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Freitag, 22. April 2011

Ryunosuke Akutagawa, Die Fluten des Sumida: Das Vermächtnis eines Narren





Die Akutagawa Rezensionen 1

Autor: Ryunosuke Akutagawa
Erscheinungsjahr: Gesammelte Werke zwischen 1912 und 1927. Erschienen als Sammelband im Juli 2010, iudicium Verlag.
Übersetzung: Armin Stein
Genre: Kurzgeschichten, Fantasy, Drama, Mystery, Religion



"Der Glaube an die Familie ist die ewige und unantastbare Grundlage unserer einzigartigen Nation. Selbstverständlich trägt das Oberhaupt einer Familie daher eine hohe Verantwortung. Hat ein Familienoberhaupt also das Recht, nach eigenem Belieben den Verstand zu verlieren? Diese Frage kann ich nur mit einen entschiedenem "Nein!" beantworten. Nehmen wir einmal an, die Familienoberhäupter hätten tatsächlich das Recht, den Verstand zu verlieren. Würden nicht alle unweigerlich auf der Stelle ihre Familien im Stich lassen und das Weite suchen, um das Glück zu genießen, singend über Landstraßen zu ziehen, Berge und Täler zu durchwandern oder freie Kosten und Logis in Irrenanstalten zu genießen?
Wahrlich, das wäre der Untergang unseres zweitausendjährigen Familiensystems, für das die ganze Welt uns Bewunderung zollt.
Wie sagt die alte Schrift: "Hasse das Verbrechen, nicht den Verbrecher". Ich fordere dann auch nicht, dass Oshino streng bestraft werde. Dennoch schlage ich laut die Trommel und klage ihn des Vergehens an, fahrlässig den Verstand verloren zu haben. Nein, nicht nur Oshino klage ich an, sondern auch unsere Regierungen, die es allesamt unverzeihlicherweise bislang versäumt haben, das Verlieren des Verstandes rechtlich unter Strafe zu stellen." -Mudaguchi in Pferdebeine (Uma no ashi)-



Obwohl klar sein dürfte, dass Ryunosuke Akutagawa zu den bedeutendsten und wegweisendsten Autoren der japanischen Literatur zählt, steht im gleichen Kontrast dazu, dass er wohl zu den traurigsten Seelen seiner Generation gehörte. Geplagt von Wahnvorstellungen und dem Wandel der Zeit, nahm er sich in der Nacht zum 24. Juli 1927 mit einer Überdosis Veronal und diversen anderen Schlafmittel das Leben. Er wurde fünfunddreißig Jahre alt. Als Vermächtnis hinterließ er ein Werk, welches schon zu seinen Lebzeiten geschätzt wurde und fast ein weiteres Jahrhundert später umso mehr verehrt wird. Er prägte die japanische Literatur. Er brach die Regeln und vermischte erstmals Elemente moderner westlicher Literatur mit der klassisch japanischen. Sein guter Freund und Schriftsteller Kan Kikuchi stiftete daraufhin 1935 den Akutagawa Preis, welcher mitunter zu den angesehensten Literaturpreisen in Japan gehört.

Doch wer war Ryunosuke Akutagawa eigentlich? Wer noch nie was zuvor von ihm gehört, der weiß vielleicht mit Akira Kurosawas Oscar prämierten Spielfilm Rashomon mehr anzufangen. Kurosawa wagte sich als einer der ersten japanischen Regisseure an Akutagawas Werk. Er verknüpfte die beiden Kurzgeschichten Rashomon und Im Dickicht (Yabu no naka) miteinander und formte daraufhin einen kompletten Spielfilm, für welchen er 1952 den Oscar für den besten ausländischen Film einheimste.

