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Dienstag, 16. Februar 2021

Rezension: Erste Person Singular (Haruki Murakami)

 




Japan 2020


Erste Person Singular
Originaltitel: Ichininshō Tansū
Autor: Haruki Murakami
Deutsche Erstveröffentlichung und Verlag: 25.01.2021 beim DuMont Buchverlag
Übersetzung: Ursula Gräfe
Genre: Kurzgeschichte, Slice of Life, Mystery
Format: Hardcover, E-Book


Es geschah einige wenige Wochen vor Veröffentlichung von Haruki Murakamis neuster Kurzgeschichtensammlung. Ich ging zu Bett und irgendwann träumte ich von Phil Collins (und ich habe mit Ausnahme einiger weniger Songs absolut nichts mit Phil Collins am Hut). Ich befand mich auf einem -anscheinend- Kreuzfahrschiff und Phil Collins gab ein Open Air Konzert an Deck. Er sang, auch daran erinnere ich mich noch bestens, mir gewidmet eine speziell arrangierte Version von "In The Air Tonight". Ich weiß noch bestens, wie mich ein Schauder überkam weil mich diese neu arrangierte Version von seinem vermutlich bekanntestem Hit so sehr berührte. Obwohl ich mir bewusst war, dass es ein Traum ist, war ich umso verwirrter, wie mein Verstand einen solch bekannten Song so dermaßen umbauen konnte und es sich trotzdem noch immer gut anhörte. Würde man mich heute fragen, wie dieses spezielle Arrangement denn nun klang, würde ich in Bedrängnis kommen da ich bereits nach dem öffnen der Augen die Melodie komplett vergessen hatte. Und so zuckte ich kurz zusammen, als ich in "Erste Person Singular" auf einmal die Geschichte "Charlie Parker Plays Bossa Nova" vorfand, wo es um eine fingierte Musikkritik eines Studenten geht, der über ein Album des früh verstorbenen Jazz Saxophonisten Charlie "Bird" Parker schreibt, welches gar nicht existiert (und laut der fingierten Kritik auch nach seinem Tod erschienen ist) und dieser ihn Jahrzehnte später zu einem Privatkonzert in einem Traum aufsucht.

Die kurze Zusammenfassung dieser Kurzgeschichte (natürlich gibt es noch wesentlich mehr mysteriöse Ereignisse in dieser Geschichte) fasst Murakamis neue Anthologie eigentlich perfekt zusammen. Es wird wieder mal seltsam und doch seltsam vertraut. In 8 Kurzgeschichten von unterschiedlicher Länge geht es allen voran um Gedichte, die sich um Enthauptungen drehen, um mysteriöse alte Männer und um einen sprechenden Affen in Schlabberklamotten. Doch der Kern hinter diesen kuriosen Prämissen ist deutlich realistischer, als man annimmt. Haruki Murakami befasst sich wieder einmal mit extrem zeitgenössischen Themen unserer Gesellschaft. Er schreibt über das älter und alt werden, über Sehnsüchte, verblassten Erinnerungen.. Jede Geschichte wieder einmal ein Unikat. Während ich die Anthologie las, surfte ich im Netz nach Meinungen zu dem Buch von anderen Lesern und war sehr gespannt, wie andere Leser die jeweiligen Geschichten aufgenommen haben.

"Haruki Murakami sind endgültig die Ideen ausgegangen. Nun kommen da schon sprechende Affen drin vor."

Das ist die ungefähre Wortwahl, die eine Rezensentin von sich gab. Obwohl sie ja angeblich ein eingefleischter Fan sei, sei der sprechende Affe von Shinagawa letztendlich zu viel für sie gewesen. Murakamai muss senil geworden sein, immerhin ist er schon 72 Jahre alt. Da wir uns in der Lebenserwartung zurückentwickeln hat Murakami also das Alter einer Galapagos Schildkröte. Anscheinend verblassen aber auch die Erinnerungen von uns, da "Bekenntnis des Affen von Shinagawa" eine Fortsetzung der Story "Der Affe von Shinagawa" aus der Anthologie "Blinde Weide, schlafende Frau" ist. Eine Anthologie, die der DuMont Verlag bereits 2006 in deutscher Übersetzung in den Handel brachte. Also keine Angst, liebe Rezensentin, Haruki Murakami ist nicht senil, sein Gedächtnis funktioniert sogar noch ausgezeichnet und er führt diese abstrakte Geschichte wundervoll fort. Der Affe, (ich vermute einen japanischen Makake dahinter) dem von seinen kinderlosen Besitzern das Sprechen beigebracht wurde und sich ständig in menschliche Frauen verliebt und ihnen ihre Namen klaut, der feiert in "Erste Person Singular" sein trübseliges Comeback, arbeitet als Servicekraft in einem Onsen und erzählt einem Gast bei einem kalten Glas Bier seine Lebensgeschichte. Natürlich endet auch diese Geschichten wieder einmal in einen aberwitzigen Twist, den ich hier allerdings nicht verraten werde.

