Archiv: Rezensionen zu Literatur und Film

Donnerstag, 7. Mai 2015

Rezension: Die Legende der Prinzessin Kaguya

(Poster: Universum)


Trailer




Japan 2013

Die Legende der Prinzessin Kaguya
Originaltitel: Kaguya-hime no Monogatari
Vorlage: Taketori Monogatari
Idee und Regie: Isao Takahata
Musik: Joe Hisaishi
Sprecher (Japanische Besetzung): Aki Asakura, Kengo Kora, Takeo Chii, Nobuko Miyamoto
Sprecher (Deutsche Besetzung): Sarah Alles, Nico Sablik, Denise Gorzelanny, Uli Krohm, Kornelia Boje, Gerrit Schmidt-Foss
Lauflänge: Circa 137 Minuten
Genre: Anime, Fantasy, Märchen
FSK: Ohne Altersbeschränkung


Hayao Miyazaki und Isao Takahata. Zwei Legenden. Zwei alte Männer. Zwei alte Männer, die jeweils auf ihre weise über das Thema "Abschied" einen Film gemacht haben. Und ein bisschen kommt es mir so vor, als hätten die beiden die Rollen vertauscht. Miyazakis "Wie der Wind sich hebt" könnte vom Stil her eher ein Werk von Takahata sein, während Takahatas "Die Legende der Prinzessin Kaguya" aufgrund seiner bezaubernden, verspielten Bilder eher ein waschechtes Miyazaki Werk sein könnte. Bereits nach wenigen Sekunden wird aber dann klar, "Die Legende der Prinzessin Kaguya" ist ein waschechter Film von Isao Takahata. Denn Takahata ist mindestens ein genau so talentierter Magier wie Hayao Miyazaki, schaut man sich "Pom Poko" mal genauer an.

Die Zukunft des Studio Ghibli scheint auch weiterhin ungewiss zu sein. Hayao Miyazaki kündigte unlängst seinen Rücktritt an (wieder einmal, doch diesmal, so scheint es, endgültig) und es ist relativ unwahrscheinlich, dass der mittlerweile 79 jährige Takahata noch einmal einen so groß angelegten Film kreieren wird. Ganze 8 Jahre verschlang Kaguya an Zeit, die der Film bis zu seiner Fertigstellung benötigte. Und billig war der Film aufgrund der aufwendigen Zeichnungen und vielen Verschiebungen auch nicht. "Die Legende der Prinzessin Kaguya" hat dem Studio Ghibli viel Geld gekostet. Die Produktionskosten wurden aber diesmal aufgeteilt, somit ist das Studio Ghibli nicht der alleinige Geldgeber und Takahata agierte hier wesentlich unabhängiger von Ghibli als sonst. Und dennoch prangert das Ghibli-Logo über Prinzessin Kaguya. Die genaue Aufteilung der Rechte dürfte hier aber zweitrangig sein. Die Leute wollen ein Ghibli Komplettpaket, und genau dieses bekommen sie in diesem wunderschönen Film auch geboten.


(Copyright: Studio Ghibli)


Die Frage, die ich mir stellen musste: Kann Isao Takahata noch ein letztes Kunststück aus seinem Hut zaubern? Takahata bestritt als Gründungsmitglied des Studio Ghibli einen eher ungewohnten Weg. Er ist Filmemacher und Drehbuchschreiber, aber kein Animator. So unglaublich es klingen mag, laut eigenen Aussagen bekommt Isao Takahata keine einzige Figur auf ein Blatt Papier gezeichnet (seine Storyboards bestätigen aber, in diesem Punkt war er nicht ganz ehrlich). Mit Werken wie "Die letzten Glühwürmchen", "Only Yesterday", "Pom Poko" und "Meine Nachbarn die Yamadas" hat mich Takahata verzaubert und gleichzeitig in endlose Melancholie und Traurigkeit entlassen. Sein Stil unterscheidet sich drastisch von Miyazakis. In Takahatas Filmen sucht man meistens vergeblich nach einem glücklichen Ende für seine Protagonisten. Stilistisch gibt es da auch bei Prinzessin Kaguya keinen Bruch. Sowohl vom Zeichenstil als auch von der Erzählweise setzt Takahata hier noch einmal neue Maßstäbe in einer Gattung, die stark vom Aussterben bedroht ist. Die Zeit für handgemachte Animationsfilme scheint endgültig vorüber zu sein, Miyazaki selbst resignierte in einem Interview, welches er vor nicht all zu langer Zeit führte. "Die Legende der Prinzessin Kaguya" könnte mit seinem aufwendigem Stil, der an das Rotoskopie-Verfahren erinnert, einer der letzten seiner Zunft sein.

