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Freitag, 4. September 2015

Rezension: Das verhängnisvolle Talent des Herrn Rong (Mai Jia)

(Foto: Aufziehvogel)





China 2002

Der verhängnisvolle Talent des Herrn Rong
Autor: Mai Jia
Originaltitel: Jiemi
Veröffentlichung: 2002 (China), 31. August 2015 in deutscher Übersetzung bei DVA
Übersetzung: Karin Betz
Genre: Familienroman, Historischer Roman, Spy Fiction


"Ehrlich gesagt, gefiel mir die Geschichte gar nicht. Ich muss Ihnen ja nicht verraten, dass wir, falls er nur so tat als ob, ein ernsthaftes Problem gehabt hätten. Denn warum sollte man seine Forschungsaktivitäten verschleiern, wenn nicht deshalb, weil sie aus ethischen oder rechtlichen Gründen nicht vertretbar waren? Und wenn es so war, war der arme Zhendi das ideale Opfer, das sich zu seinen Zwecken missbrauchen ließ. Die Gerüchte, die an der Fakultät um das Verhältnis der beiden kreisten, hatten mich schon länger misstrauisch gemacht. Ich war ehrlich darum besorgt, dass der Junge getäuscht und benutzt wurde. Er war schließlich immer noch ein Kind, naiv und emotional unreif, er wusste nichts von menschlichen Abgründen. Wollte man jemanden übervorteilen, gab es kein besseres Opfer. Er war gutgläubig, einsam, respektvoll und fraß alles in sich hinein, statt sich gegen Ungerechtigkeit zu wehren.
Glücklicherweise tat Lisewicz wenig später etwas völlig unerwartetes, das meine Sorgen mit einem Schlag zerstreute." - Das verhängnisvolle Talent des Herrn Rong. