Archiv: Rezensionen zu Literatur und Film

Samstag, 17. Juni 2017

Einwurf: Es war einmal.....




Der berüchtigte Blog-Einwurf ist in den letzten Monaten ziemlich untergegangen. Eine Rubrik, für die niemand diesen Blog besuchen würde und die vermutlich weniger Interessenten findet, als ein Jahresabonnement für den Empfang des Staatsfernsehens aus Nordkorea. Dennoch liegt mir diese Rubrik sehr am Herzen. Aus zeitlichen Gründen müssen so einige virtuellen Pläne derzeit einen Platz auf den hinteren Reihen einnehmen.

Ein Thema, womit ich mich in diesem Einwurf befassen will, ist ein Klassiker der Literatur. Nimmt man es genau, hat sich dieses "Problem" auch noch auf vielen anderen Medien ausgeweitet. "Der Anfang einer Geschichte". Beinahe jede Geschichte beginnt so - "Es war einmal....."
Ob man nun ein Buch liest, einen Film schaut oder eine Serie startet, jede Geschichte muss einen Anfang haben. Viele Werke schaffen das ganz gut, andere wiederum tun sich mit dem Anfang einer Geschichte äußerst schwer. Der Pate 2 zum Beispiel hat, trotz seines Status als einer der besten Filme aller Zeiten, ein sehr großes Problem mit dem Tempo. In der Literatur ist der Beginn einer Geschichte aber noch einmal eine ganz andere Nummer. Obwohl ich einen Blog führe, dessen Hauptaugenmerk auf Bücher gerichtet ist, so bin ich dann am Ende doch kein fanatischer Leser, der wöchentlich 1-2 Bücher verschlingt. Jeden einzelnen Titel suche ich mir bewusst aus und nur die Titel, die mir außerordentlich gut gefallen haben, bekommen einen Besprechung spendiert. Von enorm langen Wälzern halte ich mich meistens distanziert, das gleiche gilt aber auch für Buchreihen, die mehrere Bände mit sich bringen.

Und so frage ich mich, besonders bei den langen Buchreihen, kann man nicht einfach bei Band 2 einsteigen? Mit Band 1 anzufangen bringt doch wieder so langwierige Prozesse mit sich! Es startet mit dem obligatorischem Prolog. Der Leser wird heiß auf das gemacht, was ihn erwartet. Der Prolog ist der Schlüssel zu jeder Geschichte. Doch dann folgt Kapitel 1. Oh ja, auf Kapitel 1 dürfte meistens nicht einmal der Autor selbst lust haben. Vielleicht ja auch ein Grund, wieso eine menge Autoren und Hobby-Schreiber meistens mit der Mitte oder gar dem Ende ihrer Geschichte beginnen. Da ich selbst einer dieser Hobby-Schreiber war, so war es für mich unmöglich, als mit etwas anderem anzufangen als Kapitel 1 (ich habe es mehrmals versucht). Grund dafür ist, ich hatte zum Beginn meiner eigenen Geschichten meistens nur eine rohe Skizze vor mir, in welche Richtung die Handlung verlaufen könnte. Dennoch könnte ich genau so gut sagen, ich hatte keinen blassen Schimmer, wie mein eigenes Werk verlaufen wird. Ein Aspekt, den man sich eigentlich nur bei Kurzgeschichten erlauben kann. Und, ehrlich gesagt, ich war schon immer ein bisschen mehr Fan der kurzen Geschichte, als von den wuchtigen, langen und ausführlichen Romanen. Die von vorn bis hinten genau durchdachten Romane mit Form und Struktur. Eine Kurzgeschichte hingegen kann unberechenbar sein, man kann experimentieren und es einfach drauf ankommen lassen. Kurzgeschichten genießen in Deutschland nicht unbedingt den besten Ruf. Eine menge Leser können sich auf ein kurzes Lesevergnügen nicht einlassen. Sie vermissen die ausführlich beschriebenen Charaktere und den gewohnten Aufbau einer langen Geschichte.

