Archiv: Rezensionen zu Literatur und Film

Montag, 11. August 2014

Salvo schreibt schon wieder mit dem Aufziehvogel - Teil 2: Postkarten aus Pjöngjang








Mit Überlängen musste ich mich schon immer auseinandersetzen. Auch bei meiner neusten Geschichte, „Postkarten aus Pjöngjang“, konnte ich diese Überlängen nicht vermeiden. Aus diesem Grunde hat mein Beitrag auch etwas länger auf sich warten lassen. Ich denke aber dennoch das bei all den Korrekturen immer noch haufenweise Fehler zu finden sind, die aber alle nicht das Lesevergnügen trüben dürften.

Zu „Postkarten auf Pjöngjang“ gibt es gar nicht mal so viel zu schreiben. Wieder einmal war ich überrascht zu sehen das geheimnisvolle Frauen in Salvos und meiner Geschichte eine wichtige Rolle spielen. Da steckt wohl zu viel von Murakamis Einfluss in uns.

„Postkarten aus Pjöngjang“ ist meine erste Kurzgeschichte seit beinahe 2 Jahren. Das besondere an der Geschichte ist jedoch, ich habe sie geschrieben, ohne das ich, bis kurz vor dem Finale (was die meisten unerklärlichen Situationen in der Geschichte aufklärt) wusste, in welche Richtung sich diese Geschichte noch entwickeln wird. Somit war es auch für mich immer wieder eine Überraschung, durch welch surreale Situationen Student Damien sich noch prügeln muss. In manchen Absätzen merkt man mir die Planlosigkeit vielleicht sogar an, die ich teilweise während des Schreibens hatte. Ich selbst hatte mir 3 verschiedene Endings überlegt, aber erst nachdem ich „Unterwassertheater“ von Salvo las, war mir klar, dass für das Ende eine besondere Auflösung herhalten muss. Ein Grund, wieso mein Beitrag auf sich warten lies.

Das Thema rund um Nordkorea ist für mich persönlich sehr interessant. Die asiatischen Einflüsse in der Geschichte halten sich dennoch in Grenzen.

Genau wie bei Salvos „Unterwassertheater“ verzichte ich auf eine Inhaltsangabe. Dieser wird sich während des Lesens entfalten. Damit möchte ich diese Einführung auch beenden.

Viel Spaß nun beim zweiten und letzten Teil unseres Specials: Postkarten aus Pjöngjang. 
Die komplette Geschichte gibt es wie immer sobald ihr den kompletten Artikel anklickt. Sollte die Schrift der Geschichte etwas klein dargestellt werden, verwendet einfach den Zoom aus dem Browser, den ihr gerade benutzt.




Postkarten aus Pjöngjang



James Bond kehrt zurück
In
Kommunistische Grüße aus Nordkorea



10 Dezember 2013


Witzig. Unglaublich witzig. Selten so gelacht. Nach den ersten zehn Postkarten dachte ich mir noch: „Ok, vielleicht sollte ich sie einfach so hinnehmen. Irgendwann wird diese Person dem sinnlosen verfassen belangloser Postkarten überdrüssig werden.“
Allerdings sind bereits 9 Monate vergangen, und von Überdruss war nichts zu erkennen. Euphorisch schrieb mir die Verfasserin dieser Postkarten weiterhin fleißig. Der Absender dieser kryptischen Briefsendungen war immer eine gewisse Frau Hangul. Ich hatte mich kürzlich mal schlau gemacht. Als Hangul, oder auch Han-geul, bezeichnet man das Südkoreanische Alphabet. Was wenig Sinn ergibt, stammen die Postkarten doch angeblich aus Nordkoreas Hauptstadt Pjöngjang und dort trägt das Alphabet eine leicht veränderte Bezeichnung. Über die Logik, die hinter dieser Motivation steckt, einem fremden Menschen gefälschte Postkarten zu schicken, machte ich mir schon lange keine Gedanken mehr. Ein Kommilitone riet mir, all das Material an die Polizei weiterzureichen. Aber was hätten die schon tun können? Der Absender war anonym. Und in keiner einzigen Postkarte wurde ich bedroht, noch wurde ich erpresst. Es würde wohl auch keinen großen Sinn ergeben, einen finanziell nicht gerade gut betuchten Student zu erpressen.

Das kuriose an der Geschichte waren weniger die Inhalte dieser Postkarten, als viel mehr die Poststempel. Mir war bereits nach der ersten Postkarte klar, dass diese Karten nicht aus der Volksrepublik Korea versendet wurden. Sowohl die Briefmarken, als auch die Poststempel stammten immer aus Deutschland. Und wo bleibt der kuriose Part? Es sind die Wege, die diese Postkarten zurückgelegt hatten. Ich habe mal mitgezählt, wie viele verschiedene Poststempel ich bereits entdeckte: Bad Oeynhausen, München, Berlin, Dortmund, Frankfurt, Düsseldorf. Eine ganz nette Sammlung. Frau Hangul scheint sehr gerne innerhalb der Bundesrepublik zu reisen.
Auf den Postkarten befindet sich meistens ein Motiv von Nordkorea. Panorama Aufnahmen von Pjöngjang zum Beispiel oder das Ryugyong Hot'el. Die Schrift kommt einer Damenhandschrift gleich, zumindest darin bestand für mich kein Zweifel. Die Schrift ist in lateinischen Buchstaben (welch eine Überraschung) verfasst und sehr klein gehalten. Obwohl die Schrift klein gehalten ist, damit einiges an Text auf die Postkarte passt, wirkte sie nicht unordentlich, sondern ist fein säuberlich lesbar. Ich möchte, zum Verständnis dieser Geschichte gerne mal aus einer Postkarte zitieren. Dabei muss beachtet werden, Frau Hangul kennt sowohl meinen Vor- und Nachname, als auch die Adresse des Studentenwohnheims. Noch immer vermute ich einige Witzbolde aus den fernöstlichen Sprachkursen hinter dieser ganzen Aktion. Aber zurück zum Inhalt der Postkarte:

An-nyeong-ha-se-yo! Mein Verehrter Damian. Die Zustände in Chunghwa (ich hatte das kleine Küstendorf Gestern besucht) sind als ungeheuerlich zu bezeichnen. Die Leute arbeiten unter ihrem Existenzminimum. Väter können ihre Frauen und Kinder nicht ernähren. Ich habe mich mit Frau Kim unterhalten die 3 Kinder großziehen muss, und sie wünscht sich so sehr, irgendwann nach Seoul auswandern zu können. Südkorea scheint für diese Leute ein unerreichbarer Traum zu sein.
Aber genug von diesen finsteren Themen. Wie geht es dir, mein Lieber Damian? Lange hast du nichts von dir hören lassen. Du hattest doch versprochen, den Kontakt zu mir zu halten? Aber ich möchte gar nicht wissen, wie viele Briefe die Regierung abfängt. Hab ich dich jemals gefragt, ob du 007 magst? Du weißt schon, dieser britische Geheimagent. Glaubst du, der könnte einfach nach Pjöngjang einmarschieren und für Demokratie sorgen? So einen Kerl braucht Nordkorea! Ich habe einen Bond Film gesehen, da spielte Clint Eastwood 007 und Lee Van Cleef den Bösen. Genau wie in Rio Bravo! Ich glaube, Lieber Damian, nun geht die Phantasie zu sehr mit mir durch. Ich würde dir aber so gerne noch mehr schreiben. Leider aber reicht der Platz dafür nicht aus.

Auf Bald, und das du auch meine nächste Postkarte mit Freude lesen wirst.
Deine Hangul

Clint Eastwood und Lee Van Cleef in einem Bond-Film? Und gemeinsam spielten sie bereits in Rio Bravo mit? Alleine in dieser Zeile war so viel verkehrt. Jeder Filmkenner würde weinend davonlaufen.
Bei unserer Post hatte ich bereits einen Mitarbeiter gebeten, ob er herausfinden könnte, von welcher Adresse aus diese Postkarten verschickt wurden. Ich hätte ihn nicht einmal fragen müssen, mir war die Antwort längst klar. Der Verfasser gab keine Hinweise auf seine Identität. Hangul ist ein Pseudonym, eine Straße ist nicht hinterlegt worden und da die Postkarten immer wieder aus anderen Städten versendet wurden, sei es so gut wie unmöglich, den Verfasser ausfindig zu machen. Der Angestellte bei der Post war aber ebenfalls meiner Meinung. So lange die Texte auf den Postkarten keine bedenklichen Nachrichten enthielten, solle ich den Scherz einfach weiter mitmachen, oder mir ein privates Postfach mieten.

Es ist nicht so, dass ich mich vor diesen Postkarten fürchte. Es ist eher die Neugierde, die mich verzweifeln lässt. Keiner der bisher verfassten Texte von Frau Hangul ergab einen Sinn oder gab ihre Motivation für all das preis. Sie ist der festen Überzeugung, mich zu kennen, und, viel wichtiger, sie ist der Meinung, dass wir einen regen Briefkontakt zueinander halten, der anscheinend etwas abgeebbt ist.
Das eigentlich ärgerliche an diesen Postkarten ist, ich vernachlässige mehr und mehr die wichtigen Tätigkeiten für diese Frau Hangul. Ich sollte mich besser wieder auf die wichtigen Aufgaben konzentrieren. Sonst könnte es sein, dass ich eines Morgens aufwache und denke, ich sei ein Agent des britischen MI6, der auf eine geheime Mission nach Pjöngjang geschickt wurde und dort für Demokratie sorgen soll. Klar, wieso auch nicht? Auf so eine gewagte Idee wird wohl noch keiner gekommen sein.


