Archiv: Rezensionen zu Literatur und Film
Dienstag, 12. November 2013
Am Meer ist es wärmer jetzt auf Bloglovin
Ich halte von aktuellen Trends nicht wirklich viel, Bloglovin scheint jedoch recht praktisch zu sein. Blogspot selbst ist nicht wirklich eine ideale Plattform dafür, interessante Blogs zu finden, da alles sehr unübersichtlich aufgebaut ist, und keine wirkliche Verknüpfung untereinander stattfindet (ich diese Möglichkeit auch fast nie genutzt habe, über Blogspot andere Blogs zu finden).
Die einfache Verknüpfung mit Bloglovin funktioniert nach dem Prinzip von Twitter und könnte sich noch als durchaus praktisch erweisen. Wer dort angemeldet ist muss nur auf das Widget, welches sich über dem Twitter-Vögelchen befindet, klicken, und schon kann er Am Meer ist es wärmer hinzufügen. Fortan wird man über sämtliche neue Beiträge des hinzugefügten Blogs ohne penetrante Werbung des Eigentümers über sein Bloglovin Profil informiert.
Murakami in Shorts: Die unheimliche Bilbiothek und Samsa in Love (Rezensionen)
Wer tatsächlich nun erwartet hat, Japans Bestsellerautor in diesem Beitrag in Shorts vorzufinden, war entweder zu gutgläubig oder hat etwas zu hart in den Karneval reingefeiert. Oder aber hat noch nie eine seiner Kurzgeschichten gelesen! Das wäre aber eine Sünde, denn "Kurz" kann Murakami eigentlich genau so gut wie "Lang". Haruki Murakamis Anthologien von Kurzgeschichten und phantastischen Erzählungen sind Kult und stehen teilweise seinen großen Romane wie aktuell 1Q84 in nichts nach. Einfach, weil er die Fähigkeit besitzt, etwas, wofür er 1500 Seiten braucht, auch in 50 ausdrücken kann.
Am 10. Januar 2014 erscheint Haruki Murakamis neuer Roman Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki auf Deutsch beim DuMont Verlag. Mit den Rezensionen zu den beiden Kurzgeschichten Die unheimliche Bilbiothek und der brandneuen Veröffentlichung Samsa in Love kann man sich schon einmal auf den neuen Roman einstimmen. Viel Spaß beim lesen (natürlich beim lesen der Kurzgeschichten)!
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Die Murakami Rezensionen 6
Japan 2005
Die unheimliche Bibliothek
Autor: Haruki Murakami
Originaltitel: Fushigi Na Toshokan
Erscheinungsjahr: 2005 (Kodansha, Japan), 2013 in deutscher Übersetzung bei DuMont
Illustrationen: Maki Sasaki (japanische Ausgabe), Kat Menschik (deutsche Ausgabe)
Übersetzung: Ursula Gräfe
Genre: Grusel, Magic Realism
"Der Schafsmann hat seine Schafsmannwelt. Ich habe meine Welt. Und du hast deine. Nicht wahr?
>>Da magst du recht haben.<<
Man kann also sagen, dass ich in der Schafsmannwelt nicht existiere, was aber nicht heißen muss, dass ich überhaupt nicht existiere.
>>Das heißt<<, sagte ich, >>dass die verschiedenen Welten sich hier treffen. Deine Welt, meine Welt und die vom Schafsmann. Es gibt Orte, an denen sie sich überschneiden. So ist es doch, oder?<<
Das Mädchen nickte zweimal kurz."
Haruki Murakami und Kat Menschick funktioniert. Bereits zwei ausgewählte Kurzgeschichten (Schlaf und die Bäckereiüberfälle) brachte der DuMont Verlag als schicke Hardcover-Sammelbände in die Buchhandlungen, die allesamt bezaubernde wie surreale Zeichnungen der Berliner Illustratorin Kat Menschick zu Murakamis genau so bezaubernden und surrealen Geschichten beinhalteten. Beide Ausgaben wurden meines Wissens sogar bereits in Japan veröffentlicht.
Sowohl Schlaf als auch die Bäckereiüberfälle erschienen jedoch schon in deutscher Übersetzung in der Anthologie Der Elefant verschwindet. Mit der unheimlichen Bibliothek zauberte man aber nun eine im Westen noch recht unbekannte Kurzgeschichte Murakamis aus dem Hut, zu der Kat Menschicks Zeichnungen besser als je zuvor passen dürften.
Protagonist der kleinen Gruselgeschichte ist ein namenloser Jugendlicher. Nichtsahnend mit seiner beinahe noch kindlichen Unschuld, betritt der Junge die Stadtbibliothek um sich nach Bücher über "Steuereintreibung im Osmanischen Reich" zu erkundigen. Die knurrige Angestellte weist den Jungen in den Keller der Bibliothek, wo man ihm Antwort auf seine Frage geben würde. Da der Junge Stammgast in der Bibliothek ist, kam es ihm seltsam vor, dass es anscheinend noch ein Untergeschoss geben soll. Ungläubig steigt er die Treppen hinab und findet eine Tür vor, die in einen kleinen Raum führt. Beherbergt wird dieser Raum von einem schaurigen Bibliothekar, der genau die Bücher auf Lager zu haben scheint, die der Junge sucht. Schüchtern und verängstigt lässt der Junge sich darauf ein, die Bücher im Keller der Bibliothek zu lesen. Was der Junge noch nicht weiß, er darf den Keller nicht eher verlassen, bis er alle drei Bücher auswendig gelernt hat, und sie dem alten Bibliothekar anschließend vorträgt. Der Alte hat den Teenager reingelegt. Aus der unheimlichen Bibliothek scheint es kein Entkommen zu geben.
Als ein wenig kafkaesk, kann man diese Kurzgeschichte bezeichnen. Inklusive dem namenlosen Protagonist, sind alle Charaktere dieser Geschichte skurril. Ein Wiedersehen gibt es obendrein mit dem Schafsmann. Der wird, wie es scheint, von dem Alten als Sklave (eher als Prügelknabe) gehalten. Tief unten in der Bibliothek, backt dieser für alle neuen Insassen frische Donuts. Wer also schon immer mal von einem kleinen gedrungenen Mann in einem Schafkostüm bedient werden wollte, der wird in Murakamis Bibliothek wohl genau richtig sein. Ob die Geschichte aber tatsächlich zum Schafsmann-Kanon gehört (Wilde Schafsjagd, Tanz mit dem Schafsmann), wird bei der unheimlichen Bibliothek nicht ganz klar.
