Archiv: Rezensionen zu Literatur und Film

Dienstag, 31. Mai 2011

Juni Special: Im Zeichen des David Lynch


Nur zwei Beiträge im Mai. Und beide davon verfehlten absolut das Thema meines Blogs. Sogar einen Leser habe ich verloren. Damit ist aber nun Schluss. Weder mit meinen Wehwechen, noch mit Eurovision will ich euch belästigen. Stattdessen habe ich mir überlegt, anlässlich der neuen David Lynch Veröffentlichungen in Deutschland, den kompletten Juni über den großen Meister des Surrealismus zu schreiben. Dabei will ich mich all seinen grandiosen Filmen widmen die ich gesehen habe. Und natürlich werden dabei auch Twin Peaks und seine Kurzfilme nicht fehlen.

Es ist ruhig geworden um den Maestro. Und wie ich sehe ist er auch ganz schön alt geworden. Und Wetterberichte liest er seit 2010 auch nicht mehr vor. Auch wenn ich gerne mal wieder einen neuen Film von ihm sehen würde, er hat sich doch längst um unsere Gunst verdient gemacht. Soll er es sich gemütlich machen. Seine Fans haben immer noch genug Rätsel zu lösen.

Also. Ein kompletter Monat David Lynch. Wer meint dem Wahnsinn gewachsen zu sein, der ist wie immer willkommen.

Sonntag, 8. Mai 2011

Aua (mal wieder)

Mit aktuellen Reviews geht es demnächst weiter. Die Wehwehchen machen mir noch etwas zu schaffen, doch in ein paar Tagen geht es weiter. Danke.

Montag, 25. April 2011

Tipp: Ein Roman für den Sommer: Das böse Mädchen


Wie gelingt es ihr nur immer wieder, ihn um den Finger zu wickeln? Und warum tut sie das, wenn sie seine ehrlichen Gefühle doch zugleich schroff zurückweist? Schon als aufmüpfige Halbwüchsige verdreht sie dem jungen Ricardo im konservativen Lima der 50er Jahre den Kopf. Von da an wird sie regelmäßig seine Wege kreuzen, wird in Paris, London, Madrid oder Tokio mal als Guerrillera, mal als Heiratsschwindlerin mit falschem Paß in sein Leben treten – und es immer wieder durcheinanderwirbeln. Auf rätselhafte Weise scheinen beide dennoch füreinander bestimmt; oder ist nur er es, der nicht lassen kann von diesem faszinierend »bösen Mädchen«?

Gerade noch habe ich mit dem Schafsmann in Honolulu getanzt, nun tanze ich zusammen mit einem bösen Mädchen Mambo. Und ich kann förmlich den Jasmin in den Gärten von Miraflores riechen. Das lateinamerikanische Temperament haftet dieser Geschichte auf jeder Seite an.

Das böse Mädchen ist mein erster Roman von Mario Vargas Llosa (der 2010 entgegen vieler Erwartungen den Nobelpreis für Literatur gewann) den ich in mein aktuelles Leseprogramm aufgenommen habe.
Es ist eine Liebesgeschichte. Sie hat sogar etwas Murakamisches an sich. Wir folgen dem bösen Mädchen von Peru bis hin nach Paris und Tokyo. Auf Kitsch und übertriebener Romantik verzichtet Llosa. Hier dürfen auch die Männer zugreifen.

Was mich wohl noch erwarten wird? Doch ich werde mich einfach weiter führen lassen von diesem bösen Mädchen. Einfach weiter den Mambo tanzen. Ganz gemütlich.

Freitag, 22. April 2011

Ryunosuke Akutagawa, Die Fluten des Sumida: Das Vermächtnis eines Narren





Die Akutagawa Rezensionen 1

Autor: Ryunosuke Akutagawa
Erscheinungsjahr: Gesammelte Werke zwischen 1912 und 1927. Erschienen als Sammelband im Juli 2010, iudicium Verlag.
Übersetzung: Armin Stein
Genre: Kurzgeschichten, Fantasy, Drama, Mystery, Religion



"Der Glaube an die Familie ist die ewige und unantastbare Grundlage unserer einzigartigen Nation. Selbstverständlich trägt das Oberhaupt einer Familie daher eine hohe Verantwortung. Hat ein Familienoberhaupt also das Recht, nach eigenem Belieben den Verstand zu verlieren? Diese Frage kann ich nur mit einen entschiedenem "Nein!" beantworten. Nehmen wir einmal an, die Familienoberhäupter hätten tatsächlich das Recht, den Verstand zu verlieren. Würden nicht alle unweigerlich auf der Stelle ihre Familien im Stich lassen und das Weite suchen, um das Glück zu genießen, singend über Landstraßen zu ziehen, Berge und Täler zu durchwandern oder freie Kosten und Logis in Irrenanstalten zu genießen?
Wahrlich, das wäre der Untergang unseres zweitausendjährigen Familiensystems, für das die ganze Welt uns Bewunderung zollt.
Wie sagt die alte Schrift: "Hasse das Verbrechen, nicht den Verbrecher". Ich fordere dann auch nicht, dass Oshino streng bestraft werde. Dennoch schlage ich laut die Trommel und klage ihn des Vergehens an, fahrlässig den Verstand verloren zu haben. Nein, nicht nur Oshino klage ich an, sondern auch unsere Regierungen, die es allesamt unverzeihlicherweise bislang versäumt haben, das Verlieren des Verstandes rechtlich unter Strafe zu stellen." -Mudaguchi in Pferdebeine (Uma no ashi)-



