Archiv: Rezensionen zu Literatur und Film

Freitag, 29. Januar 2021

Einwurf: Es war einmal..... ein Zombie im Kaufhaus: Die blutige Rehabilitation von Dawn of the Dead in Deutschland

 




Eine lange Überschrift die ein wenig an die vielen Schnittfassungen des Films erinnert. So gibt es von Romeros Kultfilm aus dem Jahr 1978 eine als Director's Cut vermarktete Fassung, die mit rund 140 Minuten Laufzeit zu Buche schlägt und in den USA die wohl beliebteste Fassung des Films darstellen soll. Wie viel dahinter steckt, ist eine andere Geschichte da George Andrew Romero (1940-2017) für diesen Cut wohl genau so wenig Sympathien hegt wie für den in Europa berüchtigten Argento Cut des Giallo-Maestro Dario Argento.

Während die vielen Filmfassungen von Zombie aka Dawn of the Dead inklusive den kleinen Geschichten dahinter mittlerweile mindestens genau so interessant sind wie der eigentliche Film, möchte ich etwas lokaler bleiben und auf die lange, düstere Vergangenheit des Films in Deutschland eingehen. Seit seiner deutschen Veröffentlichung im Jahr 1979 hatte der Film es konstant mit den Behörden zu tun. Uncut-Fassungen wie die US-Kinofassung (die in Europa weitaus weniger bekannt war) oder der Argento Cut wurden bundesweit beschlagnahmt, andere Fassungen wurden wiederum gekürzt und indiziert oder nachträglich beschlagnahmt. Anhand der nahezu unzähligen deutschen Fassungen (darunter eine menge nicht lizenzierter Bootlegs) ist es für den gewöhnlichen Konsument kaum noch nachvollziehbar, wie viele Fassungen in den letzten Jahren eingezogen worden sind. Bei einem Film, der an sich schon mehrere Schnittfassungen besitzt die sich alle signifikant voneinander unterscheiden, ist das Fassungswirrwarr der deutschen Veröffentlichungen ein zusätzliches Paket, welches die Kaufhaus-Zombies tragen müssen. Sofern man es "Kult" nennen kann, so geht dieser "Kult" dann auch bei der Namensgebung im deutschsprachigen Raum weiter. So ist der von mir angeprangerte Titel "Zombies im Kaufhaus" in Deutschland vermutlich bekannter als "Dawn of the Dead". Aber selbst alternative Titel schützten den Film nicht vor den deutschen Jugendschützern. So gingen die bundesweiten Beschlagnahmungen ende der Jahrtausendwende weiter und das Amtsgericht Tiergarten zog weitere Fassungen ein. Wie immer muss eine Beschlagnahme begründet werden und wenn ein Film in Deutschland aufgrund von Gewaltverherrlichung eingezogen wird, wird eine Stellungnahme abgegeben, die auf Anfrage für den Bundesbürger jederzeit verfügbar ist. Ein Nutzer in der OFDb hat einen dieser Beschlüsse in der Datenbank geteilt: Beschlagnahmebeschluss vom 01.03.2000

