Archiv: Rezensionen zu Literatur und Film

Montag, 21. April 2014

Review: True Detective




USA 2014

True Detective
Idee/Konzept: Nic Pizzolatto
Regie: Cary Joji Fukunaga
Darsteller: Matthew McConaughhey, Woody Harrelson, Michelle Monaghan, Michael Potts, Tory Kittles
Episoden: 8
Genre: Crime, Mystery, Gesellschaftsdrama
FSK: 16
Produktion HBO




Trailer




Der folgende Text sollte grundsätzlich nur von Zuschauern gelesen werden, die True Detective komplett gesehen haben. Ich werde aber alle Absätze markieren, in denen Spoiler auftauchen, die das Vergnügen an dieser TV-Serie einschränken, sollte man den Inhalt noch nicht kennen.



Die grobe Übersetzung des Wortes Review dürfte wohl bekannt sein. Im Jargon steht die Übersetzung für Rezension. Aber das Wort Review kann auch aus einer anderen Sicht betrachtet werden. Hier passt nämlich auch die Vokabel Rückblick. Genau genommen der Rückblick auf ein vergangenes Ereignis zum Beispiel. Obwohl mir die bekannte deutsche Variante, die Rezension, eigentlich sehr sympathisch ist, habe ich mich bei True Detective für das Wort Review entschieden. Denn das ist eine Vokabel, die zu dieser TV-Serie passt. Noch einmal muss ich mich nämlich nun meinen Dämonen stellen, und noch einmal muss ich zurück ins Jahr 1995, 2002 und 2012. Eigentlich hatte ich mir überhaupt nicht vorgenommen, TV-Serien in das Programm meines Blogs aufzunehmen. Bei einer so grandiosen Miniserie mache ich jedoch mal eine Ausnahme. Denn True Detective sollte geschaut werden, am besten von jeder Person, die ein Fernsehgerät besitzt.

Nach 4 von 8 geschauten Episoden brauchte ich eine Auszeit von True Detective. Ich konnte mich nicht dazu aufraffen, eine weitere Episode zu schauen. Es bestand Gefahr, auch wenn ich nur noch eine einzige Episode geschaut hätte, fortan unter Depressionen leiden zu müssen. An diesen Zeilen kann man glaube ich bereits ablesen, in True Detective gibt es nur wenig zu lachen. Genau wie seine zwei Protagonisten, wird auch der Zuschauer selbst an seine Grenzen gebracht. Für rund 1 Stunde pro Episode wird man (überwiegend) ins Jahr 1995 teleportiert und muss einen rituellen Mordfall an eine junge Prostituierte aufklären. Je nachdem für welchen Detective man mehr Sympathien hegt, schlüpft der Zuschauer dabei in die Rolle des mysteriösen, zwielichtigen und kontroversen Detective Rust Cohle (Matthew McConaughhey) oder dem verantwortungsvollen Cop und fürsorglichen Familienvater Detective Marty Hart (Woody Harrelson). Aber Achtung: Die Good Cop Bad Cop Nummer funktioniert in True Detective ein wenig anders. Denn spätestens bis zur letzten Rückblende fragt man sich eher, ob es in dieser Serie überhaupt einen Menschen gibt, der rechtschaffen handelt. Denn, letztendlich ist nichts so, wie es den anfänglichen Anschein macht.




Das Konzept, stammend aus der Feder von Nic Pizzolatto, ist durchaus ungewöhnlich. Das HBO für hochklassige TV-Serien bekannt ist, dürfte jedem klar sein. Spätestens seit den Sopranos oder nun aktuell auch Game of Thrones, dürfte sich Amerikas wohl bekanntester Pay-TV Sender umso mehr bestätigt fühlen, dass eine gute TV-Serie mehr wert sein kann als jeder große Blockbuster, der für absurde Summen in Hollywood produziert wird. Da ist es auch schon einmal möglich, dass große Namen einen Teil zur Serie beitragen (Regisseure und Schauspieler gleichermaßen). Die Konstellation McConaughey und Harrelson ist aber nicht nur etwas ungewöhnlich, sondern auch durchaus bekannt. Beide Schauspieler (untereinander gut befreundet) hatten bereits in den Neunziger die Leinwand unsicher gemacht, undzwar in Ron Howards EDtv. Allerdings nicht als gnadenlose Detectives, sondern es ging mehr in die Kategorie der Ulknudeln. Von daher war es nicht unbedingt der beste Schachzug, zwei Schauspieler zu wählen, die eher durch andere Rollen bekannt wurden. Besonders Matthew McConaughey dürfte der Rolle des Sunnyboy aber allmählich überdrüssig geworden sein, denn das in ihm viel Potential steckt, bewiesen wenige andere Rollen, die er im laufe seiner immer noch jungen Karriere immer mal spielte. Mit dem Oscar, den er dieses Jahr in der Kategorie Bester männlicher Hauptdarsteller für seine Darstellung des an Aids erkrankten Ron Woodroof im Film Dallas Buyers Club erhielt, dürfte er sein vielleicht etwas zu glattes Image endgültig abgeschüttelt zu haben. Doch spätestens seit True Detective dürfte Matthew McConaughey zu den begehrtesten Schauspielern gehören, die Hollywood derzeit im Köcher hat. McConaughey als misanthropischer, philosophischer und gleichermaßen undurchschaubarer Detective Rust Cohle ist nämlich so genial, dass er seinem Partner beinahe die Show stiehlt. Aber all das darf in keinster Weise die Leistung von Woody Harrelson schmälern, der hier, genau wie McConaughey selbst, eine der besten Leistungen seiner Karriere abliefert. Beide Schauspieler gaben bereits bekannt, weder in einer kommenden neuen Staffel True Detective dabei zu sein, noch als Produzenten weiterhin zu fungieren. Das Erbe, was die beiden hinterlassen haben, ist beinahe untragbar für ein weiteres Ermittler-Duo. Was die Fans wollen sind große Namen und eine brillante schauspielerische Leistung. Vielleicht wäre es für HBO besser gewesen, aus True Detective eine einmalige Affäre zu machen, als eine längerfristige Beziehung. Genug Namen werden schon seit längerem gehandelt.