Obwohl klar sein dürfte, dass Ryunosuke Akutagawa zu den bedeutendsten und wegweisendsten Autoren der japanischen Literatur zählt, steht im gleichen Kontrast dazu, dass er wohl zu den traurigsten Seelen seiner Generation gehörte. Geplagt von Wahnvorstellungen und dem Wandel der Zeit, nahm er sich in der Nacht zum 24. Juli 1927 mit einer Überdosis Veronal und diversen anderen Schlafmittel das Leben. Er wurde fünfunddreißig Jahre alt. Als Vermächtnis hinterließ er ein Werk, welches schon zu seinen Lebzeiten geschätzt wurde und fast ein weiteres Jahrhundert später umso mehr verehrt wird. Er prägte die japanische Literatur. Er brach die Regeln und vermischte erstmals Elemente moderner westlicher Literatur mit der klassisch japanischen. Sein guter Freund und Schriftsteller Kan Kikuchi stiftete daraufhin 1935 den Akutagawa Preis, welcher mitunter zu den angesehensten Literaturpreisen in Japan gehört.

Doch wer war Ryunosuke Akutagawa eigentlich? Wer noch nie was zuvor von ihm gehört, der weiß vielleicht mit Akira Kurosawas Oscar prämierten Spielfilm Rashomon mehr anzufangen. Kurosawa wagte sich als einer der ersten japanischen Regisseure an Akutagawas Werk. Er verknüpfte die beiden Kurzgeschichten Rashomon und Im Dickicht (Yabu no naka) miteinander und formte daraufhin einen kompletten Spielfilm, für welchen er 1952 den Oscar für den besten ausländischen Film einheimste.

In dem im Jahr 2010 veröffentlichten Band Die Fluten des Sumida lernen wir den unergründlichen Schriftsteller jedoch noch besser kennen als je zuvor. Von seinen Anfängen als Journalist und Schriftsteller, bis zum bitteren Ende seiner Karriere. Es beginnt mit der gleichnamigen Erzählung Die Fluten des Sumida aus dem Jahr 1912 und endet mit der religiösen Sammlung Der Mann aus dem Westen, ein Werk, welches er wenige Stunden vor seinem Tod 1927 fertigstellte. Erweitert wird diese schöne wie nachdenkliche Sammlung durch die fabelhafte Übersetzung des Japanologen Armin Stein. Dieser übersetzte Akutagawas an sich schon modernen Schreibstil nicht nur flüssig lesbar ins Deutsche, er verfasste auch eine kleine Biographie über das Leben Akutagawas, welche mindestens genau so interessant ist wie die einzelnen Geschichten des Bandes. Auch einen ausführlichen Glossar gibt es, welcher komplizierte Begriffe aus jener Zeit und ihre dazugehörigen Persönlichkeiten erklärt. Das auf den ersten Blick handliche Buch ist dennoch recht schwer, klein bedruckt und prall gefüllt. Es sollte seine Leser etliche Tage fesseln.

Die Erzählungen in der Sammlung sind chronologisch angeordnet. Anzumerken dabei ist, dass die Storys zunehmend düsterer und surrealer werden. Akutagawas Gemütslage verschlechterte sich von Jahr zu Jahr. Dabei wird immer wieder seine Liebe zu Tokyo und dem Sumida deutlich. "Ich liebe Tokyo für den Sumida, und das Leben für Tokyo", schreibt er. Doch je mehr der Sumida verfiel (welcher schwere Schäden durch das Kanto Erdbeben am 01.09.1923 nahm), umso mehr schien Akutagawa zu leiden. Auch Tokio war im Wandel. Fort waren all die Handelsschiffe auf dem Sumida. Die Industrie gewann immer mehr an Überhand über das traditionelle Japan, welches noch völlig unberührt von den verheerenden Schäden des bevorstehenden zweiten Weltkriegs war. Für Akutagawa wäre der Anblick eines brennenden Tokios wohl der schlimmste Alptraum gewesen. Ertrug er all die Veränderungen an sich schon schwer, wie wäre es ihm da wohl während des Krieges ergangen? Ein Gedanke, der sogar die Leute betrüben dürfte, die sich nur flüchtig mit dem Werk des Autors auseinandergesetzt haben.

