Archiv: Rezensionen zu Literatur und Film

Freitag, 13. September 2013

Es war einmal ein Filmemacher: Sergio Leone



Man muss nicht darüber diskutieren, ob Sergio Leone (03.01.1929 - 30.04.1989) zu den besten Filmemachern aller Zeiten gehört. Die Frage ist längst geklärt. Die Frage ist eher, ist Sergio Leone der beste Filmemacher aller Zeiten? Unter gerade mal 7 Filmen prangert der Titel "Directed by Sergio Leone", und doch übte er nicht nur Einfluss auf viele der Heute bekanntesten Regisseuren aus, er revolutionierte auch das damals angestaubte Filmgeschäft in den USA und Europa. Vergessen waren die Zeiten eines Orson Welles oder John Wayne. Western waren nicht mehr salonfähig und all die glatten Helden waren mittlerweile verstorben oder zu alt, sich auf ein Pferd zu schwingen.
Die Geschichte von Sergio Leone, man mag es kaum glauben, begann in Japan. Denn ohne Akira Kurosawas Yojimbo wäre dem römischen Regieassistent wohl niemals dieser Geistesblitz gekommen. Die Moderne amerikanische Filmgeschichte wurde im Jahr 1964 neu geschrieben. Und das, obwohl nur wenige Amerikaner an diesem Erfolg beteiligt waren. Mit der sogenannten Dollar-Trilogie lieferte Leone den Krieg der Sterne der Western ab. Drei Filme, gedreht von einem Mann, der kaum ein Wort Englisch sprach, noch jemals einen Fuß auf amerikanischen Boden setzte. Dieser Italiener sollte es sein, der den Spaghetti-Western weltberühmt machen sollte. Ob es nun die unverkennbaren Nahaufnahmen von Gesichtern waren, die langen Mäntel oder Enno Morricones unverkennbare Musik, all diese Eigenschaften machten Leones Filme zu den Einflussreichsten seiner Zeit und machten ihn unsterblich.

Lange habe ich mir überlegt, welchen Prolog ich mir nun für diesen Artikel ausdenken soll. Das Thema Leone ist so umfangreich, ich könnte vermutlich meinen kompletten Blog damit füllen. Das faszinierende an Leones überschaubarer Filmografie ist, er war in den 60ern vermutlich einer der ersten Regisseure, die Stilmittel sinnvoll genutzt haben. Dazu bereits die angesprochenen Trenchcoats, Nahaufnahmen und Morricones Musik. Nicht zu vergessen die Weitwinkel-Aufnahmen und den mittlerweile legendären Mexiacan Standoff. All das waren Stilmittel, die seine Filme so einzigartig machten (besonders zur damaligen Zeit). Doch Sergio Leone setzte auf ein weiteres Stilmittel. Gewalt. Leone benutzte die Gewalt nicht zur Abschreckung, wie es zum Beispiel etliche Kriegsdramen vorher taten. Er benutzte Gewalt ganz klar als eine stilvolle Zutat. Seine Charaktere, selbst seine Helden, waren käuflich und handelten nicht vorbildlich. Sie waren unrasiert, schweigsam und schmutzig. Entweder wollten sie an das große Geld kommen, oder waren auf Rache aus. All diese Stilmittel beeinflussten zum Beispiel die komplette Sichtweise von Regisseuren wie Quentin Tarantino oder John Woo. Bis Heute zollt Tarantino dem großen Meister in jedem seiner Filme Respekt. Und daran sieht man, wie weitreichend Leones Einfluss noch Heute ist, bedenkt man, dass sowohl Tarantino als auch Woo ihre größten Erfolge in den 90ern feierten (mal abgesehen von dem neuen Tarantino Hype, der durch Django entstanden ist).

Man muss immer wieder bedenken, zieht man den Koloss von Rhodos ab, ein Film, wo Leone nur die Arbeit eines anderen Regisseurs übernahm, besteht die Filmografie des Römers lediglich aus zwei Trilogien. Schaut man sich Es war einmal in Amerika an, und kann diesen Film in aller Ruhe genießen, so muss man am Ende traurig feststellen, welch meisterhafte Werke er noch hätte erschaffen können (etliche Ideen und unvollendete Drehbücher tauchten nach seinem Tod ja noch auf).

In meinem Special möchte ich, angefangen bei Für eine Handvoll Dollar, ein wenig auf die Filme von Sergio Leone eingehen. Einfach, weil das auf meinem Blog schon längst überfällig ist.

