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Dienstag, 22. September 2015

Rezension: Der Dieb in der Nacht (Katharina Hartwell)

 (Foto: Aufziehvogel)


(Foto: Welt.de)




Deutschland 2015

Der Dieb in der Nacht
Autorin: Katharina Hartwell
Veröffentlichung: 31.08.2015 beim Berlin Verlag
Genre: Drama, Mystery


"Knochen sind wie eine Rüstung, oder? Sie stürzen einen, schützen das Innere, das Herz liegt hinter den Rippen wie in einem Käfig. Gleichzeitig sind sie wie ein Geheimnis, das man unter der Haut trägt. Etwas, das Schaden nehmen und brechen kann. Das interessiert mich sehr. Woraus wir Menschen gemacht sind. Es gibt viele Redewendungen, auch im Deutschen, nicht? Man sagt, dass einem etwas in den Knochen steckt, dass man etwas in den Knochen spürt oder es einem in die Knochen fährt - beinahe, als würden wir in den Knochen fühlen. Mich wundert es, dass noch niemand behauptet hat, die Seele stecke in den Knochen, wir vermuten sie doch sonst überall."
Ira Blixen aus "Der Dieb in der Nacht" (Katharina Hartwell, Berlin Verlag)


Bereits in den vergangenen Monaten hatte ich mit Dorothee Elmiger und Roman Ehrlich zwei Vertreter der jungen deutschsprachigen Literatur im Programm, die mich enorm begeistert haben. Eine der wohl heißesten Anwärterinnen auf einen der kommenden deutschen Buchpreise dürfte jedoch Katharina Hartwell sein. Mit ihrem Roman-Debüt "Das Fremde Meer" gelang ihr 2013 nicht nur ein Überraschungshit, das Buch fand mit seinem unkonventionell frischem Stil Anklang in deutschen literarischen Kreisen. Und auch ich war damals schon begeistert. Mit "Der Dieb in der Nacht" liefert die gebürtige Kölnerin ihren zweiten Roman ab. Alles noch ein wenig souveräner, noch stilsicherer und vor allem; noch sprachgewaltiger.

Bereits in "Das Fremde Meer" spielte Katharina Hartwell mit mehreren Erzählsträngen. Bei "Der Dieb in der Nacht" gibt es zwar diesmal nicht so viele Schichten an verschiedenen Handlungen wie beim Debüt, dafür fällt die Geschichte aber wesentlich komplexer aus. Doch auch düsterer und wesentlich beklemmender liest sich der neue Roman der jungen Autorin. "Der Dieb in der Nacht" ist eine Geschichte über Wahrheit und Unwahrheit, Einbildungen und falschen Erinnerungen. Eine Geschichte über Freundschaft und Einsamkeit. Alles liegt so nah beieinander und doch lässt sich das Puzzle dieser Geschichte nur schwer zusammenfügen.