15 Dezember 2013

Die Lage spitzt sich zu, 007!


>>Hast du nun komplett den Verstand verloren?<<
>>Sehe ich so aus?<<
>>Ja.<<
Ich musterte Tom, meinen Mitbewohner, argwöhnisch. Er schien besorgt zu sein. Wieso nur?
>>Kannst du dich nicht einfach damit zufrieden geben, dass dich irgendwelche Idioten aus dem Sprachkurs reinlegen? Du bist schon komplett von diesen dämlichen Postkarten eingenommen. Ich sehe doch, wie du sie jeden Abend wieder und wieder liest.<<
>>Wenn ich nicht hingehe, finde ich keinen Schlaf mehr. Ich muss das tun.<<
>>Dann wirst du einen Fehler begehen, und dir nur umsonst den Arsch abfrieren.<<
>>Keine Sorge, ich werde mich schon warm anziehen.<<

Diese Diskussion basierte auf einem Ereignis, welches vor zwei Tagen stattfand. Gemeinsam kehrten Tom, Selina und ich von der Weihnachtsfeier an unserer Uni heim. Wir machten es uns gemütlich im Gemeinschaftsraum und köpften noch eine Flasche Glühwein. Es war kurz nach 23 Uhr, da klingelte das Telefon. Keiner der beiden signalisierte von sich aus eine Geste, abzunehmen. Also opferte ich mich auf. Selina warf einen misstrauischen Blick zu Tom in die Küche rüber, der gerade den Glühwein zubereitete. Beide warfen sich nun Blicke zu, was ich sehr seltsam fand in jenem Moment. Ich versuchte jedoch ihren Blickaustausch zu ignorieren und nahm den Anruf entgegen. Erst war nur ein leises rauschen zu hören. Danach ertönte, mit furchtbar metallischem Klang, die Nationalhymne von Nordkorea -Aegukka-. Ich hörte eine Weile zu. Das ging 2-3 Minuten so. Mittlerweile kam Tom mit 3 Tassen heißen Glühwein aus der Küche zurück. Die beiden bemerkten, dass ich mich nicht unterhielt, sondern irgendwem zuhörte. Ihre Blicke, ihr Getuschel, nervte mich und ich verschwand auf mein Zimmer. Es wurde noch immer die Nationalhymne gespielt. Mittlerweile war der Gesang von Kindern zu hören. Aber wie auf Knopfdruck wurde es auf einmal ganz still. Nur noch ein leichtes rauschen war zu vernehmen. Genau so mechanisch wie die Hymne klang, ertönte nun eine Stimme. Ich umklammerte fest und voller Unglauben den Hörer. Es waren koreanische Worte, ich verstand kein Wort. Für einen simplen Scherz war das zu aufwendig.
Wenige Augenblicke später gab die mechanische Stimme geläufige deutsche Begriffe von sich. Es waren Worte wie Bäcker, Krieg, Wille, Weihnachten und Freundschaft dabei. Anschließend wurde mir folgendes gesagt: Vierundzwanzig, Dezember, Köln, Bahnhof, Gleis, Zehn, Dreiundzwanzig, Uhrzeit. Diese Worte wiederholte er fünf weitere male. Die mechanische Stimme sprach zwar die deutsche Sprache, der koreanische Akzent war aber kaum zu überhören. Es gab keinen Sprachfluss. Es klang kryptisch, es klang wie eine geheime Botschaft. Ein Kommilitone erzählte mir damals ähnliches von sogenannten Zahlensendern, die zu Zeiten des Kalten Krieges existierten und spezielle Botschaften enthielten, die nur auserwählte Spione des jeweiligen Landes entziffern konnten. Es war natürlich gut möglich das ich auf der Weihnachtsfeier schon ein Glas zu viel getrunken hatte, aber so weit würde mich mein Verstand nicht hinters Licht führen. Ich vernahm also folgendes aus diesen Worten: Am Vierundzwanzigster Dezember 2013 soll ich mich um 23:00 Uhr am Gleis 10 des Kölner Hauptbahnhofs einfinden. Für mich bestand kein Grund, nach dem Sinn zu fragen. Es war eindeutig eine Nachricht, die für mich bestimmt war. Noch einige Minuten hielt ich das Telefon fest umschlossen.

Nachdem ich mich wieder gefangen hatte, ging ich zurück in den Gemeinschaftsraum wo Tom und Selina, mittlerweile mit halb gefüllten Tassen Glühwein, auf mich warteten. Misstrauische Blicke wurden mir zugeworfen, die ich jedoch mit einer erschreckenden Abgebrühtheit konterte. Tom fragte mich, wer zu dieser Uhrzeit hier noch anrufen würde. Ich sagte, es sei der Nordkoreanische Wetterdienst gewesen, der, wie ein Wecker, zu einer speziellen Uhrzeit den Interessenten über die Wetterlage des jeweiligen Landes informiert.

>>Witzig. Sicher das du noch einen Glühwein verträgst?<<, fragte Tom.
>>Das war Andy, seine Freundin hat sich, wörtlich gesagt, abgeschossen auf der Weihnachtsfeier. Da er getrunken hat, fragte er, ob nicht einer von uns noch könnte. Ich musste ihm leider absagen.<<
>>Der Spinner weiß doch sowieso, wir drei haben nur Monatskarten für die Bahn. Sag ihm bitte das nächste mal, er soll seine Freundin mal etwas zügeln. Die war den ganzen Abend schon wieder zu anhänglich, und wenn Caroline das gesehen hätte, dann müsste ich mir wieder was anhören.<<

Es sah beinahe danach aus, als habe Selina Tom erneut einen misstrauischen Blick zugeworfen. Haben sie gelauscht? Sollte ich ihnen von dem Anruf erzählen? Aber dazu gab es keinen Grund, geglaubt hätten sie mir ja sowieso nicht. Also brauchten sie auch von dem Anruf nichts wissen. Alles an dieser Geschichte war irgendwie suspekt und surreal. Aber ich musste dieser Sache auf den Grund gehen, komme, was wolle.


20 Dezember 2013

Bond? Hier ist M. Die Welt steht vor einem Atomkrieg. Der Gegner, mit dem sie es dieses mal zu tun haben? Noch nie haben sie einen Schurken wie ihn bekämpft. Es ist.....


Meine spontane Antwort wäre Blofeld gewesen. Ich bin aber der Meinung, irgendwie wäre diese Lösung zu einfach gewesen. Fleming hat Blofeld ein wenig zu oft benutzt als Gegenspieler von Bond. Frau Hangul, die sich diesmal auf dieser Postkarte nicht zu erkennen gegeben hat (was ich ein wenig seltsam finde), meinte bestimmt Kim-Jong Un. Oh, der hätte mal was. Ein modernes kommunistisches Märchen und in der Hauptrolle Idris Elba als erster afroamerikanischer James Bond. Anscheinend ging diesmal mit mir ein wenig die Fantasie durch. In den letzten Tagen bekam ich wenig Schlaf, und auch Tom wandte sich von mir ab, während Selina nicht einmal mehr ein Wort mit mir in den vergangenen Tagen wechselte. Mein Verhalten war ihr wohl zu „Strange“, um es mal in ihre Sprache zu übersetzen. Das letzte, was Tom mich aufrichtig fragte, war, ob ich mich in Frau Hangul verliebt hätte. Ich schmunzelte und verschwand wortlos auf mein Zimmer. Bin ich wirklich in Frau Hangul verliebt? Eine Frau, die mir mysteriöse Postkarten aus Nordkorea schreibt, und die zufälligerweise alle ausschließlich in Deutschland abgestempelt wurden?
Mir fiel keine passende Antwort für Tom ein. Ich hatte mich in etwas hineingesteigert, und ich driftete ab. Noch einmal sah ich mir die neuste Postkarte vom 19 Dezember an: „Bond? Hier ist M.....“
Ich war zwar kein Experte in solchen Themen, aber selbst ein Laie erkannte, dies war nicht Frau Hanguls Schrift.


