie eingegangen. Genau so werden die Meinungen auch auseinander gehen, ob Murakami das finale Kapitel 19 nicht lieber der Geschichte gewidmet hätte, anstatt die Japan Railways näher zu erklären. In "Sputnik Sweetheart" erleben wir einen ähnlichen Epilog, in diesem Falle ist er Murakami in dem Vorgänger aber deutlich besser, rätselhafter und emotionaler gelungen.

Trotz der kleinen Kritik gegen Ende der Geschichte sind für mich "Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki" eine Offenbarung an den Modernen Großstadtroman. Melancholisch, eigensinnig und teilweise sehr traurig. Murakami fängt erneut die Probleme der Gesellschaft bestens ein und beweist, wieso seine Literatur so unverzichtbar ist. Dabei will ich aber auch gar nicht behaupten, dass die Kritik an Murakamis Herrn Tazaki nicht gerechtfertigt sind. Die Wahrnehmung variiert von einem Leser zum nächsten. Während für mich 1Q84 am Ende doch etwas zu viel war, so fügen sich die Pilgerjahre wieder bestens in gewohnter Tradition in Haruki Murakamis Kanon ein. Von Kritiken sollte man sich daher nicht vorschnell beeinflussen lassen, was diesen Roman angeht.

Für mich persönlich sind "Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki" Haruki Murakamis rundestes Werk seit Kafka am Strand. Eine Geschichte, über die ich mir noch länger Gedanken machen werde.



Donnerstag, 5. Juni 2014

DuMont Verlag teasert "Men without Women" von Haruki Murakami


Es ist noch keine offizielle Bestätigung, aber der DuMont Verlag aus Köln deutete vor einigen Stunden auf seiner Facebook-Page eine baldige Ankündigung von Haruki Murakamis neuster Kurzgeschichten-Sammlung, Onna no Inai Otokotachi (Übersetzt ungefähr: Männer ohne Frauen) an.

Freunde! "Men without Women" - wir verraten natürlich NICHTS, aber wir denken, Ihr könnt Euch vielleicht schon mal freuen. Traditionell sind wir bei DuMont ja immer recht schnell... ;) Ihr erfahrt es dann natürlich zuerst... 


Nach dem sensationellen Erfolg von Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki im Januar war es nur eine Frage der Zeit, bis der Verlag Murakamis neue Anthologie ankündigt. Es ist die erste Kurzgeschichten-Sammlung des Autors nach fast 10 Jahren Abstinenz.
Und wenn man sehr optimistisch ist, vielleicht ist eine deutsche Übersetzung ja bereits im Herbst 2014 möglich. Denn zu dieser Zeit wird wieder einmal der Nobelpreis für Literatur verliehen. Dem Autor, und natürlich auch dem DuMont Verlag samt Übersetzerin Ursula Gräfe wäre diese Auszeichnung für all ihre Mühen natürlich zu wünschen. Denn einen Nobelpreisträger im Repertoire zu haben, hat bisher noch keinem Verlag geschadet.

Die Anthologie beinhaltet 6 Kurzgeschichten, 5 davon wurden bereits ein diversen japanischen Magazinen publiziert, 1 weitere verfasste Murakami exklusiv für die Sammlung. In Japan wurde die Auflage von 200.000 Exemplaren auf 300.000 Exemplaren aufgrund der hohen Nachfrage erhöht, da der Verlag nicht mit einem solchen Andrang gerechnet hat. Bisher wurde noch keine der Geschichten in die deutsche Sprache übersetzt. Auf Englisch ist jedoch bereits seit einiger Zeit Samsa in Love, übersetzt von Ted Goosen, Online lesbar.


