Archiv: Rezensionen zu Literatur und Film

Sonntag, 20. März 2011

Kommentar: Nach dem Beben (Und was danach geschah)


Was würde Kazuma Kiryu in dieser Situation tun?
Nun, Kazuma Kiryu würde wohl zum nächstbesten Knüppel oder einem ausrangierten Holzbrett greifen, zum Versteck der Bande marschieren, und sie alle so lange verprügeln bis nur noch Brei von ihnen übrig ist. Er würde ihnen nicht einmal die Gelegenheit dazu geben Gegenwehr zu leisten. So würde er sie in die Mangel nehmen. Diese verdammte Yakuza Bande. Nicht den Hauch einer Chance hätten sie.

Doch Kazuma Kiryu wird einmal nichts ausrichten können. Zum einen, sein neuer Gegner ist kein Mensch, sondern die Natur höchstpersönlich. Zum anderen, Kiryu-Sensei, dieser Yakuza im Exil der für die Schwachen kämpft, ist Fiktion. Eine Erfindung der japanischen Videospiel Veteranen SEGA. Er ist eines dieser wunderschönen Luftschlösser die Japan baut und unsere westliche Kultur damit immer wieder fasziniert. Doch all die Helden die sich Japan geschaffen hat, können nun nichts gegen ein solches Desaster tun. Im Gegenteil. Erst kürzlich wurde das noch nicht fertiggestellte Videospiel Desaster Report eingestellt. Dort spielt man einen Oberschüler der durch ein von Erdbeben heimgesuchtes Tokio marschiert. Absolut unpassend in der aktuellen Situation. Und auch für die Zukunft ist dieser Titel nicht tragbar.

Das Erdbeben in Sendai am 11 März 2011 war das erste Hallo-Wach für das Land der aufgehenden Sonne seit vielen Jahren. Vielleicht sogar das erste seit dem Erdbeben in Kobe 1995 und der anschließende Sarin Terrorakt in der Tokioter U-Bahn, ausgeübt von der fanatischen Aum-Sekte.
Erst riss ein Erdbeben die Japaner aus ihrer traumhaften Idylle, dann suchte sie ein Tsunami heim, und dann gibt es da auch noch die drohende Kernschmelze einiger Reaktoren im Kernkraftwek von Fukushima. Gerade mal 200 Kilometer von Tokio entfernt. Diese Katastrophen kosteten bereits mehr als 8000 Menschen das Leben. Weit über 12000 Menschen werden vermisst (Info: Wikipedia). Die Schäden werden in den dreistelligen Milliardenbereich gehen. Die Japaner im Großraum Tokio bleiben dennoch, trotz all dieser vernichtenden Zahlen, ruhig wie ein Zen-Buddhist.
Ich schalte CNN ein und sehe mir eine Pressekonferenz von Japans Premierminister Naoto Kan und dem Chefsekretär Yukio Edano an. Sie (versuchen zu) erklären die Lage in Fukushima. Was für eine Gefahr die Menschen erwarten könnte wenn der Wind ungünstig weht. Das die Nukleare Verseuchung sich bereits auf einem gesundheitsschädlichen Level befindet. All das erklären sie in einer erschreckenden Gelassenheit als würde ein erfolgreicher Mangaka über sein neustes Werk am Podium mit Fans diskutieren. Doch allmählich bemerken auch die Millionen Menschen im Großraum Tokio das die Regierung und der Betreiber Tepco Details verschweigen. Dies sollte nun auch dem letzten klar geworden sein als sich Tenno Akihito vor dem Bildschirm zeigte. Der japanische Kaiser zeigt sich in einer Fernsehansprache nur in der dunkelsten Stunde.

Die Berichterstattung auf CNN wird allmählich spärlicher. Anderson Coopers Gesichtsausdruck wird entspannter. Und die Sendeleitung hat sich dafür entschieden die dramatische Musik aus den Beiträgen zu nehmen. Dies erinnerte alles ziemlich an amerikanische TV Serien wie Lost. Es fehlte lediglich der Sprecher mit den berühmten Zeilen: "Previously On (Name der TV Serie)". So sind eben die Amerikaner. Was den Japanern vielleicht an Dramatik in dieser Lage fehlt, bessern die Amerikaner mit brisanter Berichtserstattung auf CNN aus. Und das ist gar nicht verkehrt. Der Ernst der Lage ist unverkennbar. Und dramatischer als ein Staffelfinale der Desperate Housewifes. Und nun ist das Hallo-Wach endlich angekommen. An diesem sonnigen 15 März 2011. Die Loyalität der Japaner zu ihrem Heimatland dabei ist beeindruckend. Ein Hund wird zu einem Volksheld weil er nicht von seinem verletzten Artgenossen weicht. Fünzig Menschen, das letzte Battalion an verbleibenden Mitarbeitern, riskieren ihr Leben im Fukushima Kernkraftwerk um den absoluten Worst Case zu verhindern.

Während die japanische Bevölkerung zusammenhält, dürfte dies auch für all die anderen Nationen die schlimmste Katastrophe seit dem 11 September 2001 sein. Die Anteilnahme ist schier unglaublich. Selbst ein Gaddafi wird hier sichtlich in den Hintergrund geschoben.
Doch was ist der Grund für diese enorme Anteilnahme? Besonders hier in Deutschland. Sind wir doch fernab von all den Katastrophen wie Erdbeben oder Tsunamis. Nicht einmal vor einer radioaktiven Verseuchung müssten wir uns fürchten, beträgt die Entfernung zu Japan doch mehr als 9000 Kilometer. Ehrlich gesagt finde auch ich keine Antwort darauf. Vielleicht sind die Kriege im Nahen Osten einfach zum Alltag geworden. Diese Konflikte ziehen sich bereits seit Ewigkeiten hin. Nun hat es jedoch ein Land getroffen welches praktisch im Einklang mit dem Frieden lebt. Selbstverständlich das die Leute betroffen sind. Es wäre wohl nicht anders wenn ein Land in Europa von einer solch fürchterlichen Katastrophe heimgesucht würde.