23 Dezember 2013


Keine neuen Nachrichten, Mister Bond


Einen Tag vor Heiligabend, und es schneite. Ich verbrachte den Abend mit einigen Kommilitonen auf dem Kölner Weihnachtsmarkt. Es ging recht unpersönlich zur Sache. Was erzähle ich da, es ging nur um den Glühwein und das gemeinsame Besäufnis. Ich trank meinen Glühwein (mit Rum), und schaute in den verschneiten Himmel. Aus der Ferne hörte ich Züge rauschen, und auf einmal überkam mich Fernweh, ich fragte mich jedoch, nach was genau. Wurde ich etwa sentimental?
Ich war in Gedanken versunken als eine Person sanft an meinen Wintermantel zupfte. Ich drehte mich um und sah ein weniger vertrautes Gesicht, dem ich jedoch nicht selten genug heimlich nachspioniert hatte. Es war Carina Picard (sie sagte einst, bei der gemeinsamen Begrüßung der neuen Mitglieder des Literaturkurses, sie ohrfeige jede Person für eine Star Trek Bemerkung. Sah mir nach einer komplizierten Schulzeit aus). 24 Jahre alt, zweites Semester Jura. schulterlanges, blondes Haar, sympathisches Gesicht, gerade mal um die 1,60 groß. Ihre kristallblauen Augen machten die fehlende Größe Jedoch wieder wett. Da stand sie vor mir, in ihrem schwarzen Wintermantel, ihr Kopf bedeckt von einer weinroten Wollmütze.
Meine Reaktion muss ein Reflex gewesen sein.
>>Frau Hangul?<<
>>Mister Bond?<<
Ich erschrak kurz. Das ergab doch gar keinen Sinn. Doch bevor ich nachdenken konnte, kicherte sie lieblich.
>>Verzeihung, Carina, ich war etwas in Gedanken versunken. Was führt ausgerechnet dich zu so einem Träumer?<<
Obwohl Carina und ich uns lediglich den Literaturkurs teilten, was gemeinsame Aktivitäten betraf, wusste sie, dass ich ein wenig über die Strenge schlage, was Hobby und Realität anging. Daher war sie über meinen Kommentar anscheinend auch sichtlich amüsiert.
>>Naja, die Jungs und Mädels hier haben bereits gut getankt. Hättest du was dagegen, wenn wir gemeinsam gemütlich einen Glühwein in warmer Atmosphäre trinken? Ich kenne eine gemütliche Bar.<<
Mir war Carinas Gesellschaft wesentlich angenehmer als die der männlichen Kommilitonen, und erst recht als die der weiblichen, die sich allesamt aufführten wie Grundschülerinnen. Zwar kam mir auch dieses Angebot etwas seltsam vor, aber in letzter Zeit wunderte mich einfach gar nichts mehr.
>>Sicher, ich wäre eigentlich Heim gegangen, weil ich mit den Schluckspechten hier nicht mithalten kann.<<
>>Also dann, auf gehts<<, gab Carina fröhlich von sich und wir marschierten, ohne uns zu verabschieden, davon.
Fast wortlos durchstreiften wir die Kölner Innenstadt, die beinahe einen irrealen Eindruck auf mich machte. Der heftige Schneefall und die vielen bunten Lichter bekräftigten diesen Eindruck. Mir war etwas unbehaglich, aber ich folgte ihr. Sie packte meinen rechten Arm und zog mich durch verwinkelte Gassen, die ich nie zuvor gesehen hatte. Am Ende einer langen Gasse, voll von kleinen Restaurants und Bars, machte Carina halt. Vor uns baute sich ein Leuchtschild auf: „Cologne Reloaded“. Unter der Leuchtreklame war auch der Eingang zu sehen, der in einen kleinen Keller führte. Beinahe zärtlich stieß Carina die relativ schwere Tür zur Bar auf. Wie sie es versprach, baute sich vor uns ein gemütliches Szenario auf. Es waren nur wenige Leute da, und es war dementsprechend ruhig. Wir suchten uns am ende der Bar, ganz in der Ecke, ein ruhiges Plätzchen. Ich hatte für Romantik noch nie etwas übrig, aber selbst der größte Eisblock wäre in Begleitung einer Dame bei dieser Atmosphäre geschmolzen.
Wir legten unsere Mäntel ab und machten es uns auf den gepolsterten Sitzen bequem. So ganz konnte ich es immer noch nicht fassen, Carina Picard gegenüber sitzen zu haben. Ich hoffe nicht, dass sie mich ertappt hat, als ich sie des öfteren in unserem Kurs angesehen habe. Nicht einmal Tom hatte ich was von meinem kleinen Crush erzählt, den ich für Madame Picard hegte.
Eine Dame im mittleren Alter kam zu unserem Tisch und fragte, was wir trinken möchten. >>Zwei Glühwein mit einem Schuss Sandeman Medium Dry bitte<<, orderte Carina selbstbewusst und die Bedienung zwinkerte ihr zu. Noch immer war ich ein wenig verwirrt weil mir der genaue Sinn hinter Carinas Angebot noch nicht bewusst wurde. Erneut war ich in Gedanken versunken. Als ich aber aus ihnen erwachte, sah ich Carina in voller Pracht vor mir. Jetzt, wo sie die Mütze abgelegt hatte, kamen ihre wunderschönen blonden Haare vollkommen zur Geltung. Ein paar Schneeflocken hatten sich noch immer in ihr Haar verfangen. Und als ob die Überdosis Romantik noch nicht genug war, wurde im Hintergrund dezent „Crying“ gespielt, ein Duett zwischen Roy Orbison und K.D. Lang. Ich lauschte dem Song eine weile, der ungefähr meine Stimmung widerspiegelte.

Es dauerte nur fünf Minuten bis die Bedienung mit unseren Tassen an unserem Tisch zurückkehrte. In diesen Minuten starrten wir uns an, ohne auch nur ein Wort miteinander zu reden. Als die dampfenden Tassen vor uns standen, mit dieser ungewöhnlichen Mischung an Glühwein und Sherry, brach Carina endlich das Schweigen.
>>Du hast an Heiligabend also nichts besseres zu tun als den Kölner Hauptbahnhof zu besuchen, hörte ich?<<
Und da wurde mir alles klar. Carina Picard besucht ganz zufällig den gleichen Kurs wie.....
>>Selina, oder?<<
Auf eine sehr charmante Art kniff Carina ihre Augen zusammen.
>>Dann kennst du doch schon die ganze Geschichte. Ich werde hingehen. Weder Tom, noch Selina konnten mich bisher davon abbringen.<<
Und damit wurde mir auch klar, dass Tom und Selina an dem Abend nach der Weihnachtsfeier mein Gespräch abgehört hatten, welches mich mysteriös über ein Treffen mit Frau Hangul am 24 Dezember in Kenntnis setzte. Ich war verblüfft und enttäuscht zugleich. Wir wussten, dass unser Anschluss darüber verfügte, dass wir gegenseitig unsere Telefonate monitoren können, haben uns aber geschworen, dieser Sünde zu widerstehen. Zumindest ich hielt mich immer daran, zumal ich auch nie einen Sinn darin sah, meine Freunde zu belauschen.

>>Du solltest einer Frau die Chance geben, zu Wort zu kommen<<, sagte Carina amüsiert.
Ich verzog unbeabsichtigt meine Mundwinkel.
>>Wie soll ich das denn nun verstehen?<<, fragte ich, beinahe ein wenig eingeschüchtert.
>>Diese Information habe ich nicht von deiner Mitbewohnerin. Um ehrlich zu sein, wir wechseln im Astronomie-Kurs nur selten Worte miteinander. Aber es ist nur logisch, dass du sofort an sie denken musstest. Worauf ich hinaus will, dein Date am Hauptbahnhof, du solltest dich warm anziehen. Die Personn, die du dort vorfinden wirst, lässt ihre Verabredung gerne mal warten.<<
Unweigerlich musste ich anfangen zu grinsen. Ich verarbeitete Carinas Worte, als hätte ich eine größere Menge an Daten auf eine externe Festplatte verschoben. Ich nahm einen großen, heißen Schluck aus der Tasse, stellte diese wieder ab und ließ mich von dem starken Getränk berieseln.
>>Ich verstehe<<, sagte ich. >>Wessen Idee war es, mich reinzulegen? Benedikt Schwegler? Bitte sag mir nicht es war Benedikt Schwegler. Ich garantiere dir, wenn er hinter den Postkarten steckt, ich werde ihm den Arsch aufreißen.<<
Carina schaut mich ungläubig an. Als sei sie empört darüber, dass ich mich aufrege. Sie führte ihre Tasse zum Mund und nahm einen kleinen Schluck des noch immer dampfenden Glühwein. Sie schüttelte leicht mit dem Kopf.
>>Damian Preus, kann es sein, dass dir der Glühwein nicht so gut bekommen ist? Sei doch mal ehrlich zu dir selbst, welchen Grund gäbe es, die Echtheit der Postkarten anzuzweifeln? Nun schau mich nicht so an. Ich habe dich aus einem bestimmten Grund hierher geführt.<<
Ich war naiv zu glauben eine Frau wie Carina Picard würde aus sentimental-weihnachtlichen Gefühlen mit mir in eine gemütliche Bar gehen. Mir war die ganze Geschichte allmählich zu blöd und ich kam mir auf einmal so dumm vor, mich so sehr in diese Postkarten-Affäre hineingesteigert zu haben. Die einzige Frage, die ich mir noch stellte, war, bleibe ich sitzen oder soll ich wortlos die Bar verlassen? Ich entschied mich, Carina Picard zumindest ausreden zu lassen.
>>Du musst wissen, worauf du dich da einlässt<<, fuhr Carina fort. >>Steigst du in den Zug ein, gibt es für dich erst einmal kein zurück.<<
>>Ich werde also ein Abenteuer bestreiten<<, gab ich lässig von mir, angetrieben von dem Glühwein.
>>So kann man es sagen. Ich weiß das du nichts von all dem glaubst was ich dir gerade erzähle. Aber es kommt ganz alleine auf dich an, ob du diese Geschichte für wahr oder erfunden hältst. Es gibt nur zwei Optionen für dich. Entweder du gehst, oder feierst entspannt Weihnachten.<<
Ich nickte ihr zu und speicherte auch diese Worte aufrichtig auf meine innere Festplatte.
>>Du hast die dritte Option vergessen.<<
>>Ach ja, welche denn?<<
>>Weißt du, was ein Light Gun Shooter ist?<<
>>Nein?<<, antwortete sie ehrlich.
>>Diese Titel waren damals in Spielhallen sehr beliebt. Der Spieler hielt eine Waffe aus Plastik in den Händen und durch Infrarot sendeten diese Light Guns ein Signal an den Bildschirm zurück sobald man den Abzug betätigte. So hat man seine Gegner beseitigt. Der Spieler bewegte sich aber lediglich auf Schienen. Der Weg war vorgefertigt, man konnte sich nicht frei bewegen, aber ab und an konnte man sich zwischen Route A oder Route B entscheiden. Ich befinde mich gerade auf Route A in diesem doch sehr vorhersehbaren Szenario. Aber ich weiß das es auf diesen Schienen noch eine weitere Abzweigung gibt. Manchmal hat man sogar zwischen drei Routen die Entscheidung. Es gibt mehrere Bahnhöfe. Und genau wie diese Schienen zu mehreren Bahnhöfen führen, so gibt es auch noch eine Route C. Vielleicht glaubst du, dass die Welt so einfach gestrickt ist, dass ich nur die Wahl habe zwischen „Ich gehe“ und „Ich gehe nicht“ habe. Aber die Entscheidungsfreiheit hat noch so viel mehr zu bieten als du glaubst.<<

