Archiv: Rezensionen zu Literatur und Film

Mittwoch, 5. Juni 2013

Rezension: Trauminsel (Keizo Hino)





Japan 1985

Trauminsel
Autor: Keizo Hino
Originaltitel: Yume no shima
Erscheinungsjahr: 1985 (Japan), 1993 auf Deutsch bei edition q
Übersetzung: Jaqueline Berndt, Hiroshi Yamane
Genre: Phantastik


"Für Menschen Zutritt verboten"
Und unterzeichnet war das Ganze mit einer kleinen, nackten Schaufensterpuppe links unten. Shozo musste lachen, als er das sah. Habe ich nicht schon letzte Woche hier gelacht? Aber er begriff nicht, warum es ihn ausgerechnet hier immer überkam (für gewöhnlich lachte er nämlich äußerst selten).
Dann werde ich also hinausfahren. Auf das künstliche Land, auf den Boden aus Müll. Ist nicht gerade dort die neue Heimat für zwiespältige Menschen wie mich? Auf dem Friedhof für die entropischen Ausscheidungen von Groß-Tokyo. Vielleicht aber verwandelt sich die Unkrautwildnis schon bald in einen großen Wald oder eine ganz neue Stadt, die kein Betonhaufen ist. Ich werde die mysteriöse Motorradfahrerin suchen, jene Fee der neuen, unechten Erde.


Japanische Schriftsteller und ihre geheimnisvollen, mysteriösen Frauen. Ob Haruki Murakami oder Taichi Yamada, beide Autoren berichteten bereits über diese seltsam schönen Erscheinungen. Keizo Hino bildet da keine Ausnahme. Der mittlerweile verstorbene (1929-2002) Preisträger des Akutagawa-Preises (1974 für Ano Yuhi) war ebenfalls fasziniert von einer ihm praktisch unnahbaren, unheimlichen Frau. In Trauminsel wird diese für den Protagonisten aber in mehreren Hinsichten gefährlich. Der Titel Gefährliche Geliebte, der wäre hier wesentlich angebrachter gewesen als noch bei Murakamis Roman damals(nur auf die deutsche Veröffentlichung bezogen). Mit Trauminsel lieferte Hino seinen wohl bekanntesten Roman ab, da er auch außerhalb Japans veröffentlicht wurde. Zum Glück, kann man da sagen. Denn das eh schon recht überschaubare Werk des ehemaligen Journalisten bleibt größtenteils in seiner Heimat verborgen. Vermutlich wird sich daran auch in Zukunft nichts ändern. Trauminsel ist aber in jeder Hinsicht ein lesenswerter Roman, besonders für Liebhaber der japanischen Literatur. Denn Keizo Hinos Protagonist Shozo kämpft regelrecht mit zwei Welten. Eine Welt, die kurz nach dem zweiten Weltkrieg spielt, und eine Welt, in der Wolkenkratzer und künstliche Inseln existieren. Wie kann ein Mensch aus der japanischen Nachkriegszeit  in solch einem Umbruch existieren? Die Antwort auf diese Frage wird dem Leser teilweise in diesem Buch beantwortet. Doch nun erst einmal zum Inhalt.

Shozo Sakai, Mitte fünfzig, führt ein bodenständiges Leben. Er arbeitet als Ingenieur bei einer recht bekannten japanischen Baufirma, die einen großen Teil dazu beitrug, dass Tokio zu einer wirtschaftlich starken Metropole heranwuchs. Die Wolkenkratzer, die Shozo teilweise mit entwarf, stehen als Statussymbol für ein neues und modernes Tokio. Allerdings, so sehr Sohzo sich für dieses eindrucksvolle Tokio begeistert, so sehr ihn die Wolkenkratzer auch verblüffen, kann er die Vergangenheit nicht so ganz vergessen. Immer wieder, wenn Sohozo seine Spaziergänge macht, verwandelt sich sein Tokio immer mal wieder zurück in die Brandruinen aus dem Krieg. Eines Tages wird Shozo Zeuge einer seltsamen Gruppierung von Schulkindern, die mit ihm im selben Bus sitzen. Sie sind eigenwillig gekleidet, und irgendwie wirken diese Kinder viel zu ruhig und abgeklärt für ihr Alter. Shozo entschließt sich dazu, den Kindern zu folgen. Die letzte Haltestelle führt Sohozo in die Nähe der Bucht von Tokio. Das Neuland. Umzingelt von künstlichen Inseln. Die Kinder stürmen in eine riesige Halle. Als Shozo diese Halle betritt und ein Konzert erwartet, trifft er tausende von anderen verkleideten Kindern. Händler verkaufen verschiedenste Manga und die Atmosphäre dabei ist für solch eine Ansammlung von so vielen Kindern viel zu ruhig. Diese eigenartige Messe lässt Shozo mit einer eigenartigen Leere zurück. Er versteht die japanische Gesellschaft nicht mehr so ganz. Trotzdem will er den Anschluss an diese modernisierte Welt nicht verlieren. Das Neuland wird nach diesem Ereignis für Shozo zu einem besonderen Ort. Er will diese für ihn völlig fremde Gegend erkunden. Bei seinen wöchentlichen Spaziergängen über das Neuland in der Bucht von Tokio, lernt er eines Abends eine Motorradfahrerin kennen, die mit ihrer lockeren und unbekümmerten Haltung eine ungeheure Faszination auf Shozo ausübt. Er bemerkt, diese Frau habe die Fähigkeit dazu, ihn aus dem Tokioter Betondschungel zu führen. Und die Trauminsel scheint dabei gleich hinter der Bucht von Tokio zu liegen.