Die Geschichte rund um die mysteriöse Prinzessin Kaguya, die eigentlich ein ganz normales Mädchen ist und ein bürgerliches Leben führen will, basiert auf einer alten japanischen Volkssage. "Die Geschichte vom Bambussammler (Taketori Monogatari)" stand Pate für Takahatas Vision. Dank vieler antiker Holzschnitte die zu der Geschichte im laufe der Jahre entstanden sind, war es für die Animatoren einfacher einen unverkennbaren Stil zu entwickeln, da bereits schöne Bilder zu der alten Geschichte existieren.


(Eine alte Malerei zu "Die Geschichte vom Bambussammler")


Gespickt wird der bereits surreale Zeichenstil durch eine genau so surreale Szenerie. Oftmals driftet der Film in eine Traumwelt ab, ohne das der Zuschauer es bemerkt. Bei einer Lauflänge von rund 137 Minuten fühlte ich mich nicht einmal verloren oder gelangweilt in dem dichten Gestrüpp der Erzählung. Wie immer vermischt Takahata märchenhafte Szenen mit lustigen und teilweise auch sehr wehmütigen Momenten. Seine Magie entfaltet der Film bereits zu Beginn. Obwohl ich nach mehreren Trailern immer dachte, der Film wird vermutlich schwer zugänglich sein, so wurde ich überrascht, dass mich bereits die ersten Minuten vollkommen für sich einnahmen. Wesentlich mehr Probleme hatte ich da bei meinem ersten Anlauf mit Miyazakis Abschlusswerk "Wie der Wind sich hebt".

Erstmals komponierte Ghibli-Altmeister Joe Hisaishi den Soundtrack zu einem Film von Isao Takahata. Auffallend ist dabei der beinahe völlige Verzicht auf orchestrale Musikstücke. Diese würden auch selbstverständlich zu Prinzessin Kaguya nicht wirklich passen. Stattdessen gibt es viele ruhige Stücke, die perfekt mit der Atmosphäre des Filmes harmonieren. Mit dem Titelsong "Inochi no Kioku (Memories of Life)" klingt der Film noch einmal brillant aus. Isao Takahata wählte diesen durchaus optimistischen Song mit Bedacht, da das Ende des Filmes das komplette Gegenteil darstellt und die Zuschauer nicht mit einem traurigen Song heim schicken wollte.

Zur Vertonung muss ich sagen, zu meiner Schande kam ich noch nicht dazu, mir die original japanische Tonspur anzuhören. Traditionell schaue ich Ghibli-Filme zu immer erst in deutscher Sprache. Und wie immer hat Universum hier fantastische Arbeit geleistet. Besonders Sarah Alles als Kaguya hat mir unglaublich gut gefallen. Die deutsche Vertonung war einer Kino-Auswertung würdig. Eine traurige Mitteilung gibt es auf Seiten der japanischen Tonspur. Noch bevor der Film fertiggestellt war, verstarb im Jahr 2012 der in Japan sehr beliebte Takeo Chii (er sprach den alten Mann) im Alter von 70 Jahren. Durch "Prerecording" (die Sprecher sprechen ihre Dialoge ein, ohne Bilder zu sehen) wurden alle Dialoge in der japanischen Sprachfassung bereits vorab aufgenommen.


Resümee

Zwei große Männer verabschieden sich auf ganz unterschiedliche weise von der großen Bühne. Und ich muss gestehen, erneut konnte mich Isao Takahata ein wenig mehr begeistern als es Hayao Miyazaki tat. Dies mag an Takahatas eigenwilligen Stil liegen. Da Takahata nicht die Animationen übernimmt, bleibt ihm dadurch wesentlich mehr Zeit für Dramaturgie und Planung als es bei Miyazaki der Fall ist, der in Sachen Animation so ziemlich alles selbst übernimmt. Und vielleicht ist es dieser kleine Aspekt, weshalb ich Takahatas Filme stets als etwas kompletter ansehe. Einen direkten Vergleich würde ich mich niemals wagen und wäre eigentlich beiden Filmemachern respektlos gegenüber.