Carina sah mich beinahe enttäuscht an und nahm einen großen Schluck von ihrem Glühwein. Dann blickte sie wieder zu mir und sah mich wortlos an. Mittlerweile hat der Barmann die Musik lauter gestellt, diesmal laufen -The Hics – Cold Air-.
>>Du irrst dich, Damian.<<
Ohne das wir viele Worte miteinander wechselten, und ich mich noch immer nach dem Sinn dieser Konversation fragte, zog sich Carina ihre Jacke an und verließ, ihre Tasse war noch halb voll, ihren Platz. Sie legte mir ihre zärtliche Hand auf die Schulter, griff in ihre Handtasche und zückte einen Briefumschlag,
>>Du solltest einer Frau die Chance geben, zu Wort zu kommen.<<
Diesmal war sie nicht amüsiert, als sie diese Worte von sich gab. Es schwang eher ein Bedauern in ihrer Stimme mit. Sie überreichte mir den Umschlag und verschwand. Ich machte keine Anstalten, ihr hinterher zu gehen. Das war doch auch meine persönliche Entscheidungsfreiheit, oder etwa nicht? Nicht einmal der Inhalt des Umschlags interessierte mich mehr. Viel zu verdutzt war ich von all der Absurdität und Sinnlosigkeit die mir die letzten Wochen widerfahren ist. Ich machte also Gebrauch von meiner Entscheidungsfreiheit und griff zu Carina Picards noch anständig gefüllter Tasse. Cheers.


24 Dezember 2013


Ich traf einmal einen Jungen, der wuchs in der Nähe von Peace Village auf. Obwohl wir aus unterschiedlichen Gesellschaftsschichten kamen, verstanden wir uns auf Anhieb bestens. Ich war gerade einmal zwölf Jahre alt und er war wohl kaum mehr als zwei Jahre älter als ich. Die Slums in diesem kleinen nordkoreanischen Dorf aus dem er stammte, wirkten arm- und trübselig. Und dennoch herrschte eine optimistische Stimmung zwischen uns. Ich weiß nicht ob ich in den Jungen verliebt war. So ein Teenager verliebt sich doch praktisch in jeden Jungen, der eine leicht rebellische Art an sich hat. Als er mich durch sein Dorf führte, setzten wir uns an einen alten Brunnen. Der junge zückte ein altes Taschenbuch in englischer Sprache aus seiner Jackentasche. Ich warf einen Blick auf das Cover. Im Vordergrund war eine Frau in leicht geduckter Haltung zu sehen. Dann sah ich eine Rakete im Hintergrund, die gerade startete. Ganz oben Links im Bild war das finstere Gesicht eines Mannes zu sehen, doch die Hälfte blieb durch die abhebende Rakete verdeckt. Ich konnte den Namen des Autors nicht lesen, aber der Schriftzug Moonraker würde mir für immer in Erinnerung bleiben. Stolz präsentierte der Junge mir, dessen Name mir nicht mehr einfällt und ich ihn somit einfach James nenne, das zerfetzte Buch. Er grinste und schaute mich hoffnungsvoll an. Ich fragte, worum es in diesem Buch ginge und wo er Englisch gelernt habe. Er klärte mich kurz über die Handlung auf und erzählte mir, er habe sich heimlich selbst die Sprache beigebracht. Zwar könne er nur schlecht Englisch sprechen, aber er würde es ziemlich gut verstehen. Er kam aus dem schwärmen gar nicht mehr raus. Er sagte, er wolle gerne einmal ein Geheimagent wie James Bond werden. Ich fragte ihn, was er als Agent so vorhabe. Ich wette, du erwartest nun irgendeine patriotische Floskel, oder? Aber dem war nicht so. James fand einfach keine Antwort auf diese Frage. Wir fingen beide an wie verrückt zu lachen, dabei wussten wir gar nicht, was so witzig an der Situation war. Ich erinnere mich noch genau an die Schneeflocken, die danach vom Himmel fielen, einige davon bedeckten das Cover des alten Buches. Ich glaube, Damian, selbst Nordkorea kann man etwas romantisches abgewinnen. Selbst wenn man sich am finstersten Ort dieser Welt befindet, kommt es doch immer drauf an, was man aus dieser Situation macht, oder?

Mit diesen Worten möchte ich mich von dir verabschieden, mein liebster Damian. Dir diese Postkarten zu schicken erfüllte meine Seele mit Glück. Ich weiß es klingt kitschig und ich übertreibe maßlos, aber ich wollte es dir unbedingt einmal gesagt haben. Ich hoffe, du wirst mich niemals vergessen. In Bester Erinnerung, Deine Hangul.


Ich habe den letzten Bus genommen, der von der Haltestelle am Studentenwohnheim abfährt. Da Morgen Feiertag ist, komme ich auch nicht vor 08:00 Uhr am morgen Tage zurück, sollte ich mich nicht entscheiden, rund 2 Stunden zu laufen.

Es ist nun 22:30 Uhr. Als ich um 22:00 Uhr das Wohnheim verlassen habe, wünschte ich Tom und Selina einen schönen Heiligabend und bin, ohne weitere Worte, gegangen. Beide nahmen mich kaum ernst und wünschten mir ebenfalls einen angenehmen Heiligabend mit den Zügen. Ich versuchte, die Bemerkung zu ignorieren, ärgerte mich aber dennoch über sie.
Der Bus ist bis auf ein älteres Ehepaar komplett leer. Es hat wieder angefangen zu schneien, und die beleuchteten Hintergründe, die sich vor mir auftun, berieseln mich auf eine seltsame weise. Ich lasse die letzten Tage noch einmal Revue passieren und komme mir erneut dumm vor. All diese surrealen Ereignisse wurden gekrönt von Carina Picard und ihren kryptischen Bemerkungen. Noch immer frage ich mich, wie konnte ich mich überhaupt darauf einlassen. Und nicht selten habe ich mir die Frage gestellt, habe ich jemals diesen Anruf erhalten? Hat das Gespräch mit Carina je stattgefunden? Hat irgendeiner meiner Kommilitonen mich mit ihr weggehen sehen? Ich traute mich nicht einen der Anwesenden vom Weihnachtsmarkt-Aufslug zu fragen. Ich wollte die Antwort einfach nicht hören. Wie Carina es mir nahelegte, habe ich mich warm angezogen. Die Kölner Innenstadt baute sich vor mir auf und funkelte genau so schön wie am gestrigen Abend. Als der Sprachcomputer des Busses die letzte Haltestelle ansagt, richte ich mich auf. Das ältere Ehepaar schien ausgestiegen zu sein, ohne das ich es bemerkt hatte. Ich richte meinen Mantel, atme noch einmal tief durch und verlasse den Bus.