In dem im Jahr 2010 veröffentlichten Band Die Fluten des Sumida lernen wir den unergründlichen Schriftsteller jedoch noch besser kennen als je zuvor. Von seinen Anfängen als Journalist und Schriftsteller, bis zum bitteren Ende seiner Karriere. Es beginnt mit der gleichnamigen Erzählung Die Fluten des Sumida aus dem Jahr 1912 und endet mit der religiösen Sammlung Der Mann aus dem Westen, ein Werk, welches er wenige Stunden vor seinem Tod 1927 fertigstellte. Erweitert wird diese schöne wie nachdenkliche Sammlung durch die fabelhafte Übersetzung des Japanologen Armin Stein. Dieser übersetzte Akutagawas an sich schon modernen Schreibstil nicht nur flüssig lesbar ins Deutsche, er verfasste auch eine kleine Biographie über das Leben Akutagawas, welche mindestens genau so interessant ist wie die einzelnen Geschichten des Bandes. Auch einen ausführlichen Glossar gibt es, welcher komplizierte Begriffe aus jener Zeit und ihre dazugehörigen Persönlichkeiten erklärt. Das auf den ersten Blick handliche Buch ist dennoch recht schwer, klein bedruckt und prall gefüllt. Es sollte seine Leser etliche Tage fesseln.

Die Erzählungen in der Sammlung sind chronologisch angeordnet. Anzumerken dabei ist, dass die Storys zunehmend düsterer und surrealer werden. Akutagawas Gemütslage verschlechterte sich von Jahr zu Jahr. Dabei wird immer wieder seine Liebe zu Tokyo und dem Sumida deutlich. "Ich liebe Tokyo für den Sumida, und das Leben für Tokyo", schreibt er. Doch je mehr der Sumida verfiel (welcher schwere Schäden durch das Kanto Erdbeben am 01.09.1923 nahm), umso mehr schien Akutagawa zu leiden. Auch Tokio war im Wandel. Fort waren all die Handelsschiffe auf dem Sumida. Die Industrie gewann immer mehr an Überhand über das traditionelle Japan, welches noch völlig unberührt von den verheerenden Schäden des bevorstehenden zweiten Weltkriegs war. Für Akutagawa wäre der Anblick eines brennenden Tokios wohl der schlimmste Alptraum gewesen. Ertrug er all die Veränderungen an sich schon schwer, wie wäre es ihm da wohl während des Krieges ergangen? Ein Gedanke, der sogar die Leute betrüben dürfte, die sich nur flüchtig mit dem Werk des Autors auseinandergesetzt haben.

Basierend auf Akutagawas Wahnvorstellungen und Träume entstanden auch etliche interessante Kurzgeschichten. Die geheimnisvolle Insel (1923) wäre da ein ziemlich gutes Beispiel. Dort wacht der namenlose Ich-Erzähler ohne weitere Erinnerungen auf einem Schiff auf, welches auf eine mysteriöse Insel zusteuert. Vor ihm ein Berg, welcher beinahe in den Himmel ragt. Dieser Berg jedoch wurde komplett aus Gemüse errichtet. In der ziemlich düsteren Geschichte Der Traum (1927), berichtet Akutagawa über einen Maler, der mit schweren Depressionen kämpft und in einem Traum sein Modell erwürgt. Die Geschichte weist etliche surreale Elemente auf. Besonders wird am Ende nicht wirklich klar, ob es sich tatsächlich um einen Traum handelte. Womöglich basierte die komplette Geschichte auf einem Traum Akutagawas. Dieser litt in seiner letzten Schaffensphase vor seinem Tod unter ähnlichen Depressionen. So unterscheidet sich Der Traum stilistisch komplett von all den anderen Werken in der Sammlung. Kalt und trostlos sind die Worte, die diese Geschichte beschreiben würden. Sind in Akutagawas Kurzgeschichten doch sonst immer Ironie und Wortwitz zu finden.

Die erwähnte Ironie findet man in Geschichten wie Zwei Frauen Namens Komachi (1923). Dort thematisiert er sehr kritisch das Geschlecht der Frauen, welchem er immer etwas ängstlich Gegenüberstand. Es geht um zwei gerissene Frauen, die selbst den Boten des Todes austricksen um ihr eigenes Leben zu bewahren. Die Erzählung bringt selbstverständlich einiges an Humor mit und sollte besonders in unserer heutigen, empfindlichen Gesellschaft als Satire angesehen werden. Akutagawa war kein Frauenfeind, er war sogar glücklich verheiratet.

Dann gibt es auch noch Geschichten wie Agni, der Feuergott (1920). Die Geschichte spielt in Shanghai und weist phantastische Elemente auf. In Japan wird die Geschichte oft in der Schule mit jüngeren Schulpflichtigen besprochen. Es ist eine klassische Fantasy Geschichte (eine ziemlich gute übrigens).