Der absurd strenge Jugendschutz und somit die Bevormundung Volljähriger reichte in Deutschland noch weit in die 2000er Jahre hinein und hiermit möchte ich nicht sagen, dass sich die antiquierten deutschen Richtlinien gegenüber Medien wie Filme, Videospiele und Musik komplett geändert haben, aber seit einigen Jahren kann man wahrlich sagen, durchlebt Deutschland ein Zeitalter der künstlerischen Freiheit. Bleibt nun nur noch die Frage, ob Filme, Videospiele etc. nicht schon von vornherein bei ihrer Produktion so stark angepasst werden, dass sie auf jeden Markt problemlos angeboten werden können. Aber, und so fair muss man sein, es hat sich was getan bei dem Prüfverhalten der USK/FSK sowie den Beschlüssen der BPjM. Der Giftschrank der Behörden leert sich. Zahlreiche beschlagnahmte oder indizierte Filme und Videospiele in Deutschland werden wieder freigegeben. Sei es aufgrund einer Listenstreichung durch Ablauf der 25 Jahre auf dem Index oder durch Neuprüfungen der Verleihe. Ein Film muss natürlich neu geprüft werden und eine gültige Freigabe erhalten, um tatsächlich als "Rehabilitiert" zu gelten. Die wohl prominenteste Listenstreichung bis dato dürfte dann wohl im Jahr 2016 mit "Tanz der Teufel" (The Evil Dead) in die Wege geleitet worden sein. Damals bundesweit über Jahrzehnte beschlagnahmt, mittlerweile frei verfügbar für alle Jugendliche, die das Alter von 16 Jahren erreicht haben. Die Absurdität des deutschen Jugendschutzes kann man auch an wesentlich aktuelleren Filmen ausmachen wie "Wake of Death" mit Jean-Claude Van Damme aus dem Jahr 2004. Im Jahr 2009 in der ungeschnittenen Fassung auf dem Index gelandet, im Jahr 2017 durch eine Neuprüfung ungeschnitten ab 16 Jahren freigegeben, was allerdings dem deutschen Verleih Splendid nicht so sehr in die Karten spielte, da man eine "Ungeschnittene Langfassung" gerne an Volljährige verkaufen wollte. Also mussten Trailer auf die Disc, die die Altersfreigabe künstlich in die höhe trieb. Dass so etwas auch nach hinten los gehen kann, hat vor einiger Zeit erst "Schulmädchen-Report" bewiesen, der schmuddelige Kultfilm aus Deutschland aus dem Jahr 1970. Anstelle einer angestrebten Rehabilitation von Seiten des Verleihs ist die BPjM jetzt noch einmal besonders hellhörig geworden und lehnt sämtliche Anträge auf Listenstreichungen ab. Die Gründe dafür kann man sehr einfach recherchieren.

Für Romeros Zombie-Epos war es aber ein deutlich längerer Weg. Rund 40 Jahre führte der Film in Deutschland ein kurioses Dasein auf schummrigen Filmbörsen, Import-Shops und gekürzt in deutschen Kaufhäusern, bis ein Gerichtsurteil im April 2019 den Weg für eine Rehabilitation frei gemacht hat. Im starken Kontrast zu den hier genannten Filmen "Tanz der Teufel" oder "Wake of Death" bleibt Zombie in Deutschland nur für Volljährige zugänglich. Aber dies dürfte wohl im Interesse aller Beteiligten sein, da sonst vermutlich auch eine gewisse Magie verschwinden dürfte, die dem Film immer anhaftete. Die Magie der "Verbotenen Speise". Koch Media nahm sich in Deutschland dem Film an und wird an sich schon genügend Probleme gehabt haben, den Leuten zu verklickern, dass der Film nun unzensiert ab 18 Jahren freigegeben ist und es sich hier nicht um eine weitere, stark gekürzte Fassung handelt.

Doch wie rehabilitiert man einen Filmklassiker, der Jahrzehntelang auf dem Index stand? Ich denke, Koch Media wird mit seinen Aufklebern schon wissen, dass sie damit viele Leute erreichen werden. Der geneigte Film-Nerd wird von der Listenstreichung sowieso schon vorher gewusst haben. Und einige Unbelehrbare gibt es ja schließlich sowieso immer. Die viel wichtigere Frage war jedoch, welche Fassung wird Koch denn lizenzieren? Die US-Kinofassung? Den Argento Cut? Vielleicht beide? Um die Spannung aufzulösen: Es ist der Argento Cut. Es dürfte die in Europa wohl immer noch bekannteste/beliebteste Fassung mit dem meisten Wiedererkennungswert sein. Wie es rechtlich aussieht, weiß ich gar nicht. Ich bin mir nicht sicher, ob Koch hier wirklich eine Wahl hatte.
Doch vielleicht muss man erst einmal klären, was der Argento Cut überhaupt ist.