Auch um 22:40 Uhr am Heiligabend herrscht noch ein überraschend reger Betrieb am Hauptbahnhof. Meine Hände in die Jackentasche vergaben, marschiere ich durch diesen riesigen Komplex. Der Kölner Hauptbahnhof hat unlängst mehr zu bieten als so manche Kleinstadt in Deutschland. Meine Blicke schweifen gelegentlich auf die ansässigen Geschäfte ab. Selbst die Imbissbuden haben noch geöffnet, und hungrig bin ich zufällig auch. Doch eine Currywurst als Weihnachtsessen? Das bringe ich wirklich nicht über mich, außerdem würde ich jetzt sowieso nichts runter kriegen. Gleis 10. Das befindet sich ganz am Ende. Es ist das vorletzte Gleis dieses Bahnhofes. Noch habe ich rund 20 Minuten Zeit. Vielleicht Zeit, mir etwas Mut aus der Tasse zu beschaffen. Ich gehe auf einen dieser kleinen Glühweinstände zu und bestelle mir einen Glühwein mit einem Schuss Rum. Die hübsche asiatische Verkäuferin schaut mich gedankenverloren an, als habe sie noch nie einen Deutschen gesehen, der sich zu solch einer Uhrzeit an so einem bedeutenden Tag an einem Hauptbahnhof aufhält. Dabei habe ich viele Europäer auf meinen Weg hierher gesehen.
Nach wenigen Handgriffen reicht mir die Verkäuferin einen Plastikbecher mit Glühwein. Er ist nicht mehr ganz so heiß das man sich an ihm verbrennt. Ich bedanke mich bei der Verkäuferin und lächle.

Ich trinke entspannt meinen Glühwein. Von irgendwo ertönt ein Song, den ich sogar recht gut kenne. Es sind die Doobie Brothers mit What a Fool Believes. Ich beginne zu lachen, der Becher in meiner rechten Hand schwingt dabei unweigerlich mit und die asiatische Verkäuferin schaut besorgt zu mir. Mit einem Handzeichen mache ich der Verkäuferin klar das alles in Ordnung bei mir ist.
Kaum ein anderer Titel würde derzeit besser zu meiner Situation passen. Ich komme mir weniger wie James Bond vor als viel mehr der Hauptcharakter in einem Film von Wong Kar-Wai zu sein. Der gutgläubige Protagonist und die mysteriöse Unbekannte.

>>Darf man mitlachen?<<

Ich war nicht wirklich vorbereitet und wusste auch nicht genau, woher die angenehme Stimme kam. Weit entfernt konnte sie allerdings nicht sein. Ich schaue mich verdutzt in alle Richtungen um, ignoriere aber das, was sich hinter mir abspielte. Und bevor ich es realisiere, zupft eine Hand an meinem Mantel. Es ist die asiatische Verkäuferin.

>>Darf man mitlachen?<<, fragt sie noch einmal freundlich und grinst dabei regelrecht. Ich hätte nach dem wortkargen Blickkontakt, den wir beide vor wenigen Minuten ausgetauscht haben, nicht einmal gedacht das sie mich überhaupt gut versteht. Nicht einmal ein Akzent war bei ihrer Frage, die sich auch noch einmal wiederholte, zu hören.

>>Gerne. Aber wenn ich dir die Hintrgründe dazu erzähle, würdest du eher schnell das Weite suchen<<, gebe ich amüsiert zurück. Sie muss ungefähr in meinem Alter sein, und denke, die Ansprache mit „Du“ passt besser.
>>Ach was, ich höre jeden Tag die seltsamsten Geschichten. Ich vertrage das.<<
Erst jetzt mustere ich die Verkäuferin genau. Sie ist um die 1,75 groß. Sie hat lange, schwarze Haare, zusammengebunden zu einem Zopf, trägt kaum Make-up, was ihre großen runden, braunen Augen gut zur Geltung bringt. Sie trägt Arbeitskleidung, und ein Namensschild auf dem Hyun steht.
Ich schaue auf die Uhr, es ist nun kurz vor 23:00 Uhr. Ich muss mich beeilen, will aber auch nicht abgedrehter wirken als ich es vielleicht ohnehin schon bin und wortlos verschwinden. Ich nehme einige große Schlucke von meinem Becher mit Glühwein und leere ihn.
>> Seit einiger Zeit erhalte ich Postkarten von einer mysteriösen Frau Hangul aus Pjöngjang. Sie hält mich für einen modernen James Bond und durch geschickte Handlungen hat sie meine Freunde manipuliert und einen Sprachcomputer auf mich angesetzt der mir mit kryptischen Botschaften dieses Date am heutigen Abend eingehandelt hat.<<
Ernst schaue ich die Verkäuferin an, doch dann brechen wir beide in Gelächter aus.
>>Frau Hangul also?<<, gibt die Verkäuferin amüsiert zurück. Ich nicke.
>>Ich muss zugeben, mit dieser Geschichte verschreckst du die Frauen eher, anstatt sie zu beeindrucken. Nur mal so als Tipp. Wann und wo soll dieses Treffen denn stattfinden?<<
Ganz schön neugierig, denke ich mir. Aber ihre lockere Art erheitert mich. Besonders nach der Unterhaltung mit Carina.
>>In wenigen Minuten auf Gleis 10.<<
>>Da fahren Heute keine Züge mehr.<<
>>nicht?<<
>>Nein.<<
Sie scheint gut informiert zu sein.
>>Ich muss wissen wer oder was da hinter steckt. Tut mir echt leid, ich muss nun los.<<
Ich werfe den Becher weg und mache mich auf zu Gleis 10, bis erneut eine Stimme ertönt.
>>Warte!<<
Ich drehe mich um, es ist schon wieder die Verkäuferin.
>>Ja?<<, frage ich etwas nervös.
>>Es ist nun 11. Ich habe Feierabend. Ich möchte dich gerne begleiten.<<
Habe ich das nun richtig gehört? Diese Frau kennt mich nicht einmal. Nicht nur locker, sondern auch leichtsinnig. Ich schaue sie erstaunt an.
>>In fünf Minuten bin ich umgezogen. Okay?<<
Ich schlucke und nicke wortlos.
Ich werde meinen Zeitplan wohl nicht einhalten können, Frau Hangul. Die Verkäuferin hat den kleinen Stand geschlossen und ich sehe wie langsam die Jalousien herunter gelassen werden.
Ich warte ungeduldig. Ich schaue erneut auf die Uhr. 23:02 Uhr. Ich bin etwas in Gedanken, da nehme ich einen süßlich-exotischen Duft wahr. Es ist die Verkäuferin die auf einmal vor mir steht. Eingepackt in einen cremefarbenen Wintermantel mit einer viel zu großer Kapuze. Dennoch steht er ihr gut. Mittlerweile trägt sie ihre Haare offen. Diese reichen ihr fast bis zum Becken. Ich muss meine Faszination für diese Frau etwas im Zaum halten.
>>Gehst du jeden Abend auf eine fremde Odyssee mit irgendwelchen Leuten, die bei dir einen Glühwein kaufen?<<
Sie lacht.
>>Nein, sicherlich nicht. Aber ich habe dich die letzten Minuten beobachtet. Deine Mimik schwankte sekündlich zwischen „Ich springe gleich von der Rheinbrücke“ und „Wenn ich heimkomme umarme ich all meine Liebsten mehrmals“. Als du angefangen hast zu lachen, hatte ich mir echt Sorgen gemacht.<<

