Archiv: Rezensionen zu Literatur und Film

Mittwoch, 7. Januar 2015

Rezension: Urwaldgäste (Roman Ehrlich)

(Foto: Aufziehvogel)


(Foto: DuMont)



Deutschland 2014

Urwaldgäste
Autor: Roman Ehrlich
Verlag: DuMont
Genre: Erzählungen, Satire, Drama


"Auf dem Weg von meinem Haus zu diesem Büro fuhr ich zunächst Stationen mit einer die Stadt ringförmig umkreisenden Bahn, die immer nur links um die Kurven bog und dabei viele Werktägige in sich aufnahm. Sie standen dichtgedrängt beisammen, abwesend, müde, grimmig oder schläfrig, hielten sich an den Haltestangen fest, hörten Musik und starrten vor sich auf eine Jackennaht oder direkt ins Nichts. Zwei größere Umsteigbahnhöfe befanden sich auf meiner Strecke, das Wetter war meistens regnerisch und das Fahrgastaufkommen war groß. Aus den Fenstern heraus sah man die Stadt schemenhaft in einer gräulichen Suppe dastehen, versunken und irreal wie in einem Aquarium.
Am südlichsten Rand der ringförmigen Zugstrecke stieg ich aus und lief durch ein Gewerbegebiet mit einem großen Ikeamarkt, Tankstellen und Zufahrtstraßen zur vielspurigen Stadtautobahn, die ich auf einer Fußgängerbrücke überquerte. Auf der anderen Seite befand sich rechts ein Supermarkt mit weitflächigem Parkplatz, auf dem ich an meinem ersten Arbeitstag eine junge Mutter sah, die mit gesenktem Kopf übervolle Plastiktüten in beiden Händen über den Parkplatz trug und neben der ein dicker Junge aufgekratzt herumhopste und ihr die immergleiche Zeile aus einem Nonsenslied vorsang: JuLaLiLaLaLa. JuLaLiLaLaLa. JuLaLiLaLaLa. JuLaLiLaLaLa. Mein Hirn schwang sich sofort auf diese kurze Schleife ein und begann auf ihr zu rotieren, wie ein endlos in seine Umlaufbahn gezwungener Mond."
(Roman Ehrlich, DuMont Verlag: "Dinge, die sich im Rahmen meiner temporären Anstellung bei der Grinello Clean Solutions ereigneten" aus der Anthologie "Urwaldgäste")


Die erste Rezension 2015 sollte eigentlich die letzte Rezension 2014 werden. Denn einen letzten, ganz besonderen Leckerbissen wollte ich mir eigentlich für den Schluss aufheben. Aber wie so oft kann man gewisse Pensen, die man sich selbst setzt, häufig nicht einhalten, selbst dann nicht, wenn man sie noch so sorgfältig geplant hat.

Roman Ehrlich machte mit seinem beeindruckendem Debüt "Das Kalte Jahr" bereits 2013 auf sich aufmerksam. Mit seiner ungewöhnlichen Geschichte, die gleichzeitig zeitgenössische Literatur mit historischen Ereignissen verband, gewann der junge Autor schnell eine Leserschaft. Im deutschsprachigen Raum war solch ein wuchtiges Debüt schon länger nicht in der deutschen Literatur vertreten. Natürlich fragten sich die Leser, die mit diesem erfrischenden Stil angefixt wurden, wann der Autor etwas neues bringt. Und der DuMont Verlag lieferte im September vergangenen Jahres die Antwort. "Urwaldgäste" lautet der skurrile Titel dieser Sammlung an Erzählungen. Zehn an der Zahl sind es (sogar 11, wenn man die in zwei Parts aufgeteilte Geschichte "Die Intelligenz der Pflanzen (Naturtreue)" doppelt zählt). Und jede einzelne Geschichte ist es wert, aufrichtig gelesen zu werden. Jede einzelne Geschichte ist nicht nur umfangreich und geheimnisvoll, sie alle unterscheiden sich auch voneinander und scheinen dennoch miteinander verknüpft zu sein. Es sieht so aus, als habe Deutschland endlich einen Autor gefunden, der mit der einsamen Generation der Großstadtmenschen umzugehen weiß. Ein wenig melancholisch, gesellschaftskritisch und auch wehmütig beschreibt er die Schicksale von gewöhnlichen Menschen, die in ihrem Dschungel aus Beton beinahe erdrückt werden.

Wiederkehrende Motive aus "Das Kalte Jahr" gibt es auch in "Urwaldgäste". Es gibt die Neonröhren, die Tankstellen und die kühlen, beinahe schon irrealen Landschaften. Und genau das gleiche gilt für die Atmosphäre. Denn wie bereits im Vorgänger, ist diese relativ surreal, ja, beinahe schon als träumend zu bezeichnen. Denn ein großes Problem, mit dem Roman Ehrlichs Charaktere zu kämpfen haben, ist die Kommunikation. Sie reden undeutlich, verworren, driften völlig vom Thema ab. So kann der Innenarchitekt Lappert aus der Geschichte "Die Seekuh Tiffany" den Arzt nicht verstehen, der versucht, ihm den Zustand seiner Frau zu erklären. Das gleiche gilt für den Zoologen der Unterwasserwelt, der einem Journalisten vom Radio zuhört, dieser aber einfach nicht zum Punkt kommt. Im Gegenzug schafft der Zoologe es aber auch nicht, zu erklären, was sich nun auf der Kassette befindet, die die Seekuh Tiffany ausgespuckt hat und die Geschichte zu einer großen Attraktion des Zoos werden könnte.