Freitag, 23. Mai 2014

Top 10: Die schönsten Filme des Studio Ghibli



Bei Zeichentrickfilmen und Anime verhält sich das ungefähr so: Entweder man wächst mit ihnen auf, oder hat kein Interesse an der animierten Filmkunst. Wenn man Zeichentrickfilme schon im Kindesalter nicht mochte, wird man vermutlich auch im laufe seines Lebens dieses Genre nicht mehr verfolgen. Ich bin mit Zeichentrickfilmen und japanischen Anime aufgewachsen, und auch über 20 Jahre nach meinem ersten Zeichentrickfilm (Bei Gott ich weiß gewiss nicht mehr welcher das gewesen sein könnte), bin ich immer noch ein so großer Fan wie im Kindesalter. Allerdings weiß ich nicht ob es am Alter liegt, oder aber an der Massenproduktion von 3D-animierten Spielfilmen. Ausgezeichnet mit 2 Oscars in diesem Jahr und mit Lob gepreist, habe ich auch noch nicht den 53. Spielfilm aus dem Original Disney Canon (zu dieser Liste zählen u.a. nicht die Filme, die von Pixar stammen), Frozen, gesehen. Ich stehe mit den Filmen ein wenig auf Kriegsfuß, und seit Disney beinahe alle Arbeiten an Pixar weitergereicht hat, ist der klassische Zeichentrickfilm kaum noch gefragt. Selbstverständlich gab es mit Toy Story (lediglich Teil 1) und Findet Nemo auch sensationelle Ausnahmen. Doch auch aus Japan gibt es mit Appleseed und Final Fantasy VII: Advent Children angenehme Ausnahmen im 3D-Animation Segment, die mir viel Spaß bereitet haben.

In den Dreißigern war es Walt Disney, der sich seinen Traum erfüllte, und einen Zeichentrickfilm auf die große Leinwand brachte. Seinerzeit war das Schneewittchen. Die große Disney-Ära war der Beweis dafür, dass Zeichentrickfilme nicht bloß kleine Segmente im Kinderprogramm waren, sondern Zeug zu einem großen Kassenschlager hatten. Während sich Disney mittlerweile weit von seinen Wurzeln entfernt hat (zumindest seine Hinterlassenschaft), und eher mit der Zeit geht und sich ihr anpasst, gibt es im fernen Japan noch ein Studio, welchen den Regeln großer Animationskunst noch folgt. Das Studio Ghibli. Gegründet 1985 von Hayao Miyazaki, Isao Takahata, Toshio Suzuki und Yasuyoshi Tokuma, gehört es mittlerweile zu Japans wichtigsten Kulturgütern was ihre Moderne Popkultur betrifft.

Auch wenn Disney mittlerweile die Internationalen Rechte zum Vertrieb der Filme des Studio Ghiblis gehören (Ausnahme ist der asiatische Raum, darunter auch Japan), so agiert das Studio bis Heute weiterhin völlig unabhängig vom amerikanischen Dino. Und auch in so vielen anderen Punkten unterscheiden sich die Philosophien der beiden Studios voneinander. Ein Ghibli Film scheut nicht vor ernsteren Thematiken. So oft wachsen die Protagonisten in den Filmen bei nur einem Elternteil auf. Oft spielt irgendein Krieg eine nicht unbedeutende Nebenrolle in Ghibli Filmen. Und auch der rote Lebenssaft ist nicht selten in einem echten Ghibli vertreten.

Wenn man den Namen Ghibli hört, so denkt man automatisch an Visionär Hayao Miyazaki und Komponist Joe Hisaishi. Und das nicht zu unrecht. Die beiden waren für ihr gemeinsames Schaffen insgesamt 3 mal für einen Oscar nominiert, von denen sie einmal die begehrte Trophäe abräumen konnten (dazu später im Countdown mehr). Miyazaki ist, unbestritten, der Vater des Erfolges. Ohne seine grenzenlose Fantasie wäre dieses gigantische Werk bis Heute nicht möglich gewesen. Doch der große Meister hat mit dem Film Kaze Tachinu seinen Abschied bekanntgegeben. Das bedeutet natürlich nicht das Ende des Studio Ghibli. Sohnemann Goro Miyazaki etabliert sich immer mehr, und daneben gab es auch noch andere Regisseure, die Maßgeblich am Erfolg des Studios beteiligt waren. Und da kommt man nicht umhin, den Name Isao Takahata zu nennen. Dieser erschuf mit Die letzten Glühwürmchen wohl einen der traurigsten Filme der Filmgeschichte.

Ob Hayao Miyazaki sich wirklich komplett als Regisseur zurückziehen wird, bleibt abzuwarten. Schon einmal gab der große Meister vor einigen Jahren seinen Abschied bekannt.

Nun nähert sich meine Einführung (Überlänge) dem Ende, und die Top 10 nähert sich dafür unweigerlich. Eine Top 10 für Ghibli Filme zu erstellen ist eigentlich Blasphemie, denn sehenswert sind sie alle.
Wie auch schon bei meiner ersten Top 10 setzt sich meine Liste aus persönlichem Geschmack, als aber auch Qualität und eine gewisse Massentauglichkeit zusammen. Vermutlich wird jeder Ghibli-Fan meine Aufzählung sogar als äußerst kontrovers betrachten. Sei es drum, Geschmäcker variieren sowieso wie der Geschmack der Produkte in unterschiedlichen McDonalds Restaurants.