Genau 20 Jahre sollte die Vision des Filmmachers halten.




1964: Für eine Handvoll Dollar (A Fistful of Dollars/Per un pugno di dollari)





In den 60ern galten Western/Spaghetti-Western als angestaubt und langweilig. Und, ganz besonders, sie wurden als billig angesehen. Was auch stimmte. Als Leone im Jahr 62 oder 63 Akira Kurosawas Yojimbo (Japan 1961) sah (dt. Die Leibwache mit Toshiro Mifune), wurde er sozusagen erleuchtet. Der Film ist eigentlich ein Western, dachte sich Leone und mobilisierte Freunde aus seiner Zeit im Filmgeschäft um sich, und erzählte von seiner Idee, er könnte dieses Konzept für einen Italowestern verwenden. Von da an ließ sich Leone nicht mehr von seinem Vorhaben abbringen. Er plante und organisierte. Letztendlich wurde der Film mit italienischem, spanischem und deutschem Geld finanziert. Praktisch für eine Handvoll Dollar, denn mehr hatte Leone nicht zur Verfügung. Gedreht wurde in Spanien, weil es dort kostengünstig war (und, ganz praktisch, die Landschaften auch noch an Texas bzw. Arizona erinnerten). Leone bewegte sich nicht nur bereits auf dünnem Eis, da er unrechtmäßig die Idee eines bereits vorhandenen Films geklaut hat, auch seine Wahl der Darsteller überstieg den Level seiner Reputation in den USA. Er wollte seinen Helden aus Jugendzeiten, Henry Fonda für die Rolle engagieren. Der lehnte ab. Seine zweite Wahl, Charles Bronson, las nicht einmal das Drehbuch (was er, wie er später sagte, extrem bereut hatte).

Als Leone ein Bild des damals noch recht unbekannten Clint Eastwood gezeigt wurde, erheiterte sich
sein Temperament wieder. Eastwood stand damals bei CBS unter Vertrag und spielte in der TV-Serie Rawhide mit. Solch eine Aalglatte Rolle sollte Eastwood zum letzten mal spielen. Denn als Leone dem geleckten Burschen auf dem Foto Bartstoppeln und eine Zigarre zeichnete, erschuf er gleichzeitig damit einen ikonischen Charakter, der Eastwood zu Weltruhm verhelfen sollte.



Eastwood war vertraglich dazu bestimmt, nicht in den USA zu drehen. Das sollte kein Problem darstellen, da Eine Handvoll Dollar in Spanien gedreht wurde.
Das Budget war so beschränkt, Eastwood musste seine eigenen Klamotten mitbringen, die er, teilweise, bereits in Rawhide trug. Desweiteren verwunderte es Eastwood, dass eine internationale Zunge am Set herrschte. Der Regisseur selbst konnte sich lediglich über einen Übersetzer verständigen. Eastwood zweifelte an dem Erfolg des Filmes, dachte sich aber: Zumindest habe ich mal Italien und Spanien gesehen. Der Erfolg war für Eastwood praktisch nur ein Bonus.

Für Eine Handvoll Dollar sollte es aber ganz anders kommen. Leone hat sein Können bewiesen und aus Kurosawas Film ein komplett eigenständiges Werk gemacht. Der westliche Stil, den Leone Kurosawas Yojimbo eingehaucht hatte, war beachtlich. Für ein Remake funktioniert Für eine Handvoll Dollar sehr eigenständig. Nichtsdestotrotz bleibt der erste Dollar Film ein Remake. Ein Remake, wofür Leone nie die Rechte erhalten hatte. Akira Kurosawa war erbost, dass sein Name nicht einmal im Vorspann erwähnt wurde. Der Schachzug von Leone, nicht Clever. Einen großen Filmemacher wie Kurosawa verärgert man nicht. Schon gar nicht, wenn die Vorlage so grandios ist. Kurosawa erhielt eine Entschuldigung des Studios, eine Entschädigung und sogar etliches der Einnahmen, die der Film einspielte. Leones Erfolg sollte dies allerdings nicht schmälern. In Italien wurde er als neuer Held des italienischen Kinos gefeiert. Für eine Handvoll Dollar kam gleichermaßen in den USA, wie aber auch Europa gut an. Für einen Film aus Italien war das nicht unbedingt selbstverständlich, herrschte in den 60ern auch dort eine Dürre.


