Archiv: Rezensionen zu Literatur und Film

Freitag, 8. Juli 2011

David Lynch Special: Eraserhead


USA 1977
Regie: David Lynch
Darsteller: Jack Nance, Charlotte Stewart, Judith Roberts, Laurel Near, Jack Fisk
Laufzeit: Circa 85 Minuten
Genre: Mystery, Horror, Drama
Deutsche Veröffentlichung: Capelight
Freigabe: FSK 16 (runtergestuft, ungeschnitten)


Trailer:



Die Welt ist in eine graue Suppe getaucht worden. Sie ist ein finsterer und hoffnungsloser Ort. Fabriken sprießen wie Blumen aus dem Boden. Ein Rauschen ist zu hören. Ein isoliertes rauschen. Das einzige Geräusch was in der Natur zu hören ist. Eine Welt in der Henry Spencer lebt. Genau so grau wie diese Welt. An seiner Sturmfrisur ist zu erkennen wie sehr sich der Wahnsinn dieses Brachlandes bei ihm abzeichnete. Er kommt gerade von der Arbeit. Und für Henry Spencer beginnt ein Albtraum in einem Albtraum.

Auch mehr als dreißig Jahre später diskutiert die Fan-Gemeinde über das Kult Midnight Movie- dem Spielfilm Debüt von David Lynch. War es ein Albtraum? Ist Eraserhead eine Dystopie? Eine Post-Apokalyptische Horrorvision? David Lynch steht Rede und Antwort in einem Spielfilm langen Interview welches sich auf der DVD befindet. Und seine Antwort wie er diesen Wahnsinn geschaffen hat, was ihm die Ideen gab, darauf gibt er eine recht verblüffende Antwort: Er kann sich an nichts mehr erinnern.
Lynch beteuert das er keine Erinnerungen mehr daran hat wie das Drehbuch entstanden ist. Ob wir ihm das so ganz abkaufen können ist ungewiss, denn er selbst betonte immer wieder das die Fans sich ihr eigenes Bild von dem Film machen sollen. So wird man wohl auch noch 30 weitere Jahre hoffen können, ob der Altmeister des Surrealen sich jemals dazu erbarmen wird und uns mit ein paar Interpretation Seinerseits bereichert. Die Frage ist eigentlich dabei, wollen wir so etwas überhaupt? Meiner Meinung ist alles Bestens so wie es nun ist. Das mystische und die vielen offenen Fragen machen Eraserhead nur noch geheimnisvoller.


Auch wenn ich mich nicht chronologisch durch das Werk von David Lynch in diesem Special arbeiten will, es war mir wichtig mit Eraserhead zu beginnen. Eraserhead ist nämlich das beste Beispiel um zu vergleichen. Vergleiche mit späteren Lynch-Werken. An Eraserhead kann man bestens ausmachen in wie weit sich der Stil von Lynch in den Jahren verändert hat, oder besser gesagt, wie sehr er sich verfeinert hat. Doch auf jene albtraumhafte, surreale Szenerie griff Lynch nur noch ein einziges mal zurück. Natürlich kann man sich hier streiten, und es ist nur meine persönliche Meinung, aber für mich greift lediglich Lynch's (gar nicht mehr so) neuer Spielfilm Inland Empire eine ähnlich unwirkliche Atmosphäre auf. Natürlich wird Inland Empire noch einen eigenen Eintrag spendiert bekommen, aber ich finde an dieser Stelle ist der Film das beste Beispiel um einen Vergleich zu Eraserhead aufzustellen.

Aus Köpfen werden Radiergummis hergestellt: Eraser Heads

Die Traumfabrik, wird Hollywood genannt (ein beliebtes Thema welches von Lynch immer wieder aufgegriffen wird). Millionen von Dollars sind in den neusten Transformers geflossen. Mit anderen Worten könnte man hier auch von der Perfektionierung des Mainstreams sprechen. Was David Lynch jedoch in den siebzigern mit gerade mal 10000 Dollar geschafft hat ist ein kleines Kunstwerk. Wenn Hollywood Träume erschafft, dann erschafft Lynch Albträume. Und keiner beherrscht dieses Handwerk besser. In Eraserhead, so macht es den Anschein, dringt Lynch tief in unsere Psyche ein. Als Zuschauer blieb mir am Ende nur noch zu sagen: Ja, genau solche absurden Szenen spielen sich auch in meinen Albträumen ab.
Lynch serviert uns nicht nur Hühnchen, sondern ein komplettes Kabinett an Skurrilitäten.
Ein vor sich dahin verwesender Mann der anscheinend im inneren eines einsamen Planeten lebt und von dort aus über einen Mechanismus unsere Erde steuert, eine völlig entstellte Frau die ein fröhliches Lied trällert, überdimensional große Spermien, ein bis zur Unkenntlichkeit deformiertes Baby und selbstverständlich der völlig verwirrte Protagonist Henry, der hier grandios des leider tragisch verstorbenen Jack Nance gespielt wird.


Gesprochen wird in Eraserhead selten. Während sich die Dialoge in Grenzen halten, punktet der Film aber Visuell um so mehr. Dabei setzt Lynch auf minimale Details. Den Farbfilter hält er in einem schlichten, trostlosen Schwarz-Weiß, Der Sound klingt bedrohlich und fremd. Auch beim Sound spart Lynch an protzigen Musikstücken. Stattdessen ist im Hintergrund immer so ein befremdliches Rauschen zu hören. All das erzeugt, wie bereits erwähnt, eine ziemlich trostlose Atmosphäre. Allerdings gibt es tatsächlich ein gesanglich untermaltes Musikstück in Eraserhead. Gesungen von der Lady in the Radiator (auf dessen Charakter nicht weiter im Film eingegangen wird, oder welche Bestimmung ihr nun auferlegt ist). Da es kein wirklicher Spoiler ist möchte ich diese Szene niemandem vorenthalten. Wer hier an Club Silencio aus Mulholland Drive erinnert wird, dem sei gesagt das er mit dieser Vermutung sogar richtig liegt.