Informationen zu meiner Auflistung:

Der Studio Ghibli Spielfilm-Canon besteht derzeit aus 19 Filmen. Nicht dazu zählt also der TV-Film "Umi ga kikoeru" (dt. Das Flüstern des Meeres). Doch was machen wir mit "Nausicaä"? Offiziell gehört der Film nicht zum Ghibli-Canon, da dieser kurz vor der Gründung des Studios entstanden ist . Allerdings zählen Fans den Film nicht nur zum festen Bestandteil des Canons, auch das Studio selbst vermarktet den Film auf DVD und Blu-ray unter der offiziellen Studio Ghibli Collection. Ich werde den Film daher in meine Aufzählung mit einbeziehen.

Neben "Umi ga kikoeru" wird in diese Liste auch nicht Ghibli Nr. 18, "Kaze Tachinu" (engl. The Wind Rises, Oscar Nominierung Nummer 3) von Hayao Miyazaki und Ghibli Nr. 19, "Kaguya-hime no Monogatari" (engl. The Tale of Princess Kaguya) von Isao Takahata mit gelangen. Einfach aus dem Grund weil sie so neu sind, dass ich sie 1. noch nicht gesehen habe und 2. sie noch nicht einmal einen deutschen Titel besitzen.



Top 10
Die schönsten Ghibli Filme



10.
Mein Nachbar Totoro (Tonari no Totoro) 1988
Regie: Hayao Miyazaki
Soundtrack: Joe Hisaishi




Es mag vielleicht verwunderlich wirken. Ausgerechnet Totoro, Kultfigur und Maskottchen des Animationsstudios auf Platz 10! Das ist ja schon wieder Blasphemie! Aber ganz ruhig. Der plüschige Riese gehört immerhin zu meinen 10 Lieblings Ghiblis.
Allerdings, Logik voraus, es gab 9 andere Filme, die mir besser gefallen haben.

Mein Nachbar Totoro ist mitunter einer der familienfreundlichsten Ghibli Filme. Er erschien im gleichen Jahr wie Die letzten Glühwürmchen. Das war an sich eine sehr kontroverse Veröffentlichung, da die Stimmung beider Filme kaum unterschiedlicher sein könnte.
Mein Nachbar Totoro ist eine wunderschöne Geschichte über Zusammenhalt und der schier unbegrenzten Fantasie von Kindern. Hayao Miyazaki vermischt Realität und Fantasie und lässt alles miteinander verschmelzen. Es ist lediglich der Titelheld der Geschichte, dem Miyazaki vielleicht etwas zu wenig Einsatzzeit schenkte.



9.
Der Mohnblumenberg (Kokuriko-zaka Kara) 2011
Regie: Goro Miyazaki
Soundtrack: Satoshi Takebe




In die Fußstapfen des Alten Herrn zu treten ist nie leicht. Goro Miyazakis Debüt, Die Chroniken von Erdsee, wurde von vielen Ghibli-Anhängern als schlechtester Spielfilm des Studios betitelt. Selbst die Autorin der Vorlage, Ursula K. Le Guin, war nicht so ganz begeistert vom Werk des jungen Miyazaki. Ich finde die scharfe Kritik bis Heute übertrieben. Die Chroniken von Erdsee werden sich vermutlich nie in einer Top 10 eines jeden Ghibli Fans wiederfinden, aber dennoch ist das Werk mehr als unterhaltsam und einer der wenigen Ghibli Filme, den man nicht unbedingt jüngeren Zuschauern zeigen sollte.

Der Mohnblumenberg ist da aber ganz anders. Goro Miyazaki rudert bei seinem zweiten Spielfilm ein wenig zurück und rekonstruiert auf eine recht melancholische art ein Yokohama der Sechziger Jahre. Mit wunderschönen Bildern und einem gelungenem Soundtrack hat Goro Miyazaki ein unglaublich sehenswertes Drama erschaffen. Der Mohnblumenberg ist daher auch meine ganz persönliche Überraschung in dieser Top 10. Ich bin auch an sich ein Fan jener Ghibli Filme, die Abseits jeglicher phantastischen Elemente spielen. Goro Miyazaki hat bewiesen, dass er sehr wohl das Zeug dazu hat, die Regie zu einem großen Ghibli Film zu führen.