1965: Für ein paar Dollar mehr (For a few Dollars more/Per qualche dollaro in più)






Man möge mir schon im Voraus das schlechte Wortspiel verzeihen, denn, 1965 finanzierte man Leone für ein paar Dollar mehr die Fortsetzung zu A Fistful of Dollars. Die wieder einmal größtenteils multikulturelle Finanzierung sah natürlich eine Goldgrube im neuen Aufschwung des angestaubten Italowestern Genre. Wenn man nur ein paar Dollar mehr drauf legt, zu was ist Leone dann wohl fähig? Das wollte man ausprobieren, und, auch wenn viele Fans The Good, The Bad, And The Ugly wohl als Leones großen Durchbruch ansehen, ist Für ein paar Dollar mehr sogar vermutlich nicht nur einer von Leones lukrativsten Filmen, sondern auch der Schlüssel zum Leone Stil. Denn erst hier etablierte sich jener einzigartige Stil. Sowohl die Nahaufnahmen, als auch der nahezu perfekte Umgang mit der Musik und Gewalt als Stilmittel kommen in der Fortsetzung so richtig zur Geltung. Und das bei einer teils alt, wie aber auch einer Neubesetzung des Ensembles. Gesetzt waren nämlich erneut Clint Eastwood als namenloser Kopfgeldjäger, und Gian Maria Volonté als psychopathischer Outlaw El Indio. Auch Mario Brega kehrte als Bad Boy zurück und sollte fortan immer wieder eine Rolle bei Leone spielen. Das all diese Schauspieler wieder auftauchen, deren Charaktere, bis auf den namenlosen Kofpgeldjäger von Clint Eastwood, im Vorgänger das zeitliche segneten, bedeutete auch, dass Für ein paar Dollar mehr für sich selbst stand.

Eastwoods Schauspielkunst verfeinerte sich selbstverständlich. Auf ihn war diese Rolle zugeschnitten. Und, recht ungewöhnlich, eignete sich Eastwood den langsamen Sprachstil seines italienischen Synchronsprechers an. Eastwood und Volonté brillierten (trotz Volontés Theatralik), allerdings bekam Leone erneut nicht seine Wunsch Ensemble zusammen. Erneut musste er auf große Namen aus Hollywood verzichten. In der Liste musste er also etwas weiter unten suchen, und fand letztendlich Lee Van Cleef. In Hollywood zwar ein gestandener Schauspieler, kam er jedoch nie an die großen Hauptrollen. Leone Biograf Sir Christopher Frayling bezeichnete Van Cleef als den brillanten Bösewicht der bereits in der ersten Hälfte des Filmes von der Bildfläche verschwand. Und so kam es, dass Lee Van Cleef im reifen Alter zu Weltruhm kam. Natürlich war ihm dies beim Dreh zu Für eine Handvoll Dollar mehr noch nicht bekannt. Sergio Leone war jedoch enttäuscht, weil Van Cleef im wahren Leben praktisch das komplette Gegenteil von den zwielichtigen Charakteren war, die er in seinen Rollen verkörperte. Er war ein charismatischer und sympathischer Typ, und extrem bescheiden. Leone war sich nicht sicher, ob er einen abgebrühten Kopfgeldjäger spielen könnte, von dem man bis zum Ende des Filmes nicht die wahren Absichten erfährt. Van Cleef konnte alle Zweifel schnell beseitigen, vermutlich hätte es keine bessere Alternative für diese Rollen geben können.

Zum Schluss engagierte Leone sogar noch einen echten Psychopathen. Mit Klaus Kinski, der hier in einer überschaubaren Rolle als kleiner Glöckner von Notre Dame in El Indios Crew auftritt, besorgte sich Leone ein Unikat. Denn Dank eines grandiosem Zusammenspiels von Kinski und Van Cleef entstand die vermutlich längst legendäre Streichholz Szene im Saloon.




Für alle Beteiligten dürfte Für ein paar Dollar mehr einige Dollars in die Taschen gespielt haben. Übrigens, ganz interessant, in Spiel mir das Lied vom Tod beweist Leone, wie man Ideenlosigkeit mit viel Stil auch zu seinem Vorteil verwandeln kann. Denn die Auflösung der Geschehnisse in Leones vermutlich bekanntestem Film sind beinahe identisch mit denen aus Für ein paar Dollar mehr.
Doch dieser Film sollte insgesamt noch viel lukrativer sein, als es sich Sergio Leone je hätte vorstellen können. Der komplette Film war praktisch ein Bewerbungsvideo. Und beworben hat man sich für richtig viele Dollars sogar. Mit The Good, The Bad, And The The Ugly krönte Leone mit einem Grande Finale seine Dollar Trilogie.


