Archiv: Rezensionen zu Literatur und Film

Freitag, 2. September 2011

Verfilmung: Alles, was wir geben mussten



Großbritannien 2010
Vorlage: Kazuo Ishiguro
Originaltitel: Never let me go
Regie: Mark Romanek nach einem Drehbuch von Alex Garland
Darsteller: Carey Mulligan, Andrew Garfield, Keira Knightley
Laufzeit: Circa 105 Minuten
Genre: Moderne Science-Fiction, Arthouse, Drama
Verleih: 20th Century Fox (Cine Project)
Freigabe: FSK 12

Trailer:



Erst kürzlich habe ich Kazuo Ishiguros Roman ausgelesen und habe mich natürlich dementsprechend auf den Film gefreut. "Ich hatte irgendwie ein gutes Gefühl", kann ich nun sagen. Obwohl ich ein wenig enttäuscht von Tran Anh Hung's Verfilmung zu Norwegian Wood war und ich mir eine weitere Literaturverfilmung vorerst ersparen wollte, reizte mich das ganze Projekt zu Alles, was wir geben mussten schon sehr. Zumal ich hörte das Regisseur Mark Romanek der Verfilmung viele eigene Ideen hinzugefügt hätte.

Wie aus dem Nichts schaffte es die Adaption zu Kazuo Ishiguros Roman im letzten Jahr in einige Kinos. Dabei wurde das Arthouse-Drama weder großartig beworben noch wurde es in bekannten Lichtspielhäusern ins Programm aufgenommen. Mit einem Budget von über 15 Millionen Dollar spielte der Film am Box Office jedoch gerade einmal etwas über 9 Millionen ein (von einem Gewinn spricht das Studio wenn ein Film mindestens das doppelte an Produktionskosten am Box Office wieder eingespielt hat). Mit der Heimkino Auswertung kommt der Film nun auf knapp 11 Millionen Dollar und kann daher als kommerzieller Flopp angesehen werden. Und das trotz all der wohlwollenden Resonanz. Woran scheiterte es also? Die Skeptiker kann ich jedoch schon einmal beruhigen. Es liegt weder an Romaneks Interpretation, noch an Garlands Drehbuch und schon gar nicht an die wirklich hervorragenden Schauspieler. Es wird wohl letztendlich die mangelnde Werbung gewesen sein. Zumal ich viel mehr glaube, schaut man sich die Trailer an, dass der Film völlig falsch beworben wurde. Würde ich völlig unwissend sein und den Trailer begutachten, dann würde ich wohl denken das wir es hier mit einem Liebesdrama zu tun haben. Mit viel Kitsch und Tränen. Aber natürlich ist Alles, was wir geben mussten etwas ganz anderes. Obwohl die Verfilmung viel falsch macht bin ich dennoch sehr begeistert. Und wieso das so ist möchte ich im folgenden Text auch erläutern.

Genau wie auch der Roman ist der Film in drei Teile aufgebaut. Die Kindheit auf dem Internat Hailsham, die Zeit in der Wohngemeinschaft bei den Cottages und der letzte Teil, Vollendung. Doch bereits hier gibt es Unterschiede zum Roman. Nicht nur ist Kathy H. in der Verfilmung einige Jahre jünger, erstmals bekommen wir auch Daten zu sehen in welcher Zeitspanne die Geschichte spielt.
Schon bei der Eröffnungssequenz sieht man es der Interpretation von Romanek und Garland an das sie der Vorlage so gerecht wie nur möglich werden wollten. Die Geschichte wird kompakter gestaltet, Kenner des Romans werden sich aber dennoch schnell zurecht finden. Die Macher ergänzen ihre Version dabei immer wieder mit ein paar Details die nicht im Buch erwähnt wurden. Darunter auch die Armbänder und die Scanner die jeden Spender identifizieren. Auch gibt es einiges an neuem Hintergrundwissen welches die Geschichte bereichert (aber auch etwas von Ishigiuros Verschwiegenheit bezüglich jener Details stiehlt).

Die meisten Abstriche musste man in den ersten zwei Teilen hinnehmen. Auch wenn das Setting sorgfältig ausgewählt wurde, Romanek einfach tolle Szenen einfängt, so fehlen mir leider sämtliche Bezüge zu den Charakteren. Besonders leiden musste darunter eigentlich die Freundschaft der drei Freunde. Dazu fehlte mir auch ein wenig die Verbindung zum Titelsong und Namensgeber (der Originalausgabe) Never let me go. Dieser klingt in vollendeter Form absolut super (gesungen von Jane Monheit), wie auch der gesamte, traurige Soundtrack von Rachel Portman, wurde aber für den Film meiner Meinung nach vollkommen verheizt. Im Roman ist der Song ein Schlüsselelement. Praktisch unverzichtbar für die Geschichte. Im Film bekommt er diese Aufmerksamkeit nicht. Ehrlich gesagt ist er sogar nur zweimal zu hören und wird auch kaum weiter erwähnt. Nichteinmal im Abspann wird Never let me go gespielt. Die recht kurze Laufzeit von gerade mal 100 Minuten (Netto) tut dann ihr übliches. Kaum auszudenken was die Produzenten hier erreicht hätten, hätten sie sich für 30 Minuten mehr Laufzeit entschieden.