Für westliche Leser dürfte es aber etwas kompliziert werden was die Geografie angeht. Hino geht sehr auf die Bucht von Tokio ein. Zwar befindet sich eine gezeichnete Karte im Buch, was auch hilfreich ist, aber so wirklich ein Bild von der kompletten Umgebung kann man sich erst machen, wenn man sich ein wenig im Internet über die Buch von Tokio schlau gemacht hat. Und selbst danach wird man wohl immer noch eher sein eigenes Bild vor Augen haben, anstatt die echte Bucht zu sehen, wie man sie in Tokio vorfindet. Für alle Interessierten hänge ich am Ende der Rezension aber noch ein Video an, welches ein bisschen mehr Aufschluss darüber geben wird, worüber Keizo Hino in diesem Roman berichtet.

Trauminsel ist indirekt aufgebaut in zwei Hälften. Zum einen lernen wir Shozo Sakai kennen, den Protagonist der Geschichte. Trauminsel ist dabei keine Geschichte, die von einem Ich-Erzähler erzählt wird. Für japanische Geschichten aus dieser Zeit ist das nicht unbedingt selbstverständlich.
Shozo ist ein  aufrichtiger und pflichtbewusster Mensch. Selbst nachdem seine Frau starb, verlor er nicht die Fassung. Obwohl Shozo ein ruhiger Charakter ist, schätzen ihn seine Arbeitskollegen. Auch Einsamkeit ist für ihn kein Thema. Trotzdem bemerkt man, je weiter die Geschichte vorangetrieben wird, dass Shozo irgendwie zwischen zwei Welten festhängt. Als er die Bucht von Tokio Besucht, wird ihm erstmals bewusst, dass jene Stadt, die er so sehr liebt und seinen Beitrag dazu leistete, sie erneut mit aufzubauen, ihm eigentlich völlig fremd ist. Es fällt ihm schwer, dieses neue und hochmoderne Japan zu verstehen. Dieser Teil des Romans ist sehr sachlich und teilweise sehr melancholisch gehalten. Der zweite Teil der Geschichte geht dafür eher in die Richtung Selbstfindung. Selbstverständlich driftet Trauminsel nicht zu so einer Esoterik Grütze der Marke Paulo Coelho ab. Vielmehr nehmen ziemlich surreale Elemente die Geschichte ein. Da wären zum einen die Schaufensterpuppen, die scheinbar ein Eigenleben entwickeln, zwei mysteriöse Frauen, deren Rolle ziemlich undurchschaubar bleibt, und, natürlich, die Trauminsel selbst. Diese vergessene kleine Insel hinter der Bucht von Tokio. Gleicht sie viel mehr einem echten Dschungel als einer Müllhalde. Shozo kommt es vor, als habe er eine komplett andere Welt betreten. Dabei ist die Skyline von Tokio nur einen Katzensprung entfernt. Irgendwer, so scheint es Shozo, hat auch diese Insel, genau wie die Schaufensterpuppen, ein Eigenleben entwickelt.