Der typische Murakami-Stil fehlt in dieser Geschichte natürlich nicht. Es gibt herrlich schräge, kryptische Dialoge und sogar einen Ausflug ins Osmanische Reich. Murakami ist ein begnadeter Erzähler und auch wenn die Kurzgeschichte nicht viel Spielraum für eine komplexe Story bietet, so schöpft der Japaner wieder all sein Potential aus, alles so surreal und geheimnisvoll wie möglich zu gestalten. Leider ist es mir aufgrund der eben nicht komplexen Story möglich, näher auf die einzelnen Details, wie die schrägen Charaktere zum Beispiel, einzugehen. All das würde den Spaß daran nehmen, die Kurzgeschichte selbst zu lesen.
Worauf ich aber sehr wohl eingehen kann, und auch hier möchte ich nichts vorab posten, sind die Zeichnungen von Kat Menschik. Die teilweise sehr bizarren Illustrationen passen einfach perfekt zu der Geschichte. Jedes einzelne Bild ist ein kleines Kunstwerk. Die Illustratorin saugt die Geschichte förmlich in ihre Zeichnungen ein. Das hat mir sehr gut gefallen. Sollte man das Buch ungelesen noch im Regal stehen haben, so sollte man das durchblättern jedoch lassen, denn sonst ruiniert man sich die Überraschungen. Übrigens, im krassen Kontrast dazu stehen die Illustrationen der japanischen Ausgabe von Maki Sasaki. In der japanischen Ausgabe sieht alles ein wenig freundlicher, humoristischer aus. Man kann also davon ausgehen, Murakamis Intention war es, die Geschichte weniger ernst erscheinen zu lassen. Einen genaueren Vergleich findet ihr dazu in diesem Link auf Japanliteratur. Somit kann die deutsche Ausgabe durchaus als gruselige Neuinterpretation angesehen werden. Finde ich äußerst gelungen.
Wie immer muss ich auch die Übersetzung von Ursula Gräfe loben. Wie in den bereits veröffentlichten Übersetzungen importiert sie Murakamis Stil butterweich in in die deutsche Sprache. Man kann sich schon jetzt auf ihre Übersetzung zu Murakamis neuen Roman im Januar freuen.
Resümee
Die unheimliche Bibliothek ist eine stimmungsvolle, surreal geschriebene Kurzgeschichte. Der Ausflug in dieses düstere Labyrinth war gruselig und zeitgleich amüsant. Schräge Charaktere, wundervolle Dialoge und brillante Illustrationen machen das Buch unverzichtbar für Murakami-Leser. Neulinge werden sich vermutlich mit dieser Kurzgeschichte recht schwer tun. Was aber nicht heißt, dass diese Kurzgeschichte nicht auch als Einstieg ins Murakami Universum dienen kann.
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Japan 2013
Samsa in Love
Autor: Haruki Murakami
Erscheinungsjahr: 28 Oktober 2013 bei The New Yorker (kostenlos lesen)
Übersetzung: Ted Goosen
Genre: Mystery
Samsa looked down again at the bulge. “I don’t know how to explain it, but that has nothing to do with my feelings. It must be some kind of heart problem.”
“No kidding,” she said, impressed. “A heart problem, you say. That’s an interesting way to look at it. Never heard that one before.”
“You see, it’s out of my control.”
“And it has nothing to do with fucking?”
“Fucking isn’t on my mind. Really.”
“So let me get this straight. When your thing grows big and hard like that, it’s not your mind but your heart that’s causing it?”
Samsa nodded in assent.
“Swear to God?” the woman said.
“God,” Samsa echoed. Another word he couldn’t remember having heard before. He fell silent.
The woman gave a weary shake of her head. She twisted and turned again to adjust her brassiere. “Forget it. It seems God left Prague a few days ago. Let’s forget about him.”
The New Yorker gehört wohl zu den angesehensten Kulturmagazinen der Metropole. Ob Stephen King, Nobelpreisträgerin Alice Munro oder auch Haruki Murakami. Zahlreiche Kurzgeschichten der bekanntesten Autoren wurden in dem englischsprachigen Magazin bereits veröffentlicht. Dank des Internets sind viele davon völlig kostenlos auf der offiziellen Website nachlesbar. So sieht es auch mit Haruki Murakamis neuster Kurzgeschichte, Samsa in Love aus. Wer der englischen Sprache mächtig ist, sollte seinen eReader oder Tablet in die Mangel nehmen, um für das bestmögliche Lesevergnügen zu sorgen.
Wer sich über den Titel wundert, und meint, dieser komme ihm bekannt vor, liegt er nicht ganz falsch. Denn Samsa in Love ist eine Neuinterpretation von eine der wohl Seinerzeit gruseligsten, seltsamsten und meist gelesenen Geschichten. Die Rede ist von Franz Kafkas "Die Verwandlung". Bis auf einen ähnlichen Prolog samt Protagonist und die Thematik haben die Geschichten aber nicht viel miteinander zu tun. Die Geschichte mag zwar Kafkaesk sein, aber Murakamis unvergleichlicher Stil ist es, der diese Kurzgeschichte prägt. Und gleichzeitig ist diese Kurzgeschichte wohl schriftstellerisch das beste, was Murakami seit Kafka am Strand veröffentlicht hat.
Ein junger Mann wacht in einem ihm unbekannten Raum auf. Er kann seine Räumlichkeiten nicht zuordnen und alles um ihn herum macht einen befremdlichen Eindruck. Seltsamerweise weiß er nur eines, oder etwas, woran er sich erinnern kann. Gregor Samsa. Ein Name. Sein Name? Er ist sich beinahe sicher, dies ist sein Name. Samsa mustert das Zimmer. Das einzige Fenster wurde mit Brettern zugenagelt. Wieso sollte jemand wollen, dass er nicht sieht, was draußen vor sich geht? Als Samsa versucht, sich allmählich aufzurichten, bemerkt er jedoch, etwas ist nicht so, wie es sein sollte. Sein Körper fühlt sich verkrüppelt an. Etwas scheint da nicht richtig angeordnet zu sein. Er betrachtet seinen Körper, bemerkt, er ist komplett nackt. Jedoch scheinen all seine Körperteile verformt und zerbrechlich. Er ist so blass, man kann jede einzelne Vene sehen, die sein Körper schmückt. Sorgen bereitet Samsa übrigens auch, dass er von den wichtigsten Gliedmaßen jeweils zwei Paare hat. Nach einem harten Kampf, das Bett zu verlassen, realisiert Samsa, dass er sich in einem völlig verlassenem Hotel befindet. Wo sind alle Besucher hin? Und was geht wohl draußen vor sich? Da klingelt es plötzlich an der Haustür, und eine junge Dame vom Schlüsseldienst will eines der Schlösser im Hotel austauschen. Die Frau mit dem frechen Mundwerk erzählt Samsa nicht nur einige interessante Details über die Außenwelt, sondern er bemerkt auch noch etwas anderes, so ein Gefühl, wie es eigentlich nur bei Menschen zu finden ist, die Verliebt sind.