1966: Zwei glorreiche Halunken (The Good, The Bad And The Ugly/Il buono, il brutto, il cattivo)







Der Deutsche Titel ist, und wird wohl auch weiterhin kontrovers bleiben. Denn praktisch repräsentiert er einen Film, den es gar nicht gibt. Zwei glorreiche Halunken lässt sogar viel mehr auf eine Komödie schließen. Im englischen würde sich das mit Two glorious Scoundrels sogar noch ganz kultig anhören. Allerdings ist es auch recht kompliziert, The Good, The Bad And The Ugly schmackhaft in die deutsche Sprache zu übersetzen. Fans bleiben daher dem Originaltitel aus der englischen beziehungsweise der italienischen Sprache treu.

Zwei glorreiche Halunken zählt mitunter zu den wichtigsten amerikanischen Filme der Sechsziger, und hat mit amerikanischer Filmkunst so viel am Hut wie Coca Cola mit Sake. Leone mag zwar ebenfalls Coke servieren, aber da ist in Wahrheit italienischer Rotwein mit untergemischt. Zwei Glorreiche Halunken ist praktisch nichts weiter als eine Nacherzählung der Vorgänger, nur ausgelegt auf knapp 3 Stunden Lauflänge und purem Perfektionismus. Der Film taucht selbstverständlich nicht nur in meiner Liste der Lieblingsfilme auf, sondern auch in denen von Millionen anderen Filmfans. Der Film macht den Eindruck, als hätte Leone mit den Vorgängern lediglich darauf gewartet, auf dieses Finale hinzuarbeiten. Erstmals präsentiert der Italiener nicht nur einen typischen Spaghetti-Western, er serviert einen Cocktail aus Spaghetti-Western und Historienfilm. Zwar ist Leones Aufarbeitung des amerikanischen Bürgerkriegs recht umstritten, doch darauf kommt es gar nicht an. Der Bürgerkrieg in Zwei glorreiche Halunken läutet nicht nur das Ende der Dollar Trilogie und die des Wilden Westens ein, er ebnet ebenfalls den Weg zu Leones zweiter Trilogie, der Amerika Trilogie.

Mit einem Budget von knapp 1.000.000 Dollar war Leones Vision recht teuer, sollte aber in den USA ungefähr das fünffache wieder einspielen. Auf einen bekannten Cast setzte Leone dabei weniger. Denn ihm gefiel das Zusammenspiel zwischen Eastwood und Van Cleef so gut, dass er beiden erneut ihre Rollen zurückgab. Zwar agiert Zwei glorreiche Halunken erneut unabhängig, gewisse Ähnlichkeiten zu den Charakteren aus dem Vorgänger kann Leone selbstverständlich nicht abstreiten. Wenn auch Lee Van Cleef als Sentenza wesentlich skrupelloser und brutaler agiert, als noch in Für ein paar Dollar mehr. Van Cleef selbst hatte Probleme damit, einen so fiesen Kerl zu spielen, gab er einmal selbst zu (und unter diese Aussage unterschreibe ich mal kommentarlos).
Mit ins Boot holte sich Leone für Zwei glorreiche Halunken aber noch einen der begabtesten Charakterdarsteller Amerikas, Eli Wallach (mittlerweile stolze 97 Jahre alt). Als schmieriger, fluchender Kleinkrimineller, der auf der Suche nach dem ganz großen Geld ist, wird er auf Ewigkeiten in Erinnerung bleiben. Denn, so fies und unsympathisch der Charakter des Tuco auch ist, er ist vermutlich der, dem man die Kohle am meisten wünscht. Die Rolle des Tuco, und wie Eli Wallach ihn verkörpert, fasziniert mich immer wieder. Er macht dem Zuschauer ganz eindeutig klar, wie sehr Tuco die Dollars will, und welche Umwege und Torturen er dafür in Kauf nimmt.

Sowohl vor als auch hinter der Kamera war ein eingespieltes Team am Werk, welches mittlerweile seit drei Filmen miteinander arbeitete. Leone und Morricone agierten dabei als Dirigenten, beide auf ihre jeweils eigene art. Zwei glorreiche Halunken ist zwar ein klassischer Italowestern, und beinhaltet Leones Stil aus den Vorgängern, aber dennoch ist der Film so viel mehr. Er zeigt ein Amerika im Umbruch, ein Amerika im Krieg. Zwei glorreiche Halunken ist zugleich spannend, lustig und rührend. Aber Leone spielt sofort mit offenen Karten. Jeder ist sich selbst am wichtigsten. Und die Dollars helfen ungemein dabei, bequem leben zu können.