Basierend auf Akutagawas Wahnvorstellungen und Träume entstanden auch etliche interessante Kurzgeschichten. Die geheimnisvolle Insel (1923) wäre da ein ziemlich gutes Beispiel. Dort wacht der namenlose Ich-Erzähler ohne weitere Erinnerungen auf einem Schiff auf, welches auf eine mysteriöse Insel zusteuert. Vor ihm ein Berg, welcher beinahe in den Himmel ragt. Dieser Berg jedoch wurde komplett aus Gemüse errichtet. In der ziemlich düsteren Geschichte Der Traum (1927), berichtet Akutagawa über einen Maler, der mit schweren Depressionen kämpft und in einem Traum sein Modell erwürgt. Die Geschichte weist etliche surreale Elemente auf. Besonders wird am Ende nicht wirklich klar, ob es sich tatsächlich um einen Traum handelte. Womöglich basierte die komplette Geschichte auf einem Traum Akutagawas. Dieser litt in seiner letzten Schaffensphase vor seinem Tod unter ähnlichen Depressionen. So unterscheidet sich Der Traum stilistisch komplett von all den anderen Werken in der Sammlung. Kalt und trostlos sind die Worte, die diese Geschichte beschreiben würden. Sind in Akutagawas Kurzgeschichten doch sonst immer Ironie und Wortwitz zu finden.

Die erwähnte Ironie findet man in Geschichten wie Zwei Frauen Namens Komachi (1923). Dort thematisiert er sehr kritisch das Geschlecht der Frauen, welchem er immer etwas ängstlich Gegenüberstand. Es geht um zwei gerissene Frauen, die selbst den Boten des Todes austricksen um ihr eigenes Leben zu bewahren. Die Erzählung bringt selbstverständlich einiges an Humor mit und sollte besonders in unserer heutigen, empfindlichen Gesellschaft als Satire angesehen werden. Akutagawa war kein Frauenfeind, er war sogar glücklich verheiratet.

Dann gibt es auch noch Geschichten wie Agni, der Feuergott (1920). Die Geschichte spielt in Shanghai und weist phantastische Elemente auf. In Japan wird die Geschichte oft in der Schule mit jüngeren Schulpflichtigen besprochen. Es ist eine klassische Fantasy Geschichte (eine ziemlich gute übrigens).

Man lernt den Schriftsteller, Journalist, Philosoph, Analytiker und Mensch, allesamt Seiten, die Akutagawa innewohnten, in den Fluten des Sumida kennen. Und immer wieder ist eine kindliche Neugierde und Naivität aus den Texten zu lesen. In den teils sehr persönlichen Sammlungen Erinnerungen (1926-1927) und Honjo-Ryogoku (1927) bekommt man einen sehr guten Einblick darüber, wovon ich in dieser Besprechung schreibe. Akutagawa setzt sich auseinander mit Tradition und Mythen. Und natürlich Veränderungen. Er gibt zu, dass er mit diesen Veränderungen überfordert sei. Beschreibt seine Ängste, die ihn seit seiner Kindheit plagen und spricht darüber, wovor er sich fürchtet. Und Ryunosuke Akutagawa hat sich vor so einigen Dingen gefürchtet. Doch diese sehr sympathische und bescheidende Art hat mich immer wieder in den einzelnen Erzählungen fasziniert. Er stammte aus einfachen Verhältnissen und wurde zu keiner Zeit seiner Karriere als bekannter Schriftsteller überheblich.

In Das Lächeln der Götter (1921), befasst sich Akutagawa das erste mal mit dem Christentum. Dieses wurde seinerzeit auch in Japan immer populärer. Die Geschichte handelt von einem Pfarrer, der dem Christentum angehört und der Kirche als Missionar in Japan dient. Dieser Pfarrer ist von dem traditionellem, japanischem Glauben überhaupt nicht begeistert. Sein Ziel ist es, möglichst viele Japaner zum Christentum zu konvertieren. Doch wird in einer Nacht der konservative Pfarrer von fürchterlichen Visionen in seiner Kirche heimgesucht. Später vermag dieser gar nicht mehr Wahn von Realität zu unterscheiden.

Akutagawa selbst war vom Christentum mehr als angetan. Er studierte die Bibel in und auswendig und verfasste kurz vor seinem Freitod eine letzte Sammlung. Der Zweiteiler Der Mann aus dem Westen (1927) ist eine kurze Zusammenfassung wichtiger christlicher Ereignisse aus der Sicht Akutagawas. Dabei bezieht er sein Hauptaugenmerk auf Jesus Christus. In jeder Zeile liest man wie sehr Akutagawa Christus verehrte. Er sah ihn weniger als jene mystische Figur an wie sie im Christentum bekannt ist, eine Person, die Übernatürliches bewirkte. Er sah ihn als einen der ersten Journalisten und Schriftsteller der Geschichte an. Als Philosoph. Akutagawa begann sich mit Christus zu identifizieren. Doch die Identifikation wurde immer mehr zu Fanatismus. Er verehrte Christus zu sehr. Zu Akutagawas damaligem Gesundheitszustand war dies nicht unbedingt von Vorteil. Ob Ryunosuke Akutagawa sich am Ende selbst mit Christus verglich, kann man natürlich nicht genau sagen. Es ist unklar, ob letztendlich die Bibel selbst Akutagawas Wegweiser zum Freitod war. Fest steht nur, Akutagawas letzte Schaffensphase war sehr vom Christentum geprägt.



