Archiv: Rezensionen zu Literatur und Film

Samstag, 8. Juni 2013

Rezension: Südlich der Grenze, westlich der Sonne (Haruki Murakami)




Die Murakami Rezensionen 5

Japan 1992

Südlich der Grenze, westlich der Sonne
Autor: Haruki Murakami
Originaltitel: Kokkyō no minami, taiyō no nishi
Alternativ: Gefährliche Geliebte
Erscheinungsjahr: 1992 (Japan), 2000 auf Deutsch beim DuMont Buchverlag
Übersetzung: Ursula Gräfe
Genre: Coming of Age, Mystery

&&
Anmerkung des Verfassers: Ich werde in dieser Rezension ausschließlich auf die Neuübersetzung "Südlich der Grenze, westlich der Sonne" eingehen. Ganz einfach weil die Übersetzung von Ursula Gräfe nicht nur passender ist, sie bringt auch die wahre Intention dieser wundervollen Geschichte zum Vorschein. In dieser Rezension werde ich keinen Textvergleich zwischen "Südlich der Grenze, westlich der Sonne" und "Gefährliche Geliebte" aufstellen, dafür aber gegen Ende der Rezension auf dieses Thema noch einmal eingehen. Danke für eure Aufmerksamkeit.
&&

Diese Rezension enthält leichte Spoiler. Der Absatz mit der Markierung * sollte von Personen, die den Roman noch nicht gelesen haben, vermieden werden.

Shimamoto sah kurz auf ihre Hände. >>Weißt du, manchmal stelle ich mir vor, wie es sein wird, wenn ich erwachsen bin und verheiratet. In was für einem Haus ich leben und was ich tun werde. Auch wie viele Kinder ich haben werde.<<
>>Wirklich?<< , sagte ich.
>>Denkst du nie an so was?<<
Ich schüttele den Kopf. Zwölfjährige Jungen denken über so etwas nicht nach. >>Und wie viele Kinder willst du?<<
Sie nahm die Hand von der Sofalehne und legte sie auf ihr Knie. Unverwandt beobachtete ich, wie sie mit dem Finger langsam das Karomuster auf ihrem Rock nachzeichnete. Es lag etwas Geheimnisvolles darin. Von ihrer Fingerspitze schien ein unsichtbarer, feiner Faden auszugehen, aus dem sich eine neue Zeit entspann. Als ich die Augen schloss, tauchten die Wirbel in der Dunkelheit auf. Tauchten auf und verschwanden wieder, lautlos. Aus weiter Ferne hörte ich Nat King Cole >>South of the Border<< singen. Natürlich handelte das Lied von Mexiko, aber das wusste ich damals nicht. Für mich klangen die Worte >>südlich der Grenze<< lockend und unergründlich. Sooft ich das Lied hörte, fragte ich mich, was sich wohl südlich der Grenze befinden mochte. Shimamoto fuhr noch immer mit dem Finger über ihren Rock. Ich spürte einen leisen, süßen Schmerz in mir.
>>Es ist seltsam<<, sagte sie. >>Ich kann mir nur vorstellen, dass ich "ein" Kind habe. Ich bin Mutter und habe ein Kind. Aber dass dieses Kind Geschwister hat, kann ich mir nicht vorstellen. Weder Brüder noch Schwestern. Es ist ein Einzelkind.<<



Haruki Murakami schreibt über das alltägliche Leben eines gewöhnlichen Jungen der Mittelklasse. Wenn wir die ersten Zeilen von Südlich der Grenze, westlich der Sonne, lesen, dann macht der Leser automatisch eine Zeitreise. Wenn die gegenseitigen Hänseleien ein Ende finden, und Junge und Mädchen sich allmählich näher kommen, beginnt der Ernst des Lebens, könnte man es ein wenig übertrieben ausdrücken. Bei dem einen passiert das erst nach der Pubertät, manch anderer verliebt sich bereits in der Grundschule zum ersten mal. Heimlich verliebt war bestimmt jeder schon einmal in seiner Schulzeit. Dieses leidige Gefühl ist noch viel unerträglicher, wenn man mit der angebeteten Person auch noch gut befreundet ist und diese auch noch ein(e) Seelenverwandte(r) ist. Die düstere Realität sieht meistens so aus, dass man mit diesem Mädchen (aus der Sicht einer männlichen Person) niemals zusammenkommen wird. Meistens trennen sich die Wege nach der Schulzeit bereits. >>Und wen heiratet man dann später, Herr Aufziehvogel?<<, erklingt gerade die imaginäre Stimme eines naiven Grundschülers. Nun, die Frage ist schwer zu beantworten. Doch wie der Protagonist aus Murakamis Roman, ist die Frau fürs Leben meistens das komplette Gegenteil von der ersten großen Liebe. Aber, in Südlich der Grenze, westlich der Sonne, da geht es natürlich nicht nur ums Erwachsenwerden. Es ist viel mehr eine Geschichte über Einsamkeiten und Sehnsüchte. Über Realität und Traum. Ich wage mich mal an eine kompakte Inhaltsangabe.