"Die Legende der Prinzessin Kaguya" könnte tatsächlich der letzte große Kinofilm des Studio Ghibli gewesen sein. Sollte dem wirklich so sein, dann hat sich das Studio mit einem großen Film verabschiedet. Takahatas beeindruckende Filmografie wird vermutlich immer von Miyazakis Schaffen überschattet werden, dies ändert aber nichts daran, dass Isao Takahata zu den größten noch lebenden Großmeistern des Zeichentricks gehört. Und das ist ja auch relativ beeindruckend für einen Mann, der den Zeichenstift noch nie selbst in die Hand genommen hat.

Wer sich dieses Spektakel nicht entgehen lassen will besorgt sich am besten eine leicht gekühlte Flasche Wein seiner Wahl, schaltet sämtliche Licht- und Geräuschquellen aus und genießt die Geschichte rund um die bezaubernde Prinzessin Kaguya. Und dann kann man selbst entscheiden, ob dieses Meisterwerk der Zeichenkunst nicht mehr verdient gehabt hätte, als lediglich eine Nominierung bei der 87ten Verleihung der Academy Awards.

Dienstag, 5. Mai 2015

Rezension: Traumlieder 2 (George R. R. Martin)







USA 2003

Traumlieder II
Autor: George R. R. Martin
Originaltitel: Dreamsongs Volume 1/2
Erscheinungsjahr in Deutschland: 09. Februar 2015 beim Heyne Verlag
Übersetzung: Maike Hallmann, Lore Straßl, Susanne Grixa, Rainer Gladys, Eva Bauche-Eppers, Michael Windgassen, Jürgen Langowski, Hannelore Hofmann, Joachim Körber, Michael Fehrenschild, Berit Neumann
Genre: Kurzgeschichten, High Fantasy, Dark Fantasy, Horror, Science-Fiction


Fand sie ihn schließlich, ihren Liebsten mit den feurigen Augen? Oder sucht sie ihn noch heute? Auf welchen Wächter wird sie als Nächstes stoßen?
Wenn sie nachts als Fremde in einem einsamen Land dahinwandert, hat der Himmel Sterne?
Ich weiß es nicht. Er weiß es nicht. Vielleicht wissen nicht einmal die Sieben es. Sie sind mächtig, ja, aber nicht allmächtig, und die Zahl der Welten ist größer, als selbst ihnen bewusst ist.
Es gibt ein Mädchen, das zwischen den Welten wandelt, doch sein Weg ist jetzt in der Legende verloren. Vielleicht ist sie tot, vielleicht auch nicht. Neuigkeiten verbreiten sich langsam von Welt zu Welt, und nicht alles entspricht der Wahrheit.
Eines aber wissen wir: In einer leeren Burg unter einer purpurnen Sonne wartet ein einsamer Minnesänger, und seine Lieder erzählen von ihr. - Aus: "Die einsamen Lieder Laren Dorrs"


In drei prall gefüllten Sammelbänden bringt der Heyne Verlag George R. R. Martins beeindruckende Kurzgeschichten und Erzählungen. Ja, beinahe lesen sie sich wie Märchen. Aber bei einem genaueren Blick erkennen wir die wahre Gestalt dieser Märchen; George R. R. Martins "Traumlieder" sind bitterböse, melancholische Songs aus fremden Welten. Martin ist ein begnadeter Komponist und verfasste Geschichten, keine wie die andere. Traumlieder II ist ein sehr langer Longplayer, und jede einzelne Single war ein Highlight für sich.

Man könnte meinen, durch all den Hype rund um "Das Lied von Eis und Feuer" aka "Game of Thrones" könnte eine Übersättigung entstanden sein. Ein gewisser Verschleiß der sich immer breit macht, wenn eine langjährige Saga auf einmal ungeahnte Erfolge feiert, und die ganze Welt über die Geschehnisse dieser Saga redet. Und auch ich dachte, der Verschleiß rund um Game of Thrones würde nicht lange auf sich warten lassen. Nun näher die TV-Serie sich ganz langsam ihrem Höhepunkt während Martins Fans der gedruckten Worte noch viele Jahre auf das Ende der Saga warten müssen. Der große Zampano lässt sich halt Zeit, und diese sei ihm mehr als vergönnt. Denn dies gibt den Lesern die Zeit, sich durch Martins weitere große Werke zu lesen. Wir verfolgten Haviland Tufs Abenteuer im Weltraum oder schwangen uns auf den Rücken eines Eisdrachen. Das Ziel der Reise war stets unbekannt und unsere Reisegefährten hätten zwielichtiger nicht sein können. Das Universum von George R. R. Martin scheint unbegrenzt zu sein. Eine neue Welt wartet in jeder einzelnen Geschichte.
Ob als Autor, Herausgeber oder Produzent; George R. R. Martin kam zu einem späten Ruhm, und er hat nun sämtliches Recht darauf, diesen auszukosten. 