Resümee

Für mich stellen Die Fluten des Sumida ein absolut vielschichtiges wie umfangreiches Vermächtnis des großen japanischen Schriftstellers dar. Ryunosuke Akutagawas moderner Schreibstil (er verwendete sogar englische Anglizismen) ist eingängig und durch die wirklich gelungene Übersetzung von Armin Stein leicht verständlich. Für Liebhaber japanischer Literatur ist die Lektüre praktisch Pflicht. Es scheint jedoch, als hätte sich der Geist Akutagawas auf die gesamte moderne japanische Literatur übertragen. Er selbst sah sich nie als einen bedeutenden Schriftsteller. Doch würde er noch leben und wissen, das sein Name noch immer ein ganz großes Thema in seinem Heimatland ist, welches er so liebte und verehrte, würde wohl auch er endlich einmal diese Bescheidenheit ablegen.



Anmerkung des Verfassers (Aufziehvogel): Besprechung neu durchgelesen, korrigiert und ergänzt am 08.12.2016.

Donnerstag, 14. April 2011

Haruki Murakami, Wilde Schafsjagd & Tanz mit dem Schafsmann: Einfach brillant Tanzen




Hinweis:
In beiden Rezensionen befinden sich Spoiler die bereits einiges über die Geschichte verraten. Lest bitte nur weiter wenn ihr damit einverstanden seid ein wenig gespoilert zu werden.


Die Murakami Rezensionen 2 und 3


Die Trilogie der Ratte 3
Wilde Schafsjagd


Autor: Haruki Murakami
Originaltitel: Hitsuji o meguru bōken
Erscheinungsjahr: 1982 (Japan), 1991 (Detuschland), Suhrkamp (DuMont Neuauflage 2006)
Übersetzung: Annelie Ortmanns-Suzuki
Genre: Mystery, Detektivgeschichte



"Ich habe mich an dem Balken in der Küche erhängt", sagte Ratte.
"Der Schafsmann hat mich neben der Garage begraben. Das Sterben war gar nicht so schlimm – falls du dir darum Gedanken machen solltest. Aber das spielt wirklich keine Rolle."
"Wann?"
"Eine Woche bevor du kamst."
"Und vorher hast du die Uhr aufgezogen?"
Ratte lachte. "Kaum zu glauben, was? Du lebst dreißig Jahre, und deine letzte, deine allerletzte Handlung besteht darin, die Uhr aufzuziehen. Warum sollte einer mit dem Tod vor Augen noch die Uhr aufziehen? Wirklich sonderbar."
Als Ratte schwieg, herrschte Stille ringsum; nur das Ticken der Uhr war zu hören. Alle anderen Geräusche schluckte der Schnee. Mir war, als wären wir die beiden letzten Überlebenden im All. -Aus dem zwölften Kapitel: Ratte und die Uhr-



Haruki Murakamis Karriere als Schriftsteller begann 1979. Und mit Wilde Schafsjagd kommen wir diesen Anfängen schon sehr nah. Bei der Wilden Schafsjafd handelt es sich bereits um den dritten Teil der Trilogie der Ratte. Es begann mit Hear the Wind Sing (Kaze no uta o kike, 1979), es folgte Pinball, 1973 (1973-nen no pinbōru, 1980), und endete mit der Wilden Schafsjagd (1982). Als Zugabe folgte Tanz mit dem Schafsmann (1988). Anzumerken wäre das die beiden erstgenannten Werke nicht in Europa oder Nordamerika erschienen sind. Eine englische Übersetzung ist zwar verfügbar, wird aber ebenfalls nur in Japan publiziert (Auf Wunsch des Autors).

Beginne ich einmal mit Wilde Schafsjagd. Die abgedrehte Reise auf der Suche nach einem seltsamen Schaf mit einem Stern auf seinem Fell machte Murakami zu einem Star (lange bevor Naokos Lächeln erschienen ist). Die Story umfasst alle nur erdenklichen Murakmischen Stilmittel. Da wäre diese herrliche Melancholie, Jazz, exotische Drinks und Frauen. Skurrile Frauen. Eine Frau mit irreal schönen Ohren. Sie arbeitet am Tage als Ohren-Modell, in der Nacht als Callgirl. Dann gibt es da auch wieder diesen typischen Murakami Helden. Ende zwanzig. Alles was er anfasst scheint in die Brüche zu gehen. So durchschnittlich das er ihm nicht einmal einen Namen gegeben hat. Es geht um Verluste und der Auseinandersetzung mit dem Tod. Es geht um Illusion und Wirklichkeit. Ach was rede ich hier noch großartig. Ich liebe dieses Buch.

Die Geschichte beginnt mit der Einführung des namenlosen Ich-Erzählers. Er führt sich praktisch selbst in die Geschichte ein. Er erzählt etwas über sein bisheriges Leben. Was alles schiefgelaufen ist. Wie durchschnittlich sein Leben doch sei. Er hat durch den Job seine neue Freundin kennengelernt. Ihre Ohren sind von unbeschreiblicher Schönheit. Für den Erzähler scheint es, als seien sie ein Geschenk der Götter.
Eines Tages besucht ihn in seiner Firma ein dubioser Geschäftsmann. Er schwafelt rätselhaft vor sich dahin. Bis er ihm ein Foto mit einem Schaf vorlegt. Es war der Erzähler selbst der dieses Foto für eine Kampagne in Auftrag gab. Es zeigt eine Herde von Schafen auf einer Weide. Allerdings soll sich unter all diesen Schafen ein ganz besonderes verstecken. Ein Schaf mit einem Stern auf seinem Fell. Es soll übernatürliche Kräfte besitzen. Nur dieses Schaf könnte seinen Boss, einem mächtigen und einflussreichen Mann der Unterwelt, vor dem Tod bewahren. Der Geschäftsmann erteilt dem Erzähler den Auftrag dieses mysteriöse Schaf zu finden. Sollte er das Schaf finden, würde er reich belohnt werden. Falls nicht, würde man dafür sorgen das er nie wieder Fuß in der Gesellschaft fasst. Schon bald bemerkt unser Erzähler das es dieser Geschäftsmann ernst meint. Zusammen mit seiner Freundin macht er sich auf eine abstrakte Odyssee quer durch Japan auf. Je weiter er des Rätsels Lösung kommt, desto näher scheint er dabei seinem anscheinend verschollenen Freund Ratte zu kommen.