Ich scheine wirklich einen abgedrehten Eindruck gemacht zu haben.
Aus der Ferne ist bereits die Aufschrift 10 zu sehen.
>>Oh, das mit der Rheinbrücke hätte ich erst nach diesem Abend erwogen<<, sage ich aus Spaß was sie gleichzeitig zu verstören und amüsieren scheint. >>Und du hast am Heiligabend nichts weiter vor, als Glühwein zu verkaufen?<<
>>Meine Familie macht sich nichts aus Weihnachten, und ich habe damit ebenfalls nicht viel am Hut. Allerdings langweile ich mich schon den ganzen Abend. Viel los war nicht.<<
Um Punkt 23:05 erreichen wir das einsame Gleis 10. Wenn Frau Hangul ihre Verabredungen gerne warten lässt, dann wird diese kleine Verspätung wohl nicht weiter relevant sein.
Wir marschieren die Treppe hinauf. Ein kühler Wind weht uns entgegen. Es hat noch heftiger begonnen zu schneien. Ich blicke mich um und sehe einen Intercity vor uns, der genau so einsam wie dieses Gleis die Schienen beherbergt.
>>Siehst du. Deswegen fahren hier Heute Abend keine Züge mehr. Der ist liegengeblieben.<<
Auch die elektronische Anzeige über uns scheint bereits einige Glühweine getrunken zu haben, sie zeigt nämlich nur wirr angeordnete Buchstaben und Zahlenreihen an. Bis auf die Verkäuferin und meine Person ist weit und breit keiner zu sehen. Etwas besorgt schaut mich die Verkäuferin an.
>>Da hinten ist eine Bank, setzen wir uns.<<
Ich nicke ihr zu und wir bewegen uns auf die Bank zu.
Wir haben es uns halbwegs bequem gemacht und sehen den Schneeflocken dabei zu, wie sie die Gleise weiß färben. Der Anblick auf das beleuchtete Köln hinterlässt einen unrealistischen Eindruck auf mich. Wortlos schauen wir uns das Treiben der Schneeflocken an und wechseln kein Wort miteinander. Die Minuten vergehen und ein Anflug der Enttäuschung überkommt mich. Es ist die Verkäuferin die mich aus meiner Melancholie reißt und mir einen Becher mit einem Heißgetränk hinreicht.
>>Nimm schon<<, sagt sie in einem freundlichen Tonfall und reicht mir den Becher. Es ist Glühwein. Ich bedanke mich bei ihr.
>>Erfrieren werden wir hier nicht. Ich habe eine ganze Thermoskanne davon in meine Tasche gepackt.<<
Schweigend trinken wir unseren Glühwein und schauen auf die Skyline von Köln. Zumindest auf das davon, was sich vor uns aufgebaut hat. Gleich halb 12. Mein Blick geht abwechselnd auf die elektronische Anzeige, die Abfahrt und Ankunft der Züge anzeigt, und den einsamen Intercity, der seine Fahrt nicht mehr aufnehmen kann. Er fühlt sich vermutlich gerade genau so leer wie ich. Aber noch will ich nicht aufgeben.
>>Ich denke, die Geschichte ist weitaus unspektakulärer ausgegangen als du angenommen hast<<, sage ich und breche das Schweigen. Sie streckt sich und kichert.
>>Du bist nicht schon einmal auf die Idee gekommen, dass dich wer verarscht haben könnte?<<
Als sie das sagte, habe ich vor lauter Schreck beinahe meinen Becher fallen lassen. Diese Frau, die ich gerade erst kennengelernt habe, hat mich auf das Offensichtlichste aufmerksam gemacht. Obwohl es zuvor zwei gute Freunde von mir taten, war ich verblendet von irgendwelchen Postkarten und Kommilitonen, die vermutlich nur einen Teil ihrer Rolle für dieses Theaterstück spielten. Ob ich jemals den Regisseur hinter all dem kennen lernen werde, bleibt abzuwarten. Ich ärgere mich nur über mich selbst, dass ich nichts anderes getan habe, als mich für Route A zu entscheiden. Oder habe ich mich, ohne das es mir wirklich aufgefallen ist, bereits für eine andere Route entschieden? Was erwartet mich? Das Good Ending? Das Bad Ending oder vielleicht sogar das Comedy Ending? Letzteres wird dann wohl so auffallen das auf einmal die Lichter in diesem trostlosen Intercity angehen, Meine Kommilitonen aus dem Zug gestürmt kommen, und die asiatische Verkäuferin neben mir ihre Maske abnimmt, und das Gesicht von Carina Picard zum Vorschein kommt.
>>Nun, ich habe ein Fable für abstrakte Geschichten<<, sage ich zu ihr und grinse ebenfalls.
>>Ich heiße Damian.<<
>>Ich bin Hyun-Jin. Das hast du vermutlich auf dem Namensschild schon gesehen. Die Kurzform reicht aber.<<
Hyun-Jin. Klingt nicht ganz so einfach wie Hangul, aber wesentlich schöner.
Nach knapp 30 Minuten des Schweigens zeigt der Glühwein allmählich seine Wirkung und wir beide haben uns in ein ausführliches Gespräch vertieft. Dabei reden und lachen wir wie zwei gute Freunde, die sich zwar noch nie gesehen haben, sich aber seit vielen Jahren Postkarten schreiben. Die Zeit verrennt und im Intercity bleibt es dunkel. Lediglich bei der elektronischen Anzeige hat sich mittlerweile was getan, diese wurde nämlich ausgeschaltet.

Das Schneetreiben wird heftiger doch der Glühwein hält uns warm. Ich glaube, ich bin ein wenig beschwippst. Ich schaue auf die Uhr, 0:30. Frau Hangul scheint einen echt gerne warten zu lassen.
Im Gespräch hat mir Hyun erzählt, dass sie seit über 15 Jahren in Deutschland bei einer Pflegefamilie lebe. Sie war über meine Geschichte deshalb so verblüfft, weil ihre leiblichen Eltern aus Nordkorea stammen. Die Gründe, wie sie genau nach Deutschland kam, wollte sie mir jedoch nicht nennen. Sie lebt zwar hier in Köln, studiert aber Sprachwissenschaften in Düsseldorf.
>>Es ist nun kurz vor 1. Glaubst du wirklich, deine Frau Hangul wird noch auftauchen?<<
>>Eigentlich habe ich nicht einmal dran gedacht, als ich mein Studentenwohnheim verlassen habe und in diesen Bus gestiegen bin. Ich weiß selbst nicht so wirklich, warum ich hier bin.<<
>>Was tun wir dann noch hier? Mit wird kalt, und ich wohne nicht sehr weit vom Bahnhof entfernt. Du kannst bei mir bleiben, bis die Busse wieder fahren, oder sogar zum Frühstück, falls du magst.<<
Ein verlockendes Angebot. Zu verlockend? Ich weiß nicht ob es der Alkohol ist oder eine Stimme, die der Wind mit sich weht, und mir sagt das hier etwas ganz und gar nicht in Ordnung zu sein scheint. Aber ich kann noch nicht genau ausmachen, was genau es ist.
>>Du hast recht. Ich habe aber eine Bitte. Lässt du mich noch eine halbe Stunde allein? Du musst mir nur mitteilen wo du.....<< da unterbricht sie mich schon.
>>Ich weiß was du sagen willst. Du hast einige anstrengende Tage hinter dir und möchtest nun mit dieser Geschichte abschließen. Ich will sowieso noch etwas Glühwein aufwärmen. Der Stand gehört meinem Stiefvater, ich kann rein und rausgehen wann ich will. Ich werde noch etwas Glühwein aufwärmen, dann treffen wir uns um halb 2 wieder am Stand und gehen gemeinsam zu mir.
>>Klingt super<<, sage ich.
>>Frohe Weihnachten, Damian<<, sagt sie und streicht mit ihrer behandschuhten Hand durch mein Gesicht. Ich zucke vor Überraschung zusammen. Diese Geste kam mir sehr bekannt vor. Doch auch diese Geste kann ich gerade nicht zuordnen. Es fällt mir überhaupt schwer, klare Gedanken gerade zu fassen. Wieso fühle ich mich zu einer Frau so dermaßen hingezogen, die ich gerade erst kennen gelernt habe?
>>Dir auch. Und danke das du mit mir hier ausgeharrt hast.<<
Hyun zwinkert mir zu und schon bald ist in der Finsternis nur noch eine Silhouette zu erkennen, bis sie auf einmal ganz verschwunden ist.

Ich atme die kalte Winterluft ein und lasse die letzten Tage und Wochen Revue passieren. Die Luft und der Alkohol haben mich so müde gemacht, ich könnte sofort einschlafen. Aber Geheimagenten dürften nicht so einfach einschlafen. Ich habe jegliches Zeitgefühl verloren. Ich schaue erneut auf meine Uhr. 23:05 Uhr. Ich erschrecke, zucke noch einmal heftigst zusammen. Was zur.....?
Ich stehe auf und bemerke das der Bahnsteig sich verändert hat. Da, wo gerade noch Hyun die Treppen hinuntergestiegen ist, ist nur noch eine von schneebedeckte Fläche. Ich laufe den Bahnsteig rauf und runter, doch es gibt keinen Ausgang mehr.
>>Hallo? Ist noch jemand da?<<
Ich rufe. Vergeblich. Was soll ich nur tun. Bin ich eingeschlafen und träume? Ich werde von irgendwas geblendet. Es ist die elektronische Anzeige, die wieder eingeschaltet ist. Die wirr angeordneten Buchstaben und Zahlenreihen sind wieder da. Aber es tut sich was. Sie setzen sich zu etwas zusammen.

Intercity A90 Nach Pjöngjang
Abfahrt 23:30
Ankunft Unbekannt

Nur wenige Sekunden später gehen die Lichter in dem mit Schnee bedeckten Intercity an. Mittlerweile hat sich ein so starker Nebel auf dem Bahnsteig gebildet, dass ich kaum noch was erkennen kann. Es ertönt die Durchsage einer Frau. Ich verstehe jedoch kein Wort da sie koreanisch spricht. Ein heftiger Schauder überkommt mich. Ich laufe zu dem Intercity, dieser öffnet bereits seine Türen. Alle fünf Waggons sind mittlerweile beleuchtet. Ohne mir weitere Gedanken über das Spektakel hier draußen zu machen steige ich in den Zug. Zumindest dieser ist eingerichtet wie ein gewöhnlicher Intercity. Der Nebel draußen ist nun so stark das ich nichts mehr erkennen kann. Ich muss wissen, was hier vor sich geht. Doch wo soll ich hin? Ich kämpfe mich bis Abteil 1 durch, doch keine Menschenseele ist zu sehen. Keim Kommilitone wäre zu solch einem aufwendigen Spektakel fähig. Resigniert setze ich mich auf einen der Sitze. Erneut ertönt eine Durchsage in koreanischer Sprache. Und mit der Beendigung dieser Worte schließen sich alle Türen. Selbst wenn ich jetzt noch raus wollte, draußen kann ich nichts mehr sehen. Also bleibe ich sitzen und warte was passiert. Ja, genau, genau das werde ich tun. Unter mir bemerke ich leichte Bewegungen, ich spüre, das dieser Zug sich bewegt. Der Nebel der sich vor mir aus dem Fenster erstreckt zieht auf einmal wie ein Windstoß an mir vorbei. Dieser Zug beginnt seine Reise. Ich kralle mich an die Sitze, Angst überkommt mich und alle möglichen Gedanken spuken mir durch den Kopf. Aber sind das wirklich meine Gedanken, oder sind es die einer anderen Person?