Auf über 600 Seiten ist im zweiten Band der Traumlieder eine Sammlung verschiedenster Geschichten enthalten. Allerdings haben wir es hier nicht mit einem wirren Sammelsurium an Resteverwertung zu tun. Martin präsentiert seine Sammlung in genau 3 Abschnitten: "Die Erben der Schildkrötenburg", "Hybride und Horror" und "Eine Kostprobe von Tuf". Jede dieser Kategorien ist mit Kurzgeschichten unterschiedlichster Genre (der Schwerpunkt bleibt aber beim Fantasy) ausgestattet. Und, richtig gelesen, sogar ein Wiedersehen mit unserem Planetenwanderer Haviland Tuf gibt es. Versehen ist jeder Abschnitt im Buch mit persönlichen Worten des Autors, die mindestens genau so unterhaltsam gestaltet sind wie die Geschichten selbst. Man bekommt einen interessanten Einblick in Martins Welt. Sympathisch und mit viel Witz hat der Altmeister diese Abschnitte verfasst, ohne dabei zu autobiografisch zu werden.

Nun möchte ich in dieser Rezension gewiss nicht auf alle Geschichte eingehen und ich verspreche, diesmal werde ich mich kürzer fassen. Das Prunkstück der Anthologie liegt ganz klar bei "Die Erben der Schildkrötenburg". Der Abschnitt umfasst 3 Frühwerke von Martin. Folgende Kurzgeschichten sind enthalten: "Die einsamen Lieder des Laren Dorrs", "Der Eisdrache" und "Das verlassene Land". Alle drei Geschichten könnten sich thematisch nicht mehr von der jeweils anderen unterscheiden, und doch ist der unverkennbare Stil von Martin stets präsent. Ungewohnt ruhig und melancholisch geht es in der Geschichte rund um die Weltenwanderin Sharra zu, die Laren Dorr trifft, einen geheimnisvollen Minnesänger der alleine und gefangen in seiner eigenen Welt zu leben scheint. Der Eisdrache ist ein düsteres Märchen für Erwachsene, welches in einem Westeros spielen könnte, als Drachen noch durch die Lüfte ritten. Die Geschichte rund um das verlassene Land ist ein Hybrid beider zuvor genannten Geschichten mit einem geschickten Twist zum Ende der Geschichte. Alle Geschichten haben jedoch eines gemeinsam: Sie alle lesen sich wie der Auftakt zu einer großen Saga. Sie sind jedoch Unikate, abgeschlossene Werke. Und dennoch lassen sie den Leser mit vielen Geheimnissen zurück.


Resümee

Traumlieder II macht den Leser, genau wie die schöne Sharra, zu Weltenwanderern. Wir wissen nicht, was uns in der nächsten Geschichte erwartet. Zwischen Fantasy, Horror und Science-Fiction bewegen wir uns durch eine fremde Galaxie. George R. R. Martin beweist sich erneut als begnadeter Erzähler und bietet fernab von Königsmördern, einer riesigen Mauer aus Eis oder royalen Intrigen eine einzigartige Welt. Schnell zieht der Autor den Leser in seinen Bann. Bereits nach dem Impressum haben Martins Traumlieder mich verzaubert.

Abschließen möchte ich die Rezension mit einem Zitat von George R. R. Martin, welches gleich zu Beginn des Buches vorkommt und mich sehr beeindruckt hat:

„Die Wirklichkeit, das sind die Einkaufszentren von Burbank, die Schornsteine von Cleveland, eine Parkgarage in Newark. Fantasy besteht aus den Türmen von Minas Tirith, den uralten Mauern von Gormenghast, den Sälen von Camelot. Die Fantasy fliegt auf Ikarus' Schwingen, die Wirklichkeit mit Lufthansa. Warum schrumpfen unsere Träume so sehr zusammen, wenn sie Wirklichkeit werden?“

Schöner kann die Magie der Bücher wohl nicht mehr beschrieben werden.