8.
Das wandelnde Schloss (Hauro no Ugoku Shiro) 2004
Regie: Hayao Miyazaki
Soundtrack: Joe Hisaishi




Hayao Miyazakis zweite Nominierung für einen Oscar nach Chihiros Reise ins Zauberland.
Basierend auf Diana Wynne Jones Roman, unterscheiden sich die Inhalte beider Werke dennoch deutlich voneinander. Das wandelnde Schloss profitiert halt von Hayao Miyazakis unverwechselbarer Magie.
Eine Geschichte die sich um Menschen dreht, die gegen ihren Willen ihre Jugend verlieren und Menschen, die nicht altern, geschweige überhaupt erwachsen werden wollen. Das wandelnde Schloss enthält viele versteckte Botschaften und lädt zu genau so vielen Interpretationen ein. Kombiniert mit magischen Bildern, steckt in diesem Film mehr Komplexität drin, als man nach dem ersten Anschauen vielleicht vermutet.


7.
Porco Rosso (Kurenai no Buta) 1992
Regie: Hayao Miyazaki
Soundtrack: Joe Hisaishi



Die eigenwillige Geschichte über einen ehemaligen Kampfpilot, der sich in ein Schwein verwandelt, hat mich extrem begeistert. Porco Rosso verbindet die Welt von Studio Ghibli mit Hayao Miyazakis großer Leidenschaft: Flugzeugen. Angesiedelt nach dem ersten Weltkrieg, wird die Geschichte des begnadeten Fliegers Marco Pagot erzählt. Die Erklärung warum sich Marco Pagot letztendlich in ein Schwein verwandelt hat bleibt einmal mehr dem Zuschauer überlassen. Auch Porco Rosso greift in schönen Bildern einmal mehr Ghibli typische Motive wie das Erwachsen werden und das Erfüllen seiner ganz persönlichen Träume auf. Aufgrund der eher unspektakulären Trailer könnte man meinen, es gehe alles recht konservativ in diesem Film zu, doch dieser Eindruck trübt. Porco Rosso gehört in jede Ghibli-Aufzählung, da führt eigentlich kein Weg dran vorbei.


6.
Das Schloss im Himmel (Tenkū no Shiro Rapyuta) 1986
Regie: Hayao Miyazaki
Soundtrack: Joe Hisaishi





Das Schloss im Himmel war der eigentliche Startschuss für das Studio Ghibli. Es war der erste Film, der unter Studio Ghibli Logo produziert wurde. Mit einer Laufzeit von über 120 Minuten ist es auch einer der längsten Filme des Studios.

Das Schloss im Himmel ist eine klassische Abenteuergeschichte über eine untergegangene Zivilisation. Alles, was Hayao Miyazakis Kunst ausmacht, ist bereits in diesem Frühwerk zu finden. Kombiniert mit Joe Hisaishis brillantem Soundtrack wird Das Schloss im Himmel zu einem Freudentanz für die Sinne. Es war wahrlich nicht leicht, diesen Film zu platzieren. Aber bei der kommenden Top 5 war die Hauseigene Konkurrenz einfach noch ein wenig stärker.



5.
Ponyo - Das große Abenteuer am Meer (Gake no Ue no Ponyo) 2008
Regie: Hayao Miyazaki
Soundtrack: Joe Hisaishi




Vermutlich wird Ponyo nicht bei jedem Ghibli-Fan so hoch bei seinen liebsten Filmen im Kurs stehen.
Doch seit meiner ersten Sichtung gehört für mich Ponyo, ganz besonders durch seinen eigenwilligen Zeichenstil, zu den charmantesten Filmen von Hayao Miyazaki. Charmant war Totoro bereits, aber Ponyo besitzt noch eine gewisse Prise, die dem Fellknäuel fehlte.
Sobald man Ponyo in de Player legt, kann man sich zurücklehnen und sich von Hayao Miyazakis Kunst einnehmen lassen.


