Archiv: Rezensionen zu Literatur und Film

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Freitag, 28. Oktober 2016

Kurzgeschichten-Intermezzo: Glühwürmchen (Haruki Murakami)







Die Murakami Rezensionen 8

Japan 1984
Glühwürmchen
Originaltitel: Hotaru
Autor: Haruki Murakami
Anthologie: Blinde Weide, schlafende Frau
Verlag: DuMont (Hardcover), btb (Taschenbuch)
Übersetzung: Ursula Gräfe
Genre: Drama, Slice of Life


"Vielleicht leuchteten Glühwürmchen nur in meiner verklärenden Erinnerung so hell. Oder es war in meiner Kindheit draußen dunkler gewesen. Ich wusste es nicht mehr; ich wusste nicht einmal mehr, wann ich zum letzten mal ein Glühwürmchen gesehen hatte.
Woran ich mich erinnern konnte, war das Rauschen von Wasser in der Nacht - an eine alte Backsteinschleuse, die mit einer Kurbel geöffnet und geschlossen wurde, und an einen von Pflanzen überwachsenen Bach. Ringsum war es stockdunkel, und über der Schleuse flogen Hunderte von Glühwürmchen. Eine Masse aus gelbem Licht loderte über dem Wasser, als stünde es in Flammen. Wann war das nur gewesen? Und wo?"
(Haruki Murakami, Glühwürmchen. Übersetzung: Ursula Gräfe)


Eingefleischte oder gar mittlerweile eingerostete Leser von "Am Meer ist es wärmer" können sich vielleicht noch dumpf an die Kategorie "Kurzgeschichte des Monats" erinnern. Die Rubrik wurde nicht nur schmerzlich vernachlässigt, sie ist quasi nicht mehr existent. Überraschend schaute ich auf den einzigen Eintrag aus dem Jahr 2014 der Kurt Vonnegut's großartiger Erzählung Harrison Bergeron (Link zur Besprechung) gewidmet war. Obwohl ich die kurze Geschichte verehre, ist die Auswahl an guten Geschichten viel zu enorm, um sich monatlich für eine entscheiden zu können. Dementsprechend möchte ich die Rubrik zum "Kurzgeschichten-Intermezzo" umtaufen, um nach und nach herausragende Kurzgeschichten, ohne zeitliche Begrenzung, entspannt präsentieren zu können.

Wenn man über Kurzgeschichten berichtet, darf man selbstverständlich nicht Haruki Murakami übergehen. Da ich den Oktober aus diversen Gründen immer mit Murakami in Verbindung bringe und die herbstliche Stimmung perfekt zu seinen Geschichten passt, da war es nicht schwer, Murakami für die wiedergeborene Rubrik auszuwählen. Die Frage war nur, welche Geschichte sollte ich wählen? Viele von Murakamis Kurzgeschichten brauchen sich nicht vor seinen großen Romane verstecken. Jede Geschichte ist ein Kleinod. Meine Wahl fiel als erstes auf "Tony Takitani", eine für Murakami typisch melancholische Kurzgeschichte von genau der passenden Länge. In der wundervollen Anthologie "Blinde Weide, schlafende Frau" könnte man aber quasi jede Kurzgeschichte wählen. Als ich dann aber bei der Geschichte "Glühwürmchen" angelangte, sie las und mir darüber Gedanken machte, da habe ich mir meine Auswahl noch einmal anders überlegt. Aber wieso? Nun, der Geschichte haftet etwas besonderes an sich, etwas, was Murakami ein paar Jahre nach der Veröffentlichung dieser Kurzgeschichte in seinem Heimatland zu einem der gefragtesten Schriftsteller machte.

"Glühwürmchen" spielt ende der 60er Jahre. Protagonist ist ein namenloser Ich-Erzähler. Ein Student, der über seine Zeit in einem etwas skurrilen Studentenwohnheim berichtet. Etwas trübe berichtet der Erzähler über alltägliche Dinge, seinen Tagesablauf und einem spleenigen Mitbewohner.
Eines Tages trifft unser Erzähler er eine alte Freundin wieder, beide haben sich lange nicht gesehen und er verrät dem Leser, wie sehr sie sich optisch verändert hat, jedoch noch hübscher geworden ist. Das Mädchen ist die ehemalige Partnerin des besten Freundes des Erzählers. Jener bester Freund, der vor einiger Zeit ohne einen Abschiedsbrief zu hinterlassen, den Freitod gewählt hat. Der Erzähler und das Mädchen haben sich nicht viel zu sagen. Sie schlendern planlos die Straßen entlang ohne ein Ziel vor Augen zu haben. Beide spüren sie jedoch eine Lücke in ihrem Leben, verfolgt von der Vergangenheit fühlen sie sich dennoch irgendwie zueinander hongezogen. Die beiden müssen einen gemeinsamen Weg finden, den Geistern ihrer Vergangenheit zu entkommen.

