Archiv: Rezensionen zu Literatur und Film

Freitag, 27. November 2015

Einwurf: Der Hobbit - Eine [un]erwartete Enttäuschung?





Vorgestern ist etwas passiert, was selten passiert. Es erscheint der Extended Cut zum finalen Hobbit Film bei den Händlern, ich greife zu, und überlege, ob ich mir das überhaupt noch einmal antun soll. Der Sammler in mir, aber auch der Preis waren letztendlich die entscheidenden Argumente, noch einmal an der Schlacht der Fünf Heere teilzunehmen. Mit einer Laufzeit von 20 Minuten an erweitertem Material stellt der Extended Cut, nach Teil 1 der Trilogie den kürzesten aller Hobbit und Herr der Ringe Extended Cuts dar. Meine Hoffnung bleibt letztendlich, dass die Erweiterungen und Umschnitte dem Film vielleicht noch etwas Charme verleihen, der in der Kinofassung anscheinend komplett verloren gegangen ist. Auf diese Erkenntnis schien wohl auch Peter Jackson bereits selbst gekommen zu sein.

Am 14. Dezember wird die Hobbit-Trilogie ihr dreijähriges Bestehen feiern. Weihnachten ist, spätestens seit der Verfilmung der Ring-Trilogie, Mittelerde Zeit. Und wenn das Kino nichts mehr hergibt, dann greifen die Fans zu den unzähligen DVD und Blu-ray Editionen zurück, die Warner in all den Jahren veröffentlicht hat. Mit der Veröffentlichung der Extended Edition zum dritten Hobbit Film am 26.11 werden viele Fans noch einmal einen langen Aufenthalt in Mittelerde buchen.
Die Hobbit-Trilogie wird bei vielen Zuschauern, jetzt, wo sie komplett und vollständig ist (Extended Cuts), erneut auf dem Prüfstein stehen. Besonders durch "Die Schlacht der Fünf Heere" wird der schwere Stand von Peter Jacksons Prequel-Trilogie vermutlich aber bestehen bleiben.

Ich habe mich immer gefragt, woher all die negativen Stimmen nur herrühren. "Eine unerwartete Reise" ist ein großartiger Fantasy-Film der bestens zu unterhalten wusste. "Smaugs Einöde" ist eine sogar noch gelungenere Fortsetzung. Hier kommt besonders die Extended Edition zur Geltung. Alle Erweiterungen und Umschnitte wurden von Jackson sinnvoll eingesetzt und machen diese Fassung zu einem kompletten Film. "Die Schlacht der Fünf Heere" war dann jedoch auch für mich ein Knackpunkt. Ich habe Tolkiens fantastische Vorlage gelesen. Bis zum Ende habe ich jedes Wort aufgesogen. Und ich dachte mir, wenn Jackson und sein Team den Stoff gut verfilmen, wird Teil 3 der Saga vielleicht sogar der Höhepunkt der Prequel-Trilogie. Leider kam es anders. Nach vielen verhaltenen Kritiken stellte sich bei vielen Kinogängern blanke Enttäuschung und auch Missmut ein. Der Hobbit 3 beinhaltet nur ganz wenig Mittelerde, und noch viel weniger von dem, was das Buch ausmachte. Als epischer Schlachtenfilm sogar extrem kurzweilig, als ultimativer Showdown jedoch nur bedingt brauchbar. Die an sich kritischen Stimmen wurden dadurch noch einmal bestätigt.

Doch die Kritik stellte sich unlängst vor Hobbit 3 ein. Die Gründe dafür zu nennen würde den Rahmen an freien Platz sprengen. Einige davon kann ich jedoch nennen. Die größte Hürde, die Der Hobbit zu nehmen hatte war es, im Schatten der Ring-Trilogie zu stehen. Die Filme konnten jeglichen Vergleich bereits im Vorfeld nur verlieren. Ein wenig hat Jackson sich durch seine Herr der Ringe Referenzen in allen drei Hobbit Filmen aber auch selbst das Schlamassel eingebrockt. Jackson brachte viele Inhalte mit in die Filme, die nie in Tolkiens Romanvorlage vorgekommen sind (was wenig verwunderlich ist, da der Herr der Ringe zu diesem Zeitpunkt noch eine ungeschriebene Idee in Tolkiens Gedankenwelt war). Große Kritik gab es außerdem, als man sich dazu entschieden hat, Legolas, der nie im Buch vorkam, zu einem festen Part der Story zu machen. Ein Angebot soll man auch Viggo Mortensen gemacht haben, die Rolle des Aragorn ein letztes mal zu spielen, der jedoch ablehnte, weil Aragorn ja gar nicht in der Originalvorlage vorkomme.