Was mich betrifft, so mache ich natürlich kein großes Geheimnis daraus das ich Japan meine ehrliche und aufrichtige Anteilnahme zolle. Es ist ein Land welches ich nur aus Büchern, TV und dem Internet kenne. Und doch fühle ich mich so mit dieser Kultur verbunden. Aber wer weiß, vielleicht ist Japan mein persönliches Luftschloss. Und es würde sich in Luft auflösen sobald ich japanischen Boden betreten habe. Vielleicht ist die Vorstellung meines Japans nichts weiter als eine Illusion. Doch selbst die schrecklichen Bilder die ich nun im Fernsehen sehe können diese Illusion nicht trüben. Auch jene Naturkatastrophe konnte dieses Fernweh nicht bändigen.

Ich möchte diesen Kommentar der japanischen Bevölkerung widmen. Und selbstverständlich den in Deutschland lebenden Japanern die wahrscheinlich allesamt gedanklich in ihrer Heimat sind. Japan ist ein Land mit einer unglaublichen Faszination. Man muss dabei nicht einmal persönlich das Land bereisen um etwas von der einzigartigen Philosophie zu kosten. Es ist ein Land was von einer nahezu tröstlichen Atmosphäre umgeben ist. Mit Worten ist dies nicht zu beschreiben. Und auch meine Fähigkeit reicht nicht einmal ansatzweise dazu aus, diese Atmosphäre zu beschreiben. Dazu sind die Botschafter dieser Philosophie zuständig. Die Schriftsteller Japans.

Kommentare:

  1. Hallo Mister Aufziehvogel!
    Block 6 und 5 werden wieder gekühlt und ich hoffe auf weitere Glücksmomente. Die Arbeit derer, die unter Einsatz ihres eigenen Lebens in Fukushima alles menschenmögliche tun - um den SUPERGAU zu verhindern, gehört mein höchster Respekt gezollt. Mit Worten ist das Geschehene und die jetzige Situation nicht zu beschreiben, aber wir können mit unseren Herzen in Japan sein. Die schrecklichen Bilder haben mich zutiefst bestürzt. Man sitzt einfach nur fassungslos da und sieht zu. Manche mögen an nichts mehr glauben, aber ich habe meinen GLAUBEN und bete jeden Abend für Japan. Olli und ich haben uns dazu entschlossen ein wenig zu spenden. Wahrlich ein Tropfen auf dem heißen Stein, aber ich glaube dass jedes Zutun hilfreich sein kann. Im Gegensatz zu dir, habe ich mehr Sachbücher und Dokumentationen über Japan gelesen und gesehen. Interessiert hat mich die Geschichte, die Kultur und die atemberaubende Natur. Von den genannten Autoren habe ich bisher leider noch nichts gelesen. Nur über wirklich schöne Rezensionen wurde mein Interesse und meine Neugierde immer größer. Unter anderem haben Leser wie die KLAPPENTEXERIN und auch du mich dazu bewegt. Nicht erst jetzt mit der grauenvollen Katastrophe, sondern schon vorher. Und jetzt ist es fast so als fühlt man sich schuldig. Vielleicht ist es manchmal besser, wenn man sich die Illusion mit all dem Zauber bewahrt? Ich möchte träumen aber momentan ist das einfach nicht möglich. Deine Zeilen gehen tief und ich hoffe auf viele Leser, die dein Luftschloss noch nicht entdeckt haben. Mach weiter so!

    Liebe Grüße, Tanja
    (lese-leuchtturm)

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  2. Hallo Tanja

    Vielen Dank für deinen Kommentar. Mitlerweile wird man ja als heuchlerischer Moralapostel bezeichnet nur weil man seine Anteilnahme zeigt oder mit den Menschn in Japan mitleidet. Dann gibt es da noch die griesgrämigen Leute die es gar nicht interessiert, oder die Leute die schlechte Witze über die Katastrophe reißen. Das scheint wohl die Mentalität der deutschen zu sein. Sich so eiskalt zu geben wie möglich. Ein Glück trifft das dieses Mal nur auf wenige Leute zu. Aber ich hatte da schon echt einige hitzige Diskussionen in dern vergangenen Tagen.

    Das die Kühlung nun wieder funktionieren soll habe ich auch gelesen und freue mich natürlich sehr. Eine Kernschmelze ist in der Tat der Worst Case. Alles andere kann wieder aufgebaut werden (auch wenn die Menschen es in den betroffenen Gebieten nicht leicht haben werden).

    Wenn du KLAPPENTEXTERIN kennst, oder öfters ihren Blog besuchst, warst du auch damals bei der 1Q84 Leserunde auf Reading Murakami dabei? Oder hast das Thema dort verfolgt?

    Ich muss sagen das die japanische Literatur mich damals sofort gepackt hat. Mein erster japanischer Roman (selbstverständlich in deutscher Übersetzung) war Kafka am Strand von Haruki Murakami. Fortan haben mich auch die folgenden Romane die ich in der Zeit gelesen habe wahrlich in eine fremde Welt entführt. Es ist einfach etwas komplett anders als die gängige, westliche Literatur.

    Ich finds natürlich schön das mein Text gelesen wird. Das bedeutet nämlich das meine Arbeit an diesem Blog nicht sinnlos ist.

    Ich wünsche dir noch einen schönen Sonntag, Tanja. Ich hoffe sehr das du in der nächsten Zeit wieder träumen kannst.

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