1968: Spiel mir das Lied vom Tod (Once upon a Time in the West/C'era una volta il West)







Nach seiner Dollar Trilogie wollte Leone keinen weiteren Western mehr machen. Wieso tat er es doch? Zum einen wäre da ein vorzügliches Budget Angebot von Paramount gewesen. Aber so einfach konnte man den Römer auch nicht locken. Man versprach ihm also einfach Henry Fonda. Sein Idol aus der Jugend. Jener Mann, den, hätte er gekonnt, vermutlich in all seine Filme eingesetzt hätte. Paramount wollte einen großen Western, und Leone sollte der Regisseur sein. Da gab es nichts zu rütteln. Mit seinem Lieblings Schauspieler in Petto, konnte selbst Leone nicht mehr widerstehen. Da gab es jedoch ein Problem, Henry Fonda war überhaupt nicht angetan von dieser Idee. Fonda musste sich erst von Kumpel Eli Wallach überzeugen lassen, der, wie er Fonda sagte, am Set zu The Good, The Bad And the Ugly die Zeit seines Lebens verbrachte. Leones Überredungskünste, welch vorzüglichen Bösewicht Fonda mit diesen Eisblauen Augen abgeben würde, taten dann sein übriges. Fonda selbst sollte später einmal erwähnen, dass die Rolle des Frank die größte war, die er je gespielt hat.

Auch Charles Bronson, der sich immer noch über seine vergebene Chance ärgerte, war nun endlich mit an Board. Auch wenn er selbst nur zweite Wahl war. Harmonika sollte von Clint Eastwood gespielt werden, der jedoch die Rolle ablehnte, weil es für ihn, so sagte er, Zeit war, neue Rollen zu probieren. Noch immer gibt es Gerüchte, das Eastwood in der ursprünglichen Eröffnungssequenz mit am Bahnhof stehen sollte. Die legendäre Szene, wo Harmonika die Outlaws in den Trenchcoats willkommen heißt. Dies hätte mit dem Ableben von Eastwoods Charakter geendet, und, hätte das klare Ende der Dollar Saga eingeleitet. Ob wirklich etwas dahinter steckt, weiß ich letztendlich auch nicht.

Spiel mir das Lied vom Tod (das Drehbuch wurde unter anderem von Horror/Suspence Meister Dario Argento, der damals noch fast komplett neu im Geschäft war, mit verfasst) gehört für mich zu den komplettesten Filmen, die ich je schauen durfte. Bei keiner persönlichen Aufzählung lasse ich diesen Film aus. Ein Grund dafür ist, wie Leone ein paar Meter zurückrudert. Es gibt keine extravaganten Schlachtszenen wie noch im Vorgänger. Auch so wortgewandt ist Spiel mir das Lied vom Tod nicht. Es gibt einfach wieder die volle Packung Leone. Das Schweigen, die Nahaufnahmen und Morricones Musik. Den Rest erledigt ein Cast, der Seinesgleichen sucht. Denn zusätzlich traten dem Ensemble auch noch Jason Robards und die bezaubernde Claudia Cardinale bei. Das faszinierende erneut ist, in Leones Filmen gibt es eigentlich keine netten Menschen. Bei Spiel mir das Lied vom Tod ist das nicht anders. Es gibt keine aalglatten Western-Helden. Leones Charaktere sind auch hier schmutzig, unrasiert und dreist. Sie Fragen nicht, sie nehmen sich, was sie wollen. Und so betonte Leone immer wieder, der Hauptcharakter in diesem Film ist Frank (auch wenn es eher den Anschein macht, dass es ganz klar Bronson ist, der hier Harmonika verkörpert). Der Bösewicht. Frank ist praktisch das Böse in Person. Der Henker. Und auch hier schafft es Leone, diesem Charakter etwas menschliches einzuverleiben.


