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Mittwoch, 9. April 2014

Dorothee Elmiger: Schlafgänger (Rezension)







Schweiz/Deutschland 2014

Schlafgänger
Autorin: Dorothee Elmiger
Erscheinungsjahr: 2014, DuMont Buchverlag
Genre: Philosophie, Zeitgeist



"Ich stellte erstmals eine Veränderung fest, als ich nachts durch eine Großstadt fuhr, sagte der Logistiker, ich war zu jenem Zeitpunkt dreiundzwanzig Jahre alt, und bei der Stadt muss es sich um Berlin gehandelt haben. Ich sah die Lichter der Stadt, die magischen Lichter, aber sie bedeuteten mir nichts. Später dieselbe Erfahrung an anderer Stelle: Ich rechnete stets mit allem, nichts erstaunte mich, nicht der tote Passagier in der U-Bahn, der plötzlich in sich fiel zwischen zwei Haltestellen - der Kopf sank tief zwischen die Schultern, der Brustkorb, leer, faltete sich leise pfeifend zusammen -, auch nicht die unvermittelte Aussicht über die karge Wüste, die sich vor einem Busfenster entfaltete, erstaunte mich, still, den Rucksack eng an meine Brust gedrückt, saß ich da, nicht ein nackter Körper neben mir, der einer Frau gehörte oder einem Mann in einem Zimmer hoch über den engen neapolitanischen Straßen, nicht jene Momente, als ich in den Großstädten durch unauffällige Eingänge in versteckte Räume gelangte, in denen sich alles Mögliche ereignete: Nichts wunderte mich, alles nahm ich nur zur Kenntnis.
Sie verspürten keine Angst?, fragte Frau Boll. Antwort: Selten.
Ich fürchtete mich nicht, weil ich ja wusste, dass die Zeit verging. Ich wartete alles ab, und alles ging vorbei, jeder Moment, alles war zufällig so oder hätte auch anders kommen können. Die Bäume trugen ihr Laub oder sie warfen es ab, ich saß an diesem Tisch oder an jenem und sagte ein Wort im Gespräch oder tat es nicht, der Bratschist hielt den Ton lange oder spielte ihn kurz, der Journalist stand an diesem oder jenem Tag auf oder er entschied sich dagegen, blieb liegen und schrieb kein Wort. Und die Zeiten: Flut oder Ebbe, und ein Leck wurde versiegelt oder es blieb bestehen, die Kühlkette wurde eingehalten oder nicht, der Automobildienst fuhr in einen Pfeiler und er lebte oder er starb, die Sonne wurde vom Mond verfinstert oder der Mond von der Erde, und die Lichter der Hochhäuser schienen oder sie gingen aus."
(Dorothee Elmiger, Schlafgänger, DuMont Buchverlag)


Was genau ist Schlafgänger für ein Roman? Oder die bessere Frage wäre: Wer oder was sind die Schlafgänger? Zumindest auf die zweite Frage fand ich eine Antwort. Die erste Frage kann ich jedoch versuchen, zu beantworten. Was ist Schlafgänger denn nun für ein Roman? Schlafgänger ist ein Roman, der Philosophie und den Zeitgeist unser Generation miteinander verknüpft. Mit nicht einmal 150 Seiten scheint es, als würde der Roman der jungen Schweizerin Dorothee Elmiger (geboren 1985) das Gewicht der Welt stemmen. Ein Atlas im Miniaturformat, wenn man es genau erklären möchte.
Denn was Dorothee Elmiger hier geschrieben hat ist kein philosophisches Möchtegern-Geschwafel eines gelehrten, der mit Fremdwörtern hantieren will, sondern der Versuch, unsere Welt zu erklären. Und die Autorin versucht gar nicht erst, eine Antwort auf die Fragen des besagten Zeitgeistes zu finden, sondern sie diskutiert, und der Leser kann sich, wenn er mag, an dieser Diskussion beteiligen, auch wenn dieser genau so wenig Antworten finden wird, wie die schlaflosen Protagonisten in der Geschichte.

Da ich, aufgewachsen im Ruhrgebiet, nicht wirklich mit der Schweizer Grenze und ihrer Geschichte vertraut bin, habe ich mich ein wenig schlau gemacht. Und (nun kommt die Erklärung für die Schlafgänger), habe prompt gefunden, was diese Schlafgänger denn überhaupt sind, denen die Autorin diese Geschichte gewidmet hat. Es war die Rezension des Spiegels zu Schlafgänger, die diesen Begriff sehr zufriedenstellend erklären:

Es war einmal eine Zeit, im 19. Jahrhundert, da zogen Zehntausende Glücksritter in die Großstädte der Industrialisierung: nach Berlin, München, Frankfurt, Wien, Zürich. Es waren Landflüchtlinge, die Arbeit suchten und meist auch fanden, irgendwie. Was sie nicht fanden, war eine eigene Wohnung, und so wurden die Neuankömmlinge zu sogenannten Schlafgängern: flüchtigen Existenzen, die sich stundenweise das Bett eines anderen Menschen mieteten, sich dieses Bett oft sogar noch schichtweise mit einem Kollegen teilten.
(Zitat: Rezension zu Schlafgänger auf Spiegel.de)