Sonntag, 26. April 2015

Aufziehvogel fragt nach: Im Gespräch mit Ekaterina Mikulich




Falls sich wer gefragt hat, ob ich auch noch etwas anderes für diesen Blog mache, außer Rezensionen und Einwürfe und Top 10's zu verfassen, der bekommt nun die Antwort: Ja, ich bin stetig dabei, Am Meer ist es wärmer zu erweitern. An der Kategorie "Aufziehvogel fragt nach" werkle ich schon seit mehr als einem Jahr. Im letzten Jahr war ich kurz davor, einen Erfolg zu vermelden, jedoch löste sich meine (durchaus sehr interessante) Gesprächspartnerin in Luft auf! So etwas soll es geben (auch wenn es schwer vorstellbar ist bei so einem charmanten Gesprächspartner)! Bevor ich also in Selbstverliebtheit zerfließe, möchte ich euch die Person vorstellen, die mutig genug war, sich meinen mehr oder weniger penetranten Fragen zu stellen :)

Aufziehvogel fragt nach: Im Gespräch mit Ekaterina Mikulich - Übersetzerin der deutschen Ausgabe der Accel World Light Novel

(Ekaterina bei der Arbeit)


Der Vorreiter für dieses kleine Interview ist folgender Einwurf: "Können sich Light Novels in Deutschland endlich etablieren?"

Ziel dieser Reihe ist es nicht nur, Leser auf Light Novels/Japanische Literatur aufmerksam zu machen, sondern auch auf die wichtigen Personen, die sie in unsere Sprache übersetzen. Wer die Rezensionen auf meinem Blog verfolgt, dem wird es vielleicht nicht entgangen sein, dass sowohl die Nennung des oder der Übersetzer(in) sowie ein gesonderter Absatz über die Übersetzung des jeweiligen Werkes sehr wichtig ist. Ich lasse daher keine Gelegenheit aus, wenn sich die Chance bietet, persönlich Kontakt zu einem Übersetzer aufzunehmen.

Bevor ich nun zum eigentlichen Gespräch komme, möchte ich noch kurz erzählen, wie es zu der Zusammenarbeit kam. Ekaterina lernte ich im Comicforum kennen (an dieser Stelle noch einmal ein aufrichtiges Danke an diese durchaus große Plattform für ihre Existenz). Ich halte es nicht für selbstverständlich wenn eine Übersetzerin sich in einem Forum anmeldet und mit den Usern ein wenig über das Projekt plaudert, an dem sie gerade sitzt. Persönlich finde ich, sowohl für Accel World als auch für Tokyopop war das eine sehr sympathische Werbung. Ich wollte die Gelegenheit nicht verstreichen lassen und habe Ekaterina persönlich angeschrieben. Das Ergebnis dieser Plauderei rund um die Übersetzung eines japanischen Light Novels und an welchen Projekten Ekaterina aktuell arbeitet, möchte ich euch nicht vorenthalten.

Das Interview ist aufgebaut in einer Einleitung und 5 Fragen, die Ekaterina sehr ausführlich beantwortet hat.


Einleitung:

Aufziehvogel: Hallo Ekaterina! Willkommen auf "Am Meer ist es wärmer". Bevor wir loslegen, beginnen wir lieber mit einer Einleitung, damit die Leute einen kleinen Einblick über deine Person bekommen. Erzähl uns doch, was genau dich zu einem exotischen Land wie Japan und dieser durchaus sehr komplexen Sprache gebracht hat.

E.M: Meine Verbindung zu Japan und der Sprache ist, wie man sich vielleicht denken kann, durch Manga und Anime entstanden - was zwar bei Weitem nicht bei allen Übersetzern der Fall sein muss, aber in meinem Fall war es eben schon dieser Bereich der japanischen Kultur, der mich dazu gebracht hat, mehr über das Land, das Leben dort und natürlich auch die Sprache erfahren zu wollen. Selbst durch die deutschen Übersetzungen hindurch, und natürlich die Bilder dazu, klang für mich viel Andersartiges heraus, viel Faszinierendes, weshalb ich diese Sprache irgendwann auch selbst einmal verstehen können wollte. Deswegen fing ich zunächst einmal autodidaktisch an sie zu lernen und entschied mich später für ein Japanologiestudium an der Uni.