Der Affe von Shinagawa steht sinnbildlich für Murakamis Ideenreichtum in dieser Anthologie. Nun kann man ihm vielleicht vorwerfen, wieder einmal alte Themen wie melancholische Ich-Erzähler, klassische Musik und geheimnisvolle Frauen aufzuwärmen, aber, ehrlich gesagt, wenn man seit über 40 Jahren Autor ist, ist es unmöglich, sich immer wieder neu zu erfinden. Man blicke auf andere bekannte Autoren wie zum Beispiel Stephen King, der ebenfalls mit bekannten Stilmitteln seit Jahrzehnten seine Romane und Kurzgeschichten verfasst. Murakamis deutsche Leserschaft wünscht sich stets den unbeschwerten Murakami zurück (der Murakami vor 1Q84, wenn man es dann so sagen möchte), der über unheimliche Ereignisse, Frauen und Musik schreibt. "Erste Person Singular" bringt all diese Elemente auf eine wunderbare weise zurück, ohne aber auch nur ein einziges mal Murakamis Weg zu leugnen, den er beispielsweise mit "1Q84" oder "Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki" bestritten hat. Stilistisch gesehen unterscheidet sich "Erste Person Singular" aber erheblich von Murakamis letzter Anthologie "Von Männern, die keine Frauen haben" (2014 beim DuMont Buchverlag). In seiner neuesten Anthologie sind die Geschichten an sich leichter, kürzer und unbeschwerter. Die Situationen der jeweiligen Ich-Erzähler basieren meistens auf sehr alten Erinnerungen, die auf Schlüsselmomente in ihrem Leben basieren. Doch nicht alles scheint hier Fiktion zu sein. Auch autobiografische Elemente sind immer wieder vorhanden. Da muss man nicht einmal lange suchen, denn "Gesammelte Gedichte über die Yakult Swallows" basiert mehr oder weniger auf Murakamis eigenen Erinnerungen. Deutlich wird dies natürlich mit seiner Liebe zum Baseball und dem angespannten Verhältnis zu seinem Vater, über jenes er hier sehr offen redet. Es ist vielleicht eine Geschichte, die besser in seine Essaysammlung "Von Beruf Schriftsteller" gepasst hätte, aber für Fans des Autors dürfte dies dennoch eine mehr als interessante Anekdote aus der frühen Schaffenszeit von Murakami sein.

Das größte Problem ist, wo soll man so eine persönliche Geschichte unterbringen? Zum Beginn könnte man damit eher Leser verscheuchen, zum Ende hin würde ein wirkliches fiktionales Highlight fehlen. Und so könnte es sein, dass "Gesammelte Gedichte über die Yakult Swallows" vielleicht komplett untergeht, da zuvor mit "With the Beatles" Murakami vielleicht eine seiner stärksten Kurzgeschichten überhaupt abgeliefert hat. In dieser Geschichte geht es übrigens lediglich nur bedingt um die Beatles, ist ihre Musik aber doch ein elementares Schlüsselerlebnis für den namenlosen Ich-Erzähler.
Murakamis größte Stärke in der Anthologie sind wieder einmal gewöhnliche, alltägliche, ja, beinahe schon völlig belanglose Situationen, fantastisch zu erzählen. Beinahe schon bildlich hatte ich die Szenen sämtlicher Kurzgeschichten vor dem geistigen Auge. So hörte ich den Affen von Shinagawa praktisch schon reden, synchronisiert von dem bekannten japanischen Synchronsprecher Koichi "Bazooka" Yamadera. Auch die letzte, titelgebende Kurgeschichte (Die Murakami speziell für diese Anthologie verfasst hat) spielte sich bereits beim lesen komplett filmisch in meinem Verstand ab. Diese wundervolle, bildhafte Sprache hat Haruki Murakami bis heute nicht verlernt und eher nochmal perfektioniert.