Wilde Schafsjagd ist eine im wahrsten Sinne des Wortes wilde Mischung. Durch die surrealen Aspekte kann man die Geschichte an sich dem Mystery zuordnen. Doch auch Elemente des klassischen Roadmovies sind vorhanden. Und nicht zu vergessen, die Detektivgeschichte. Man versucht hier einen Fall aufzuklären. Auch wenn es vermutlich eine Suche ohne Ziel ist.
Murakami schien eine wahre Freude zu haben mit diesen unterschiedlichen Genres zu spielen und dabei auch noch seine ganz eigene Philosophie zu übermitteln.

Wiedereinmal werden uns die verschiedensten, skurrilsten Charaktere präsentiert. Umgeben von Rätseln und Geheimnissen. Auch eine Murakami-Frau gibt es wieder zu bewundern. Das in diesem Buch noch namenlose Callgirl hat es mir dabei sehr angetan. Sie unterscheidet sich völlig von ihren Gegenstücken in Murakamis späteren Werken. Sie ist liebevoll, sympathisch, und irgendwie völlig normal. Seltsame Angewohnheiten halten sich bei ihr in Grenzen. Es ist eine Frau bei der man sich wohlfühlt. Auf die man zählen kann. Das spürt auch der Erzähler und nimmt sie mit auf seine Reise. Lernt sie immer mehr lieben. Dies geht so weit bis er sie völlig begehrt. Vielleicht ist sie sogar die Liebe seines Lebens. In ihr findet er all das was er bei seiner Ex-Frau immer vermisst hat. Bis sie, kurz vor dem großen Finale, einfach so verschwindet. War sie eine Halluzination oder existierte sie wirklich? Das verschwinden des Callgirls zog den namenlosen Erzähler in einen Strudel. Auf dieser eh schon absurden Reise war sie sein letzter halt.

Dann wäre da noch der Schafsmann selbst. Der Anführer des Kuriositätenkabinetts. Ein schmutziger Kerl in einem Schafkostüm. Er scheint irgendwo alleine in den Wäldern zu leben. Wie trägt er zu dieser Geschichte bei? Zudem scheint er in Verbindung mit dem gesuchten Schaf und Ratte zu stehen. Und man kann sich entspannen. Auch nach der Geschichte kann man weiter grübeln welche Rolle der Schafsmann nun erfüllte.

Für den Leser gibt es am Ende genug Möglichkeiten zur Interpretation. Was ergibt Sinn? Wie setze ich das Puzzle zusammen? Hat Murakami selbst eine Ahnung wie man es zusammensetzt? Viele Fragen die mich auch Heute noch beschäftigen. Das Ende bescherte mir zumindest einen ordentlichen Schauder.

Neben all diesen surrealen Elementen gibt es in der Geschichte jedoch auch noch die Wirklichkeit. Diese beschäftigt sich mit den Problemen des Ich-Erzählers. Mit diesem konnte ich mich einmal mehr selbst identifizieren. Murakami schreibt wie ein Mann der viele Enttäuschungen erlebt hat. Sein Charakter erzählt über Dinge die mir bereits selbst widerfahren sind. Er teilt Aspekte mit mir. Er beweint ähnliche Dinge wie ich. Es geht um Freundschaft. Das Schwelgen in Erinnerungen. Mit der Vergangenheit abzuschließen. Endlich versuchen in der Gegenwart zu leben. Murakami beschreibt diese Gefühle einfach perfekt. Welchen Platz nimmt man eigentlich in der Gesellschaft ein? Was hält das Leben noch für einen bereit? Er spricht die Sprache unserer Generation. Und auch Heute noch ist die Thematik in Wilde Schafsjagd aktuell.


Resümee

Als ich am Ende der Reise angekommen bin verkroch ich mich vorerst in eine dunkle Ecke. Ich wollte von niemanden etwas wissen. Krallte Ich musste nachdenken. Wilde Schafsjagd stürzte mich am Ende selbst in tiefe Melancholie. Schon erstaunlich welch einen Einfluss Haruki Murakami auf mich hat. Er verbindet all seine Stilmittel in dieser Geschichte und präsentiert sie völlig makellos. Ja, es ist schon eine sehr seltsame Geschichte. Voller Absurditäten und Rätsel. Doch was würde ich bloß dafür geben auch zu solch einer Reise anzutreten. Eine Frau mit den schönsten Ohren auf dieser Welt dabei zu haben und im heruntergekommenen Hotel Delfin einzukehren. Ich würde diesen Trip genießen. Alles um mich herum vergessen. Einfach nur dieses Schaf finden. Koste es was es wolle.