Eine fortlaufende, Handlung in Schlafgänger, der allseits bekannte Rote Faden, den gibt es in dieser Geschichte nicht. Zumindest nicht im klassischen Sinne. Auf den ersten Seiten erzählt eine Übersetzerin über einen Traum, den sie einmal im Schlaf erlebte. Sie berichtet auf eine bedrückend schöne art, wie sie träumte, dass das europäische Gebirge (in diesem Falle meint sie mit großer Wahrscheinlichkeit das Schweizer Gebirge) in sich zusammenbricht. Alles vor ihren Augen. Still schaut sie zu. Als hätte jemand den Ton ausgeschaltet. Beinahe wie in Zeitlupe bricht die ganze Szenerie in sich zusammen. Bereits nach dieser kurzen Einführung wird der Leser in eine Diskussion eingeladen, die sich beinahe auf 150 Seiten erstreckt. Eine Diskussion, von einer Gruppe anscheinend wahllos zusammengewürfelter Menschen, alle aus den unterschiedlichsten Berufen. Dabei ist die schon erwähnte Übersetzerin, ein Logistiker, ein Journalist, eine Schriftstellerin, eine Studentin (etc.).
Sie reden über Gott und die Welt, ihr Leben, ihre Träume, und natürlich die Heimat.
Lokalpatriotismus. Darum geht es ja auch irgendwie, liest man so zwischen den Zeilen.

Dorothee Elmigers Stil ist kühl und surreal gehalten, verpackt in einer wunderschönen Sprache. Für den Leser wird es manchmal schwer, den Geschehnissen zu folgen. Nur selten weiß man, wer gerade spricht, auch eine Chronologie scheint es nicht zu geben. In einer Zeile spricht A.L. Erika über eine Erinnerung aus ihrem Leben, in der nächsten Zeile spricht der Logistiker über einen Ort, an den er denkt, während aus heiterem Himmel ein Einwurf von Herr Boll erfolgt:

Der Ort, an den ich denke, sagte A.L. Erika, ist nicht über eine Straße zu erreichen, man gelangt nur zu Fuß oder auf Pferden dorthin.Der Ort, an den ich denke, sagte der Logistiker, ist ein Schwimmbad in einem mittelländischen Städchen, das große Becken ist blau gekachelt, das Wasser fast unberührt, noch kühl, aber direkt von der Sonne beleuchtet, sein leises Plätschern ist ganz friedlich, der Sommer hat jetzt begonnen oder geht schon dem Ende zu.
Der Ort, an den ich denke, ist wie gesagt ein Wald, sagte Herr Boll.

(Dorothee Elmiger, Schlafgänger, DuMont Buchverlag)

Aber keine Bange. All die Verwirrung, der geheimnisvolle Stil, ist gewollt von der Autorin. Man ist nicht dazu verpflichtet, alle Geschehnisse bestens interpretieren zu können, um Schlafgänger genießen zu können. Es ist sogar dieser sehr kryptische Stil, der die Geschichte erst ins Rollen bringt.
Man versucht die Charaktere und ihre Beziehungen untereinander zu verknüpfen. Aber es gelingt einem einfach nicht, diese Charaktere zu durchschauen.
Am meisten dabei haben mich die Erzählungen des Logistikers fasziniert. Auf eine sehr bedrückende weise berichtet der Logistiker aus seinem Leben. Er berichtet von seinen Reisen, von seiner Schlaflosigkeit. Er berichtet über Menschen in seiner Wohnung, die gar nicht da sein dürften. Das scheinen Phantome oder Geister zu sein. Und ganz unbeeindruckt nimmt er all diese Gestalten hin. Er akzeptiert sie, redet sogar mit ihnen. Hinter all den Ereignissen stecken natürlich auch politische Hintergründe. Es geht um Migranten/Flüchtlinge, Schmuggler. Neben den Protagonisten, die eine Diskussion führen, ergreifen in Schlafgänger immer mal wieder TV oder Radiomoderatoren das Wort. Die absichtliche Verwirrung des Lesers ist Dorothee Elmiger wirklich gelungen.


Resümee

Schlafgänger ist kein einfacher Roman. Es ist keine Geschichte, die man gemütlich nach dem Feierabend verspeist, wie man es vielleicht bei Stephen King oder Dan Brown tut. Schlafgänger muss man sich dosieren. Jeden Abend 20 Seiten, jedes Wort aufsaugen, und selbst ein wenig über die gelesenen Zeilen philosophieren.

Mit ihrem zweiten Roman beweist die junge Schweizerin Dorothee Elmiger, dass sie die deutsche Sprache nicht nur schön verpacken, sondern ihr auch eine Seele verleihen kann. Denn Schlafgänger ist ein Roman, den man in diesem Stil noch nicht so genau kennt. Es ist etwas exotisches, düsteres, befremdliches. Diesen Roman zu lesen kommt einer kleinen Reise gleich. Natürlich nur unter der Voraussetzung, dass man sich auf eine solch ungewöhnliche Reise auch einlassen kann.



Mein Dank für das außergewöhnliche Lesevergnügen geht an den DuMont Buchverlag, der mir ein Rezensionsexemplar zu Schlafgänger zur Verfügung gestellt hat.

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