Wenn man es genau nehmen will ist Frank das Original zu Quentin Tarantinos Bill. Charmant, eiskalt, skrupellos. Wenn man einen Star wie Fonda an der Angel hat, der aber fast ausschließlich immer den Saubermann spielte, ist es schwer, solch einen Mann zu überzeugen, das er in seiner nächsten Rolle Kinder erschießt und Witwen erpresst. Es muss eine unglaubliche Faszination gewesen sein, eine fanatische Überzeugungskraft, die Sergeo Leone hier an den Tag legte, um einen Henry Fonda zu solch einer Rolle zu überreden.

Obwohl aber Paramount unglaublich viel Geld in dieses Projekt steckte, kam der Film nicht wirklich gut beim Publikum in Nordamerika an. Nach dem Erfolg von The Good, The Bad, And The Ugly war das eine Enttäuschung. Nichtsdestotrotz war Spiel mir das Lied vom Tod ein umso größerer Erfolg in Europa. Ohne zu übertrieben kann man wohl behaupten, es ist vermutlich der bekannteste Western in Europa. Mittlerweile sind aber auch die Amerikaner endlich auf den Geschmack gekommen.

Spiel mir das Lied vom Tod (ein Spruch, der in der Originalfassung nicht ein einziges mal genannt wird, und somit für deutsche Zuschauer völlig neue Theorien zulässt) ist Leones Start seiner Amerika Trilogie. Gleichzeitig läutet er mit seinem letzten Western das Ende des Wilden Westens ein. Leone verabschiedet sich mit einem Knall. Auch wenn der Kern der Geschichte praktisch eine Nacherzählung von Für ein paar Dollar mehr ist, so fungiert Spiel mir das Lied völlig eigenständig. Von Leones Western ist es vielleicht der Film, in den er den meisten Perfektionismus gelegt hat. Stark geprägt vom ruhigen Stil Akira Kurosawas. Der Film ist ein beinahe schon sentimentaler Abschied von Leones Western. Zwei Filme sollten noch kommen, und mit einem davon sollte Leone in die Geschichtsbücher eingehen.






1971: Todesmelodie (Duck, You Sucker/A Fistful of Dynamite/Giù la testa)






Todesmelodie ist wie ein nicht geplantes Baby. Man hatte keinen Kinderwunsch, aber nun muss man sich doch irgendwie mit dem Nachwuchs arrangieren. So erging es Leone wohl mit Todesmelodie. Regie wollte er bei diesem Film nicht führen. Er wollte sich nach Spiel mir das Lied vom Tod etwas zurücklehnen und sich auf ein viel größeres Projekt konzentrieren (ungefähr zu dieser Zeit wurde Leone angeboten, bei dem Paten Regie zu führen, was er eben für jene großen Planungen absagte). Das Drehbuch zu Todesmelodie war allerdings schon im Kasten. Ein Regisseur fand sich jedoch nicht, und so musste Leone einmal mehr zur Kamera greifen.
Fälschlicherweise wird Todesmelodie häufig als Italowestern bezeichnet, was jedoch nicht stimmt. Zwar gibt es noch eine ähnliche Atmosphäre wie in den Vorgängern, aber als Italowestern kann man den Film nicht mehr ansehen. Todesmelodie ist ein Abenteuerfilm, beinahe schon ein Gangsterfilm mit zwei recht humorvollen Protagonisten. Sergio Leone setzte diesmal auf ein komplett neues Ensemble und verpflichtete Hollywoods alte Helden Rod Steiger und James Coburn für die Hauprollen.

Todesmelodie spielt zur Zeit der mexikanischen Revolution und allmählich wird auch Leones Thematik zeitgenössischer. Die Revolver wurden alle durch automatische Ballermänner ersetzt, und das F Wort kommt ebenfalls zum Zuge. Allerdings kommt es mir so vor, als hänge Leone ein wenig im Clinch mit sich selbst. Er klammert noch ein wenig zu sehr an die Vorgänger. Überhaupt ist es bei solch extrem starker Konkurrenz aus seinem eigenem Repertoire schwer, Todesmelodie einzuordnen. Zwar ist die Geschichte recht interessant, die Laufzeit konnte Leone aber erstmals nicht so brillant ausfüllen wie sonst. Der Film kommt schwer in die Gänge, und nach jedem Höhepunkt folgt wieder ein recht lahmer Part. Das zieht sich auch so bis zum Showdown des Filmes hin. Zwar lernen wir Leone hier mal mit einem anderen Stil kennen, so recht hatte er ihn aber auch noch nicht gefunden gehabt. Er wollte einen anderen Weg gehen, allerdings vermisste man vieles aus den Vorgängern. Zwar ist das immer noch ein hohes Niveau, auf dem man hier nörgelt, aber so ganz wollte das Dynamit nicht zünden. Und bei vielen anderen auch nicht, denn sowohl die Kritik als auch die Besucherzahlen für diesen eher ungewollten Film waren recht enttäuschend.