"""""""""""""""""""""""""""""""""""""""""""""""""""""""""""""""""""""""""





Tanz mit dem Schafsmann


Autor: Haruki Murakami
Originaltitel: Dansu, dansu, dansu
Erscheinungsjahr: 1988 (Japan), 2002 (Detuschland), DuMont Verlag
Übersetzung: Sabine Mangold
Genre: Mystery, Drama

Also gab es eine Leiche mehr. Ratte, May, Dick North und nun Kiki. Das waren vier. Blieben also noch zwei. Wer würde als Nächstes sterben? Der Tod steht uns allen bevor, früher oder später. Jemand wird als weißes Skelett in jenes Zimmer verfrachtet. Sonderbare Räume verschiedenster Art waren in meiner Welt miteinander verknüpft. Das Totenkabinett in Honolulu Downtown. Das dunkle, kalte Kabuff des Schafsmannes. Das sonnendurchflutete Schlafzimmer, in dem Gotanda mit Kiki am Sonntagmorgen im Bett liegt.
Wie weit reicht die Wirklichkeit? Was geht in mir vor? Bin ich noch ganz richtig im Kopf?
Alle möglichen Ereignisse geschahen in unwirklichen Räumen, wurden verzerrt, in die Realität gezerrt. Oder gab es etwa..... gar keine Realität? Je mehr ich darüber nachdachte, desto weiter schien sich die Wahrheit mir zu entziehen. War das verschneite Sapporo im März Wirklichkeit gewesen? Es hatte so unwirklich ausgesehen. Hatte ich wirklich neben Dick North am Strand von Makaha gesessen? Auch das erschien mir jetzt irreal. Obwohl sich die Dinge so ereignet hatten, hatte ich das Gefühl, es sei nicht die echte Wirklichkeit gewesen. Wie konnte ein einarmiger Mann so perfekt Brot schneiden? Und wieso hinterließ mir ein Callgirl in Honolulu die Telefonnummer, die ich dann in dem Totenkabinett fand, zu dem mich Kiki geführt hatte? Aber das musste real gewesen sein. Denn diese Wirklichkeit existierte in meiner Erinnerung. Wenn ich an deren Echtheit zweifelte, käme mein ganzes Weltbild ins Wanken.
Bin ich verrückt, geisteskrank?
Oder ist es die Welt, die verrückt spielt, krank ist?
Ich weiß es nicht, es gibt zu viele Ungewissheiten.
Aber wer oder was auch immer verrückt oder krank sein mochte, ich konnte diese chaotischen Zustand nicht einfach hinnehmen, sondern musste Ordnung schaffen. Auch wenn Trauer, Zorn, Resignation im Spiel waren, ich musste einen Schlusspunkt setzen. Das war meine Aufgabe. Von allen Seiten erhielt ich Hinweise. Darum begegnete ich all diesen Menschen und wurde zu den merkwürdigsten Orten geführt.
Na los! Es ist wieder einmal Zeit zum Tanzen. So brillant, dass alle mich bewundern.
Schritt für Schritt – das ist die einzige Realität. Eine beschlossene Sache. Nicht grübeln. Das war in meinem Kopf als tausendprozentige Wirklichkeit eingraviert. Also tanzen, Gotanda anrufen und ihm die Frage stellen: "Hast du Kiki umgebracht?"


Mit diesem langen, herausragenden Monolog endet die Schafsjagd hier. Ein letztes mal fordert der Schafsmann zum Tanz auf. Zum vierten und letzten mal nimmt uns der namenlose Erzähler mit auf eine seltsame Reise.

Murakami bezeichnete Tanz mit dem Schafsmann nie als offizielle Fortsetzung zu Wilde Schafsjagd. Die Ereignisse spielen zwar einige Jahre nach dem Vorgänger, auch sind Charaktere und Orte aus der Trilogie der Ratte dabei, stilistisch unterscheidet es sich aber komplett von den vergangenen Romanen. Es ist ein eigenständiges Werk. Eine letzte Zugabe. Murakami schrieb den Roman nach Naokos Lächeln. Da der Erfolg und Rummel um den Roman Murakami so zusetzte, und Japan sogar daraufhin verließ, war es für ihn die größte Freude überhaupt Tanz mit dem Schafsmann zu schreiben. In dieser Geschichte konnte er all diese Ereignisse verarbeiten. Einfach drauf los schreiben. Und dies tat er auch. Manchmal vielleicht etwas zu viel. Aber dabei raus gekommen ist ein würdiger Abschluss einer Reihe, die er so viel zu verdanken hat.