Frage 1:

Aufziehvogel: Eine Frage, die ich endlich mal stellen kann: Was war das eigentlich für ein Gefühl, zum ersten mal professionell einen Text aus der japanischen Sprache zu übersetzen? Vermittelt dieses "Erste Mal" ein Gefühl der Verlorenheit, oder pendelt sich die Routine relativ schnell ein? Wie lange ist es her, als du zum ersten mal freiberuflich etwas übersetzt hast?

E.M: Das erste Mal ist jetzt schon über drei Jahre her … Oder „erst“ drei Jahre, wenn man sich ansieht, wie lange manche andere das schon machen. Natürlich war am Anfang etwas Unsicherheit da, die sich aber vor allem darauf bezog, was man formal alles zu beachten hat z.B. beim Erstellen des Übersetzungsdokuments - es gibt da Regeln für die Markierung innerer Monologe und aller möglicher anderen Dinge. Was die Sprache angeht, musste ich anfangs vielleicht noch häufiger überlegen, wie ich bestimmte Sachen formuliere, die man nicht wörtlich übersetzen kann, aber da entwickelt man mit der Zeit auch Strategien dafür. Nach einigen übersetzten Bänden beginnt sich in allen Bereichen Routine einzustellen - und trotzdem kann jederzeit wieder irgendwas Überraschendes kommen, woran man sich den Kopf zerbricht.


Frage 2:

Aufziehvogel: Wenn man mal etwas nachforscht, sind viele Übersetzer auch meistens Fan des jeweiligen Autors und dessen Werke, die sie übersetzen. Wie verhält sich das bei dir? Erreicht man vielleicht ein besseres Ergebnis, wenn man tatsächlich vom Hobby getragen wird? Oder braucht man sich an eine Übersetzung gar nicht erst heranwagen, wenn man zwar die Sprache beherrscht, sich aber persönlich nicht für das Werk interessiert, welches man gerade übersetzt?

E.M: „Meistens“ würde ich nicht sagen. Bei mir und in den mir bekannten Fällen anderer Übersetzer passiert es eher selten, dass man ein Werk bekommt, von dem man selbst „Fan“ ist oder wird. Von daher ist das auf keinen Fall eine Voraussetzung. Es gibt ja auch genug Übersetzer (und um noch einen anderen Bereich zu nennen, bei Synchronsprechern z.B. verhält es sich ganz ähnlich), die sich privat gar nicht oder nicht mehr mit Manga/Anime beschäftigen und dennoch ihren Job machen. Wobei ich beim Übersetzen schon der Meinung bin, dass ein generelles Interesse für diese Art von Populärkultur nur von Vorteil sein kann. Dann weiß man ja im besten Fall schon ungefähr, wie andere Übersetzungen aussehen und wie man selbst es gerne machen möchte. Kriegt man ein Werk auf den Tisch, das einem persönlich gefällt, fällt es einem natürlich schon leichter, sich da dranzusetzen (anstatt es morgens vor sich herzuschieben). Allgemein muss man zwar professionell genug sein, dass persönliche Vorlieben das Arbeitsergebnis qualitativ nicht beeinflussen, aber wenn einem das Werk dann doch gefällt oder man sich zumindest damit anfreunden kann, kommen die guten Ergebnisse mitunter schneller heraus als andernfalls. Aber das gilt auch nicht für jede Serie.


Frage 3:

Aufziehvogel: Bist du auch mal auf Hürden gestoßen, bei denen du dachtest: „An dieser Stelle verzweifle ich noch. Wie fahre ich jetzt am besten fort?“

E.M: Solche Stellen gibt es immer wieder. Wichtig ist, dass man weiß: es ist für (nahezu) alles eine Lösung zu finden, wenn man genug danach sucht. Ganz schwierige Stellen hebe ich mir für den Schluss auf und gucke da beim eigenen Korrekturlesen nach dem Übersetzen noch mal drüber. Manchmal hilft da allein schon der zeitliche Abstand dabei, das Problem auf einmal in einem viel einfacheren Licht zu sehen. Wenn es nicht um sprachliche Dinge, sondern die Verwendung von wichtigen Begriffen oder Ähnliches geht, bespreche ich mich auch schon mal mit dem zuständigen Redakteur, bevor der dann alles umändern muss.