Erzählt wird die Geschichte aus der Sicht von Ich-Erzähler Hajime. Mit Ende dreißig resümiert er noch einmal über sein bisheriges Leben und fängt im wahrsten Sinne des Wortes ganz am Anfang seiner Geschichte, nämlich bei der Geburt, an. Schnell wird klar, dass Hajime sich immer unbehaglich als Einzelkind und den damit verbundenen Klischees fühlte. In der Schule war er praktisch eine Rarität. In der fünften Klasse jedoch stieß ein Neuankömmling der Klasse hinzu. Shimamoto. Ein ruhiges und abgeklärtes Mädchen mit einer leichten Gehbehinderung. Da die beiden in der gleichen Nachbarschaft wohnen, trägt Hajimes Lehrer ihm auf, sich etwas um das Mädchen zu kümmern. Schnell freunden sich die beiden an, und Hajime erfährt, dass auch Shimamoto Einzelkind ist. Die beiden teilen die gleichen Interessen und lieben Bücher und Musik. Hajime bemerkt, Shimamoto ist seine Seelenverwandte. Und, obwohl er seine Gefühle noch nicht ganz zuordnen kann, verliebt er sich in sie. Die wesentlich reifere Shimamoto scheint nicht anders zu denken. Und dennoch, so berichtet Hajime, kamen sie sich nie näher. Shimamoto schien unerreichbar für ihn zu sein. Und, nachdem er mit seinen Eltern in eine andere Nachbarschaft zog, trennten sich die Wege der beiden Schüler. Fast dreißig Jahre später, Hajime ist längst verheiratet und hat Kinder, ist erfolgreich und führt ein anständiges Leben, denkt er immer noch an das hinkende Mädchen von damals. Bis eines Tages Shimamoto in Hajimes Jazzbar auftaucht. Und hier beginnt die Geschichte von Südlich der Grenze, westlich der Sonne. Es liegt nun ganz alleine an Hajime, herauszufinden ob seine Shimamoto Realität ist, oder ein Geist der Vergangenheit.

Was mir zuerst aufgefallen ist, Südlich der Grenze, westlich der Sonne steht im völligen Kontrast zu meinem letzten rezensierten Roman Trauminsel von Keizo Hino. Der Unterschied ist nicht schwer zu erkennen. Haruki Murakami und Keizo Hino sind Schriftsteller zweier unterschiedlicher Generationen. Murakami ist nach dem zweiten Weltkrieg geboren, Hino davor. Der Stil von Murakami ist wesentlich moderner und richtet sich an die moderne Popkultur Japans. Die Nachkriegszeit ist für Murakami überhaupt kein Thema und lässt die staubige Kiste gleich auf dem Dachboden. Dafür widmet er sich in Südlich der Grenze, westlich der Sonne Modernen Themen. Einsamkeit in einer erfolgsorientierten Gesellschaft. Der Alltag eines jungen Mannes, der noch nicht wirklich weiß, welchen Weg er einmal einschlagen wird. Und, ein Thema womit ich mich selbst angesprochen fühlte, das Leben eines Einzelkindes. Murakami selbst ist Einzelkind und verarbeitet dies auch im Roman. Sein Protagonist Hajime dient dabei jedoch nur teilweise als Murakamis Alter Ego. Er verkörpert Murakamis Interessen und Denkweise. Das Leben seines Protagonisten ist aber größtenteils fiktiv (mit der Ausnahme, das Hajime eine Jazzbar besitzt, von der auch Murakami selbst einst der Inhaber war). Die Thematik mit den Einzelkindern hingegen brachte auch mich zum grübeln. Ich bin selbst Einzelkind und fühlte mich sehr verbunden mit den Gedanken von Hajime. Meine Mutter hat mich zum Glück aber nie gefragt, ob ich mir ein Leben mit Geschwister vorstellen könnte. Aber vermutlich hätte ich darauf die gleiche Antwort auf Lager gehabt, wie Hajime.