Wie schon erwähnt spielt Tanz mit dem Schafsmann einige Jahre nach Wilde Schafsjagd. Der namenlose Ich-Erzähler resümiert über die vergangene Zeit. Jener Zeit nach dem verschwinden von Kiki (das namenlose Callgirl aus Wilde Schafsjagd), dem Auftauchen des Schafsmannes und Rattes Tod. Er erzählt das ihn diese Ereignisse in tiefe Depressionen stürzten. Er hat den Sinn im Leben verloren. Menschen zu denen er Zuneigung aufgebaut hat verschwinden oder sterben um ihn herum. Er ist nun vierunddreißig Jahre alt und hat sämtliche Bezüge zu der realen Welt verloren. Dann stirbt auch noch sein Kater, das letzte Überbleibsel an die Vergangenheit. Er weiß das er noch eine Sache zu Ende bringen muss. Er muss zurück ins Hotel Delfin. Nach Kiki suchen. Noch einmal den Schafsmann aufsuchen. Der Showdown würde in Sapporo stattfinden. Doch alles scheint sich verändert zu haben. Das Hotel Delfin wurde zu einem Luxushotel umgebaut, der Besitzer des alten Hotels scheint unauffindbar. Alle Angestellten scheinen etwas zu wissen, aber keiner will mit Details rausrücken. Bis er auf Yumiyoshi trifft. Eine Empfangsdame. Diese berichtet von mysteriösen Vorfällen die ihr in der Nacht im Hotel passiert sind. Von da an nehmen die seltsamen Ereignisse ihren Lauf. Ein letztes Mal muss sich unser namenloser Erzähler all seinen Problemen stellen. Und dabei steht einfach alles auf dem Spiel.

Der Anfang der Geschichte war teilweise sehr seltsam zu lesen. Als hätte Murakami all seine Aggressionen gebündelt und diese dann in Worte gefasst. Der eigentlich so charismatische Ich-Erzähler kommt sehr depressiv rüber. Er beschwert sich über nahezu alles um ihn herum. Darunter muss die moderne Popmusik am meisten leiden. Ich war von seinem Verhalten nicht wirklich begeistert. Das passte nicht zu Murakamis Stil. Daraufhin habe ich das Buch auch für eine ganze Weile nicht angerührt. Ich wollte mir den grandiosen Vorgänger dadurch auf keinen Fall ruinieren. Dabei war Tanz mit dem Schafsmann an sich ein Roman den ich erst ganz zum Schluss lesen wollte. Immerhin steht hier noch der ein oder andere Murakami ungelesen in meiner Vitrine. Aber irgendwas sagte mir, ich solle genau diesen Roman lesen. Und am Ende muss ich dieser Fremden Stimme doch danken. In einer Zeit, wo es mir verdammt schlecht ging, holte ich Tanz mit dem Schafsmann wieder aus der Vitrine. Ich las da weiter wo ich aufgehört habe und konnte das Buch danach eigentlich nicht mehr aus den Händen legen. Sobald das Hotel Delfin (welches nun Dolphin Hotel heißt) wieder ins Spiel kommt, fühlt man sich gleich sehr familiär. Man weiß das man auf eine neue Reise mitgenommen wird. Und diese würde dieses mal bis nach Hawai führen. Auch weiterhin las sich die Geschichte komplett anders als Wilde Schafsjagd. Doch es wurde vertrauter. Die verrückten Charaktere und Situationen kehrten zurück.

Tanz mit dem Schafsmann ist ein Mix aus phantastischen Elementen und Alltagsstory. Man weiß sofort das im neuen Hotel Dolphin eigenartige Dinge vor sich gehen. Der besagte Knotenpunkt, von dem der Ich-Erzähler immer spricht ist somit das Hotel Dolphin. Es ist praktisch wie mit Gates am Flughafen welche die ganze Welt miteinander verbinden. Er lernt die hübsche Empfangsdame Yumiyoshi kennen. Und er lernt die dreizehnjährige Yuki kennen. Ein eigenwilliges Mädchen. Beide Frauen sind selbstverständlich typische Murakami Frauen. Ich weiß immer noch nicht was ich von ihnen halten soll. Die große ist spleenig und voller Neurosen, teilweise auch sehr strange vom Verhalten. Die kleine ist arrogant und frühreif. Nicht unbedingt die Frauentypen welche mich ansprechen. Kiki dagegen war mir von Anfang an sympathisch.

Vom Hotel Dolphin aus nimmt die Geschichte dann ihren Lauf. Der Erzähler findet Kiki in einem klischeehaften Liebesfilm wieder. Ganz zufällig siehter sie als Nebendarstellerin in einer Szene. Und das zusammen mit seinem ehemaligen Schulfreund Gotanda. Dieser ist nun ein erfolgreicher Schauspieler und spielt in diversen, fragwürdigen Liebesfilmen mit. Unser Erzähler kann seinen Augen nicht trauen. Gotanda hat eine Bettszene mit Kiki in diesem Film. Und ihr Text bezieht sich lediglich auf eine Zeile. Nun hat er endlich einen Anhaltspunkt gefunden. Und an dieser Stelle beginnt nun ein ziemlich komplexes Spiel. Es treten die verschiedensten Charaktere auf. Das Drama wird allmählich zu einem Krimi. Es geschieht ein Mord. Unser Erzähler wird in diesen Fall verwickelt. Es fällt das Wort "Kafkaesk". Das Verhör bei der Polizei ist definitiv eine Hommage an Kafkas Prozess. Wie schon im Vorgänger spielt Murakami mit verschiedensten Genres. Verliert aber dieses Mal leider öfter den Faden. Besonders die teilweise langen Unterhaltungen mit Gotanda kommen einem ziemlich zäh vor. Zumindest ging es mir so. Aber immer wieder fängt Murakami sich. Er schafft es immer wieder zu den spannenden und wichtigen Ereignissen zurückzukehren.