(Foto: Aufziehvogel. Copyright Reki Kawahara, HiMa. Deutsche Ausgabe: Copyright @Tokyopop)


Frage 4

Aufziehvogel: Aktuell übersetzt du für den Tokyopop Verlag Accel World, die Light Novel Reihe von Sword Art Autor Reki Kawahara. Es sind bereits mehrere Bände in englischer Sprache bei Yen Press erschienen. Ist die Verlockung für einen Übersetzer groß, bei einer bereits übersetzten Ausgabe mal zu spicken bzw. einen kleinen Blick in das Werk eines anderen Übersetzers zu erhaschen, wenn man selbst an einer Stelle im Original mal nicht weiterkommt? Oder ist so etwas ein striktes Tabu?

E.M: Ich habe tatsächlich den ersten Band von Accel World auf Englisch zu Hause liegen - allerdings habe ich mir den erst bestellt, nachdem ich mit meiner Übersetzung davon fertig und auch der Korrekturdurchgang meiner Redakteurin schon vorbei war. Die Motivation dabei war einfach Neugier, und auch wenn ich bisher immer noch nicht mehr getan habe als ein wenig darin zu blättern (den Inhalt kenne ich ja schon halb auswendig, auch durch die Wiederholung im Manga), so habe ich dabei sogar mehr Gemeinsamkeiten entdeckt als gedacht. Man sagt ja, dass englische Übersetzungen oft freier sind als deutsche, aber in diesem Fall scheint es ähnlich gewesen zu sein.
Jedoch würde ich mir keine Bände zum „Spicken“ kaufen, das habe ich nicht nötig und es blockiert auch eigene Gedankenwege, wenn man weiß, wie jemand anderes es bereits gemacht hat.


Frage 5:

Aufziehvogel: Diese Frage habe ich mir für den Schluss aufgehoben. Mal eine ganz persönliche Frage: Glaubst du, Light Novels aus Japan haben die Chance, auf dem deutschen Markt so richtig durchzustarten? Besteht ausreichend Interesse? Mehrere Verlage (darunter auch Tokyopop und Carlsen) haben in der Vergangenheit sich sehr bemüht, diese Romane der deutschen Leserschaft zugänglich zu machen. Leider mit mäßigem Erfolg. Denkst du, ein neuer Anlauf könnte eine neue Leserschaft mit sich bringen?
Und weil die Frage hier ebenfalls noch so gut reinpasst: Welche Manga bzw. Light Novel Künstler verfolgst du gerne? Gibt es Werke, die du vielleicht gerne in Deutschland sehen würdest (und vielleicht selbst gerne übersetzen würdest)?

E.M: Den ersten Teil der Frage kann wahrscheinlich TOKYOPOP besser beantworten als ich, aber man wird sicher eine ausreichende Basis dafür gehabt haben, diesen Neuversuch zu starten. Vor SAO* und den anderen großen Novels hat man es ja in den letzten Jahren bereits mit Einzelbänden oder kürzeren Serien zu bereits bekannten Manga versucht. Eine Chance ist sicher da - wobei ich persönlich auch denke, dass die Übersetzer sich ebenfalls in der Verantwortung sehen müssen, ein ansprechendes Ergebnis abzuliefern, um möglichst viele Leser anzulocken. Und ich würde Light Novels in Buchhandlungen gerne auch mal außerhalb der Manga-Regale sehen - so wie jetzt ist auf den ersten Blick schwer zu erkennen, was Manga und was Novel ist. Man muss leider schon genau hingucken. Vielleicht tut sich da ja noch was in Zukunft …
Zu meinen persönlichen Lieblingskünstlern gehören Mangaka wie Kazue Katô (Blue Exorcist), Adachitoka (Noragami), Carolin Eckhardt (eine deutsche Mangaka in Japan, Erstlingswerk: Oku-sama Guten Tag!), Kou Yoneda (NightS) oder Mika Yamamori (Daytime Shooting Star). Die beiden zuletzt genannten Titel habe ich selbst übersetzt bzw. tue es noch, habe sie aber durch die Arbeit überhaupt erst kennengelernt. Ich könnte noch einige Künstler aus dem deutschen Sprachraum nennen, aber das würde jetzt wohl zu weit führen - ich denke, man sieht bereits, dass ein persönliches Interesse bei mir auf jeden Fall gegeben ist.  Hingegen lese ich Light Novels privat so gut wie gar nicht. „Welcome to the NHK“ ist da der einzige Titel, der mir jetzt einfällt, ansonsten sind es eher klassische Romane, die ich auf Japanisch lese, sofern ich dazu komme, allerdings dann auch größtenteils Werke aus dem Bereich Kinder-/Jugendliteratur. Von daher macht mir die Arbeit an „Accel World“ trotzdem Spaß, da es ja auch eine Form von Jugendliteratur ist. Wenn ich so darüber nachdenke, „Welcome to the NHK“ ist als Light Novel noch nicht auf Deutsch erschienen, also wenn das jemand verlegen möchte - ich denke, ich hätte meine Freude an dem Stil dieses äußerst talentierten Autors, und es ist nur ein Band. Auch an die „Moribito“-Reihe, auf deren erstem Band der Anime „Guardian of the Spirit“ basiert, würde ich mich gerne mal heranwagen, aber das ist keine Light Novel und insgesamt ein wenig anspruchsvoller. Außerdem ist Band 1 leider gar nicht so actionreich wie der Anime, was einige Fans abschrecken könnte …
SAO= Sword Art Online (Anmerkung des Verfassers)