Der Konflikt, den Shozo mit sich selbst führt, der hat mich sehr beeindruckt. Ich selbst bin in einer recht gefestigten Gesellschaft aufgewachsen. Den Krieg kenne ich nur aus Geschichtsbüchern und die Technik erleichtert das Leben ungemein. Für eine Person aus der Nachkriegszeit ist dieser Wandel der Welt vermutlich sehr unverständlich. Selbst wenn man einen Teil dazu beigetragen hat, die Stadt aus den Trümmern wieder aufzubauen, und meint, sie zu kennen. Diese Welt, die sich im Umbruch befindet, kommt plastisch und unwirklich rüber. Genau dieses Problem hat Shozo. Er driftet zwischen Traum. Wirklichkeit und Vergangenheit. Und dann ist da eben diese eigenartige abgeschirmte Insel, gebaut auf Bergen von Müll. Dinge aus vergangenen Zeiten, die nicht mehr gebraucht werden. All das beschreibt Keizo Hino mit unglaublicher Leidenschaft und einem enormen Maß an Ideenreichtum. Die Geschichte verwandelte sich immer ein bisschen mehr von einem typischen Nachkriegsroman zu einem surrealen Abenteuer.

Ein Öko-Roman ist Trauminsel übrigens nicht. Auch wenn viele ihn so bezeichnen. Zwar spielt das Ökosystem und die Umwelt in Trauminsel keine unbedeutende Rolle, der Fokus liegt aber eindeutig bei der Entwicklung der Charaktere und ihren Sorgen. Und natürlich Japan selbst. Nach der Kapitulation hat sich viel in dem Land getan, und die Menschen, die den Krieg körperlich heil überstanden haben, fühlen sich in ihrer eigenen Stadt nicht mehr heimisch. Man bekommt also keine Moralpredigt in Sachen "Trenne deinen Müll" oder "Schone die Umwelt" gehalten, sondern tatsächlich eine fiktive Geschichte, die größtenteils immer noch auf Unterhaltung ausgelegt ist. Das man auch nach der letzten Seite von Trauminsel immer noch über die Geschehnisse nachdenken kann, ist ein netter Zusatz.

Trauminsel wird in Deutschland von edition q vertrieben (die, wenn ich mich nicht irre, ein Teil des be.bra Verlages sind). Die Hardcover Edition ist schön anzusehen. Und es wird sich auch lohnen, sich das Buch mal ohne Schutzumschlag anzusehen. Optisch gibt es nichts zu meckern, inhaltlich schon. Denn umso trauriger ist es, wenn bereits im Klappentext das Ende der Geschichte verraten wird. Ich kann den Lesern, die dieses Buch noch nicht kennen, nur davon abraten, den Klappentext zu lesen.
Auch die Übersetzung ist nicht mehr so ganz zeitgemäß. Diese basiert auf der alten deutschen Rechtschreibung und wurde nicht erneuert, was ich aber nicht als ein Problem ansehe. Viel mehr nervten mich die vielen Wortwiederholungen. Zum Beispiel das Wort Plötzlich. Hätte ich ein Trinkspiel gestartet, bei dem ich immer einen Kurzen trinke, sobald das Wort Plötzlich zu lesen ist, wäre ich am Ende, muss ich zugeben, ziemlich betrunken gewesen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es bei der Übersetzung nie eine andere Alternative zu diesem Wort gab. Bewusstsein (Bewußstsein in der vorliegenden Übersetzung) war auch ziemlich beliebt. Mit der Ausnahme der Wortwiederholungen fand ich die deutsche Übersetzung aber dennoch flüssig und angenehm zu lesen.


Resümee

Trauminsel ist melancholisch und verträumt. Ein Roman, den man in einem Rutsch durchlesen kann, wenn man mag. So leicht lassen sich die nicht einmal 200 Seiten lesen. Trotz der Kürze, oder gerade weil es keine überflüssigen Längen gibt, hat diese Reise zur Bucht von Tokio mir viel Freude bereitet. Da verzeihe ich Keizo Hino sogar eine völlig überflüssige Liebesszene und ein altkluges Kind. Im Anhang des Romans befindet sich noch eine persönliche Nachricht des Autors. Diesen kleinen Anhang zu lesen kann ich nur empfehlen, da dieser Text einige Details preisgibt, die auch zum Verständnis von Hinos Protagonist Shozo helfen dürften.

Insgesamt ist Trauminsel auch für westliche Leser leicht zugänglich. Bei Literatur aus Japan ist es häufig eher das Gegenteil. Man findet meistens recht schwer in die Geschichten, wird nicht so ganz schlau aus den rätselhaften Ereignissen. Zwar verwehrt Hino am Ende eine genaue Erklärung seiner Trauminsel, aber bei einem kann sich der Leser sehr sicher sein, die geheimnisvolle Fremde, die wird in diesem Roman zumindest kein rätselhaftes Wesen bleiben.




Anhang: Die Bucht von Tokio


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