Jedoch sollte man es nicht zu kontrovers sehen, denn sowohl Legolas als auch die speziell für den Film kreierte Elbin Tauriel (nur um mal 2 der Charaktere zu nennen, von den vielen, die nie im Buch einen Auftritt hatten) mischen sich nicht zu sehr in die Geschichte rund um Bilbo und der Gefolgschaft an Zwergen ein. Ob sie dabei sind oder nicht, macht keinen großen Unterschied für den Ausgang der Geschichte. Zudem ist die Wahrscheinlichkeit tatsächlich hoch, dass Legolas seinem Vater auch im Buch zur Seite stand, da die Waldelben in der Schlacht eine äußerst wichtige Rolle spielten.

Ein weiterer großer Kritikpunkt ist der Rückschritt in Sachen Effekte. Zu Zeiten von "Der Herr der Ringe" setzte Jackson auf die großartigen handgemachten Effekte von Weta. Diese lassen die drei Filme auch heute noch natürlich und authentisch aussehen. Viele dieser handgemachten Effekte mussten beim Hobbit CGI weichen. Für viele Orks, darunter auch Antagonist Azog, wurden anfänglich handgemachte Kostüme entworfen, im Laufe der Produktion entschied man sich kurzerhand auch dort Motion Capture Technologie anzuwenden und die Kostüme durch Computer generierte Effekte zu ersetzen. Auch das wunderschöne Neuseeland leidet unter dem CGI, denn auch viele Schauplätze sind am Computer entstanden und machten platz für einen Greenscreen während der Dreharbeiten.




Vor einigen Tagen veröffentlichte The Guardian ein ausführliches Interview, wo Peter Jackson noch einmal über die Produktion vom Hobbit resümierte. Dort gab er leicht sarkastisch von sich, das der enge Terminplan es nicht zugelassen habe, sorgsam zu planen und er am Ende überhaupt keinen Überblick mehr hatte, was er überhaupt tat. Der ganze Artikel (bereits zu Beginn des Absatzes verlinkt) ist lesenswert und beschreibt eigentlich nur mal wieder, wie anstrengend die Produktion war. Dies erwähnen Jackson und andere wichtige Beteiligte in den umfangreichen Anhängen, die auf den Extra-Discs der Extended Cuts zu finden sind.

Noch bevor die Filme überhaupt gedreht wurden, war die Vorab-Planung, wie bereits Peter Jackson selbst sagte, eine Katastrophe. Jackson sagte einst, nachdem die Ring-Trilogie vollständig abgedreht und produziert war, würde er sich so ein gigantisches Projekt nie wieder in seinem Leben antun. Aus genau diesen Gründen wollte Jackson auch hauptsächlich als Produzent beim Hobbit dabei sein. Ein langer Rechtsstreit zwischen dem Tolkien Estate, New Line Cinema/Warner und MGM verhinderten jedoch eine erfolgreiche und reibungslose Zusammenarbeit. Jackson plante seinen Wunschkandidaten als Regisseur anzuheuern: Guillermo Del Toro. Del Toro für das Projekt zu gewinnen war jedoch schwierig, da erst überzeugt werden musste und bekanntlich kein großer Ring-Fan sei (was überraschend ist wenn man sich Hellboy 2 anschaut). Nach einem langen hin und her entschied sich Del Toro doch für die Zusammenarbeit mit Jackson. Tolkiens Hobbit gilt bis heute als ein Buch, geschrieben für Kinder. Dementsprechend betraf dies auch die Länge des Buches die sich, je nach Sprache, auf nicht einmal 300 Seiten beschränkt. Eine weitere Trilogie stand völlig außer Frage, allein schon aus dem Grund, weil das Material von Tolkien nicht so umfangreich war, um damit drei Filme füllen zu können. 
Die Planung würde Del Toro komplett übernehmen. Ausgelegt war das Projekt auf einen, vielleicht zwei Filme wo Jackson bei der Fortsetzung vielleicht die Regie von Del Toro übernehmen sollte.
Es sollte allerdings komplett anders kommen. Del Toros Konzept und Umsetzung stand. Ein Großteil des Casts stand ebenfalls. Die Dreherlaubnis gab es allerdings nicht. Dies verhinderte der bereits angemerkte, seit Jahrzehnten andauernde Rechtsstreit der Lizenzinhaber. Aus einer Verzögerung von wenigen tagen wurden am Ende beinahe zwei Jahre. Del Toro wurde ungeduldiger, hatte andere Pläne, wollte seine Zeit nicht länger mit Warten verschwenden. Jackson und die Produzenten konnten Del Toro nicht halten und somit hat man die führende Person des Projekts verloren.