Da die Welt in Knotenpunkten unterteilt ist (In dieser Geschichte währen das Sapporo, Tokio und Honolulu), findet sich der nächste in Honolulu Downtown. Das Totenkabinett ist hier vielleicht sogar der wichtigste Kontenpunkt. Hier muss man eindeutig zwischen Wirklichkeit und Illusion unterscheiden können. Was eigentlich unmöglich ist. Der Erzähler folgt einer Person die Kiki sehr ähnlich sieht (ungefähr eine ähnliche Situation wie in Gefährliche Gliebte. Er ist sich sogar sehr sicher das sie es ist. Er folgt ihr bis zu einem Gebäudekomplex in dem sich viele Büros befinden. Er dringt so weit ein bis er nur noch verwahrloste Räume sieht. Anscheinend unbewohnt. Er dringt weiter in den Kaninchenbau ein (auch Anspielungen auf Alice im Wunderland gibt es viele). Er folgt Schritten. Diese führen in vermutlich in eine Parallelwelt. In dem unheimliche, finsteren Raum angekommen, entdeckt er sechs Skelette. Erst später bemerkt er das diese Skelette für die Verluste in seinem Leben stehen. Am Ende bleibt sogar ein Skelett übrig. Murakami behält sich das Recht vor dieses Rätsel nicht zu lösen. Es wird jedoch klar das es Zentrale Personen gibt die eine wichtige Rolle in dem Leben des Erzählers spielen. Man könnte sie ungefähr mit Dantes Führern (Wegweisern) aus der Göttlichen Komödie bezeichnen. Jeder hat spezielle Fähigkeiten. Sie alle dienen dazu dem Protagonisten den richtigen Weg zu weisen.

Wie immer verschwimmen in dieser Geschichten die Realitäten miteinander. Und am Ende gibt es dann den großen Twist. Vielleicht kann man Murakami vorwerfen das er uns am Ende eine ähnliche Erklärung serviert wie bereits im Vorgänger. Aber war das nicht viel mehr von Anfang an so geplant? Erfährt man nicht spätestens nach der Hälfte des Buches das es darauf am Ende hinauslaufen wird? Ich denke schon. Denn mit dem Ende war ich doch schon ziemlich zufrieden. Ich konnte mich letztendlich wieder mit dem Erzähler und seiner Situation identifizieren. Alle Personen für die er etwas empfand, verschwanden. In meinem Leben war und ist das selbst nicht anders.

Das Ende an sich wirkt dann tatsächlich auch noch versöhnlich. Auch wenn es von einem Happy End natürlich weit entfernt ist. Aber darauf kann man zumindest schon bauen. Es ist ein Anfang. Irgendwann müssen die ganzen Enttäuschungen ja mal enden. Und egal welche Meinung man nun über die Geschichte hat, man wird zustimmen das der Erzähler endlich zu seinem verdienten Glück kommt. Egal ob es am Ende nun in der Realität oder in einer Traumwelt geschah. Lediglich das Schicksal des Schafsmannes wird ungeklärt bleiben. Dies trifft eigentlich auch auf seine gesamte Existens zu.


Resümee

Sehr traurig stimmte es mich dann als ich die letzte Seite gelesen hatte. Das bin ich eigentlich immer wenn etwas herausragendes ein Ende findet. Aber es waren viel mehr die ungeklärten Schicksale der Charaktere welche mich traurig stimmten. Wurde Kiki ermordet? War Gotanda ihr Peiniger? Was wurde aus dem Schafsmann? Doch es gab auch kleine Happy Ends. Yuki schien endlich ihren Platz im Leben gefunden zu haben. Der Erzähler fand am Ende doch noch seine Seelenverwandte mit der er (wahrscheinlich) glücklich wurde. Die Reise endet hier. Murakami hat die Ereignisse nie wieder aufgegriffen. Auch für ihn war es vermutlich ein versöhnlicher Abschied.

Was den Roman im allgemeinen betrifft, so kann er nicht ganz mit Wilde Schafsjagd mithalten. Dafür war der Vorgänger zu einzigartig. Aber Murakami hat ja auch nie behauptet, dass es sich um eine Fortsetzung handeln würde. In Kauf nehmen muss man einige Längen, ein paar kuriose Wendungen und eine vielleicht nicht ganz so befriedigende Auflösung der Geschehnisse. Das Haruki Murakami mir aber wieder einmal etwas über das Leben beigebracht hat verzeiht alles. Was ich mir für das Ende noch gewünscht hätte wäre ein Gruppenfoto. Mit allen beteiligten. Wo sie alle fröhlich und vereint an diesem kleinen Hafen stehen. Dort, wo alles begann. Aber was schreibe ich da? Dieses Gruppenfoto existiert doch schon lange. Man muss nur seine eigene Fantasie dazu benutzen. Dann Lebewohl, Schafsmann. Mögest du mich bitte nie heimsuchen.