Der Prolog von Südlich der Grenze, westlich der Sonne dient als eine art Coming of Age Geschichte. Hajime berichtet über seine Kindheit und Jugend. Einen besonderen Fokus legt er auf dieses geheimnisvolle Mädchen aus seiner Schulzeit, Shimamoto. In der neuen Übersetzung habe ich nun erfahren, dass Shimamoto der Familienname ist. Ein ziemlich interessanter Fakt, denn somit redet Hajime sie stets mit dem Familiennamen an, ohne das wir dabei jemals ihren Vornamen erfahren. Diese Anrede an sich ist aber in Japan Gand und Gebe. Für gewöhnlich redet man sein Gegenüber aber doch irgendwann mit dem Vornamen an, sobald das Verhältnis freundschaftlich oder intim ist.
Einige Kapitel später wechselt die Geschichte in die Gegenwart, und promt wechselt auch das Genre. Mit dem Auftauchen von Shimamoto nimmt der Roman surreale Züge an. Immer mehr driftet Hajime in eine Geschichte ab, der er nicht mehr so ganz folgen kann. Warum ist Shimamoto bloß von so vielen Geheimnissen umgeben? Existiert sie wirklich? Hajime hat Probleme damit, seine Situation rational zu begutachten. Er ist fasziniert von Shimamoto, will sie endlich für sich haben. Er kann einfach nicht loslassen, egal, ob er dafür sein bisheriges Leben aufgeben muss.
Aber muss er auch ständig an den älteren Herrn denken, der ihm einen Kuvert mit viel Geld damals überreichte, und befahl, sich Shimamoto nicht mehr zu nähern.

*
Am Ende bleiben dem Leser natürlich viele Möglichkeiten zu Interpretationen. Denn man wird mit einem riesigen Haufen Fragen zurückgelassen. Aber Murakami gibt schon im Prolog Hinweise für den geneigten Leser. Genau so wenig, wie es einen Beweis dafür gibt, dass Nat King Cole jemals eine Interpretation von South of the Border gesungen hat, gibt es für Hajime einen Beweis dafür, dass die Erlebnisse mit Shimamoto je wirklich geschehen sind. Einmal mehr steht auch der Jazz für Murakami in Südlich der Grenze, westlich der Sonne im Fokus. Der Roman ist stets mit Jazz untermalt, und beinahe alle Songs kann man sich auf YouTube anhören. Für die Atmosphäre ist das natürlich super, besonders, wenn man gerade das Buch liest. Es ist die Musik, die Murakami all seine Leidenschaft für das Schreiben beschert hat, und in diesem Roman ehrt er den Jazz ganz besonders. Die Musik gehört einfach zum Stil Murakamis und darf in keinem Roman fehlen. Übrigens erwähnt Murakami im Prolog sehr ehrenhaft den Komponist Franz Liszt. Dieser war mit seiner Années de pèlerinage der Ideengeber zu seinem neuen Roman Shikisai wo motanai Tasaki Tsukuru to Kare no Junrei no Toshi.
*

Die neue Übersetzung will ich natürlich auch noch erwähnen. Viele Leser forderten über Jahre eine angemessene Übersetzung aus der Originalausgabe der Romane Gefährliche Geliebte und Mister Aufziehvogel. Beide Romane wurden nur aus der englischen Fassung in die deutsche Sprache übersetzt. Während bei Mister Aufziehvogel die Unterschiede weniger gravierend sind (dafür aber einige Parts aus der Originalausgabe fehlen), löste die deutsche Übersetzung von Giovanni Bandini und Ditte Bandini, die wiederum auf der englischen Übersetzung von Philip Gabriel basiert, einen regelrechten Eklat aus. Nicht nur wurde die bereits eh schon raue und vulgäre Übersetzung noch weiter verfälscht, auch zeichnete sie ein falsches Bild von Murakami, von dessem Stil kaum etwas übrig geblieben war bei der alten Übersetzung. Auch war der Titel Gefährliche Geliebte ziemlich ungünstig gewählt. Mit der neuen Hardcover-Edition erhält Südlich der Grenze, westlich der Sonne endlich eine mehr als überfällige Übersetzung aus der japanischen Fassung. Übersetzt wurde der Text von Ursula Gräfe, die, wie bei so vielen anderen Murakami-Übersetzungen, eine fantastische Arbeit geleistet hat. Der unverkennbare Murakami-Stil ist wieder da. Der Text liest sich wesentlich flüssiger, setzt auf eine passendere Wortwahl und holt all die verborgenen Schätze zurück, die bei der damaligen Übersetzung verloren gegangen sind. Für Murakami-Leser dürfte die Ausgabe damit unverzichtbar sein. Gelegenheitsleser, oder Leser, die nicht mit der japanischen Literatur vertraut sind, würden vermutlich sogar weiterhin die alte Übersetzung vorziehen.