4.
Nausicaä aus dem Tal der Winde (Kaze no Tani no Naushika) 1984
Regie: Hayao Miyazaki
Soundtrack: Joe Hisaishi




Man kann darüber streiten, ob Nausicaä zum offiziellen Ghibli-Canon gehört. Geschaffen 1 Jahr bevor das Studio offiziell gegründet wurde, gehört der Film jedoch schon seit vielen Jahren zur Ghibli-Familie. Basierend auf Hayao Miyazakis Manga, musste er erst einmal eine Grundlage erschaffen, um einen kompletten Spielfilm bei den Geldgebern zu rechtfertigen. Die Vorlage war erfolgreich genug, und der Startschuss einer große Karriere wurde abgefeuert.

Nach Nausicaä griff Miyazaki solch ein postapokalyptisches Szenario nie wieder auf. Und dennoch bietet die Welt von Nausicaä eine menge Potential für einen weiteren Spielfilm. Nicht wenige wünschen sich, dass diese Fortsetzung von Hideako Anno, Schöpfer der Evangelion Saga, dabei Regie führen wird. Miyazaki und Anno (der auch den Protagonisten in Miyazakis letztem Film Kaze Tachinu spricht) verbindet eine langjährige Freundschaft. Der damals noch junge Hideaki Anno begann bei dem Nausicaä Projekt als Character-Designer seine Karriere. Erschaffen hat er das gewaltige Monstrum gegen Ende des Filmes. Anno ist also bestens mit der Materie vertraut. Allerdings dürfte der noch genug Arbeit mit dem finalen Rebuild of Evangelion Film haben.

Nausicaä ist auch fast 30 Jahre nach seiner Veröffentlichung kaum sichtbar gealtert. Ein Zeitloser Anime.



Top 3 


3.
Prinzessin Mononoke (Mononoke-hime) 1997
Regie: Hayao Miyazaki
Soundtrack: Joe Hisaishi




Mit Prinzessin Mononoke gelang dem Studio Ghibli endgültig der Durchbruch im Westen. Besonders in Europa machte der Film auf sich aufmerksam. Und all der Lob kommt natürlich nicht von Irgendwoher. Prinzessin Mononoke dürfte nicht nur einer der actionreichsten Ghibli Filme sein, er ist auch gleichzeitig einer der härtesten Filme des Studios. Es war Toshio Suzuki gewesen, der seinem Freund Hayao Miyazaki nahelegte, solange er noch kann, solle er sich doch mal an einen Film wagen, der die Action mehr betont und eine furiose Handlung bietet. Miyazaki selbst war  erst skeptisch, doch das Endergebnis ist doch ganz ansehnlich, oder?

Joe Hisaishi rundet das Spektakel mit einem epischen Soundtrack ab. Auch Prinzessin Mononoke ist aus seine art ein einzigartiger Film aus dem Hause Ghibli. Hayao Miyazaki hat es krachen lassen und machte Prinzessin Mononoke wohl zum bildgewaltigsten Film des Studios.



2.
Die letzten Glühwürmchen (Hotaru no haka) 1988
Regie: Isao Takahata
Soundtrack: Michio Mamiya





Pessimistisch, düster, deprimierend, unendlich traurig und doch wunderschön. Die letzten Glühwürmchen war der erste, und gleichzeitig letzte Film seiner art aus dem Hause Ghibli. Angesiedelt in den finalen Zügen des Zweiten Weltkriegs, kämpft ein Geschwisterpaar um seine Existenz. Isao Takahatas großes Meisterwerk stiehlt, wenn auch ungewollt, vielen Miyazaki Filmen in Sachen Dramatik und Storytelling die Show. Dabei war es Hayao Miyazaki selbst gewesen, der Takahata zu der Entscheidung, die Kurzgeschichte zu adaptieren, ermutigte. Der zweite Spielfilm des Studio Ghiblis (kam kurz vor Totoro in die japanischen Kinos) ist nicht gerade ein Film, den man gemütlich an einem Familienabend schauen sollte. Und es ist gewiss auch kein Film, den man zu oft schauen sollte. Zum einen muss man aufpassen, dass dieser Film einem nicht aufs eigene Gemüt schlägt, zum anderen muss man sich diese ganz spezielle Magie dieses Filmes bewahren.

Die letzten Glühwürmchen (bereits als Live-Action Verfilmung in Japan umgesetzt) hatte es aufgrund seiner Thematik damals schwer zum Kinostart in Japan. Takahata erwähnte in einem Interview, die Leute, die vorher Totoro im Kino sahen, waren schockiert über das, was sie anschließend in seinem Film zu sehen bekamen. Über 25 Jahre später ist man sich jedoch einig: Die letzten Glühwürmchen zählen zu den ganz großen Meisterwerken der Zeichenkunst.