Dieser gewollt, leicht verworrene Stil war es, der mich sehr beeindruckt hat. Roman Ehrlich spielt mit dem Leser indem seine Protagonisten grundsätzlich ein Kommunikationsproblem haben. Häufig bleiben viele mysteriöse Ereignisse in den Geschichten ungeklärt und lassen Spielraum für Interpretation. Ja, genau so fühlen sich meistens auch meine eigenen Träume an. In meinen Träumen unterhalte ich mich mit Menschen, man kommt aber nie zum Punkt, redet aneinander vorbei und man ist irgendwie vom Weg abgekommen, kann sich an sein eigentliches Ziel nicht mehr erinnern. Genau so ergeht es auch den Charakteren im Buch.

Mit einem absolut sicheren, geübten Schreibstil schafft es der Autor, in jeder einzelnen Geschichte ein kleines, düsteres Märchen über die Großstadt zu erzählen. Dabei widersetzt sich Roman Ehrlich sämtlichen gängigen Trends, die derzeit auf dem deutschen Buchmarkt herrschen.

"Der gesamte Urwald strahlte auf, blau, fluoreszierend wie eine Unterwasserwelt, ich schaute in den Himmel, wo plötzlich schwarze Wolken vor einem hellblauen Himmel standen. Als ich meinen Blick wieder senkte, waren die drei Männer verschwunden und das blaue Licht hatte sich irgendwie normalisiert, war dem gewöhnlichen Blau einer Morgendämmerung gewichen."
(Roman Ehrlich, DuMont Verlag: "Dinge, die sich im Rahmen meiner temporären Anstellung bei der Grinello Clean Solutions ereigneten" aus der Anthologie "Urwaldgäste")


Resümee

Hinter dem schicken bunten Cover zu "Urwaldgäste" verbergen sich, tief im Gestrüpp jenes Dschungels, kleine Einzelschicksale von Menschen aus dem Jahr 20XX. Es müssen keine Namen von Städte genannt werden, keine Orte, nicht einmal Namen sind nötig. Roman Ehrlichs kleine Erzählungen könnten überall hier in Deutschland spielen und jeder Leser würde sich auf die eine oder andere Weise mit ihnen verbunden fühlen.

Wie bereits bei Tilman Ramsteds "Der Kaiser von China", Sasa Stanisic "Vor dem Fest" oder aber auch Dorothee Elmigers "Schlafgänger" wurde mir als Leser wieder einmal verdeutlicht, zu was die deutschsprachige Literatur fähig ist. Roman Ehrlich setzt noch einmal eine Schippe drauf. Seine Geschichten sind nicht dazu gemacht, sie an einem Abend durchzulesen. Sie sind auch nicht dafür geschrieben, seichte Unterhaltung zu bieten. Nein, die Geschichten wirken nachhallend auf den Leser ein und die Magie der Kurzgeschichten können sich somit komplett entfalten. Für mich selbst habe ich herausgefunden, zu Roman Ehrlichs melancholische Geschichten liefert der japanische Komponist Ryuichi Sakamoto den besten Soundtrack ab. Ich konnte mich treiben lassen und war versunken in dieser seltsamen, aber doch vertrauten Welt.

Hoffen wir, auch 2015 wieder etwas von Roman Ehrlich lesen zu dürfen. Denn wir werden Live dabei sein, wenn sich hier in kommender Zeit ein großer Erzähler der deutschen Literatur etablieren wird.





Nachträglich geht mein Dank noch an das Team vom DuMont Verlag in Köln, die mir diese Reise in den Urwald ermöglicht haben.


Nachtrag:

Mit einem kleinen Rätsel hat mich Roman Ehrlich dann aber doch noch zu Bett gehen lassen. Eine gewollte Verwechslung oder ein mini Fauxpas? "In einem Land vor unserer Zeit" ist kein Disney Film ;)

Kommentare:

  1. Interessant. Deine Begeisterung ist ja nahezu mitreißend :)
    Ich fand die Erzählungen leider eher bemüht und anstrengend. Ich hatte mehr weitaus mehr erhofft.
    Vielleicht sollte ich seinem Debüt noch eine Chance geben.
    Liebe Grüße
    Mareike

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  2. Grüße Dich Mareike!

    Ist immer wieder interessant wie die Geschmäcker auseinander gehen. Ist noch gar nicht so lange her, da hatte ich "Das kalte Jahr" für mich entdeckt. Und dieser etwas beklemmende, fremde Stil hatte mich schnell begeistert. Bei "Urwaldgäste" muss ich aber auch gestehen, ich liebe Kurzgeschichten (ist ja Heute auch recht selten geworden, diese Leidenschaft) und mags auch gerne etwas rätselhafter/surrealer ;D

    Wenn du "Das kalte Jahr" noch einmal fortführen solltest, bin sehr auf deine Meinung gespannt :)

    Liebe Grüße,
    Marcel

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  3. ich habe nur die ersten 40 Seiten angelesen aus dem "Kalten Jahr" und dann beschlossen, nicht die richtige Zeit gerade. Kam nicht rein und ich mag es ja dunkel und rätselhaft und murakami-like - aber so war es für mich nicht.

    Ich probiere es vielleicht irgendwann nochmal - es könnte ja doch noch was werden mit Herrn Ehrlich und mir ;)

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  4. Guten Abend verehrte Binge Reader = )

    Da muss ich dir recht geben, die Stimmung muss passen bei Roman Ehrlich, sonst kann man sich auch schnell von der recht pessimistischen Stimmung anstecken lassen. An sich würde ich auch mal behaupten, die Literatur von ihm ist sehr speziell, und einige könnten etwas befremdlich die Bücher weglegen. Aber wenn man sich drauf einlässt, dann entfalten sich seine Geschichten wirklich ausgesprochen gut. Murakami ist da sogar noch wesentlich leichtere Kost.

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