Wenn ich die Kurzgeschichte mit einem Wort beschreiben könnte, so würde ich "herbstlich" sagen. Eine Kurzgeschichte, die eine Jahreszeit wiederspiegelt und man beinahe den Laub riechen kann, der sich auf den herbstlichen Straßen und Wäldern tümmelt. Murakamis Protagonist ist einer seiner typischen 0815 Helden, ohne das dieser jedoch in ein surreales Abenteuer verwickelt wird. "Glühwürmchen" ist bodenständiger, weniger abenteuerlich und doch berührt einen die Geschichte, ohne das viel passiert. Der Erzähler erzählt selbst traurige Ereignisse nüchtern und beinahe teilnahmslos. Die Passagen im Wohnheim sind trocken-witzig und erheitern die oftmals melancholische Stimmung.

Gelegenheitsleser, oder Leser, die vielleicht erst durch Murakamis neuste Werke wie "1Q84" in die Welt des Autors eingetaucht sind, wissen es vielleicht noch gar nicht. Einige von Murakamis Erzählungen dienten als Inspiration für seine großen Romane. Die Kurzgeschichte "Der Aufziehvogel und die Dienstagfrauen" (Anthologie: Der Elefant verschwindet) diente als Prolog für einen von Murakamis bekanntesten Romanen, "Mister Aufziehvogel". Die Kurzgeschichte "Menschenfressende Katzen" (Anthologie: Blinde Weide, schlafende Frau) verarbeitete er in "Sputnik Sweetheart". Und wenn einem beim lesen von "Glühwürmchen" ein leichtes Déjà-vu beschleicht, der liegt nicht falsch. Denn "Glühwürmchen" diente als Inspiration für Murakamis Bestseller "Naokos Lächeln". Das Grundkonzept ist in der Kurzgeschichte schon enthalten. Die Charaktere besitzen noch keine Namen und benehmen sich ein wenig anders als im Roman, aber schnell wird man als aufrichtiger Leser sämtliche Parallelen entdecken. Die Kurzgeschichte kann dennoch problemlos als eigenständiges Werk angesehen werden. Das Ende wirkt rund, lässt wenige Fragen auf und dennoch regt es zum nachdenken an.



Resümee

Eine Geschichte wie eine Jahreszeit. "Glühwürmchen" ist eine kurze, aber wundervolle Erzählung die einen gut durchdachten Aufbau hat und für die wenige Seitenanzahl sogar einiges an Charaktertiefe aufweist. Haruki Murakamis Stil ist auch in diesem Frühwerk sehr gut erkennbar. Egal ob man Fan von Murakamis Kurzgeschichten ist oder aber einfach nur den Vorreiter zu "Naokos Lächeln" kennen lernen will, seine Zeit wird man mit dieser Kurzgeschichte sicherlich nicht verschwenden.

Donnerstag, 10. April 2014

Kurzgeschichten-Intermezzo: Kurt Vonnegut - Harrison Bergeron



 



USA 1961

Harrison Bergeron
Autor: Kurt Vonnegut
Sammlung: Welcome to the Monkey House (1968)
Format: eBook
Verlag: RosettaBooks (2011)
Sprache: Englisch
Genre: Kurzgeschichte, Science-Fiction, Dystopie


"George came back in with the beer, paused while a handicap signal shook him up. And then he sat down again. >>You been crying?<< he said to Hazel.
>>Yup,<< she said.
>>What about?<< he said.
>>I forget,>> she said. >>Something real sad on television.<<
>>What was it?<< he said.
>>It's all kind of mixed up in my mind,<< said Hazel.
>>Forget sad things,<<  said George. >>I always do,<< said Hazel.
>>That's my girl,<< said George. He winced. There was the sound of a rivetting gun in his head.
>>Gee - I could tell that one was a doozy,<< said Hazel.
>>You can say that again,<< said George.
>>Gee -<< said Hazel, >>I could tell that one was a doozy.<<"
(Kurt Vonnegut, Harrison Bergeron, Rosetta Books)