Ich habe die meisten von Murakamis Kurzgeschichten-Anthologien gelesen. Oft, und besonders im eigenen Land, wird er kritisiert, seine Geschichten hätten einen zu großen westlichen Einfluss. Dieser Meinung konnte ich mich aber nicht ein einziges mal anschließen. All seinen Geschichten haftet trotz einiger westlicher Einflüsse ein enormes Maß an japanischer Popkultur an. Murakamis Geschichten sind japanisch, vom Stil als auch von der Denkweise. Bei Samsa in Love bin ich jedoch überrascht worden. Die markante Übersetzung von Ted Goosen mag zwar einen Teil dazu beitragen, aber es ist größtenteils Murakamis Erzählstil, der diese Geschichte so westlich erscheinen lässt. Diesen Aspekt sehe ich übrigens in keinster Weise als Kritik. Im Gegenteil. Die Geschichte spielt zwar, und das erfährt man während des Lesens, in Prag, viel mehr könnte sie aber auch in einem New York der Nachkriegszeit spielen. Der Geschichte haftet weniger Kafka als viel mehr Philip K. Dick an. Man glaubt, man lese gerade den Auftakt zu einem mysteriösen Endzeit-Roman. Murakami entführt uns in eine sehr geheimnisvolle Welt. Mit dem Eintreffen des buckligen Mädchens bekommt der Leser nur einen kleinen Eindruck davon, welch seltsame Ereignisse gerade in der Welt außerhalb des Hotels Samsa vorgehen. So stellt man sich zwangsläufig die Frage, wie es zu Gregor Samsas Verwandlung kam, wer das bucklige Mädchen vom Schlüsseldienst gerufen hat und was in der Außenwelt vor sich geht.
1Q84, Murakamis letzten auf deutsch veröffentlichen Roman haftete ein Problem an. Das große Werk umfasste viele Erzählstränge, doch fast keiner davon wurde zufriedenstellend aufgelöst. Bei 1Q84 konnte man dies durchaus als Manko sehen. Bei einer so überschaubaren Geschichte wie Samsa in Love jedoch tragen all diese vielen Geheimnisse zur Atmosphäre der Geschichte bei. Auch nach dem lesen resümiert man noch ein wenig über die Geschehnisse. Murakami hat hier in Höchstform geschrieben.
“Ah, Gregor Samsa, sometimes you make me want to die,” she said.
Die große Stärke sah ich aber wieder einmal in den Dialogen der Charaktere untereinander. Ich muss erwähnen, es gibt nur zwei Protagonisten und einen Erzähler in dieser Geschichte. Mit dem Mädchen vom Schlüsseldienst präsentiert Murakami mal wieder einen Charakter, der eindeutig seinen Stempel trägt. Ähnlich wie Ushikawa in 1Q84 ist das bucklige Mädchen, in der Geschichte als Hunchback Girl bekannt, das Prunkstück unter den Protagonisten. Im Gegenzug zu ihr scheint Gregor Samsa sich fast normal zu benehmen. Im Vergleich zu Kafkas Samsa gleicht Murakamis Protagonist übrigens weniger einem Insekt als viel mehr einer missgestalteten Person, zu der das Leben nicht gerade gnädig war. Das Mädchen hingegen ist bucklig, und ständig muss sie ihren Büstenhalter richten. Ihr Mundwerk ist frech und Respekt scheint sie kaum zu haben. Den Leser erwarten einige großartige Dialoge zwischen den beiden. Es ist ein regelrechtes Kuriositätenkabinett und doch scheinen diese beiden Charaktere menschlicher zu sein als die Welt um sie herum.
Resümee
Samsa in Love hat mir sehr gut gefallen. Genau wie 1Q84 ist auch diese Kurzgeschichte kein typischer Murakami, aber dennoch funktionierte diese Story wesentlich besser als vieles, was er bei 1Q84 so probierte (was nicht heißen soll, ich fände 1Q84 schlecht). Ich habe mir auch nach dem Lesen von Samsa in Love noch einige Gedanken zu der Geschichte gemacht. Sie ist eine wundervolle Hommage an das Werk Kafkas, und irgendwie auch eine Rückkehr zu Kafka am Strand (Roman). Auch wenn beide Geschichten sehr unterschiedlich sind, so sind doch gewisse Ähnlichkeiten zu erkennen.
Ich wünsche mir natürlich eine neue Anthologie mit mehr Kurzgeschichten in dem Stil von Samsa in Love. So eine Anthologie von Murakami ist, ehrlich gesagt, auch mal wieder längst überfällig.
Was Samsa in Love nun angeht, da kann ich nur eine ganz große Empfehlung aussprechen.
Anmerkung: Mit Onna no Inai Otokotachi (Man Without Women) und Samsa in Love hat Haruki Murakami bereits zwei Kurzgeschichten in diesem Jahr veröffentlicht. Wie The Guardian nun berichtete, veröffentlichte das japanische Magazin Bungeishunju am 09. November eine weitere Kurzgeschichte mit dem Titel Drive My Car, benannt nach dem gleichnamigen Song der Beatles.
Am 10. Januar 2014 erscheint Haruki Murakamis neuer Roman Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki auf Deutsch beim DuMont Verlag. Mit den Rezensionen zu den beiden Kurzgeschichten Die unheimliche Bilbiothek und der brandneuen Veröffentlichung Samsa in Love kann man sich schon einmal auf den neuen Roman einstimmen. Viel Spaß beim lesen (natürlich beim lesen der Kurzgeschichten)!
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Die Murakami Rezensionen 6
Japan 2005
Die unheimliche Bibliothek
Autor: Haruki Murakami
Originaltitel: Fushigi Na Toshokan
Erscheinungsjahr: 2005 (Kodansha, Japan), 2013 in deutscher Übersetzung bei DuMont
Illustrationen: Maki Sasaki (japanische Ausgabe), Kat Menschik (deutsche Ausgabe)
Übersetzung: Ursula Gräfe
Genre: Grusel, Magic Realism
"Der Schafsmann hat seine Schafsmannwelt. Ich habe meine Welt. Und du hast deine. Nicht wahr?
>>Da magst du recht haben.<<
Man kann also sagen, dass ich in der Schafsmannwelt nicht existiere, was aber nicht heißen muss, dass ich überhaupt nicht existiere.
>>Das heißt<<, sagte ich, >>dass die verschiedenen Welten sich hier treffen. Deine Welt, meine Welt und die vom Schafsmann. Es gibt Orte, an denen sie sich überschneiden. So ist es doch, oder?<<
Das Mädchen nickte zweimal kurz."
Haruki Murakami und Kat Menschick funktioniert. Bereits zwei ausgewählte Kurzgeschichten (Schlaf und die Bäckereiüberfälle) brachte der DuMont Verlag als schicke Hardcover-Sammelbände in die Buchhandlungen, die allesamt bezaubernde wie surreale Zeichnungen der Berliner Illustratorin Kat Menschick zu Murakamis genau so bezaubernden und surrealen Geschichten beinhalteten. Beide Ausgaben wurden meines Wissens sogar bereits in Japan veröffentlicht.