Katharina Hartwell hat die Geschichte in mehrere Abschnitte eingeteilt. Teilweise wird aus der Gegenwart erzählt, nach einem Wechsel des Kapitels folgen aber wieder Geschichten aus der Vergangenheit. Ein leichter Hauch von einer Coming of Age Geschichte schwingt zwar mit, allerdings ist dieses Thema nicht der Fokus des Romans. "Der Dieb in der Nacht" handelt von 4 Personen, die sich unglaublich nahe stehen. Zum einen wäre dies die Familie Kracht. Mutter Agnes, Tochter Louise und Sohn Felix. Dann wäre da auch noch Paul, bester Freund von Felix. Felix Mutter hat Paul beinahe schon adoptiert, so ist es wenig verwunderlich, dass dieser auch auf den gemeinsamen Sommerausflügen mit dabei ist. Einige Jahre später, die Teenager haben die Schule beendet und ihr Abitur bestanden, soll es noch einmal einen gemeinsamen Ausflug nach Dornheim geben, Agnes Heimatdorf. Was als idyllischer Sommertrip beginnt, endet in einem Mysterium. Als Felix vor hat, eine neue Flasche Cola an der Tankstelle zu kaufen, kehrt der neunzehnjährige nicht mehr zurück. Lediglich die Verkäufer an der Tankstelle konnten Felix letzten Aufenthaltsort noch einmal bestätigen. Die Suche nach Felix verlief ins Nichts und 10 Jahre verstrichen. Paul, der sich, genau wie Agnes und Louise, nie von diesem Vorfall so wirklich erholt hat, ist beruflich in Prag unterwegs. Als Fotograf soll er für einen Franz Kafka Begeisterten interessante Fotos in Prag schießen. Eines Abends bei einem Konzert in einem Prager Nachtclub entdeckt Paul jemanden, eine Person, die Felix wie aus dem Gesicht geschnitten ist. Verdutzt und verwirrt spricht Paul den jungen Mann an, der sich als Ira Blixen vorstellt und Paul in einem späteren Gespräch erzählt, er könne sich an einen Großteil seines Lebens nicht erinnern, als man ihn vor über 10 Jahren bewusstlos aus einem Fluss geborgen hat. Doch ist es wirklich so einfach? Handelt es sich bei dem Künstler Ira Blixen wirklich um Felix? Für alle Beteiligten beginnt eine Pilgerreise, deren Ziel die Wahrheit dieser mysteriösen Ereignisse sein soll.


"Auch Paul und Jenny lernten früh die Nadelsprache, die wie jede Sprache ihre Tücken und Hürden hatte, eine besonders komplizierte Grammatik und vertrackte Aussprache. Wenn Pauls Mutter in Nadelsprache sprach, schlug sie einen besonders hellen, beinahe zwitschernden Tonfall an. >>Schön, dass du es dir gemütlich gemacht hast<<, zwitscherte sie etwa nach dem Abendessen aus der Küche, während sie unheilvoll mit schmutzigen Töpfen rumorte."
- "Der Dieb in der Nacht" (Katharina Hartwell, Berlin Verlag)


Das beeindruckende an der Geschichte ist nicht nur, dass die Haupthandlung stetig vorangetrieben und dabei Spannung aufgebaut wird, es sind auch die fein ausgearbeiteten Charaktere, bei denen Katharina Hartwell sich enorm viel Mühe gemacht hat. Nehmen wir als Beispiel mal Paul (für mich der Protagonist der Geschichte). Paul stammt aus einer Mittelklasse Familie, wie man sie in der Bundesrepublik wohl zuhauf findet. Pauls Vater, ein Arbeiter, häufig genervt von dem Alltag mit seiner Familie. Pauls Mutter, wie im Zitat oben bereits erwähnt, gerne mal überfordert, gestresst und zynisch. Ich fühlte mich bei den Abschnitten aus Pauls Vergangenheit häufig selbst angesprochen, denn ich stamme selbst aus solch einer Familie. Paul sehnt sich nach Aufmerksamkeit. Er ist enttäuscht von dem Mittelmaß, enttäuscht von seinen Eltern. Paul "Will" eine menge. Bei ihm geht es häufig ums "Wollen" und um seine Komplexe zu befrieden, schreckt er auch nicht davor zurück, im jungen Alter gerne mal was mitgehen zu lassen. Der Diebstahl eines Federmäppchens ist der wahre Anlass, wieso Paul und Felix beste Freunde wurden, obwohl die beiden sich eigentlich schon bereits aufgrund einer blutigen Nase vorher besser kennen lernten. In Felix Familie bekommt Paul genau das, was er bei sich daheim vermisst. Felix Mutter Agnes behandelt ihn dabei vermutlich fürsorglicher als seine eigene Mutter. Aber auch bei Felix Familie glänzt nicht alles so hell, wie es den Anschein macht. In gut abgestimmten Abschnitten verrät Katharina Hartwell mehr über die komplexen Abgründe ihrer Protagonisten.