Ein Hauch von Philip K. Dick liegt in der Luft. Zwar gibt es bei Harrison Bergeron keine Precogs oder suspekte Raumsprays, dafür aber jede menge Dystopie.
Kurt Vonnegut Jr. (1922-2007) gehörte, ohne Frage, zu den ganz großen amerikanischen Schriftstellern, die mit ihrer Literatur auch außerhalb der Vereinigten Staaten auf sich aufmerksam machten. Mit Slaughterhouse Five (Schlachthof 5) gelangte Vonnegut zu Weltruhm als Autor und machte sich einen Namen als großer Science-Fiction Autor und Humorist. So bedrückend die Thematik in seinen Geschichten auch sein kann, aus ihm sprach immer wieder der Satiriker.
Als Kettenraucher sagte Vonnegut einst, Zigaretten seien der langsamte Selbstmord, den man begehen kann. Suicide Sticks, so nannte er die Glimmstängel. Und dennoch wurde Kurt Vonnegut 84 Jahre alt. Vermutlich hätte er sein eigenes Ableben als ironisch bezeichnet, könnte er noch das Wort ergreifen. Denn es waren nicht die Zigaretten, die ihm sein Leben kosteten, sondern der Sturz von einer Treppe in seinem eigenen Heim.

Mit Harrison Bergeron, einer Kurzgeschichte aus der 1968 veröffentlichten Anthologie Welcome to the Monkey House, hat Vonnegut eine seiner bekanntesten Kurzgeschichten geschrieben. Diese Dystopie spielt in einer Gesellschaft, in der es nur "Gleiche Menschen" geben soll. Das kommt ungut für klügere Menschen. Diese werden nämlich vom Statt gleich mit einem bizarren Malus belegt. So ergeht es auch George Bergeron. George ist intelligenter als die Mehrheit, und somit auch intelligenter als seine durchschnittlich verlangte Frau Hazel. George wurde vom Statt mit einem schweren Rucksack bestraft, den er den ganzen Tag über tragen muss. Doch damit nicht genug. Das Sahnehäubchen ist ein kleiner Sender in seinem Ohr, der immer mit dem Statt verbunden ist. Sobald George auch nur anders denkt als die Masse, wird er mit grauenhaften Geräuschen bestraft, die durch seinen Gehörgang gepustet werden (Autounfälle, Scheißereien). Das Ehepaar wird natürlich durchgehend vom Staat kontrolliert, so wie einfach alles im Staat kontrolliert wird. Einen besondereren Fall stellt jedoch der Sohn des Ehepaars dar, Harrison Bergeron. Dieser wurde verhaftet, weil er überdurchschnittlich intelligent ist und individuell denkt. Der Teenager hat jedoch genug von der Überwachung und will dem Staat beweisen, dass sich nicht alle Menschen kontrollieren lassen.

Harrison Bergeron ist eine bitterböse Satire an die Gesellschaft. Die bizarre Handlung wird immer wieder durch das Unwissen und die Naivität des Ehepaars Bergeron überspielt. Die Gesellschaft ist zu einem massigen Big-Brother Staat verkommen. Eine erschreckende Dystopie, denn vergleicht man die Geschichte mit aktuellen Ereignissen aus China, oder, noch eine Stufe krasser, Nordkorea, wird einem schnell bewusst wie weit Kurt Vonnegut seiner Zeit voraus war. Mit einem lockeren Schreibstil versetzt uns Vonnegut in eine Zukunft, die hoffnungsloser nicht erscheinen kann. Mit einer großen Portion an schwarzem Humor verleiht er dieser Kurzgeschichte, die angesiedelt ist zwischen Science-Fiction und Satire, einen noch schärferen Unterton.


Resümee

Das Prädikat Kurzgeschichte verdient Harrison Bergeron allemal, denn der Höhepunkt findet nach nicht einmal 30 Seiten statt. Aber nach der Seitenanzahl darf man eine Kurzgeschichte nicht messen. Es kommt auf den Inhalt an. Und wer diesen versteht, den wird Harrison Bergeron auch nach dem Ende noch einige Zeit beschäftigen.