Auf der anderen Seite muss man aber auch Romanek als Regisseur loben. Er hat nicht nur eine absolut melancholische Atmosphäre geschaffen, man bemerkt an seiner Arbeit auch das er wirklich von Kazuo Ishiguros Vorlage fasziniert war. Seine Liebe zum Detail ist erstaunlich. Und abgerundet wird dies auch durch die jungen Schauspieler. Ob es nun die Jungschauspieler aus dem ersten Teil sind, oder die erfahrenen im späteren Verlauf der Geschichte, sie alle haben mich sehr überzeugt. Carey Mulligan spielt ihre Rolle als Kathy H. absolut überzeugend. Ich mag ihre Interpretation sogar mehr als die Originalversion aus dem Roman. Auch Andrew Garfield (von dem ich an sich einiges halte) hält sich sehr genau an die Vorlage und bringt den leicht schusseligen Tommy brillant rüber. Genau wie der Song im Film untergegangen ist, so musste auch die Rolle der Ruth irgendwie leiden. So wirkt Keira Knightley tatsächlich etwas fehl am Platz. Sie bemüht sich wirklich und sie hat mir auch wirklich gefallen, die Rolle an sich musste im Film jedoch auf so einiges verzichten (besonders was die Erklärungen die ihre Handlungen aus der Vergangenheit rechtfertigen). Umso trauriger und bizarrer war ihr Ende welches sie in der Verfilmung fand. Und da es sich so komplett vom Roman unterschied kann ich auch jetzt schon sagen das es kein versöhnliches Ende mit Ruth gab. Noch immer spuken mir die Bilder von ihrer letzten Spende im Kopf herum. Schon lange hat mich eine Szene nicht mehr so mental mitgenommen das ich noch Tage danach nicht mehr die Bilder aus meinem Kopf bekam.

Im Großen und Ganzen umfasst der Film tatsächlich alle wichtigen Elemente aus dem Roman. An dieser Stelle mussten ja besonders die Adaptionen zu den Harry Potter Romane leiden. Dort fehlten ja teilweise komplette Abschnitte oder sogar auch Charaktere die gar nicht in die Filme eingeführt wurden.
Mit diesen Problemen hat Alles, was wir geben mussten nicht zu kämpfen. Allerdings ist es der Mangel an wichtigen Details die in der Verfilmung fehlen. Und das muss selbstverständlich bestraft werden. Denn all das war zu vermeiden. Ich erwarte nun nicht das alles peinlich genau umgesetzt wird, im Gegenteil, ich mag die Freiheiten sogar die sich der Film nimmt. Aber zum Verständnis gehören einfach gewisse Details aus dem Roman die einfach Pflicht waren in die Verfilmung aufgenommen zu werden. So kann ich mir vorstellen das die Nichtkenner des Romans sich auch teilweise im Bezug auf die Handlung verloren vorkommen werden. Denn so wirklich schlüssig wird die Geschichte eigentlich nicht. Man hat zwar das beste aus den 100 Minuten gemacht, für einen solchen Roman reicht diese Spieldauer allerdings nicht.

Trotz all dieser barschen Kritik konnte ich mich aber dennoch mit dem Film versöhnlich stimmen. Es ist ein melancholisches Arthouse-Drama, wunderschön gefilmt. Es gibt überzeugende Darsteller und eine sehr befremdliche Geschichte die einen über den ganzen Film packt. Dazu kommt noch ein sehr verträumter Soundtrack der all die verschiedenen Abschnitte im Film nahezu perfekt untermalt. Und  genau darin punktet Alles, was wir geben mussten. Zusammengerechnet unterliegen die Contras damit den Pros. Aber jeder der Ishiguros Roman gelesen hat wird sich auch bei dieser Adaption über das verschenkte Potential beschweren. Und ich kann es niemandem verübeln wenn er dies dann auch wirklich tut.

Fazit:

Alles, was wir geben mussten macht zwar immer noch viel falsch, aber dafür auch umso mehr richtig als so manch andere Verfilmungen bekannter Bestseller. Eine tolle Regie, ein überzeugendes Drehbuch gepaart mit klasse Darstellern, Liebe zum Detail und ein herausragender Soundtrack machen die Verfilmung des dystopischen Romans von Kazuo Ishiguro zu einem sehenswerten Geheimtipp. Besonders die letzte Szene stimmte mich in eine solch melancholische Stimmung das ich auch nach dem Abspann noch völlig mitgerissen von den gezeigten Bildern war.  

Alles, was wir geben mussten ist ein trauriges Drama. Ein Happy End ist Lichtjahre entfernt. Oder liegt vielleicht genau dieser Punkt im Auge des jeweiligen Betrachters? Ist vielleicht die Vollendung die Erlösung und stellt somit das Happy End dar? Ist nur der Tod die einzig plausible Erlösung für Kathy und ihre Freunde? Wie auch immer. Darüber kann man nun philosophieren wenn man mag. Wer nun Lust auf den Film bekommen hat sollte aber vielleicht dennoch vorher den Roman lesen. Beide Werke ergänzen sich. Und man bekommt am Ende einen ziemlich genauen Einblick in diese Zukunft die hoffentlich auf immer nur Fiktion bleiben wird. Und obwohl ich so viele kleine Details im Film vermisst habe, das Team um Romanek hat eine wundervolle Arbeit abgeliefert.

Wertung
8 von 10 Punkte


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