Sowohl Schlaf als auch die Bäckereiüberfälle erschienen jedoch schon in deutscher Übersetzung in der Anthologie Der Elefant verschwindet. Mit der unheimlichen Bibliothek zauberte man aber nun eine im Westen noch recht unbekannte Kurzgeschichte Murakamis aus dem Hut, zu der Kat Menschicks Zeichnungen besser als je zuvor passen dürften.
Protagonist der kleinen Gruselgeschichte ist ein namenloser Jugendlicher. Nichtsahnend mit seiner beinahe noch kindlichen Unschuld, betritt der Junge die Stadtbibliothek um sich nach Bücher über "Steuereintreibung im Osmanischen Reich" zu erkundigen. Die knurrige Angestellte weist den Jungen in den Keller der Bibliothek, wo man ihm Antwort auf seine Frage geben würde. Da der Junge Stammgast in der Bibliothek ist, kam es ihm seltsam vor, dass es anscheinend noch ein Untergeschoss geben soll. Ungläubig steigt er die Treppen hinab und findet eine Tür vor, die in einen kleinen Raum führt. Beherbergt wird dieser Raum von einem schaurigen Bibliothekar, der genau die Bücher auf Lager zu haben scheint, die der Junge sucht. Schüchtern und verängstigt lässt der Junge sich darauf ein, die Bücher im Keller der Bibliothek zu lesen. Was der Junge noch nicht weiß, er darf den Keller nicht eher verlassen, bis er alle drei Bücher auswendig gelernt hat, und sie dem alten Bibliothekar anschließend vorträgt. Der Alte hat den Teenager reingelegt. Aus der unheimlichen Bibliothek scheint es kein Entkommen zu geben.
Als ein wenig kafkaesk, kann man diese Kurzgeschichte bezeichnen. Inklusive dem namenlosen Protagonist, sind alle Charaktere dieser Geschichte skurril. Ein Wiedersehen gibt es obendrein mit dem Schafsmann. Der wird, wie es scheint, von dem Alten als Sklave (eher als Prügelknabe) gehalten. Tief unten in der Bibliothek, backt dieser für alle neuen Insassen frische Donuts. Wer also schon immer mal von einem kleinen gedrungenen Mann in einem Schafkostüm bedient werden wollte, der wird in Murakamis Bibliothek wohl genau richtig sein. Ob die Geschichte aber tatsächlich zum Schafsmann-Kanon gehört (Wilde Schafsjagd, Tanz mit dem Schafsmann), wird bei der unheimlichen Bibliothek nicht ganz klar.
Der typische Murakami-Stil fehlt in dieser Geschichte natürlich nicht. Es gibt herrlich schräge, kryptische Dialoge und sogar einen Ausflug ins Osmanische Reich. Murakami ist ein begnadeter Erzähler und auch wenn die Kurzgeschichte nicht viel Spielraum für eine komplexe Story bietet, so schöpft der Japaner wieder all sein Potential aus, alles so surreal und geheimnisvoll wie möglich zu gestalten. Leider ist es mir aufgrund der eben nicht komplexen Story möglich, näher auf die einzelnen Details, wie die schrägen Charaktere zum Beispiel, einzugehen. All das würde den Spaß daran nehmen, die Kurzgeschichte selbst zu lesen.
Worauf ich aber sehr wohl eingehen kann, und auch hier möchte ich nichts vorab posten, sind die Zeichnungen von Kat Menschik. Die teilweise sehr bizarren Illustrationen passen einfach perfekt zu der Geschichte. Jedes einzelne Bild ist ein kleines Kunstwerk. Die Illustratorin saugt die Geschichte förmlich in ihre Zeichnungen ein. Das hat mir sehr gut gefallen. Sollte man das Buch ungelesen noch im Regal stehen haben, so sollte man das durchblättern jedoch lassen, denn sonst ruiniert man sich die Überraschungen. Übrigens, im krassen Kontrast dazu stehen die Illustrationen der japanischen Ausgabe von Maki Sasaki. In der japanischen Ausgabe sieht alles ein wenig freundlicher, humoristischer aus. Man kann also davon ausgehen, Murakamis Intention war es, die Geschichte weniger ernst erscheinen zu lassen. Einen genaueren Vergleich findet ihr dazu in diesem Link auf Japanliteratur. Somit kann die deutsche Ausgabe durchaus als gruselige Neuinterpretation angesehen werden. Finde ich äußerst gelungen.
Wie immer muss ich auch die Übersetzung von Ursula Gräfe loben. Wie in den bereits veröffentlichten Übersetzungen importiert sie Murakamis Stil butterweich in in die deutsche Sprache. Man kann sich schon jetzt auf ihre Übersetzung zu Murakamis neuen Roman im Januar freuen.
Resümee
Die unheimliche Bibliothek ist eine stimmungsvolle, surreal geschriebene Kurzgeschichte. Der Ausflug in dieses düstere Labyrinth war gruselig und zeitgleich amüsant. Schräge Charaktere, wundervolle Dialoge und brillante Illustrationen machen das Buch unverzichtbar für Murakami-Leser. Neulinge werden sich vermutlich mit dieser Kurzgeschichte recht schwer tun. Was aber nicht heißt, dass diese Kurzgeschichte nicht auch als Einstieg ins Murakami Universum dienen kann.
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Japan 2013
Samsa in Love
Autor: Haruki Murakami
Erscheinungsjahr: 28 Oktober 2013 bei The New Yorker (kostenlos lesen)
Übersetzung: Ted Goosen
Genre: Mystery
Samsa looked down again at the bulge. “I don’t know how to explain it, but that has nothing to do with my feelings. It must be some kind of heart problem.”
“No kidding,” she said, impressed. “A heart problem, you say. That’s an interesting way to look at it. Never heard that one before.”
“You see, it’s out of my control.”
“And it has nothing to do with fucking?”
“Fucking isn’t on my mind. Really.”
“So let me get this straight. When your thing grows big and hard like that, it’s not your mind but your heart that’s causing it?”
Samsa nodded in assent.
“Swear to God?” the woman said.
“God,” Samsa echoed. Another word he couldn’t remember having heard before. He fell silent.
The woman gave a weary shake of her head. She twisted and turned again to adjust her brassiere. “Forget it. It seems God left Prague a few days ago. Let’s forget about him.”