Am Ende hieß es: Jackson, oder niemand. Obwohl sich Peter Jackson geschworen hatte, nie wieder eine Mittelerde Trilogie zu planen und zu drehen, war das Verlangen zu groß, noch einmal nach Mittelerde zurückzukehren. Außerdem floss bereits eine menge Geld in die Produktion. Nun einen neuen Regisseur in die Materie einzuführen kostete nicht nur mehr Zeit, sondern es war auch ein Risiko. "Eine unerwartete Reise", der Auftakt zur Hobbit-Trilogie, wurde größtenteils nach Del Toros Vision gedreht. Das reichhaltige Material was Del Toro hinterlassen hat (im Abspann wird er noch immer erwähnt) war die Grundlage zum Auftakt. Welche Richtung der Film aber eingeschlagen hätte, wenn Del Toro Regie geführt hätte, wird für immer eine unbeantwortete Frage bleiben.

Das Ärgernis endete jedoch nicht durch den Rechtsstreit von Tolkien Estate und den Studios. Während der Dreharbeiten erkrankte Jackson am Magen und die Dreharbeiten kamen erneut nur schwierig voran. Jackson selbst ist mit den Kinofassungen unzufriedener als jemals zuvor. Am meisten soll es dabei den dritten Hobbit Film getroffen haben. Zur Premiere des Filmes und einer bevorstehenden Podiumsdiskussion fragte ein Fan Jackson, ob er auch bei der Filmpremiere am Abend dabei sein werde. Jackson verneinte dies, da er nicht wisse, was das Studio mit dem Film angestellt hat und das Ergebnis lieber ein anderes mal begutachten will.
Laut Jackson und seiner Frau Fran Walsh (zuständig fürs Screenplay und Produktion) hatte das Studio konkrete Wünsche, die umgesetzt werden mussten. Ein großer Fokus auf Action und ein großer Fokus auf die Lovestory zwischen Kili und Tauriel. Jackson war dagegen, hatte aber nicht viele Möglichkeiten, dies zu ändern. Die Kinofassung wurde größtenteils ohne den Segen von Jackson angefertigt. In einem neuen Interview erwähnte er, der Extended Cut würde wesentlich mehr seiner gewünschten Fassung entsprechen.
Einen Seufzer konnte er sich vermutlich nicht verkneifen, denn nicht einmal eine erweiterte Fassung kann gerade biegen, was Teil 3 falsch gemacht hat.

Für einen weiteren Aufreger sorgte nun die Extended Version von "Die Schlacht der Fünf Heere". Relativ überraschend vergab die MPAA ein R-Rating. Von allen 6 Mittelerde-Filmen ist es somit der einzige, dessen erweiterte Langfassung nicht mehr das Gütesiegel eines Familienfilmes besitzt. Dies könnte sich durchaus auch auf die Verkaufszahlen auswirken, da viele große Handelsketten in den USA keine R-Rated oder Unrated Filme führen und konservativ eingestellte Familien die Altersfreigaben der MPAA sehr ernst nehmen.

Christopher Tolkien, der noch lebende Sohn von Mittelerde-Schöpfer John Ronald Reuel Tolkien, äußerte sich bereits nach dem Kinostart von "Eine unerwartete Reise" abschätzig über Peter Jacksons Adaption. Bereits zu "Der Herr der Ringe" gab es stetige Uneinigkeit zwischen den beiden. Nach vielen Debatten hat das Tolkien Estate sich jedoch dazu entschieden, sich aus der Planung der Filme rauszuhalten, sich aber auch gleichzeitig von ihnen zu distanzieren. Da bereits die Hobbit Filme von einem Lizenzproblem betroffen waren (gut zu erkennen daran, wenn Gandalf versucht, in "Eine unerwartete Reise" die weiteren Zauberer aufzuzählen, sich aber nicht richtig an ihre Namen erinnern kann. In Wahrheit besaß man nämlich die Rechte für diese Charaktere nicht und durfte sie somit nicht für den Film benutzen), hat man sich beim Tolkien Estate gleich dazu entschieden, weitere Verfilmungen für eine lange Zeit zu unterbinden. Wer sich also erhofft, bald wieder zu Weihnachten Mittelderde im Kino betrachten zu dürfen (vielleicht eine Verfilmung des Silmarillion), der sollte schon einmal etwas Geduld mitbringen.

Eine lange, unerwartete Reise hat gestern endgültig ihr Ende gefunden. Meine Empfehlung an alle Cineasten und Fans gelungener Fantasy-Unterhaltung: Nehmt die Hobbit-Trilogie so, wie sie ist. Es gibt berechtigte Kritik, aber auch eine viel zu überzogene Kritik. Und obwohl es ein Fakt ist, das "Die Schlacht der Fünf Heere" ein ungewohntes Mittelmaß in Jacksons Verfilmungen darstellt, ist auch dieses schwierige Kind ein Teil dieser Trilogie, was vielleicht in einigen Jahren wesentlich neutraler betrachtet wird als es aktuell noch der Fall ist.

In diesem Falle, genießt die Filme, macht euch ein paar schöne Abende in Mittelerde. Da bleibt mir nur noch zu sagen: "Raise a glass of wine, for the last time".




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