Archiv: Rezensionen zu Literatur und Film

Donnerstag, 2. Februar 2012

Rezension: Taichi Yamada, Lange habe ich nicht vom Fliegen geträumt




Die Yamada Rezensionen 2

Autor: Taichi Yamada
Originaltitel: Tobu yume wo shibaraku minai
Erscheinungsjahr: 1985 (Japan), 2010 (Deutschland, Goldmann Verlag)
Übersetzung: Ursula Gräfe, Kimiko Nakayama Ziegler
Genre: Liebesgeschichte, Mystery




"In meinem Leben hatte ich mich weit davon entfernt, Frauen hübsch und begehrenswert zu finden. Ich konnte nicht umhin, unterschiedslos alle für egoistisch, launisch, starrköpfig, oberflächlich und nicht weltgewandt zu halten. Doch Mutsuko begehrte ich ganz einfach. Ich war wie verzaubert, Ich wollte mir dieses Gefühl unbedingt erhalten, und sei es auf Kosten meiner Vernunft und meines gesunden Menschenverstands."


Obwohl ich diese Rezension bereits im Januar verfassen wollte, komme ich leider erst jetzt dazu. Die Gründe für die Verspätung sind für diesen Artikel natürlich nicht weiter von Bedeutung. Wichtig war mir lediglich, dieses Jahr mit Taichi Yamada zu starten. Denn bereits im letzten Jahr eröffnete ich mit Taichi Yamada meinen Blog. Die erste Rezension. Sommer mit Fremden war für mich ein ganz besonderes Vergnügen. Denn Yamada erzählt über Leute die gefangen sind. Gefangen in einem riesigen Käfig der sich Großstadt nennt.
Grusel, vermischt mit einer herrlichen Melancholie, hat es der japanische Autor geschafft, meine Gunst zu gewinnen. In Lange habe ich nicht vom Fliegen geträumt wagte sich der einstige Drehbuchautor 1985 erstmals an einen Roman. Und schon hier bewies er sein einzigartiges Können.

Die Geschichte handelt von dem achtundvierzigjährigen Ich Erzähler Taura. Beruflich belegte er eine recht verantwortungsvolle Position bei einer Firma für Fertighaus Bauten. Für ihn zählte über Jahrzehnte nichts anderes als der Job. Zu seiner Frau und seinem Sohn führt er schon seit längerem ein entfremdetes Verhältnis. Er selbst arbeitet und lebt sogar in einer anderen Stadt. Doch eines Tages pack der Überdruss Taura. Genervt vom Stadtleben, dem Job und seiner Familie, stürzt er sich aus dem Fenster eines Sushi Lokals. Bei diesem kläglichen Selbstmordversuch bricht er sich jedoch lediglich ein Bein. Der Anbeginn einer Depression und Midlife Crisis.
Taura landet im Krankenhaus. Durch ein Zugunglück müssen jedoch mehrere Patienten zusammengelegt werden, und so wird Taura aus seinem Einzelzimmer verlegt. Zusammen mit einer geheimnisvollen Frau verbringt er, mit ihr, eine gemeinsame Nacht. Getrennt lediglich durch eine Trennwand. Obwohl Taura nicht schlüssig ist, wieso diese Frau so sehr auf eine Trennwand besteht, freunden sie sich an. Er ist fasziniert von seiner Zimmernachbarin. Ihre Stimme wirkt magisch auf ihn. Obwohl sie sich nicht sehen, kann die Frau Taura zum Verbalsex verführen. Als Taura am nächsten morgen zufällig einen Blick auf die Frau erhaschen kann, sieht er lediglich eine alte Frau. Verdutzt und schockiert darüber, versucht er mit dieser Geschichte abzuschließen. Doch sollte dies nicht die letzte Begegnung mit dieser Frau sein. Taura begegnet ihr wieder. Und wie durch ein Wunder wirkt sie 20 Jahre jünger. Und mit jedem weiteren Treffen scheint sie sich noch mehr zu verjüngen. Taura geht eine Affäre mit ihr ein, bemerkt dabei aber nicht, wie er selbst immer mehr den Verstand verliert und sich in Schwierigkeiten bringt.

Liest man meine Inhaltsangabe, könnte man meinen, solch eine Geschichte schon einmal irgendwo gehört zu haben. Zweifelsohne muss man natürlich sofort an Benjamin Button denken. Und vermutlich orientierte sich Yamada tatsächlich an der Kurzgeschichte von Fitzgerald. Bis auf diese Grundthematik hat Yamadas Werk aber recht wenig mit der amerikanischen Geschichte zu tun. In Lange habe ich nicht vom Fliegen geträumt handelt es sich um eine Liebesgeschichte. Gespickt mit Thematiken wie Isolation, Depression, Einsamkeit und Sehnsüchte. Yamada schreibt über einen Großstädter, der genug von seinem langweiligem Leben hat. Genug von dem System hat, welchem er sein ganzes Leben brav folgte. Die geheimnisvolle Mutsuko, ob Realität oder Hirngespinst, ist jedoch Taura's Ticket aus dieser Bedeutungslosigkeit. Es geht um zwei Personen die nichts mehr zu verlieren haben. Und so gelang es auch mir, sehr leicht, Taura's Entscheidungen zu akzeptieren. Für einen Stadtmenschen wird vieles zur Selbstverständlichkeit. Man bekommt alles ganz automatisch serviert. Der Alltag nutzt sich immer weiter an, und schon im jungen Alter weiß man das Leben kaum noch zu schätzen.