Der deutsche Titel "Die letzten Glühwürmchen" ist übrigens nicht ganz so passend gewählt. In diesem Film geht es nämlich nicht um die letzten Glühwürmchen, davon ist auch nie die Rede. Der englische Titel, "Grave of the Fireflies" passt dafür umso besser, denn dieses Grab ist eines der Schlüsselelemente des Films.

Der deutsche Titel ändert natürlich nichts an der Qualität des Films. Die letzten Glühwürmchen ist ein Pflichtprogramm, selbst für Menschen, die mit Anime sonst nichts anfangen können.


1.
Chihiros Reise ins Zauberland (Sen to Chihiro no Kamikakushi) 2001
Regie: Hayao Miyazaki
Soundtrack: Joe Hisaishi



Trailer Soundtrack: Song am Ende basiert nicht auf dem Original Score und wird wohl von Buena Bista hinzugefügt worden sein.

Wo wir schon bei eher unpassenden Titeln sind, dieser war es, der mich Jahrelang vom Studio Ghibli fernhielt. Ich kannte damals den englischen Titel "Spirited Away" noch nicht, der dem japanischen Originaltitel sehr nahe kommt. Bis dato dachte ich aber, Chihiros Reise ins Zauberland sei eine japanische Variante von Bibi Blocksberg und hatte auch nicht weiter über den Film recherchiert. Nun müsste eigentlich eine emotionale Story folgen, wie ich dann doch noch zur Kunst Hayao Miyazaki gefunden habe. Die Wahrheit ist aber, ich weiß es gar nicht mehr.

Zur damaligen Zeit (es war glaube ich 2007) hatte ich schon lange keinen Zeichentrick/Anime mehr gesehen, der wirklich etwas in meiner Seele berührt hat. Alles änderte sich, als ich dann doch noch Chihiros Reise ins Zauberland gesehen habe. Hayao Miyazakis Oscar prämierter Film ist ein Feuerwerk an Effekten verpackt in einer bezaubernden Geschichte. Der film veränderte meine Sicht auf Modernen Zeichentrick und entfachte meine Liebe neu. Chihiro hat auch in den kommenden Jahren das Zeug dazu, ein zeitloser Klassiker zu werden. Aber bei einem Alter von gerade mal 13 Jahrem ist dies noch ein langer Weg.

Chihiros Reise ins Zauberland wird für immer bei mir in meiner persönlichen Ghibli-Bestenliste diesen ganz besonderes Platz einnehmen. Daran wird sich auch wohl nichts mehr ändern, sollte Hayao Miyazaki es nicht doch noch einmal schaffen, sich selbst zu übertrumpfen. Ein Meisterwerk.


Alle hier aufgezählten Filme sind auf DVD und Blu-ray in deutscher und japanischer Sprache bei Universum Anime erhältlich. Die Ausnahme bilden Die letzten Glühwürmchen. Dieser Film ist in gleicher Ausführung bei Kaze Deutschland erhältlich.

Mittwoch, 14. Mai 2014

Asahi Shimbun: Auf den Spuren von Haruki Murakami




In einer umfangreichen Interview und Videoreihe hat die Asahi Shimbun sich auf die Spuren von Japans Besteller-Autor Haruki Murakami begeben. Das klingt alles ein wenig nach I'm not there, der Film über Bob Dylan, ohne Bob Dylan. Während Amerikas großer Folk-Zampano sich aber oft in der Öffentlichkeit hat sehen lassen, ist dies bei dem eher scheuen Haruki Murakami nicht ganz so einfach.
Also macht man sich auf den Weg, und forscht nach, wo der Autor sich so in seiner Jugend herumgetrieben hat.

Die Specials, darunter Drawer of Memories, werden auch weiterhin noch fortgesetzt. Für Fans des Autors ist die Reise in die Murakami-typischen Bars und zu den Schauplätzen von beispielsweise 1Q84 (etc.) mehr als einen Blick wert. Einzige Voraussetzung: Englisch sollte man schon verstehen.