Das alles mag sehr befremdlich wirken. Doch ich wunderte mich wie schnell mich der Film fesseln konnte. Dafür das Eraserhead der Erstling von Lynch ist, ist er unglaublich professionell. Souverän als hätte er schon mehrere komplette Spielfilme zuvor gedreht. Selbstverständlich hat auch Eraserhead mit dem einen oder anderen Makel zu kämpfen, insgesamt fällt mir an dieser Stelle aber nichts erwähnenswertes ein. Als Lynch Fan ist das sowieso immer sehr schwer zu beurteilen was einem nicht so gefallen hat.

Fazit:

Eraserhead ist bedrohlich und exotisch zu gleich. Lynch präsentiert uns eine verlassene Welt. Ein einziges Brachland. Von der Industrie zerstört und zum sterben zurückgelassen. Gepaart mit den surrealen Aspekten bekommen wir es hier mit einem einzigartigen Film zu tun.
Es war Lynch Startschuss zu einer ganz großen Karriere. Oscar Nominierungen und zahlreiche andere Preise würden ihn später noch erwarten. Natürlich konnte Lynch von all dem damals noch nichts gewusst haben. Für mich war Eraserhead eine ausgesprochen abgedrehte Erfahrung.
Für Liebhaber des experimentellen Filmes ist das Pflichtprogramm.



Wertung


8,5/10 (aufgewertet auf 9 Punkte auf der Skala)

Kommentare:

  1. Gratulation, schöner Beitrag Aufziehvogel! ^^
    Ich finds gut, dass du nicht unbedingt dieses Mysterium um das Baby in den Vordergrund gestellt hast, sondern den Film als Ganzes beschreibst.

    Ich denke auch, dass Lynch bei dem Interview ein wenig geflunkert hat. Er lässt das Ganze mit Absicht ein Mysterium bleiben. Warum sollte ein Künstler auch sein Werk erklären? Es ist schließlich Aufgabe des Publikums es zu interpretieren und zu bewerten. Er hat sich etwas bei seinem Film gedacht, das sieht man ja, aber man sollte mal schön selbst sein Gehirn einschalten, bevor man nach einer "Auflösung" lechzt.
    Was die Wolkenfrau angeht, habe ich mich jedes Mal erholt gefühlt, wenn sie aufgetaucht ist. Und das soll sie wohl auch sein: Der Ruhepol, der erholende Schlaf für den Protagonisten. Nur leider dringen dann die Alpträume in seinen Schlaf.

    Man kann sich den Film wunderbar mehrmals anschauen, da man immer wieder neue Details und Andeutungen findet, gerade was die Visualisierung von Gefühlen oder das Thema Geburt und Befruchtung am Anfang des Films angeht.

    Nach dem Lesen, habe ich jetzt noch mehr Lust endlich mal Mulholland Drive anzuschauen (oder auch Inland Empire)! Das ist schon längst überfällig.

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  2. Hallo Salvo =)

    Ja ich wollte nicht auf das Baby eingehen. Es ist einfach das Thema der meisten Interpretationen.

    David Lynch sagte einmal, dass amerikanische Publikum will alles vorgekaut bekommen. Und da hat er vollkommen recht. Das schätzt er so am europäischen Publikum, sie sind wesentlich aufgeschlossener für solch exotische Werke.

    Das mit der Wolkenfrau ist eine tolle Erklärung. Genau so habe ich das nämlich auch wahrgenommen. Obwohl ich sagen muss das auch von ihr natürlich eine seltsame Atmosphäre ausgeht. Dennoch wirkt das Lied fröhlich und gut gelaunt.

    Ich bin gespannt wie dir Mulholland Drive und Inland Empire gefallen werden. Ich will unbedingt deine Meinung dazu hören. Als nächstes folgen die Besprechungen zu Lost Highway, Mulholland Drive und Inland Empire. Weil die Filme ja von Fans gerne als Trilogie angesehen werden.

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  3. Viele Regisseure scheinen dem europ. Publikum wohl mehr Verstand zuzutrauen. Stanley Kubrick hat ja auch eine amerik. und eine europ. Version zu The Shining angefertigt, wobei in der längeren amerik. Fassung fast nur zusätzliche "Erklärungs"-Dialoge drin sind.

    Stimmt, die Wolkenfrau strahlt auch eine merkwürdige Atmosphäre aus. Worauf ich mir aber immer noch keinen Reim machen kann, ist das Geflügel, dass sie bei der Familie anschneiden und sich noch bewegt.

    Was mir auch grad noch einfällt. Du erwähntest ja den industriellen Soundtrack. Mir fällt dazu spontan die Silent Hill Reihe ein, die ja auch mit diesen mechanischen Klängen sehr viel Atmosphäre und Spannung erzeugt.

    Das Lost Highway, Mulholland Drive und Inland Empire eine Trilogie bilden sollen, wusste ich noch nicht. Dann muss ich wohl das kommende Wochenende einen Lynch-Abend einplanen. Das Portmonee reicht glaube noch für die DVDs.

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