Man lernt den Schriftsteller, Journalist, Philosoph, Analytiker und Mensch, allesamt Seiten, die Akutagawa innewohnten, in den Fluten des Sumida kennen. Und immer wieder ist eine kindliche Neugierde und Naivität aus den Texten zu lesen. In den teils sehr persönlichen Sammlungen Erinnerungen (1926-1927) und Honjo-Ryogoku (1927) bekommt man einen sehr guten Einblick darüber, wovon ich in dieser Besprechung schreibe. Akutagawa setzt sich auseinander mit Tradition und Mythen. Und natürlich Veränderungen. Er gibt zu, dass er mit diesen Veränderungen überfordert sei. Beschreibt seine Ängste, die ihn seit seiner Kindheit plagen und spricht darüber, wovor er sich fürchtet. Und Ryunosuke Akutagawa hat sich vor so einigen Dingen gefürchtet. Doch diese sehr sympathische und bescheidende Art hat mich immer wieder in den einzelnen Erzählungen fasziniert. Er stammte aus einfachen Verhältnissen und wurde zu keiner Zeit seiner Karriere als bekannter Schriftsteller überheblich.

In Das Lächeln der Götter (1921), befasst sich Akutagawa das erste mal mit dem Christentum. Dieses wurde seinerzeit auch in Japan immer populärer. Die Geschichte handelt von einem Pfarrer, der dem Christentum angehört und der Kirche als Missionar in Japan dient. Dieser Pfarrer ist von dem traditionellem, japanischem Glauben überhaupt nicht begeistert. Sein Ziel ist es, möglichst viele Japaner zum Christentum zu konvertieren. Doch wird in einer Nacht der konservative Pfarrer von fürchterlichen Visionen in seiner Kirche heimgesucht. Später vermag dieser gar nicht mehr Wahn von Realität zu unterscheiden.

Akutagawa selbst war vom Christentum mehr als angetan. Er studierte die Bibel in und auswendig und verfasste kurz vor seinem Freitod eine letzte Sammlung. Der Zweiteiler Der Mann aus dem Westen (1927) ist eine kurze Zusammenfassung wichtiger christlicher Ereignisse aus der Sicht Akutagawas. Dabei bezieht er sein Hauptaugenmerk auf Jesus Christus. In jeder Zeile liest man wie sehr Akutagawa Christus verehrte. Er sah ihn weniger als jene mystische Figur an wie sie im Christentum bekannt ist, eine Person, die Übernatürliches bewirkte. Er sah ihn als einen der ersten Journalisten und Schriftsteller der Geschichte an. Als Philosoph. Akutagawa begann sich mit Christus zu identifizieren. Doch die Identifikation wurde immer mehr zu Fanatismus. Er verehrte Christus zu sehr. Zu Akutagawas damaligem Gesundheitszustand war dies nicht unbedingt von Vorteil. Ob Ryunosuke Akutagawa sich am Ende selbst mit Christus verglich, kann man natürlich nicht genau sagen. Es ist unklar, ob letztendlich die Bibel selbst Akutagawas Wegweiser zum Freitod war. Fest steht nur, Akutagawas letzte Schaffensphase war sehr vom Christentum geprägt.



Resümee

Für mich stellen Die Fluten des Sumida ein absolut vielschichtiges wie umfangreiches Vermächtnis des großen japanischen Schriftstellers dar. Ryunosuke Akutagawas moderner Schreibstil (er verwendete sogar englische Anglizismen) ist eingängig und durch die wirklich gelungene Übersetzung von Armin Stein leicht verständlich. Für Liebhaber japanischer Literatur ist die Lektüre praktisch Pflicht. Es scheint jedoch, als hätte sich der Geist Akutagawas auf die gesamte moderne japanische Literatur übertragen. Er selbst sah sich nie als einen bedeutenden Schriftsteller. Doch würde er noch leben und wissen, das sein Name noch immer ein ganz großes Thema in seinem Heimatland ist, welches er so liebte und verehrte, würde wohl auch er endlich einmal diese Bescheidenheit ablegen.



Anmerkung des Verfassers (Aufziehvogel): Besprechung neu durchgelesen, korrigiert und ergänzt am 08.12.2016.

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