Links:




Dienstag, 13. Mai 2014

Sohyun Jung: Vergiss nicht, das Salz auszuwaschen (Rezension)


Foto: Mairisch Presse


Foto: Mairisch Presse



Deutschland/Südkorea 2014

Vergiss nicht, das Salz auszuwaschen
Text und Zeichnungen: Sohyun Jung
Erscheinungsjahr: 2014, Mairisch
Genre: Graphic-Novel


"Iiirgh!
Was ist das? Der Geschmack der einzelnen Zutaten wird ja komplett vom Salz aufgefressen!
Braucht man wirklich so viel Butter und Salz, um so groß zu wachsen wie die Deutschen?"
(Sohyun Jung, Vergiss nicht, das Salz auszuwaschen, Mairisch Verlag)


Während der HSV in der Relegation der Fußballbundesliga nachsitzen muss, waren die Hamburger Jungs und Mädels vom Mairisch Verlag wesentlich fleißiger. Der Indie-Verlag aus dem Norden hat so manches schriftstellerische Talent im Köcher, und neben Romanen und Musik wollen diese nun mit Graphic Novels nachlegen. Aber das hat natürlich weniger mit Superman oder Thor zu tun, ganz im Gegenteil sogar. Beim Mairisch Verlag ist alles etwas anders, so auch die Graphic-Novels.

Die junge Südkoreanerin Sohyun Jung wurde für ihr Werk Vergiss nicht, das Salz auszuwaschen mit dem diesjährigen AFKAT (Fördepreis aus Hamburg für Graphic-Novels) ausgezeichnet. Dem Gewinner winkte eine Publikation beim Mairisch Verlag. So ganz wusste ich nicht, worauf ich mich da einlasse. Aber ein wenig Ironisch ist der Titel schon im Bezug auf den Titel meines Blogs. Aber auch in allen anderen Belangen war die Reise in Hanas Welt eine ziemlich gelungene, wie auch interessante.

Sohyun Jung vermischt Graphic-Novel mit Kochbuch. Weitere Zutaten sind Themen wie das zurechtfinden in einer fremden Kultur und Heimweh. Anfangs noch cool und unbeeindruckt und genervt von ihrer fürsorglichen Mutter, will Hana in Deutschland auf eigenen Beinen stehen. Als sie aber versucht, sich mit der deutschen Küche anzufreunden (die man selbst als Deutscher nur noch schwer finden dürfte, zumindest da, wo ich herkomme), überkommt sie das Heimweh schneller als ihr lieb war.

Zeichnungen, Sohyun Jung, Verlag, Mairisch, Foto, Aufziehvogel


In den surrealistischen Zeichenstil, der ein wenig nach Wasserfarben und Wachsmalern aussieht, habe ich mich auf Anhieb verliebt. Sohyun Jung beweist geschickt wie sie abstrakte Zeichnungen in ihre beinahe schon niedliche Geschichte über das Fernweh einbindet. Natürlich ist "Niedlich" eine sehr gefährliche Vokabel im Zusammenhang mit Zeichnungen, die direkt aus einem seltsamen Traum stammen könnten. Ich hätte mir gut und gerne noch weitere hundert Seiten dieser schönen Illustrationen anschauen können. Aber, und das ist vielleicht der einzige Haken, wie ein leckeres Essen, ist der Genuss viel zu schnell wieder vorbei. Ich hoffe jedenfalls von der Zeichnerin noch viele weitere Werke in der Zukunft lesen zu dürfen.

Die Ausgabe die der Mairisch Verlag hier anbietet ist zwar nicht gebunden, dafür aber broschiert und auf hochwertigem Papier verewigt. Für Sammler durchaus interessant, besonders wenn man bereits einige Titel des Verlages sein Eigen nennt.


Resümee

Während die charmante Protagonistin Hana Heimweh in dieser Geschichte bekommt, überkam mich nach der Beendigung eher das Fernweh. Da ich in Kochen eine Niete bin, wird mir wohl kein Kimchi gelingen, welches überhaupt ansatzweise genießbar sein wird. Eher ist es wahrscheinlich, dass ich damit sogar einen wilden Grizzlybär außer Gefecht setzen könnte. Also muss ich mich wohl mit dem Fernweh nach Seoul abfinden, oder einfach noch einmal in Sohyun Jungs skurrile Zeichnungen versinken.

Mit Kreativität und Talent konnte Sohyun Jung in ihrem Graphi-Novel "Vergiss nicht, das Salz auszuwaschen" ziemlich überzeugen. Eine neues Werk der Künstlerin wird hoffentlich nicht lange auf sich warten lassen.



Mein Dank geht an den Mairisch Verlag der so freundlich war, mir ein Rezensionsexemplar zu Vergiss nicht, das Salz auszuwaschen zur Verfügung zu stellen.