Raus aus dem Alltagstrott, bemerkt Taura aber auch nicht, dass er sich immer weiter in Gefahr begibt. Er könnte nicht nur seinen Verstand verlieren, eine immer jünger werdende Mutsuko zu treffen, auch sein gesellschaftliches Ansehen steht auf dem Spiel. Aber was hat Taura zu verlieren? Seine Frau interessiert sich nur noch für ihre eigene Karriere. Sein bereits studierender Sohn ist ihm fremd geworden. Und aufgrund seiner labilen psychischen Verfassung wurde er in einer "Sonderabteilung" in seiner Firma versetzt. Seine Aufgabe besteht lediglich noch darin, Bleistifte anzuspitzen. Taura wird somit zu einem Mann, dem alles egal ist. Jemand, nichts mehr erwartet und nichts mehr zu verlieren hat. Mutsuko wird zu seinem Lebensinhalt und seiner Sucht. Doch gerät er dabei auch in viele moralische Schwierigkeiten. Fühlte er sich noch angeekelt als er Mutsuko in ihrer wahren Gestalt sah, schreckt er nicht davor zurück, mit ihr im Teenager Alter zu schlafen. Und auch der Leser wird dabei in einen ziemlich moralischen Konflikt gebracht. Ich habe mir des öfteren gedacht, wie ich wohl handeln würde. Wäre ich wirklich dazu im Stande, eine Beziehung zu einer sechszehnjährigen einzugehen, auch wenn ich wüsste, das sie in Wahrheit über sechzig ist? Das ist natürlich sehr gemein von Yamada. Und wer sich bei solchen Gedanken ertappt, brauch sich keine Gedanken machen. Hier handelt es sich immer noch um Fiktion. Alles ist erlaubt.

Etwas abstrus hingegen fand ich den Überfall auf das Kino. Dieser recht konfuse Überfall von Taura und Mutsuko trägt nur wenig zur Geschichte bei. Dieses völlig unerwartete, und auch sehr unsympathische Verhalten beider Protagonisten, passte einfach nicht zum restlichen Verlauf der Geschichte. Sehr furios hingegen war das Finale.

Mit Lange habe ich nicht vom Fliegen geträumt gelang Taichi Yamada ein weiterer, herrlich melancholischer Roman. Trotz des traurigen Endes fühlte ich aber nicht jene Einsamkeit, die ich nach Sommer mit Fremden verspürte. Das gewisse "Etwas" fehlte im Epilog. So bleibt das Schicksal der Charaktere sehr ungewiss (auch wenn wir uns den Ausgang natürlich vorstellen können). Der Leser kann selbst interpretieren wie Taura's Leben vom Ende der Geschichte an weiter gehen wird. Viele Optionen bleiben ihm jedoch nicht.


Nichts desto trotz bin ich auch von dieser Geschichte sehr begeistert. Yamadas Erzählstil packte mich erneut und zog mich immer weiter in ein geheimnisvolles Tokio. Das beherrscht er beinahe so gut wie Haruki Murakami. Und nun weiß ich es. Ein Jahr mit Taichi Yamada zu beginnen, ist eine unglaublich gute Idee.
Fans japanischer Literatur kommen an ihn einfach nicht vorbei.


Wertung: Vier Dante (Pflicht für Fans exotischer Literatur)

Kommentare:

  1. こんばんは Aufziehvogel!
    Eine schöne Rezension, die echt Lust auf mehr macht. Ich muss zugeben, Taichi Yamada war bis vor kurzem, nie auf meinem Radar, bis du ihn angesprochen hast. Vielen Dank! Ich werde mir das Werk nach der gerade andauernden -und verdammt ätzenden- Prüfungsphase mal zur Gemüte führen.
    Worüber ich in deiner Rezension gestolpert bin, ist die Thematisierung der Beziehung zu einer 16 Jährigen. Ich lese gerade "Schönheit und Trauer" von Yasunari Kawabata. Dort wurde ebenfalls die Beziehung zu einer 16 jährigen thematisiert. Ich könnte mir vorstellen, wenn dir diese Problematik mit der Moralität gefallen hat, dass auch Kawabata etwas für dich wäre, auch wenn Kawabata keine phantastischen Elemten beinhaltet.
    In diesem Sinne, danke für den Tipp/Rezension und ein angenehmes, stressfreies Wochenende! ;)

    Viele Grüße aus Trier!

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    1. Es muss nun schon schon mehr als drei Jahre her sein, dass ich dieses Buch gelesen habe. Damals konnte der Funke aber irgendwie nicht richtig überspringen, ich konnte mich auf Geschichten in diesem Stil noch nicht einlassen. Heute bin ich genauso wie du ein großer Fan von Yamada und habe mir deshalb auch fest vorgenommen, das Buch nochmal zu lesen.

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  2. Hallo Salvo und Japanliteratur
    Finde ich schön, Friederike, das du dich nun auch hier verewigen kannst.

    Salvo:

    Yamada kann ich nur immer wieder empfehlen. Von Yasunari Kawabata habe ich sogar noch einen Roman hier, Schneeland, sein Hauptwerk. Leider noch nicht gelesen. Aber das wird natürlich noch nachgeholt.

    Friederike:

    Ich glaube aus Heutiger Sicht wirst du die Geschichte bestimmt mit anderen Augen betrachten. Yamada hat eigentlich nur 3 große Romane geschrieben. Dazwischen finden sich aber noch etliche Kurzgeschichten die in japanischen Zeitschriften gedruckt wurden, und Stories zu TV Serien. Ich finde es schade das er keinen Roman in diesem Stil mehr verfasst hat. Der jüngste ist er ja nun auch nicht mehr. Hoffe sehr das noch ein paar Kurzgeschichten übersetzt werden.

    Ansonsten sieht es 2012 noch ein bisschen trüb aus, was neue Veröffentlichungen zur japanischen Literatur angeht. Verpassen werde ich Dank deiner Arbeit auf Japanliteratur jedoch nichts mehr.

    Euch beiden noch einen entspannten Abend.

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