Somit bleibt der zweite Teil von Leones Amerika Trilogie recht unbekannt (nach meinem Wissen gibt es bisher nicht einmal eine Veröffentlichung auf BluRay). Und als Regisseur sollte er auch erst wieder Mitte der Achtziger in Erscheinung treten. Und das zum letzten mal.


1984: Es war einmal in Amerika (Once upon a Time in America/C'era una volta in America)






Es war einmal in Amerika ist nicht nur Sergio Leones Lebenswerk, es ist auch sein letzter Film als Regisseur. Denn rund 5 Jahre nach der Veröffentlichung verstarb der Filmemacher. Die Ärzte warnten Leone bereits bei den Dreharbeiten davor, dass sein Herz einer solchen Belastung vermutlich nicht mehr standhält. Die Jahre der Hektik und Stress und des ausgiebigen Essens zerrten an Leones Gesundheit. Aber auf diesen Film hat er hingearbeitet. Ein Projekt, welches so wichtig war, dass er dafür Mario Puzo's Paten den Rücken gekehrt hat.

Leone plante bereits seit den 70ern. Denn er war so fasziniert von dem autobiografischen Roman des jüdischen Gangsters Harry Grey (Titel: The Hoods), dass er seine Vision des Filmes schon nach den Dreharbeiten von Spiel mir das Lied vom Tod umsetzen wollte. Aber Leones Vision war groß, und nicht ganz billig (seine eigentliche Eröffnungssequenz konnte er sogar nie realisieren).
Knapp 20 Jahre sollte es dauern, bis er die meisten seiner Planungen in die Tat umsetzen konnte. Sein finaler Akt einer langen Reise durch Amerika. Mit Schauspielern wie Rober De Nero und James Woods (und den ein oder anderen bekannten Gastauftritt wie den von Danny Aiello) konnte Leone aus dem Vollen schöpfen. Noch Heute spricht Woods in voller Ehrfurcht von seiner Zusammenarbeit mit Sergio Leone (mittlerweile hatte er Englisch gelernt und konnte sich mit seinen Schauspielern verständigen). Laut Woods hätte Leone praktisch jede Rolle selbst spielen können, die er geschrieben hat. Sein Schauspielerisches Talent (er wies alle Schauspieler immer persönlich in ihre Rollen ein) soll beachtlich gewesen sein.

Wie einen Opium Rausch bezeichneten manche europäische Zuschauer damals den Film. Und gewiss, Es war einmal in Amerika ist surreal und geheimnisvoll. Auch das Genre ist unglaublich schwer einzuschätzen. Ganz sicher kann man sich bei dem Film aber, im Gegensatz zu Todesmelodie sein, es ist kein Italowestern. Es ist ein Coming of Age Drama, welches sich über mehrere Dekaden erstreckt (Leone nahm sich diesmal die Prohibition als Thema). Die Bezeichnung Gangsterfilm wäre daher auch dementsprechend herablassend. Sowohl von Thematik als auch von der Atmosphäre unterscheidet sich der Film beinahe komplett von den Vorgängern. Und doch erkennt man irgendwie, dass man es mit einem Sergio Leone Film zu tun hat. Viel mehr als es bei Todesmelodie der Fall war. Leone hatte somit keine Schwierigkeiten, das Genre zu wechseln. Und wie in keinem Film von ihm zuvor, agierten hier Sex und Gewalt das Geschehen.

Als der Film letztendlich in den amerikanischen Kinos anlief, endete dies für Sergio Leone in einem Desaster. Von den ursprünglichen 269 Minuten musste er sich bereits von 40 Minuten trennen. Die Internationale Fassung war also 229 Minuten lang. Nicht die gewünschte Fassung von Leone, aber eine, mit der er sich anfreunden konnte. Denn es mussten lediglich noch Szenen dran glauben, die ein wenig mehr auf die Charaktere eingingen. Das amerikanische Studio jedoch (ich glaube das Warner da am Werk war), meinte aber, man könne dem amerikanischen Publikum auch keinen Film zutrauen, der 229 Minuten lang ist. Ein Film der 229 Minuten lang ist, nicht linear erzählt wird und durch Rückblenden zusätzlich an Aufmerksamkeit erfordert. Gegen den Willen des Regisseurs kürzte man den Film auf 139 Minuten herab und ordnete die Szenen chronologisch an (zumindest versuchte man es). Da praktisch der halbe Film fehlte, ergab dieser auch nur noch wenig Sinn. Während die Leute die Internationale Fassung in Cannes noch feierten, war die Kritik aus den USA niederschmetternd. Das gleiche galt für die Besucherzahlen. Der Film war ein kommerzieller Flopp. In Europa hingegen lief Leones abgesegnete Internationale Version, mit guten Kritiken, aber ebenfalls nur mäßigen Erfolgen an den Kinokassen.

