Copyright: Khara, CloverWorks
Die gestrige Ankündigung einer neuen Evangelion Anime-Serie kam nicht völlig überraschend. Man könnte sagen, es lag etwas in der Luft. Zum großen 30. Serienjubiläum, welches vom 21.02-23.02 in der Yokohama Arena gefeiert wurde, wurde ein brandneuer, knapp 15 minütiger Kurzfilm gezeigt, der sich Asuka in einem alternativen Szenario widmet und frenetisch vom hiesigen Publikum gefeiert wurde. Für Khara scheint dieser Kurzfilm eine "Once in a Lifetime" Vorführung gewesen zu sein, denn man stellte schnell klar, man werde den Film nicht Online oder auf andere Wege zugänglich machen und warnte gleichzeitig vor drakonischen Strafen, sollten irgendwelche Leaker Material zum Kurzfilm, und seien es nur Bilder, Online stellen. Diese Mitteilung kam dementsprechend gut an bei den Fans, dass das eigentlich freudige Ereignis sehr schnell einen faden Beigeschmack erhalten hat
Doch wenn man einmal genau aufgepasst hat, lag hier schon wesentlich länger etwas in der Luft als nur jetzt zu dem Jubiläum zu einer der einflussreichsten Anime TV-Serien aller Zeiten. Evangelion-Schöpfer und Khara Studioboss Hideaki Anno sprach sich zuletzt immer wieder dafür aus, neue Geschichten aus diesem Universum erzählen zu wollen. Konkrete Pläne hatte er dazu nie und verwies zum Beispiel auf die gelungenen Kurzfilme, die man zwischen 2014-2015 für die Japan Animator Expo produziert hat, einer davon sogar mit einem komplett neuen Cast an Charakteren.
Die letzten Jahre waren für Hideaki Anno und seinem Studio Khara erfolgreich. Mit Shin Godzilla lieferte man den Startschuss für eine ganze Reihe neuer Live-Action-Filme und somit auch Neuinterpretationen aus dem Kaiju und Tokosatsu Genre. Es folgten Shin Ultraman und Shin Kamen Rider, allesamt Filme, die zusammen mit Toho entstanden sind und sich als äußerst profitabel erwiesen. Doch auch in Sachen Animation lief es alles andere als schlecht, der finale Rebuild of Evangelion Film 3.0+1.0 Thrice Upon a Time dominierte das japanische Kino und erfreute sich international durch die Lizensierung von Amazon Prime großer Beliebtheit. Anno konnte seine Geschichte zu Ende erzählen und beruhigten Gewissens endgültig mit Neon Genesis Evangelion abschließen. Doch genau so wenig wie Hayao Miyazaki jemals aufhören kann, neue Filme zu machen, so wird Hideaki Anno sich niemals komplett von Evangelion abkapseln können. Und das ist nicht unbedingt mal eine schlechte Nachricht.
Ich habe die Rebuild of Evangelion Reihe (die auch sehr oft ein Thema hier auf "Am Meer ist es wärmer" war) mit gemischten Gefühlen erlebt. Was 2007 für mich begann sollte gewiss keine Reise sein, die mich für die nächsten knapp 15 Jahre begleiten sollte. Die neue Spielfilmreihe war geplagt von massiven Produktionsproblemen (leider auch teilweise hervorgerufen durch die Naturkatastrophe im Jahr 2011, das sogenannte Tōhoku-Erdbeben und die damit verbundene Katastrophe in Fukushima) und nach dem zweiten Film ist kein einziger mehr planmäßig erschienen. Der letzte Film, der sich tatsächlich noch nach Evangelion anfühlte war Evangelion 2.0: You Can (Not) Advance. Danach wurde es kompliziert. Auch für mich war der finale Spielfilm jedoch eine Art versöhnlicher Abschluss. Es war ein Film, der half, loslassen zu können. Abschied von einer Reihe zu nehmen, die mich selbst seit fast 30 Jahren schon begleitet. Und genau so kam es auch. Die vergangenen rund 5 Jahre hatte ich nichts mit Evangelion zu tun. Ich habe die Perfect Edition des Manga komplettiert, diese aber bis heute nicht einmal angerührt. Neon Genesis Evangelion wird für mich immer präsent sein, einen sentimentalen Wert besitzen, aber ich hatte keinen Drang dazu, einen Re-Watch der Serie zu starten oder mir noch einmal die Filme anzusehen. Daran hatte auch die positive Berichterstattung über den neuen Kurzfilm nichts geändert.