Dario Argento zählt auch heute noch zu den wohl bekanntesten und herausragendsten Filmemachern und Produzenten aus Italien. Argento beteiligte sich mit der an der Produktion von Zombie und sicherte sich zudem ein Recht auf eine eigene Schnittfassung. Auch bekannt als Euro-Cut besitzt Argentos Schnittfassung mit Ausnahme von Großbritannien das Monopol in Europa, was die Vermarktung von Romeros Film angeht. Die Unterschiede beider Fassungen sind erheblich und man kann hier nicht von marginalen Änderungen eines neomodischen Extended-Cut sprechen, der aus Marketing-Gründen entstanden ist. Genau genommen ist die Schnittfassung von Argento sogar um einige Minuten kürzer als die Fassung von George Romero (die hier der eigentliche Director's Cut ist). Man hat es hier mit zwei unterschiedlichen Visionen zweier sehr unterschiedlicher Filmemacher zu tun. Das erste, was Argento aus dem Film geschmissen hat war Romeros Soundtrack, der gemeinhin gerne als "Fahrstuhlmusik" bezeichnet wird. Argento ersetzte den Soundtrack durch völlig neue Tracks seiner langjährigen Weggefährten für seine eigenen Filme, der italienischen Prog-Rock Band "Goblin". Ziel von Argentos Fassung war es, Ballast aus dem Film zu nehmen, ihn flotter zu machen und den Splatter mehr in den Vordergrund zu stellen. Argento schnitt konsequent viele Szenen aus seiner Fassung, die zu viele Dialoge beinhalteten. Romeros bekannte Gesellschaftskritik musste daher auch einiges Federn lassen. Und obwohl ihm einige Futterneid vorwarfen (aufgrund der etwas aufwendigeren Produktion des EuroCuts), da Romeros Meinung zu Argentos Schnittfassung eher negativ war, so ist die Kritik von Romero natürlich nicht aus der Luft gegriffen (das Verhältnis der beiden Filmemacher scheint es jedoch nicht belastet zu haben, da beide Herren 1990 für den Anthologie-Film "Two Evil Eyes" noch einmal zusammengearbeitet haben). Fakt ist aber, beide Fassungen haben ihre Daseinsberechtigung. Trotz der kürzeren Laufzeit befinden sich dafür im Argento Cut auch Szenen, die in der US-Kinofassung fehlen. In diesem Sinne hätte ich mich natürlich sehr gefreut, wenn Koch beide Fassungen lizenziert hätte. Denn eines kann man mit Sicherheit sagen, zumindest in Deutschland ist Zombie noch eine rund 40 Jahre alte Jungfrau, die sich erstmals von Muttis Rockzipfel gelöst hat und alleine in den Urlaub darf. Es gibt so viel auszuprobieren. In dem Sinne kann es aktuell etwas als ernüchternd angesehen werden, dass es derzeit anscheinend nur den Argento Cut bei uns gibt. Das soll natürlich die Freude nicht schmälern.

Wie geht es nun weiter? Ich kenne die Planung der Verleihe natürlich nicht und weiß dementsprechend auch nicht, ob man das Kapitel Zombie auf dem deutschen Markt noch weiter melken wird. Theoretisch könnte man noch gefühlt 200 verschiedene Mediabooks mit unterschiedlichen Filmfassungen bringen. Doch wichtig ist nur, Zombie aka Zombies im Kaufhaus aka Dawn of the Dead ist endlich frei. Das Kapitel kann man ja mehr oder weniger nun als abgeschlossen bezeichnen. Doch da fehlt noch immer ein Romero-Zombie. Nämlich "Day of the Dead" aus dem Jahr 1985 (und für mich sogar das stärkste Werk des Regisseurs). In Deutschland noch immer bundesweit beschlagnahmt. Die Aussichten? Gar nicht mal so gut. Die Gewalt in Day of the Dead ist deutlich drastischer und besser gemacht als noch im Vorgänger. Auch von Romeros üblichem Humor ist hier nicht so viel erkennbar. Wenn bereits der Vorgänger noch mit einer FSK 18 in Deutschland daherkommt, wird es Day of the Dead noch einmal deutlich schwieriger haben, auf dem deutschen Filmmarkt wieder bzw. erstmals Fuß zu fassen. Aber wie immer gilt in Deutschland, ein Schritt nach dem anderen. Das 40 jährige Jubiläum von Day of the Dead ist gar nicht mehr so viele Jahre entfernt.

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