The New Yorker gehört wohl zu den angesehensten Kulturmagazinen der Metropole. Ob Stephen King, Nobelpreisträgerin Alice Munro oder auch Haruki Murakami. Zahlreiche Kurzgeschichten der bekanntesten Autoren wurden in dem englischsprachigen Magazin bereits veröffentlicht. Dank des Internets sind viele davon völlig kostenlos auf der offiziellen Website nachlesbar. So sieht es auch mit Haruki Murakamis neuster Kurzgeschichte, Samsa in Love aus. Wer der englischen Sprache mächtig ist, sollte seinen eReader oder Tablet in die Mangel nehmen, um für das bestmögliche Lesevergnügen zu sorgen.
Wer sich über den Titel wundert, und meint, dieser komme ihm bekannt vor, liegt er nicht ganz falsch. Denn Samsa in Love ist eine Neuinterpretation von eine der wohl Seinerzeit gruseligsten, seltsamsten und meist gelesenen Geschichten. Die Rede ist von Franz Kafkas "Die Verwandlung". Bis auf einen ähnlichen Prolog samt Protagonist und die Thematik haben die Geschichten aber nicht viel miteinander zu tun. Die Geschichte mag zwar Kafkaesk sein, aber Murakamis unvergleichlicher Stil ist es, der diese Kurzgeschichte prägt. Und gleichzeitig ist diese Kurzgeschichte wohl schriftstellerisch das beste, was Murakami seit Kafka am Strand veröffentlicht hat.
Ein junger Mann wacht in einem ihm unbekannten Raum auf. Er kann seine Räumlichkeiten nicht zuordnen und alles um ihn herum macht einen befremdlichen Eindruck. Seltsamerweise weiß er nur eines, oder etwas, woran er sich erinnern kann. Gregor Samsa. Ein Name. Sein Name? Er ist sich beinahe sicher, dies ist sein Name. Samsa mustert das Zimmer. Das einzige Fenster wurde mit Brettern zugenagelt. Wieso sollte jemand wollen, dass er nicht sieht, was draußen vor sich geht? Als Samsa versucht, sich allmählich aufzurichten, bemerkt er jedoch, etwas ist nicht so, wie es sein sollte. Sein Körper fühlt sich verkrüppelt an. Etwas scheint da nicht richtig angeordnet zu sein. Er betrachtet seinen Körper, bemerkt, er ist komplett nackt. Jedoch scheinen all seine Körperteile verformt und zerbrechlich. Er ist so blass, man kann jede einzelne Vene sehen, die sein Körper schmückt. Sorgen bereitet Samsa übrigens auch, dass er von den wichtigsten Gliedmaßen jeweils zwei Paare hat. Nach einem harten Kampf, das Bett zu verlassen, realisiert Samsa, dass er sich in einem völlig verlassenem Hotel befindet. Wo sind alle Besucher hin? Und was geht wohl draußen vor sich? Da klingelt es plötzlich an der Haustür, und eine junge Dame vom Schlüsseldienst will eines der Schlösser im Hotel austauschen. Die Frau mit dem frechen Mundwerk erzählt Samsa nicht nur einige interessante Details über die Außenwelt, sondern er bemerkt auch noch etwas anderes, so ein Gefühl, wie es eigentlich nur bei Menschen zu finden ist, die Verliebt sind.
Ich habe die meisten von Murakamis Kurzgeschichten-Anthologien gelesen. Oft, und besonders im eigenen Land, wird er kritisiert, seine Geschichten hätten einen zu großen westlichen Einfluss. Dieser Meinung konnte ich mich aber nicht ein einziges mal anschließen. All seinen Geschichten haftet trotz einiger westlicher Einflüsse ein enormes Maß an japanischer Popkultur an. Murakamis Geschichten sind japanisch, vom Stil als auch von der Denkweise. Bei Samsa in Love bin ich jedoch überrascht worden. Die markante Übersetzung von Ted Goosen mag zwar einen Teil dazu beitragen, aber es ist größtenteils Murakamis Erzählstil, der diese Geschichte so westlich erscheinen lässt. Diesen Aspekt sehe ich übrigens in keinster Weise als Kritik. Im Gegenteil. Die Geschichte spielt zwar, und das erfährt man während des Lesens, in Prag, viel mehr könnte sie aber auch in einem New York der Nachkriegszeit spielen. Der Geschichte haftet weniger Kafka als viel mehr Philip K. Dick an. Man glaubt, man lese gerade den Auftakt zu einem mysteriösen Endzeit-Roman. Murakami entführt uns in eine sehr geheimnisvolle Welt. Mit dem Eintreffen des buckligen Mädchens bekommt der Leser nur einen kleinen Eindruck davon, welch seltsame Ereignisse gerade in der Welt außerhalb des Hotels Samsa vorgehen. So stellt man sich zwangsläufig die Frage, wie es zu Gregor Samsas Verwandlung kam, wer das bucklige Mädchen vom Schlüsseldienst gerufen hat und was in der Außenwelt vor sich geht.
1Q84, Murakamis letzten auf deutsch veröffentlichen Roman haftete ein Problem an. Das große Werk umfasste viele Erzählstränge, doch fast keiner davon wurde zufriedenstellend aufgelöst. Bei 1Q84 konnte man dies durchaus als Manko sehen. Bei einer so überschaubaren Geschichte wie Samsa in Love jedoch tragen all diese vielen Geheimnisse zur Atmosphäre der Geschichte bei. Auch nach dem lesen resümiert man noch ein wenig über die Geschehnisse. Murakami hat hier in Höchstform geschrieben.
“Ah, Gregor Samsa, sometimes you make me want to die,” she said.
Die große Stärke sah ich aber wieder einmal in den Dialogen der Charaktere untereinander. Ich muss erwähnen, es gibt nur zwei Protagonisten und einen Erzähler in dieser Geschichte. Mit dem Mädchen vom Schlüsseldienst präsentiert Murakami mal wieder einen Charakter, der eindeutig seinen Stempel trägt. Ähnlich wie Ushikawa in 1Q84 ist das bucklige Mädchen, in der Geschichte als Hunchback Girl bekannt, das Prunkstück unter den Protagonisten. Im Gegenzug zu ihr scheint Gregor Samsa sich fast normal zu benehmen. Im Vergleich zu Kafkas Samsa gleicht Murakamis Protagonist übrigens weniger einem Insekt als viel mehr einer missgestalteten Person, zu der das Leben nicht gerade gnädig war. Das Mädchen hingegen ist bucklig, und ständig muss sie ihren Büstenhalter richten. Ihr Mundwerk ist frech und Respekt scheint sie kaum zu haben. Den Leser erwarten einige großartige Dialoge zwischen den beiden. Es ist ein regelrechtes Kuriositätenkabinett und doch scheinen diese beiden Charaktere menschlicher zu sein als die Welt um sie herum.