Prinzipiell hätte jede Geschichte mit Ausnahme von "Gesammelte Gedichte über die Yakult Swallows" das Potential, der Auftakt zu einem neuen Roman von Murakami zu werden. Dieses Vorgehen ist bei dem Autor ja auch gar nicht mal untypisch wenn ich da an "Die Chroniken des Aufziehvogels" oder "Sputnik Sweetheart" zurückdenke, die allesamt auf Kurzgeschichten basieren. Das vielleicht größte Potential hegt für mich aber die titelgebende finale Geschichte "Erste Person Singular". Es ist die, wenn ich mich nicht verzählt habe, kürzeste Geschichte der Anthologie und im wahrsten Sinne des Wortes "Kafkaesk". Ein nameloser Ich-Erzähler der sich anscheinend in einer Identitätskrise befindet und in einer Bar eine seltsame Frau kennenlernt, die ihn zutiefst hasst, aus Gründen, die er sich nicht erklären kann. Praktisch auf dem Höhepunkt endet die Geschichte und der Leser wird nicht minder verwirrt sein wie der Erzähler selbst. In meinem Kopf spinne ich die Geschichte weiter, aber über eine offizielle Fortsetzung würde ich mich sogar sehr freuen.

Für die wieder einmal gelungene Übersetzung war erneut Ursula Gräfe am Werke, die ja seit etlichen Jahren den Murakami-Stil uneigennützig in die deutsche Sprache überträgt. Wie also seit vielen Jahren üblich wurde dieser Titel aus dem Japanischen übersetzt.



Resümee

Vor etwas über 10 Jahren hat alles mit Haruki Murakami und einigen anderen japanischen Autoren auf "Am Meer ist es wärmer" angefangen. "Erste Person Singular" ist allen voran eine Anthologie mit Kurzgeschichten, die alle ein gemeinsames Thema umfassen. Erinnerungen. Erinnerungen und resümieren. So kam auch ich beim lesen dieser Geschichten nicht umhin, wie es in meinem Leben die letzte Dekade so lief, zog eine Bilanz und stellte für mich fest, wie essentiell wichtig es für mich war, diese Geschichten zu lesen.

Eine Bilanz, die auch Haruki Murakami zu ziehen scheint. Älter werden war immer ein Thema in den Werken des Autors. Es machte immer den Eindruck, als fürchte er sich davor und blicke wehmütig auf die Zeit zurück, als er dieser junge Mann war, der auf einer Wiese liegend, ein kühles Bier trinkend sich unbeschwert ein Spiel seiner Baseballmannschaft ansieht. Mit 72 Jahren scheint der Autor aber seinen Frieden mit dem Alter geschlossen zu haben, hat den Verlauf des Lebens akzeptiert. Die 8 Geschichten in "Erste Person Singular" verbinden den Jungen Mann mit seinem jetzigen Ich. Die Geschichten sind verspielt, humorvoll und geheimnisvoll. Gleichzeitig aber auch reif und auf den Punkt gebracht. So schreibt ein Autor, der nach all den Dekaden noch immer Spaß an seinem Beruf hat.

Wenn ich zum Abschluss eine Empfehlung abgeben darf: Nie mehr als zwei Kurzgeschichten an einem Abend lesen. Diese auf sich wirken lassen und am nächsten Abend so weiter zu machen. Am besten ist es, man sieht diese Geschichten, jede einzelne von ihnen, als Märchen und Mythen an, die in unserer Gegenwart spielen. Als Belohnung dafür erhält man eine tröstende, wärmende Lektüre für den trüben Jahresauftakt, in die man sich verlieren kann.
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"Ich glaube, dass die Liebe der Brennstoff ist, der uns am Leben hält. Vielleicht endet die Liebes eines Tages. Oder sie trägt Früchte. Aber selbst wenn die Liebe verblasst, selbst wenn sie verschwindet, bleibt uns die Erinnerung, jemanden geliebt zu haben. Und diese Erinnerung wird uns zu einer kostbaren Quelle der Wärme. Ohne diese Wärmequelle würden die Herzen der Menschen - und auch die der Affen - sich in eine kalte und unfruchtbare Ödnis verwandeln, auf die kein Sonnenstrahl fällt, wo weder Blumen des Friedens noch Bäume der Hoffnung wachsen. Hier in meinem Herzen bewahre ich die Namen der sieben schönen Frauen, die ich einst geliebt habe," Der Affe legte die Hand auf seine behaarte Brust. "Sie sind der Brennstoff, der mich in kalten Nächten wärmt und mir hilft, den Rest dieses Menschenlebens durchzustehen.
Wieder lachte der Affe leise und schüttelte ein paar mal den Kopf.
"Wie widersinnig, so etwas zu sagen - Menschenleben -, wo ich doch gar kein Mensch bin, hahaha."
- Bekenntnis des Affen von Shinagawa

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