Wer gerne einen ausführlichen Vergleich zu den Unterschieden beider Übersetzungen lesen möchte, der sollte unbedingt Japanliteratur besuchen. Im Link befindet sich bereits der Verweis auf den besagten Artikel.


Resümee

Südlich der Grenze, westlich der Sonne ist endlich der Roman, der er schon immer hätte sein sollen. Ein herausragender Roman der japanischen Literatur, für eine Generation, die mit ihren ganz privaten Sorgen und Problemen fertig werden muss. Haruki Murakami beweist einmal mehr, wie gut er diese einsame Generation versteht. Leider scheint dieses Talent immer noch nicht in Stockholm respektiert zu werden, denn bei der Vergabe des Nobelpreises setzt man weiter auf längst vergangene Zeiten und Themen.

Südlich der Grenze, westlich der Sonne ist Haruki Murakami in absoluter Höchstform. Eine Geschichte, über die man auch nach dem lesen noch lange nachdenken wird. Ich war mir schon beinahe etwas unsicher, ob der Roman noch einmal die gleiche Faszination auf mich ausüben wird, wie zu der Zeit, als ich ihn vor knapp fünf Jahren das erste mal gelesen habe. Und ich muss zugeben, er hat nichts von seiner Magie einbüßen müssen.


Ein großes Dankeschön geht an den DuMont Buchverlag, der mir Südlich der Grenze, westlich der Sonne als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat.



Chris Isaak: South of the Border

Kommentare:

  1. Ich denke, da werde ich mir die Neuübersetzung auch irgendwann mal holen und lesen. Das interessiert mich doch sehr.
    Danke für den Hinweis.

    Liebe Grüße
    Chimiko

    AntwortenLöschen
  2. Eine super Rezension, danke! "Gefährliche Geliebte"war der zweite Roman, den ich nach "Gefährliche Geliebte", (im Alter von 16 oder so) gelesen habe und ich muss sagen, ich bin sehr gespannt auf die neue Übersetzung! Zwar hatte ich damals ein nicht so sehr negatives Gefühl beim Lesen des Buchs, war aber auch noch sehr jund. Im Nachhinein denke ich, eine Neuübersetzung ist auf jeden Fall nötig gewesen und ich werde das Buch so schnell wie möglich lesen, du hast mich noch neugieriger gemacht :)

    AntwortenLöschen
  3. Hi ihr Zwei =)

    Die Neuübersetzung ist wirklich ziemlich gelungen. Einige Einfallspinsel ziehen leider immer noch die verfälschte Übersetzung vor, weil ihnen die Neuübersetzung zu konservativ, so gehoben in der Umgangssprache sein. Heißt so viel, die deutschen Leser, Kenner der alten Übersetzung, fahren auf vulgäre und schmutzige Ausdrücke ab. Zum Glück habe ich Haruki Murakami nicht mit dieser Übersetzung kennen gelernt. Ich habe an sich nichts gegen vulgäre Ausdrücke oder Schimpfwörter in Romanen, aber es muss auch zum Autor passen. Und die alte Übersetzung wird Murakami so gar nicht gerecht.

    @テレザ

    Ich glaube, mit 16 ist es noch etwas zu früh für solch eine Geschichte ;D
    Glaube ich zumindest. Ich weiß nicht, ob mich das begeistert hätte in dem Alter. Ich bin zwar immer noch jung, aber kann mich nun besser in die Charaktere hineinversetzen. Ich denke, da du ja ebenfalls älter geworden bist (was ich mal annehme ;D), wirst du mit dem Roman mehr Freude haben.

    AntwortenLöschen
  4. Auch diese Rezension ist sehr schön ausführlich. Ich habe das Buch in dieser Übersetzung von einer Freundin geschenkt bekommen, und habe es ehr genossen. Habe auch die Musik herausgesucht, während ich gelesen habe.

    Vielen Dank auch für den Link zum Übersetzungsvergleich, sehr hilfreich!

    AntwortenLöschen