Und hier kommt der Bumerang zurück zu "Kapitel 1". Das erste Kapitel, der tatsächliche Auftakt einer Geschichte, das ist die erste Hürde, die der Autor und somit auch seine Leser zu bewältigen haben. Im Vorfeld weiß man, dass die Geschichte, die man gerade liest, erst einmal in die Gänge kommen muss. Man muss die Protagonisten und die Nebenfiguren kennen lernen, den Schauplatz und den berüchtigten MacGuffin, der die Geschichte vorantreibt. Packt man all diese Elemente zusammen, so kann der Auftakt einer Geschichte so langwierig wie nur möglich werden. Manchmal dauert er auch einen ganzen Band lang an, wenn es sich um eine Buchreihe handelt. Ein Problem, was besonders in der japanischen Light-Novel Industrie (Light Novel sind in der Regel kürzere Romane mit ausgewählten Illustrationen, die gerne mal weit um die 20 Bände beinhalten können). Da bei Light Novels häufig auch noch mit Klischees gespielt wird, so kann sich der Auftakt einer Geschichte oftmals als regelrechte Tortur entpuppen. Genau dieses Problem haftet auch dem ersten Band von Occultic;Nine an, der neuen Reihe von Steins;Gate Macher Chiyomaru Shikura. Alles, was ich gerade aufgezählt habe, haftet auch Band 1 von Occultic;Nine an. Der Band ist ein einziger großer Prolog, ab und an blitzt jedoch Potential auf, welches die Geschichte vorantreiben könnte, nur um ein Kapitel später wieder in alte Muster zu verfallen. Das Problem von Occultic;Nine wird schnell klar, besonders, wenn man das Nachwort des Autors liest, der offensichtliche Probleme mit der Geschichte zugibt. Chikura ist grundsätzlich ein Mann, der sich bei seinen Geschichten sehr gerne Zeit nimmt. Zeit, die er bei einer Light Novel nicht hat. Um dem besagten Problem von Occultic;Nine auf den Grund zu gehen, dies ist schnell geklärt. Genau wie bei "Das Lied von Eis und Feuer" von George R.R. Martin übernimmt in jedem Kapitel ein neuer Protagonist das Ruder (bei Occultic;Nine erfolgt die Erzählung zusätzlich aus der Ich-Perspektive). Während George R.R. Martin diese Erzählkunst durch Erfahrung bereits zum Beginn von Eis und Feuer perfektioniert hat, hatte er weniger Probleme, einen ansprechenden wie spannenden Auftakt zu liefern. Bei Occultic;Nine hingegen fühlt sich jedes neue Kapitel wieder wie Kapitel 1 an. Der Zähler wird praktisch nach jedem Kapitel wieder zurück auf 0 gesetzt. Dem Leser wird ein neuer Erzähler präsentiert und somit auch eine neue Geschichte. Sobald die Geschichte einen spannenden Punkt erreicht hat, wird sie auf 0 zurückgesetzt wenn im nächsten Kapitel entweder wieder ein neuer Charakter eingeführt wird, oder aber ein Erzählstrang fortgesetzt wird, der einfach nicht in die Gänge kommen will. Für den Leser kann dies eine unglaublich langwierige Angelegenheit sein, da dieser immer wieder erneut den Auftakt einer Geschichte lesen muss. Der gesamte erste Band wirkt somit wie eine wirre Aneinanderreihung zusammenhangsloser Geschichten, die, würde der Autor auf diese art der Erzählung verzichten, durchaus eine menge Potential birgt.

Und so komme ich zum Ende noch einmal auf den Ausgangspunkt dieses Einwurfs zurück. Kann man nicht einfach mit Band 2 anfangen? Kann man sich nicht einfach eine Zusammenfassung der bisherigen Ereignisse auf Wikipedia durchlesen und sich die ganzen Mühen rund um den Auftakt einer Geschichte sparen? Und, da ich es selbst schon mehrmals probiert habe bei der ein oder anderen bekannten Reihe, so kann ich diese Frage auch beruhigt mit "Nein" beantworten. Egal wie man es dreht und wendet, entweder kommt man trotz einer Zusammenfassung noch durcheinander oder aber man wird in der Fortsetzung förmlich dazu verleitet, sich den Auftakt durchzulesen. Der Vorteil, auf diese ungewöhnliche weise mit einer Buchreihe anzufangen, ist, man bekommt bereits einiges von den Protagonisten und Nebenfiguren mit und man wird nicht mehr so große Probleme damit haben, mit ihnen im ersten Band warm zu werden oder sie zu verachten. Letztendlich wird man sich aber wohl selbst eingestehen, es führt kein Weg an Kapitel 1 vorbei. Ob man es mag oder nicht, so beginnt eine Geschichte (in den meisten Fällen!) und selbst die besten davon hatten mit einem langwierigen Auftakt zu kämpfen. Als Leser muss man den langsamen Weg gehen, um einige Kapitel später in den vollen Genuss einer spannenden Geschichte zu kommen. Und so kann selbst der langweiligste Beginn einer Geschichte sich noch als literarischer Höhepunkt entpuppen. Denn man darf nie vergessen, jede noch so unbedeutende Geschichte beginnt mit "Es war einmal.....", auch, wenn diese drei Worte nicht dazu verpflichtet sind, sich auch jedesmal zu zeigen.

Kommentare:

  1. Ich sage es mal so: Mehrteiler nerven mich schon deshalb, weil ich gar nicht die Zeit habe, sie zu verfolgen. Ich lese also Band 1, und wenn der nicht ganz toll war, war es das. Ich verstehe deshalb nicht, weshalb das anscheinend ein Erfolgsmodell im Buchmarkt ist.

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  2. Diese Flut an Mehrteilern ist erst in den letzten Jahren wieder sehr übergeschwappt. Verantwortlich dafür ist natürlich auch der neue Boom an Jugendliteratur, wo eine Reihe gerne mal 3-4 Bücher mit sich bringt. Ich finde ebenfalls, der erste Band muss direkt sitzen. Man kann sich gerne dazu einige Kapitel Zeit lassen, aber wenn ein kompletter Band nur aus Füllmaterial besteht, dann bin ich auch nicht mehr für Band 2 zu haben.

    Beste Grüße!

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