Resümee
Samsa in Love hat mir sehr gut gefallen. Genau wie 1Q84 ist auch diese Kurzgeschichte kein typischer Murakami, aber dennoch funktionierte diese Story wesentlich besser als vieles, was er bei 1Q84 so probierte (was nicht heißen soll, ich fände 1Q84 schlecht). Ich habe mir auch nach dem Lesen von Samsa in Love noch einige Gedanken zu der Geschichte gemacht. Sie ist eine wundervolle Hommage an das Werk Kafkas, und irgendwie auch eine Rückkehr zu Kafka am Strand (Roman). Auch wenn beide Geschichten sehr unterschiedlich sind, so sind doch gewisse Ähnlichkeiten zu erkennen.
Ich wünsche mir natürlich eine neue Anthologie mit mehr Kurzgeschichten in dem Stil von Samsa in Love. So eine Anthologie von Murakami ist, ehrlich gesagt, auch mal wieder längst überfällig.
Was Samsa in Love nun angeht, da kann ich nur eine ganz große Empfehlung aussprechen.
Anmerkung: Mit Onna no Inai Otokotachi (Man Without Women) und Samsa in Love hat Haruki Murakami bereits zwei Kurzgeschichten in diesem Jahr veröffentlicht. Wie The Guardian nun berichtete, veröffentlichte das japanische Magazin Bungeishunju am 09. November eine weitere Kurzgeschichte mit dem Titel Drive My Car, benannt nach dem gleichnamigen Song der Beatles.
Mittwoch, 16. Oktober 2013
Rezension: Ghost in the Shell - Solid State Society
Japan 2006
Stand Alone Complex: Ghost in the Shell - Solid State Society
Originaltitel: Koukaku Kidoutai Stand Alone Complex: Solid State Society
Idee/Manga: Shirow Masamune
Regie: Kenji Kamiyama
Musik: Yoko Kanno
Studio: Production I.G
Sprecher: Akio Otsuka, Atsuko Tanaka, Kouichi Yamadera, Osamu Saka, Yutaka Nakano
Lauflänge: 108 Minuten
Genre: Science-Fiction, Cyberpunk, Mystery
Verleih: Manga Entertainment
FSK: Ungeprüft/BBFC: 15
Trailer
Im Jahr 1995 erschuf der japanische Filmemacher Mamoru Oshii eine Adaption zu einem Manga eines gewissen Shirow Masamune. Das Originalwerk umfasste gerade einmal 2 Sammelbände und war weder äußerst hübsch gezeichnet, noch leicht zu verstehen. Vollgepackt mit philosophischen Sprüchen und viel Science-Fiction, machte Regisseur Oshii aus jener Vorlage (aber mit der Hilfe von Mangaka Masamune) sein ganz eigenes Werk. In einer Ära, als Cyberpunk absolut angesagt war, traf der Anime-Stil den Geschmack des Publikums im Westen. Selbst ein James Cameron war von Ghost in the Shell maßlos begeistert. Auch die Fortsetzung, Innocence, aus dem Jahr 2004 stieß auf viel Lob und Anerkennung und Ghost in the Shell etablierte sich zu einem lukrativen Franchise. Allerdings lieferte Oshii auch immer nur ein Konstrukt ab. Spielfilme mit einem mysteriösen Plot und wunderschönen Bildern, die Charaktere blieben dabei aber doch meistens so künstlich wie ihr Cyberkörper.
Als das Studio Production I.G aber eine TV-Serie im Ghost in the Shell Universum plante, war es 2002 der damals noch unerfahrene junge Filmemacher Kenji Kamiyama, der mit seinen Drehbüchern und kreativen Ideen das Franchise zum Kult machte, und ihr eine riesige Fanbase bescherte.
Das alternative Stand Alone Complex Universum kommt bei 2 Staffeln auf 52 Episoden, 2 Staffel-Zusammenfassungen und eine OVA in Spielfilmlänge. Seit Jahren fordern Fans eine dritte Staffel oder eine weitere OVA, Production I.G entschied sich mittlerweile aber dagegen und, zur Verwunderung der meisten Fans, gaben sie bekannt, dass mit Ghost in the Shell: Arise ein Reboot des Franchise ansteht. Geplant sind 4 OVA's (von denen bereits eine erschienen ist) mit einer Laufzeit von weniger als 60 Minuten pro Film. Die Filme legen ihren Fokus mehr auf Action und sollen gleichzeitig ein neues Publikum ansprechen.
Doch gehen wir zurück ins Jahr 2006. Nach der erfolgreichen Beendigung der zweiten Stand Alone Complex Staffel (2nd GIG) bewilligte Production I.G dem eingespielten Team um Kenji Kamiyama eine äußerst kostspielige OVA (ein Budget von knapp 3 Millionen Euro) zu Stand Alone Complex. Diese trägt den Titel Solid State Society. Konzipiert wurde die OVA dabei nicht unbedingt als das Ende der Stand Alone Complex Story. Man machte sich vor allem durch das Ende des Films Platz für etwas mehr Spielraum, und die Verantwortlichen wollten die Entscheidung über eine Fortsetzung des Universums eher in Zukunft diskutieren. Die Entscheidung dürfte getroffen sein, und somit ist Solid State Society tatsächlich das Ende der Stand Alone Complex Story. Und noch einmal hat es Sektion 9 krachen lassen.
Wenn man auf den Inhalt schaut, und in der Inhaltsangabe den Namen Puppeteer sieht, könnte man meinen, Solid State Society sei ein Remake oder eine Neuinterpretation des Original Ghost in the Shell aus dem Jahre 1995. Bis auf einen ähnlichen Namen der Gegenspieler (Puppetmaster heißt er im Film von 95), haben die Filme aber nichts miteinander zu tun. Solid State Society ist eine direkte Fortsetzung der zweiten Staffel, die rund 2 Jahre nach deren Ereignisse spielt. Major Motoko Kusanagi hat Sektion 9 verlassen und vieles hat sich bei den Profis geändert. Togousa übernahm den Posten des Majors, musste dafür aber Veränderungen an seinem Körper vornehmen um das Pensum erfüllen zu können. Batou macht der seltsame Abgang des Majors zu schaffen und kapselte sich von den anderen ab. Chief Aramaki gibt sich resigniert und denkt an eine Auflösung der gesamten Abteilung nach. Und auch von Batous geliebten Tachikoma fehlt jede Spur. Die Gesellschaft ist nach den Ereignissen aus der zweiten Staffel auch noch recht angeschlagen. Die Anzahl an Neugeborenen gingen zurück, und Kinder sowie Pflegefälle kosten dem Staat Unsummen. Läuft es bei Sektion 9 bereits ohne die Genialität des Majors nicht wirklich gut, finden nun auch noch am laufenden Bande mysteriöse Selbstmorde statt, und eine Gestalt namens Puppeeteer wird dafür verantwortlich gemacht. Und alle beteiligten sprechen ständig von einer sogenannten Solid State Society. Selbst der Major gerät dabei unter Verdacht, hinter dem mysteriösen Terrorist namens Puppeteer zu stecken.