Sergio Leone war, verständlicherweise, am Boden zerstört. Fast unter Tränen erzählte er seiner Familie, Freunden und Kollegen aus dem Filmgeschäft, man habe ihm seinen Film geraubt. De Niro und Woods waren unzufrieden über die amerikanische Schnittfassung, hatten jedoch keinen Einfluss auf die Entscheidung des Studios.

Leider sollte Sergio Leone den nachträglichen Erfolg seines Filmes nicht mehr miterleben. Erst als der Film auch in den USA in der Internationalen Fassung auf DVD erschienen ist, begannen Kritiker ihre Meinungen zu ändern. Es war an sich schon ein hartes Vergehen, dass der Film überhaupt erst zur der Veröffentlichung auf einem digitalen Medium in seiner Internationalen Schnittfassung vorlag.

Mittlerweile ist Leones finaler Beitrag zu seiner Amerika Trilogie Kult und wird als nachträgliches Meisterwerk gefeiert, welches häufig mit dem Paten verglichen wird (schmeichelhaft, aber ein schlechter Vergleich). Leones Töchter hingegen versuchen mittlerweile den Film in seiner ursprünglichen Fassung zu präsentieren. Was ihnen auch halbwegs gelungen ist. 2012 präsentierten sie gemeinsam mit Robert De Niro eine 251 Minuten lange Fassung auf dem Cannes Filmfestival. Aus rechtlichen Gründen gibt es aber immer noch Szenen, die nicht in dieser Fassung enthalten sind. Somit ist die exklusiv in Italien erhältliche Edizione Estesa immer noch nicht Leones gewünschte Fassung des Filmes und von der Qualität der neu eingefügten Szenen lässt sie ebenfalls zu wünschen übrig. Ob jemals die komplette 269 minütige Fassung aufgeführt wird, bleibt also weiterhin unbekannt.


Besonders mit seinen letzten Filmen hatte es Sergio Leone in den USA nicht leicht gehabt. Aber es war die Verstümmlung seines Meisterwerkes, was ihm letztendlich das Herz gebrochen hat. Und gerade, als er sich so einigermaßen mit dieser Ohrfeige abfinden konnte, wieder Filme machen wollte, zwang ihn die Gesundheit letztendlich in die Knie. Für solch einen großen Mann war dies ein sehr unwürdiger Abgang von der großen Bühne. Es wäre sicherlich interessant gewesen, einen Sergio Leone Film zu sehen, der in den 90ern entstanden ist. Leider sollte es nicht mehr dazu kommen. Aber, noch immer übt der vor mehr mehr als 20 Jahren verstorbene Filmemacher einen so großen Einfluss auf Filmemacher und Filmfreunde aus, dass zumindest sein Werk auf Ewigkeiten unsterblich sein wird.


Bemerkungen


Der hier vorliegende Text ist aus meiner persönlichen Sicht, der eines Fans, geschrieben. Daher ist es gut möglich, dass sich hier und da einige Fehler eingeschlichen haben. Mein Wissen basiert auf Interviews, Dokumentationen und Texten. Angaben zu Daten stammen aus der IMDb und Wikipedia.

Kommentare:

  1. Hallo Marcel,

    Zu dem nur kärglich geliebten Film Todesmelodie gibt es, allerdings erst viele Jahre nach der Entstehung, eine Erläuterung, ursprünglich in Englisch, die in Deutsch unter: http://sternstunde.npage.de/sergio-leone-todesmelodie.html
    zu finden ist.

    Mit freundlichen Grüßen

    Andreas Stern
    andreas5stern@aol.com

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  2. Loved it. Leone my alltime favourite.

    https://vimeo.com/7572804

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  3. Hallo,
    Tolle Zusammenfassung über Leones Werk.
    Sehr interessant zu lesen!

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