"Paul betrachtet sein Profil, die spitze, gerade Nase. Er versucht, sich an Felix' Nase zu erinnern, aber es gelingt ihm nicht. Wenn jemand verschwindet, das hat er in den letzten Jahren herausgefunden, macht es keinen Unterschied, dass man ihn eine Zeit lang jeden Tag sah, dass man einmal um jedes Muttermal und jeden Haarwirbel und jeden schiefstehenden Zahn wusste, denn nicht nur der Mensch selbst verschwindet, sondern alle Bilder, die zu ihm gehörten, alle Sätze, alle Gesten, die Zeit trägt alles davon."
- "Der Dieb in der Nacht" (Katharina Hartwell, Berlin Verlag)


"Der Dieb in der Nacht" ist eine Geschichte über Erinnerungen. Und über Erinnerungen, die einen betrügen können. Eines der wichtigen Themen der Geschichte ist das "Vergessen". Aber es sind auch die eigenen Erlebnisse, die einen austricksen können. So haben sowohl Paul, Agnes als auch Louise völlig unterschiedliche Interpretationen von Felix letzten Worten, bevor er das Haus verließ und spurlos verschwand. Als der geheimnisvolle, charmante Ira Blixen ins Spiel kommt, weiß er selbst nicht so recht, was er von Pauls wahnwitziger Geschichte halten soll. Doch selbst wenn Ira Felix ist, wieso sollte er Paul folgen? Wie Blixen selbst sagt, aus dem Nichts hat er sich ein neues Leben aufgebaut, die Vergangenheit, wer er vielleicht einmal war, spielt keine Rolle mehr. Aber so einfach ist es nicht, dafür ist die menschliche Neugier zu stark.

Katharina Hartwell hat viele Elemente in ihre Geschichte eingebaut, die mich bereits in Haruki Murakamis Roman "Sputnik Sweetheart" sehr faszinierten. Manchmal ist es sogar die bildhafte Sprache der Autorin, die mich häufig an Murakami erinnerte. Eine Fähigkeit, womit mich bisher nur wenige Autoren begeistern konnten.


Resümee

Bereits im Prolog nimmt uns Katharina Hartwell mit in ein düsteres, geheimnisvolles Prag. Es fühlt sich ein bisschen so an, als würden wir Paul Live zu den verschiedenen Orten begleiten.
Ein geliebter Mensch ist verschwunden. Als wäre er von Außerirdischen entführt worden.
Pauls Sinne spielen ihm häufig Streiche. In einem Wimpernschlag ist Ira Blixen Felix, beim nächsten ist er wieder eine völlig fremde Person.

Erinnerungen können trügen. In Katharina Hartwells beeindruckendem zweiten Roman macht sie uns das noch einmal deutlich. Doch auf wen soll man sich denn noch verlassen, wenn nicht einmal auf sich selbst? Und so leicht macht es uns die Autorin dann auch am Ende ihrer Geschichte nicht, denn der Leser wird noch mit so einigen Fragen in die ein oder andere Nacht geschickt.

Genau so muss sich junge deutsche Literatur lesen. Eine Autorin, die eine ungewöhnliche Geschichte zu erzählen hat, und ein Verlag, der mutig genug ist, diese abzudrucken. Daran darf sich so mancher Vertreter der deutschsprachigen Literatur mal ein Beispiel nehmen. 
"Der Dieb in der Nacht" hat meinen Blog bestimmt nicht zum letzten mal besucht.

Kommentare:

  1. wow - hört sich großartig an. Wäre nie über diese Autorin gestolpert. Ganz lieben Dank für diesen Tipp *und ab auf den Wunschzettel mit Frau Hartwell)

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  2. Unbedingt :)

    Ich war, wie ich schon geschrieben habe, bereits von "Das Fremde Meer" enorm begeistert. Überhaupt hat der Berlin Verlag einige sehr talentierte Autorinnen in seinen Reihen.

    Wünsche dir schon einmal Viel Spaß sobald du das Buch besitzt :)

    Liebe Grüße,
    Aufziehvogel

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