Doch am Ende haben sie mich halt doch noch bekommen. Noch einmal mein Interesse geweckt. Als man eine neue Serie ankündigte, hat man sich für eine relativ trockene Pressemitteilung entschieden. Es waren aber eher die Namen, die an dieser Serie beteiligt sein werden und die für Aufsehen sorgten. Khara wird sich hier zusammen mit dem beliebten Animationsstudio CloverWorks zusammentun. Die Regie wird Gainax sowie Rebuild of Evangelion Veteran Kazuya Tsurumaki übernehmen. Dann hat man sich für einen ungewöhnlichen Schritt entschieden, nämlich ein Zweiergespann aus der beliebten Videospielreihe Nier mit in die Produktion einzubinden: Yoko Taro wird sich für die Story und das Drehbuch verantworten, Keiichi Okabe komponiert den Soundtrack. Aus heutiger Sicht fast schon unfassbar, dass man so etwas unter Verschluss halten konnte. Nur wenige Stunden später wurde ein Teaser-Trailer veröffentlicht, der musikalisch bereits für elektrisierte Körperbehaarung sorgen dürfte. Ein unverkennbarer Okabe-Klang führt fast schon melancholisch mit Cello- und Klavierklängen durch einen postapokalyptischen Konzertsaal. Der kurze Trailer endet mit einer bedrohlichen Nahaufnahme von Eva 01.
Was als erstes auffallen dürfte sind traditionelle Animationen, die sehr schön den Look der TV-Serie widerspiegeln. Waren die Rebuild-Filme mit satten Farben ausgestattet, entschied man sich zumindest für den Trailer für einen weniger farbenfrohen Look. Aktuell weiß noch niemand, ob es sich hier nicht sogar um ein Remake der alten TV-Serie handelt (dafür bräuchte man dann aber nicht Yoko Taro), eine Fortsetzung oder sogar ein Reboot handelt. Die kaputten Musikinstrumente und die verwahrloste Umgebung deuten eher darauf hin, dass wir es hier mit einer Geschichte zu tun bekommen werden, die lang nach den uns bekannten Ereignissen spielen werden. Da Neon Genesis Evangelion mehrere Enden besitzt die laut offiziellen Aussagen alle zum anerkannten Franchise-Canon gehören, sind die Möglichkeiten fast unerschöpflich, wo man bei einer neuen Serien ansetzen kann.
Ein Name, nämlich der von Hideaki Anno, tauchte hier nicht auf. Und das dürfte wenig überraschen. Zum einen war es immer wichtig für ihn, den Staffelstab mal weiterzureichen, zum anderen kann man sich aber ziemlich sicher sein, dass er als eine Art Supervisor weiter mit von der Partie sein wird.
Was ich persönlich nun von alldem halte? Meine Stimmung bleibt vorerst neutral, immerhin hat man noch nichts konkretes zur Serie gesehen. Die hochdekorierten Namen, die am Projekt beteiligt sind und sich allen voran für Yoko Taro als Lead-Writer zu entscheiden hat fast schon etwas positiv kitschiges an sich. Kaum ein Stil wie der seine passt wohl so sehr zu einem Multimedia-Franchise wie Neon Genesis Evangelion. Aber wie immer ist auch eine gewisse Vorsicht geboten. Zu viele Franchise-Revivals mussten zuletzt immer wieder mit Enttäuschungen kämpfen. Evangelion ist davon nicht ausgenommen. Doch es ist dieser kurze Trailer, der unglaublich neugierig auf das macht, was da auf uns zukommen wird. Die ganzen Feierlichkeiten der letzten Tage haben insbesondere eines mal wieder bewiesen: Wir haben wohl alle, genau wie Hideaki Anno, noch nicht mit Evangelion abgeschlossen und werden es wohl auch nie. In dem Boot sitzen wir nun alle zusammen. Man darf vorsichtig optimistisch sein.