Ich wende den Blick von dem Fenster ab und habe nicht bemerkt das mir mittlerweile jemand gegenüber sitzt. Es ist eine Frau. Eingehüllt in einem Schwarzen Kleid, lange Haare so Schwarz wie die Nacht. Ihre Augen sind bedeckt von einer großen Sonnenbrille. Abgerundet wird all das durch einen eleganten Damenhut. Zwar kann ich nicht in ihre Augen sehen, aber es besteht kein Zweifel, dass auch sie ist Asiatin ist. Sie lächelt mir zu. Es ist ein angenehmes lächeln was mir ein wenig Trost spendet in diesen fürchterlichen Augenblicken. Ich kralle mich noch immer am Sitz fest und wage es nicht zu sprechen.

>>Es tut mir leid Damian, ich habe mich verspätet. Ich hoffe, du hattest gute Gesellschaft.<<
Ich kann nichts weiter tun außer zu nicken.
>>Bitte, entspann dich<<.
Die Stimme dieser Frau klingt sanft und wirkt gleichzeitig beruhigend. Ich lockere meine angespannte Haltung und löse die Hände vom Sitz.
>>Sehr gut.<<
>>Was geht hier vor sich?<<
>>Was glaubst du?<<
>>Schluss damit. Ich will wissen was die letzten Wochen und Heute los war. Stehe ich unter Drogen? Was war in diesem Glühwein. Glauben sie, ich weiß nicht, dass mir irgendwer was untergemischt hat?<<
>>Beruhige dich Bitte, Damian<<, redet sie auf mich ein. >>Möchtest du, dass ich dir alles erkläre? Antworte nur mit Ja oder Nein.<<
Ich gebe auf. Rebellieren führt zu nichts.
>>Gut. Je mehr ich dir das, was ich dir nun erzähle, fortführe, umso mehr wirst du dich selbst erinnern können. Zuerst einmal, es war nicht leicht, dich zu erwischen. Ich habe es mit Postkarten versucht, mit einem Anruf und mit Freunden von dir. Aber du hattest immer noch Zweifel in dir und wärst niemals in diesen Zug gestiegen. Zu viele Gedanken plagten dich noch, und du konntest nicht loslassen. Aber gewisse Dinge mussten einfach geschehen, damit du Sie noch einmal wiedersehen konntest. Und ich bin froh, dass es geklappt hat.<<
>>Sie?<<, frage ich, völlig perplex.
>>Hast du es immer noch nicht begriffen? Die Berührung? Dieser Moment kam dir doch vertraut vor. Hier, schau dir das an.<<

Die Frau vor mir reicht mir ein Foto. Skeptisch nehme ich es entgegen. Ich betrachte es. Meine Hände fangen an zu zittern. Meine Augen.....
Und dann kann ich mich nicht mehr halten und lasse den Tränen ihren freien lauf.
Ich kenne diese Frau auf dem Foto. Aber wieso berührt mich das so? Das ist..... Hyun-Jin. Nur viele Jahre älter. Von ihrer Schönheit hat sie kaum etwas eingebüßt.
>>Was soll das?<<
>>Möchtest du den Sinn hinter all dem nun hören? Möchtest du wissen, was mit dir vorgeht. Bedenke. Sobald du die Wahrheit akzeptierst, gibt es kein zurück mehr. Erinnerst du dich noch, als du von Routen gesprochen hast, die du einschlagen kannst? Man hat oft in seinem Leben mehr als eine Route, der man folgen kann. Es gibt vorgegebene Wege, und Wege, die man frei wählen kann. In diesem Falle hast du aber nur 2 Routen, die dir zur Verfügung stehen. Eine lange Zeit hattest du jedoch nur eine. Nun kannst du dich entscheiden. Möchtest du wissen was hier vor sich geht, oder nicht? Entscheidest du dich für Ja, wird dieser Zug seinen Weg fortsetzen. Entscheidest du dich dagegen, bist du hier in wenigen Minuten wieder raus.<<
Ich kralle mich erneut an dem Sitz fest. Ich will endlich wissen, was hier vor sich geht. Egal wie unangenehm die Wahrheit sein wird.
>>Erzähl mir alles.<<

>>Ich freue mich über deine Entscheidung, Damian. Diese Geschichte begann vor über 27 Jahren in Köln. Ein Mädchen, ein Flüchtling aus Nordkorea, lernte einen aufgeweckten Jungen kennen. Sie war zwölf, er vierzehn. Das Mädchen hatte nicht viele Freunde in ihrer neuen Heimat und verbrachte häufig ihre Zeit alleine auf dem Spielplatz in der Nähe des Mehrfamilienhauses, in dem es mit ihren Eltern wohnte. Der aufgeweckte Junge schloss jedoch schnell Freundschaft mit dem Mädchen, welches so große Probleme mit der deutschen Sprache hatte. Von Tag zu Tag kamen die beiden aber besser miteinander zurecht. Der Junge war ein großer Fan von einem Geheimagent namens James Bond. Jeden Tag, egal welche Jahreszeit herrschte, las der Junge ihr aus Moonraker vor. So lange, bis das Mädchen allmählich die Texte verstand. Natürlich war das Mädchen nicht dumm, und jeden Abend las es und hat viel Arbeit investiert, sich die deutsche Sprache so gut es ging anzueignen. Man konnte nicht sagen, dass die Aussprache gut war, aber die kleine verstand das meiste. Drei Jahre pflegten der Junge und das Mädchen eine aufrechte Freundschaft, und als er siebzehn und sie fünfzehn war, bemerkten sie, dass sie mehr füreinander empfanden. Die beiden gestanden sich gegenseitig ihre Zuneigung, die jeder für den anderen hegte. Aber viele Liebesgeschichten haben meistens kein Happy End, und so kam es, dass das Mädchen in ihre Heimat zurückkehre, nach Korea. Allerdings nach Seoul, Südkorea. Die beiden schworen sich, den Kontakt zu halten. Erst waren es Briefe, später aber gab es einfachere Möglichkeiten wie Mails oder Skype. Beide gingen ihren Weg, verloren sich aber nie aus den Augen. Die strenge Hand des Vaters verbot dem Mädchen aber, die Heimat zu verlassen. Der eigenwillige Junge verlor über die Jahre etwas seine Unbekümmertheit. Aus Freundschaften machte er sich auf einmal nicht mehr so viel, und obwohl er bei den Mädchen nicht unbeliebt war, war er nicht an Beziehungen interessiert. Nur das Mädchen aus Nordkorea interessierte ihn. Einige Jahre später; der Junge studierte bereits, und auch das Mädchen studierte, und zwar Sprachwissenschaften. Deutsch sprach sie mittlerweile fließend. Als das Mädchen dem Jungen sagte, sie werde ihr Studium in Deutschland fortsetzen, nämlich in Düsseldorf, freuten sich die beiden übermäßig. Nach so vielen Jahren würden sie sich endlich wiedersehen. „Hättest du nicht schon Lust, wenn ich dich Weihnachten besuchen würde?“, fragte das Mädchen den Jungen. Dieser willigte überglücklich ein. Es sollte der 23 Dezember 2013 werden, durch einen Schneesturm flog die nächste Maschine aber erst später ab und so verschob sich der ohnehin schon lange Flug auf den 24 Dezember. „Auf einen Tag kommt es auch nicht mehr an“, sagte sich der Junge. Am Hauptbahnhof Köln sollte sie jener Junge abholen, doch dieser ist nie zum angegeben Treffpunkt aufgetaucht. Denn wie so viele Liebesgeschichten hatte auch diese kein Happy End. Erneut. Der Junge traf am Abend am 23 Dezember eine Kommilitonin auf dem Weihnachtsmarkt. Diese konnte ihn noch zu mehreren Glühweinen in einer gemütlichen Kneipe überreden. Der Junge trank vielleicht eine oder zwei Tassen zu viel. Doch den Treffpunkt am morgigen Abend würde der Junge nie vergessen. Hauptbahnhof Köln, 23 Uhr, Gleis 10. Es könne auch etwas später werden, sagte das Mädchen aus Korea ihm. Der Junge und die Kommilitonin verließen die Kneipe, verabschiedeten sich und jeder ging seines Weges. Der Junge war etwas unsicher auf den Beinen, und draußen herrschte Glatteis. Das Wetter war diesen Winter unbeständig und es war häufig nasskalt, anstatt das es, wie üblich im Winter, schneite. Wie der Zufall es so wollte, knickte der Junge auf dem Weg zu seinem Studentenwohnheim um. Es war ein ganz gewöhnlicher Sturz, kaum der Rede wert. Es war nur eine kleine, falsche Bewegung. Allerdings war die Landung das Problem. Der Junge schlug sich fürchterlich seinen Kopf auf, verlor das Bewusstsein und sollte es niemals mehr zurückerlangen. Dieses Unglück ereignete sich vor über 15 Jahren. Heute ist der 24 Dezember 2028, und noch immer findet der Junge keine Ruhe. Das Mädchen wurde mittlerweile zu einer Frau, und noch Heute besucht sie den Jungen, der nun im Körper eines erwachsenen Mannes lebt, häufig an seinem Krankenbett. Mittlerweile hat der Junge sich aber so sehr verlaufen, dass er in einen Strudel geraten ist, aus dem es kaum noch ein Entkommen gibt.<<

Ich vernehme ein rauschen. Es ist ein sehr angenehmes rauschen. Der Zug fährt weder zu schnell, noch zu langsam. Es ist genau richtig so. Mir laufen noch immer Tränen die Wange herunter. Aber es ist nicht schlimm, denn ich weiß endlich, woher sie kommen. Es sind meine Tränen. Und es sind meine Gedanken. All das gehört mir. Ich bin erleichtert, erleichtert all das endlich wieder zuordnen zu können. Dabei war es so einfach. Natürlich, das Mädchen aus Pjöngjang, das war Hyun. Und die Frau, die da gerade vor mir sitzt, ist keine geringere Person als Frau Hangul. Die Frau, warum ich überhaupt all das hab über mich ergehen lassen.