Abschließende Gedanken

In diesem letzten Absatz dieses ziemlich interessanten Interviews möchte ich mich noch einmal bei Ekaterina für ihre Mühen und detailreichen Antworten bedanken. Ich hoffe sehr, Accel World wird auch in Deutschland seine Leser finden. Ich hoffe, ihr hattet beim Lesen auch eure Freude und habt einen kleinen Einblick in die Welt des Übersetzens erhalten. Ich hoffe, demnächst einen weiteren interessanten Gast aus der Welt der Übersetzungen zu finden, um diese Rubrik noch weiter zu füllen.

Und falls der Nikolaus, Osterhase oder ein Verlag dieses Interview lesen, ganz besonders "Frage 5": Bitte richtet doch die Veröffentlichung von "Welcome to the N.H.K. (Tatsuhiko Takimoto mit Zeichnungen von Yoshitoshi ABe)" irgendwie ein, eine fähige und motivierte Übersetzerin steht ja bereits zur Verfügung :D
Eine englische Übersetzung erschien damals bei Tokyopop US die unlängst nicht mehr gedruckt wird. Genau so gerne würde ich persönlich die "Moribito" Reihe gerne in Deutschland sehen, da ich bereits von dem Anime sehr angetan war.


Jukebox (Musik, die ich hörte, als ich diesen Beitrag verfasst habe): Kaerazaru Hibi von Joe Hisaishi


Samstag, 18. April 2015

Time Magazine nimmt Haruki Murakami in die Liste der 100 einflussreichsten Menschen auf

(Foto: Welt)



Am 16. April nahm das Time Magazine Haruki Murakami in seine Liste der 100 einflussreichsten Menschen auf. Der japanische Autor darf sich damit zu einer illustren Runde gesellen, in der sich der 66 jährige vielleicht etwas fremd vorkommen könnte, denn in dieser Liste befindet sich beispielsweise auch ein Kanye West samt Ehefrau. Von Autoren zu Politikern bis hin zu Musikern, Schauspielern und Regisseuren, vertreten ist jeder, der in unserer Modernen Popkultur an Einfluss besitzt. So ist es auch keine Überraschung, dass sich das Time Magazine auch schlussendlich Haruki Murakami angenommen hat.

Zu jedem Eintrag hat eine prominente Person noch einen Absatz verfasst, der die jeweilige Top 100 Persönlichkeit ehrt. Bei Haruki Murakami hat Yoko Ono diesen Absatz verfasst.
Lesen kann man diesen, sobald man den Link nach dem Doppelpunkt anklickt: Time 100

In Gedenken an Günter Grass (1927-2015)

Günter Grass: 16.10.1927 - 13.04.2015


Am Montag, den 13. April, ist Günter Grass im hohen Alter von 87 Jahren verstorben. Was bedeutet der Verlust für die deutsche Literatur? Besonders in den letzten Jahren machte Günter Grass mit eher skurrilen und kontroversen Aussagen auf sich aufmerksam. Der alternde Nobelpreisträger schien ein wenig seine hohe Reputation zu verspielen. Ein paar Tage nach seinem Tod scheinen aber auch seine Gegenspieler ihre Einigkeit mit ihm gefunden zu habe: Von der Bühne ist ein großer Autor gegangen, der 1999 gewiss nicht zu unrecht den Nobelpreis für Literatur erhalten hat.