Archiv: Rezensionen zu Literatur und Film

Samstag, 12. März 2011

Hiromi Kawakami, Am Meer ist es wärmer: Auf den Pfaden von Haruki Murakami und Hideaki Anno



Die Kawakami Rezensionen 1

Autor: Hiromi Kawakami
Originaltitel: Manazuru
Erscheinungsjahr: 2006 (Japan), 2010 (Deutschland), Hanser Verlag
Übersetzung: Ursula Gräfe, Kimiko Nakayama-Ziegler
Genre: Drama, Mystery


(Weil es mir etwas Arbeit abnimmt, verwende ich in meiner Rezension stets den japanischen Titel Manazuru)

"Hand in Hand waren wir eingeschlafen. Unsere einzige Berührung. Wie schön, wenn Seiji mein Sohn wäre. Oder mein Vater oder mein Bruder. Mit diesem Gedanken war ich eingeschlafen.
Als das morgendliche Licht uns weckte, hielten wir uns nicht mehr an den Händen. Seiji drehte sich um. Am Morgen ließ sich die Traurigkeit kaum noch aufrechterhalten. Sie zerstob in gleißenden Licht." -Kei-


Der tolle deutsche Titel, Am Meer ist es wärmer (welcher auch der Namensgeber für meinen Blog war) hat einen kleinen, irreführenden Zusatz. Dies wäre folgender: Eine Liebesgeschichte. Denn trotz einiger romantischer Elemente, ist Manazuru alles andere als eine Liebesgeschichte. Es ist nicht nur ein wachechtes Mystery-Drama, auch auf psychologische Elemente verzichtet Autorin Hiromi Kawakami nicht. So ist Manazuru nicht nur für Kei ein außergewöhnlich surrealer Trip auf die Insel, sondern auch für den Leser.

Vor knapp 12 Jahren wurde Kei von ihrem Ehemann verlassen. Dieser hat sich aber nicht einfach von ihr scheiden lassen, er ist auf mysteriöse Weise verschwunden. Mit einer kleinen Tochter und einem großen Rätselraten hat Rei sie verlassen. Ist er mit einer anderen Frau durchgebrannt? Oder hat Rei sogar Selbstmord begangen? Doch wieso wurde nie seine Leiche gefunden? Und wer sind eigentlich diese rätselhaften Personen, die Kei überall hin folgen? Und dann wären da noch diese ständigen Verbindungen nach Manazuru. Rei erwähnte die Insel in seinem Tagebuch. Kei scheint magisch von diesem eigenartigen Ort angezogen zu werden.

Hiromi Kawakami gehört in ihrem Heimatland zu den absoluten Stars der japanischen Literatur. Erstmals begibt sie sich in Manazuru jedoch auf surreale Pfade. So ist es natürlich kein Wunder das ich sehr oft an Haruki Murakami erinnert wurde. Jedoch erinnerte mich Kei's mysteriöse Reise durch Manazuru und ihr eigenes Unterbwusstsein auch sehr an Neon Genesis Evangelion. In Hideaki Annos Anime Meisterstück begibt sich Protagonist Shinji Ikari auf ähnliche Wege durch das eigene Unterbewusstsein wie Kawakami's toughe Heldin Kei.

Die Geschichte ist praktisch in zwei Handlungsstränge unterteilt. Zum einen wäre da die Realität. Kei führt ein Verhältnis mit einem verheirateten Mann. Will die Beziehung zu ihrer pubertierenden, eigensinnigen Tochter pflegen. Zusammen lebt sie mit dieser seit Rei's verschwinden wieder bei ihrer Mutter. Kawakami befasst sich mit dem Leben dieser drei Frauen. Natürlich alles aus der Sicht der Ich-Erzählerin Kei. Diese ist in ihren vierzigern. Resümiert allmählich ihr Leben. Und schließt ein Fazit darüber ab wie sie sich als Mutter gibt.

Doch dann gibt es da noch einen weiteren Handlungsstrang. Die Suche nach Rei. Das Mysterium was ihn und sein Verschwinden angeht. Kei wird von einer Frau verfolgt die sich immer mehr in ihr Leben drängt. Ist diese Frau etwa ein Geist? Und welchen Bezug hat sie zu Rei und Manazuru? In Manazuru nimmt die Präsenz der Frau immer mehr Gestalt an. Und Kei wird immer weiter in eine Traumwelt gezogen. Kann nicht mehr zwischen der Wirklichkeit und der Traumwelt unterscheiden. Dabei meint sie jedoch, Rei näher zu kommen. Aber es scheint eher, als entferne sie sich immer mehr von der Realität als das Geheimnis um ihren Ehemann zu klären.

Manazuru-machi, Honshu


Als ich das Buch beendet hatte war ich sehr gespalten was meine Meinung anging. Auf einer Seite war ich sehr von Kawakami's tollen Schreibstil angetan. Auf der anderen Seite fehlten mir jedoch die Höhepunkte. Oder besser gesagt, immer wenn es anfing interessant zu werden, griff Kawakami wieder ein anderes Thema auf. Die Geschichte ist eine Mischung aus Rückblicken (Kei's gemeinsame Zeit mit ihrem Ehemann Rei) und Gegenwart. Manchmal ist es mir auch passiert das ich total mit den verschiedenen Zeiten durcheinander gekommen bin. Kawakami hat die tollen Möglichkeiten, die sie sich selbst geschaffen hat, nicht immer perfekt genutzt. Dies verwehrt letztendlich leider auch den ganz großen Wurf. Dabei muss ich noch unbedingt anmerken das Hiromi Kawakami nicht in einer einzigen Szene Haruki Murakami kopiert. Denn auch wenn die Thematik sich sehr ähnelt, der Stil der beiden ist komplett unterschiedlich.

Mit Manazuru (dt. Am Meer ist es wärmer) liefert Hiromi Kawakami einen interessanten Roman ab. Sehr experimentell und teilweise auch gruselig (wenn man sich darauf einlässt) beschreibt die Japanerin mit unbeschreiblicher Schönheit dieses verträumte Manazuru. Leider konnte mich die Geschichte nicht immer fesseln. Dafür wechselte Kawakami zu oft Zeiten und Thematik. So wurde die Story etwas komplizierter als sie eigentlich sein müsste. Dennoch war Manazuru ein Roman genau nach meinem Geschmack. Am Ende bleiben viele Fragen offen. Auch bleibt es wieder jedem Leseer selbst überlassen ob er das Ende nun als Happy End sieht, oder eher nicht. Mann kann einmal mehr interpretieren und über das gelesene nachdenken. Trotzdem bin ich der Meinung das Hiromi Kawakami hier noch viel mehr Möglichkeiten hatte.


Wertung: Vier Dante (Gut)

Kommentare:

  1. Deine frischen Zeilen begeistern mich und haben mich neugierig gemacht! Danke dir. Liebe Grüße, Tanja

    AntwortenLöschen
  2. Hallo Tanja

    Vielen Dank für deine netten Worte, diese ehren mich wirklich sehr wenn ich mir deine fantastischen Blogs ansehe (die ich nun übrigens verfolge). Ich denke das ich beim stöbern so einig interessante Titel bei dir entdecken werde.

    AntwortenLöschen