Der Grundton von Solid State Society kommt wesentlich düsterer rüber als noch in der Serie. Die Charaktere benehmen sich reifer, haben sich äußerlich sogar verändert. Der Humor, den es des öfteren in der Serie gab (meistens ausgeführt von Batou oder den Tachikoma), wurde regelrecht auf Eis gelegt. Im Hauptfokus steht eine mysteriöse Story, bei der, wie auch schon in der Serie, der Sinn dahinter erst nicht so ganz klar wird. Der Kern der Serie, der wurde jedoch beibehalten. Die Macher haben sich einen Arc aufgebaut, wie sie es in der großen TV-Serie mit dem Laughing Man und der Individual Eleven getan haben. Das alles diesmal jedoch verpackt auf Spielfilm-Format. Und das ist Kenji Kamiya, der hier für Drehbuch und Regie verantwortlich war, extrem gut gelungen. Es gibt kaum Abstriche in Sachen Story oder Charaktere. Verzichtet wurde, und das ist keine große Überraschung, auf Nebenplots die dem Hauptplot die Show stehlen könnten, oder aber einfach unbrauchbar für einen Film sind. Man konzentriert sich auf die wesentlichen Ereignisse, und das funktioniert in Solid State Society einfach super.
Für die Musik war erneut die meisterhafte Yoko Kanno verantwortlich. Und wie auch schon in der TV-Serie steuert die Band Origa den Titelsong dazu. Die Synchronsprecher, allen voran Akio Otsuka (der japanische Synchronsprecher von Solid Snake und Big Boss in Metal Gear Solid) als Batou und Atsuoko Tanaka als Major Motoko Kusanagi liefern hier eine gewohnt professionelle Performance ab. Schade ist lediglich, dass es keine deutsche Lizenzierung für Solid State Society gab und eine deutsche Synchronisation somit wegfiel. Die Stargate Synchonisation von Panini ist immer noch mein Favorit, und eine der ganz wenigen Dubs, die ich dem japanischen Original vorziehe. Die fehlende Lizenzierung rührt übrigens daher, dass Panini Anime vom Pleitegeier zerrupft wurde.
Die britische BluRay kommt gleich in doppelter Ausführung daher, und beinhaltet neben der anständigen BluRay Restaurierung (soweit ich weiß gab es kein Original HD-Master) auch gleich noch einmal den Film auf DVD. Das ebenfalls recht interessante Bonusmaterial beläuft sich auf über 100 Minuten. Neben der japanischen Originalsprache befindet sich auch noch ein englischer Dub auf den Discs. Freunde von Imports können die BluRay bereits für circa 10 Euro (ohne mitgerechnete Versandkosten) bei Amazon.de bestellen. Der Verlust einer deutschen Version ist aber eindeutig sehr schade.
Resümee
Solid State Society ist ein mehr als gelungener Abschluss des Stand Alone Complex Universums. Die Charaktere sind bestens ausgearbeitet, und die Story lässt noch einiges an Spielraum für Interpretationen. Die Animationen glänzen besonders nun auch auf BluRay in hoher Qualität. Für den Soundtrack gilt natürlich das gleiche.
Das Production I.G sich für ein Reboot mit einem komplett neuen Team entschieden hat, und gegen eine Fortsetzung, ist letztendlich dem aktuellen Trend gegenüber Reboots zu verdanken. Aber das sollte für die Fans der beiden Stand Alone Complex Staffeln erst recht ein Grund sein, den Abschluss der Geschichte zu sehen. Deutsche Fans müssen leider in die Röhre schauen, sollte ein Import für sie nicht in Frage kommen. Es wäre zu wünschen, wenn sich irgendwann noch einmal ein deutscher Verleih dem Film annehmen würde.
Dienstag, 15. Oktober 2013
Hayao Miyazaki wird seine Karriere beenden
Von einem großen Filmemacher gehts zum nächsten. Hayao Miyazaki (mittlerweile auch schon 72 Jahre alt) ist der Osamu Tezuka des Anime. Tezuka machte Seinerzeit Manga international salonfähig und wird wohl auch in Zukunft noch das Vorbild zahlreicher Mangaka sein. Hayao Miyazaki spielt da aber noch einmal in einer viel größeren Dimension. Der Mitbegründer des Studio Ghibli erschuf Filme die ohne jegliche Debatten allesamt als Meisterwerke der Filmkunst gelten. Bereits zweimal war er für einen Oscar nominiert, den er schließlich sogar mit Chihiros Reise ins Zauberland gewinnen konnte. Eben jener geniale, charismatisch und bescheidende Mann verkündete nun im September, dass sein aktueller Film Kaze Tachini (Englisch: The Wind Rises) sein letzter sein wird, bei dem er selbst Regie geführt hat. Ungewöhnlich ist lediglich die Tatsache, dass Miyazaki sich ausgerechnet mit einem Kriegsfilm (wobei der Film viel mehr die Chronik einer Person ist, die etliche schwere Zeiten in Japan miterlebt) verabschiedet (und nicht gerade unumstritten in seinem Heimatland). Miyazaki lässt in dieser Verfilmung einer Manga-Kurzgeschichte noch einmal seine komplette Karriere praktisch einfließen. Joe Hisaishi ist selbstverständlich wieder als Komponist dabei und seine große Leidenschaft, die Luftfahrzeuge, haben auch noch einmal einen großen Auftritt. Aber auch romantisch wird es (aus nostalgischer Sicht). Evangelion Schöpfer Hideaki Anno hat dem männlichen Protagonisten seine Stimme geliehen. Anno arbeitete als Charakterdesigner an Nausicaä mit, Miyazakis Filmdebüt.
Man kann nur hoffen, dass Universum den Film auch demnächst in einige deutsche Kinos bringen wird.
Zwar kündigte Miyazaki schon oft das Ende seiner Karriere an, diesmal scheint er es aber ernst zu meinen (es soll wohl auch eine große Verabschiedung geben). Das Studio Ghibli wird selbstverständlich weiter bestehen, und mit Hiromasa Yonebayashi (Arrietty) und Sohn Goro Miyazaki (Die Chroniken von Erdsee, From Up on Poppy Hill) ist bereits für Nachwuchs gesorgt. Wie groß der Verlust des Talents eines Hayao Miyazaki allerdings ist, nun, so etwas ist kaum in Worte zu fassen.
Ich habe vor Ewigkeiten mal eine Interessante Rezension zu einem Miyazaki Film gelesen (ich weiß gar nicht mehr, welcher Film es war). Dort schrieb der Rezensent, er sei froh, dass es neben all den Trick-Magiern aus Las Vegas mit Hayao Miyazaki noch einen echten Zauberer gibt.