Ein weiterer Verantwortlicher, der von True Detective profitiert haben könnte (und daran besteht eigentlich kein Zweifel) ist der junge Regisseur Cary Fukunaga. In einem Interview bestätigte Fukunaga, was viele bereits nach der ersten Episode vermutet hatten. Als Pate der Inspiration diente ihm Twin Peaks. So gesehen war Twin Peaks das fehlende Gewürz, welches True Detective fehlte. Allerdings ist True Detective kein Twin Peaks Abklatsch. Es wurden lediglich die Mystery-Aspekte übernommen. Fukunaga legte den Fokus in True Detective auf die menschlichen Abgründe. Die Entwicklung der Charaktere steht im Vordergrund, sogar mehr, als der eigentliche Mordfall (dazu später mehr). Auf insgesamt 17 Jahre erstreckt sich die Geschichte von True Detective. In geschickt erzählten Rückblenden und Ereignissen aus der Gegenwart erfahren wir immer mehr über die beiden Ermittler und den Albtraum, den sie durchlebten und immer noch durchleben müssen. Einen ganz genauen Einblick bekommt man in ihr Privatleben. So ist der undurchschaubare Rust Cohle vielleicht wesentlich abgeklärter als der verunsicherte, cholerische Marty Hart, der, und das nur zum Wohle der Familie, ausgiebig seine Frau betrügt. Je weiter die Geschichte voranschreitet, umso mehr entfaltet sich ein Gemälde des Schreckens. Besonders gelungen ist dies was die Kulisse der Serie angeht. Regisseur Cary Fukunaga gelingt es grandios, wie beklemmend und gefährlich er die Südstaaten der Vereinigten Staaten von Amerika darstellt. Nicht unbedingt ein Bewerbungsvideo für Louisiana, hat man vor, dort demnächst Urlaub zu machen. Unterlegt ist die ganze Szenerie stets mit einem sehr stimmungsvollen Soundtrack (besonders gut wurden die Songs zum Ende einer jeden Episode ausgewählt).

Spoiler Voraus!

Doch nicht alles was glänzt, ist automatisch auch ein frisch gewachstes Auto. In den gerade einmal 8 Episoden kommt nämlich die eigentliche Haupthandlung ein wenig zu kurz. Die Mordfälle geraten bei den ganzen privaten Fäden von Cohle und Hart ein wenig aus dem Fokus. Besonders deutlich wird dies in den letzten beiden Episoden, die wieder in der Gegenwart der Geschichte spielen. So genial das Finale auch umgesetzt wurde, den großen Knall gab es nicht. Dazu gehört der recht klischeehafte Mörder, die eher wenig befriedigende Auflösung der Geschehnisse als aber auch der etwas vorausahnende Showdown. Musste ich als Zuschauer die vorherigen Episoden so leiden, wollte ich zumindest zum Ende noch einmal den Gnadenstoß abbekommen. Dieser blieb aus. Zwar sind die letzten Momente mit Cohle und Hart sehr emotional und brillant in Szene gesetzt, das Ende wird einer so furiosen Serie aber nicht ganz gerecht. So kann man sich fragen, ob True Detective ohne diese komplexe Mordserie vielleicht besser dran gewesen wäre, weil es schwer ist, so viel Stoff in nur 8 Episoden unterzubringen. Allerdings war diese Mordserie letztendlich doch unverzichtbar, da sie die Geschichte erst einmal vorantrieb. Ohne Morde hätte die Serie natürlich auch absolut keinen Sinn gemacht. Man hätte True Detective zwar als klassisches Gesellschaftsdrama aufbauen können, dies hätte dem Konzept aber sehr geschadet.


Fazit

Ganz gleich der einzigen Kritik, die ich True Detective zur Last lege, haben wir es hier vermutlich mit eine der ungewöhnlichsten und spannendsten TV-Serien der vergangenen Jahre zu tun. Geplant als einmalige Miniserie, war die Begeisterung jedoch so groß, dass eine Fortsetzung beinahe unausweichlich ist. Für HBO wird es ein schweres Erbe werden, dieses Niveau aufrecht erhalten zu können.
True Detective war für HBO auch äußerst lukrativ. Mit weit über 10 Millionen Zuschauern wurde True Detective zum erfolgreichsten HBO Debüt seit der Gründung des Pay-TV Senders in den USA. Genug Hype also für Tweet Explosionen auf Twitter und unlustige Parodien, die man wohl bald auf YouTube so häufig finden wird wie frisch gezapftes Bier in einer Kneipe.

Wer sich auf den Pessimismus und die Spannung in True Detective einlassen kann, der wird von dieser nahezu perfekt inszenierten TV-Serie aufgesogen wie es ein Schwamm mit Wasser tut. Allerdings wird es euer Schweiß sein, und der Schwamm vermutlich euer Shirt/Pullover/BH.
True Detective ist eine Kriminalgeschichte auf allerhöchstem Niveau, und dieses wird noch einmal durch meisterhafte Schauspielkunst der beiden Protagonisten verdeutlicht.



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