Frau Hangul lächelt. Mit ihrer rechten Hand streicht sie mir die Tränen aus dem Gesicht. Dann nimmt sie endlich ihren Hut und ihre Sonnenbrille ab. Dann werden auch ihre Augen glasig. Und Tränen scheint diese Frau schon häufig vergossen zu haben. Hyun hat sich kaum verändert. Natürlich, sie ist fraulicher geworden, aber das steht ihr echt gut. In dieser Erscheinung müsste sie, sollte sie mir die Wahrheit gesagt haben, Ende Dreißig sein.

>>Hätte ich mich für die andere Option entschieden, wäre alles so weitergegangen wie bisher, habe ich recht?<<
Frau Hangul, ich meine, Hyun, nickt.
>>Ja. Sobald du dein Schicksal nicht akzeptierst, startet deine Welt neu, und du reist 9 Monate zurück. Dabei erlebt du nicht immer die gleichen Dinge. Nein, du siehst andere Leute, führst neue Unterhaltungen, etliche Ereignisse spielen sich anders ab. Aber am Ende wirst du immer wieder einsam am 24 Dezember 2013 am Kölner Hauptbahnhof sitzen. Kurz nachdem der neue Tag anbricht, wachst du wieder im Studentenwohnheim auf, und nimmst die erste Postkarte in Empfang.<<

Hyuns Worten ist nichts mehr hinzuzufügen. Ein anderes Ich von mir, mein wahres Ich, steckt nun also in dem Körper eines Mannes, der sich in seinen Vierzigern befindet. Seit 15 Jahren im Koma. Eine Information, die man mir anscheinend sehr lange vorenthalten hat.
>>Verdammte Carina Picard<<, lache ich und schließe meine Augen dabei. Da sind sie alle wieder. Meine Erinnerungen. Das war der Abend an dem ich Carina Picard hätte abschleppen können. Aber es bestand kein Zweifel darin, dass ich mich dagegen entschied. „Du solltest einer Frau die Chance geben, zu Wort zu kommen.“ Mehrere male wollte sie mir irgendwas wichtiges an diesem Abend erzählen, aber ständig unterbrach ich sie. Wieso habe ich das getan? Seltsam, diese Erinnerung fehlt mir. Als ob jemand diese Datei gelöscht hat.

Zumindest ein letztes mal will ich Hyun berühren. So viele Jahre musste ich warten. Ich strecke meinen Arm aus und will ihre Hand greifen, doch sie zieht sie weg.

>>Es geht nicht. Es war schon zu viel, dich zu berühren. Ich mag zwar so aussehen wie die echte Hyun-Jin, und ich mag ihre Erinnerungen beherbergen, aber dennoch bin ich praktisch nichts als ein böser Geist, der deine Welt zerstört. Ich weiß nicht was bei einer weiteren Berührung passieren würde.<<

Ich nicke zustimmend. Eine Frage interessiert mich dennoch.
>>Sag mir, weißt du denn, was die echte Hyun momentan tut? Wie geht es ihr<<
>>Die Antwort würde dich nur noch trauriger machen.<<
Ich lächle, und es ist aufrichtig.
>>Hyun, ohne dich würde ich immer noch wie ein Zombie durch einen Traum wandeln. Es gibt nichts mehr, was mich noch traurig machen könnte. Ich möchte endlich aus diesem nicht enden wollenden Alptraum aufwachen. Aber ich möchte noch so viel erfahren. Verrate mir wenigstens, wie es der echten Hyun geht.<<
>>Leider darf ich dir nichts über die Welt aus dem Jahr 2029 erzählen. Aber, ja, ich kann dir sagen was die echte Hyun-Jin tut. Sie hat eine eigene Firma gegründet, und davon sogar eine Zweigstelle in Seoul eröffnet. Sie ist erfolgreich und verdient auch eine menge Geld. Unter anderem finanziert sie auch das Pflegeheim, in dem du gerade liegst, und so ruhig auf deinem Krankenbett verweilst, als würdest du nur einem leichten Schlaf nachgehen. Hyun hat einen Mann aus Seoul geheiratet und gemeinsam haben sie drei Kinder. Zwei davon sind Mädchen.<<
3 Kinder? Da war sie aber ziemlich tüchtig.
>>Verstehe. Vielen Dank für die Informationen. Eine letzte Frage. Du bist nicht die echte Hyun, aber ein Abbild von ihr. Wie kommst du in diese Welt?<<
Sie schaut mich verlegen an.
>>Ich habe zwar auch meine eigenen Gedanken, aber größtenteils bin ich die Manifestation der Gedanken aus der Vergangenheit und Gegenwart von dir und Hyun-Jin. Es sind die Erinnerungen von dir an Hyun-Jin aus eurer Kindheit, und Hyun-Jins jetzige Erinnerungen, die dich, obwohl du im tiefsten Koma liegst, dennoch erreicht haben. Sie hat dir häufig aus Moonraker vorgelesen. Es war diese Geste aus eurer Kindheit, die sie niemals vergessen wird.<<
Noch einmal muss ich schlucken. Aber ich habe nun genug gehört.
>>Ok. Verrate mir, wie ich diesen Alptraum endlich beenden kann.<<
>>Gerne. Die Voraussetzungen hast du alle bereits erfüllt. Wenn du endgültig bereit bist, schließe deine Augen. Dann werde ich diesen Zug verlassen. Du allerdings wirst sitzen bleiben, deine Augen geschlossen halten und bis zur Endstation fahren. Du wirst allmählich müde werden und deinen wohlverdienten Schlaf finden. Eine lange Zeit ist vergangen, Damian, Zeit, diesen anscheinend nicht enden wollenden Alptraum zu beenden.<<
>>Ich bin bereit<<, sage ich zu Hyun und schaue sie noch einmal an. Speichere dieses Bild auf eine externe Festplatte mit der Hoffnung, sie noch einmal irgendwann wiederzusehen. Sie steht auf, macht sich zum Abschied bereit, will mich mit ihrer Hand noch einmal berühren, lässt von diesem Gedanken aber ab, weil sie die Konsequenzen nicht kennt und verlässt mit einem hoffnungsvollen Gesichtsausdruck das Abteil. Und auch ich halte mich an die Regeln. Ich schließe meine Augen. Der Zug nimmt allmählich an Fahrt auf. Ich bemerke ein leichtes ruckeln, doch es fühlt sich angenehm an. Ich werde schläfrig, kann kaum noch klare Gedanken fassen. Immer schneller fährt der Zug zu einer mir unbekannten Destination. Noch immer muss ich an die Postkarten von Frau Hangul denken. Wer sie wohl war? Und wieso schreibt sie so mit mir, als würde ich sie schon Jahre kennen? Doch bevor ich mir darüber Gedanken machen kann, bin ich in einen tiefen Schlaf gefallen.


25 Dezember 20XX


Ich schrecke auf. Es kommt mir vor als wache ich aus einem Traum auf, der viele Jahre andauerte. Ich fühle mich schlapp, völlig mitgenommen. Dabei sollte ich doch eigentlich erfrischt sein. Ich habe Probleme, mich aufzurichten. Meine Knochen fühlen sich hart wie Blei an. Der Raum ist relativ dunkel, ich erkenne kaum etwas. Auf meiner Bettdecke erblicken meine noch immer in Schlaf getränkten Augen etwas. Es sieht aus wie eine Karte, ja, eine Postkarte. Ich strecke meinen Arm zu ihr aus und mit aller Kraft, die ich gerade besitze, greife ich mir die Postkarte. Sie ist völlig weiß, lediglich ein kleiner Text ist darauf geschrieben. Ich versuche, die Poststempel zu erkennen. Einer scheint aus Deutschland zu stammen, doch die anderen kann ich nicht zuordnen. Diese Postkarte scheint viele Länder gesehen zu haben. Der Text. Was steht da bloß drauf? James? James..... kehrt. Der Text, irgendwie kommt er mir so bekannt vor. Ja, nun erkenne ich, was da steht. „James Bond kehrt zurück in: Kommunistische Grüße aus Berlin“.
Ich muss lachen, weiß aber nicht einmal, wieso. Ich lege die Postkarte zurück auf die Bettdecke und muss mich nun erst einmal sammeln. Ich bin sicher, dass ich dem Inhalt dieser Postkarte nachgehen werde, aber erst einmal muss ich es schaffen, dieses Bett zu verlassen. Sieht ganz so aus als müssten auch Geheimagenten erst einmal kleine Dinge verrichten, bevor sie sich den großen widmen können.


Ende

Autor: Aufziehvogel

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