Ich glaube, diesen Worten kann man sich kommentarlos anschließen. In diesem Sinne möchte ich den Taktstock an Joe Hisaishi weitergeben, der alleine mit Musik Hayao Miyazaki besser beschreiben kann, als ich es mit 20.000 Worten schaffen würde.
Rezension: Träume (Akira Kurosawa)
Japan 1990
Originaltitel: Yume
Regie: Akira Kurosawa
Darsteller: Akira Terao, Mitsuko Baisho, Toshie Negishi, Mieko Harada, Mitsunori Isaki, Martin Scorsese
Lauflänge: Circa 119 Minuten
Genre: Magical Realism
Verleih: Warner
FSK: 12
Trailer
Akira Kurosawa ist vermutlich nicht nur einer der brillantesten Regisseure Japans, er ist auch einer der großen Visionäre, der die Sichtweise der bekanntesten westlichen Filmemacher beeinflusst hat. Ob Sergio Leone, George Lucas oder Steven Spielberg, sie alle verehrten den Japaner und, recht interessant, arbeiteten teilweise sogar mit ihm zusammen. Im hohen Alter von 88 Jahren verstarb Kurosawa 1998 und hinterließ ein bis Heute unumstrittenes Erbe. Ein Erbe, welches ihm praktisch nur noch einmal Hayao Miyazaki mit seinem Lebenswerk streitig machen könnte.
Eine Rezension zu Träume könnte dem Filmemacher somit nicht ganz gerecht werden. Sein drittletzter Film aus dem Jahr 1990 zählt ganz eindeutig zu den eher schwächeren seiner Karriere. Doch selbst ein schwächerer Kurosawa ist eigentlich immer noch ein fantastischer Film. Das Thema aber, dies setzte Takeshi Kitano rund 12 Jahre später mit seinem Meisterwerk Dolls aber wesentlich besser um.
Die Geschichte dieses in Deutschland recht unbekanntem Kurosawa Filmes ist als besonders ärgerlich zu bezeichnen. Vor etlichen Jahren sollte bzw. ist eine DVD erscheinen, die vom Warner Verleih angekündigt wurde, aber nur sehr limitiert veröffentlicht wurde. Grund dafür waren weniger Lizenzprobleme als vielmehr ein Eklat der Käufer. Warner legte etliche ältere Filme neu auf, und veröffentlichte diese, beinahe komplett ohne Restauration, erneut auf DVD. Ich habe eine dieser umstrittenen DVD's damals gesehen (Tommyknockers) und war weder überschwänglich begeistert, noch komplett enttäuscht von der gezeigten Qualität. Abgesehen davon ist Tommyknockers eine TV-Produktion die an sich nicht teuer produziert war. Die Geschichte endete letztendlich damit, dass die Produktionen aufgrund mangelhafter Qualität eingestellt wurden.
Der Inhalt von Träume ist relativ fix zusammengefasst. Immerhin sind Dialoge, gewollt, Mangelware in diesem Film (und dennoch sind es immer noch zu viele). In knapp 2 Stunden präsentiert Kurosawa 8 unterschiedliche Kurzfilme, die allesamt auf den Träumen des Regisseurs basieren. Wie viel da letztendlich dran ist, kann man natürlich nicht so genau sagen. Die Idee dahinter ist fantastisch, die Umsetzung jedoch weniger befriedigend. Alle 8 Geschichten (nur die Kurzfilme Sunshine through the Rain und The Peach Orchard sind inhaltlich miteinander verknüpft) sind fantasievoll gestaltet, und unterscheiden sich sehr voneinander. Auch thematisch zeigt jeder Traum eine andere Welt. Neben den teils wunderschön surrealen Bildern, haben die Kurzgeschichten aber recht wenig zu bieten. In vielen Geschichten, wie zum Beispiel The Tunnel, eine Geschichte über einen Soldat, der aus dem Krieg heimkehrt und von den Geistern seiner gefallenen Kameraden heimgesucht wird, wo ein beinahe schon penetranter Pathos mitschwingt, und Mount Fuji in Red, ein Kurzfilm, der ein in Japan immer wieder aktuelles Thema wie Nuklearkatastrophen aufgreift, haftet eine seltsame Moralpredigt an. Beinahe, kam es mir vor, war es, als wollte Akira Kurosawa vor dem Ende seiner Karriere noch einmal auf die Fehler in der modernen Gesellschaft hinweisen. Gelungen ist ihm das nicht wirklich gut. Ich hätte mir eher gewünscht, wenn es neben den grandiosen Bildern überhaupt keine Dialoge gegeben hätte. Jeder Kurzfilm folgt dann aber doch einem Plot, und genau dieser Plot tut dem Film als Ganzes nicht ganz so gut.
Träume lässt ein wenig Kurosawas Perfektion und Ehrgeiz vermissen. Das war bereits bei Kagemusha schon so, der, genau wie Träume, international produziert war. Zu den Geldgebern gehörten sowohl George Lucas als auch Steven Spielberg. Und, obwohl die Hollywood Giganten Kurosawa völlige künstlerische Freiheiten gaben, floppten sowohl Kagemusha als auch Träume an den Kinokassen.
Zieht man die Plots aber von der Summe ab, dann können alleine die gezeigten Bilder überzeugen. Träume ist sehr ruhig gehalten, was auch für die gut gewählten Klangeffekte gilt. Es gibt auch einige schöne und entspannende Musikstücke. Wer sehr experimentierfreudig ist, der kann den Hauptfilm ja mal auf stumm schalten und zu den gezeigten Bilder die Musik von Joe Hisaishi laufen lassen. Selbstverständlich nur, wenn man sich Träume einmal komplett im Original angeschaut hat.
Resümee
Nicht einmal ein Martin Scorsese als Vincent van Gogh (eindeutig aber ein gelungener Auftritt) schafft es, Träume zu einem Film zu machen, der in Erinnerung bleiben wird. Obwohl alle Kurzfilme auf Träume des Regisseurs basieren, folgen sie doch einem Plot (was bei Träumen und Albträumen ja völlig absurd wäre), und obendrauf ein ziemlich moralischer dazu. Wunderschöne Bilder wie in The Peach Orchard oder eher verstörende Bilder wie bei Mount Fuji in Red werden meistens durch langweilige, wie aber auch unterdurchschnittlich geschriebene Dialoge zunichte gemacht. Das macht die so vielversprechende Idee dann doch sehr fade und für einen Kurosawa Film wenig interessant. Und dennoch sage ich nicht, Träume ist ein schlechter Film. Wer die Filme des Japaners verehrt, der wird auch Träume mögen. Das gleiche gilt natürlich für alle Fans der japanischen Filmkunst. Westliche Zuschauer dürften aber überfordert oder gelangweilt sein, sollten sie Träume dann doch komplett gesehen haben. Aber all die Kritik kann jedem Kurosawa Fan auch egal sein. Denn beweisen musste der Mann mit diesem Film sicherlich nichts mehr.
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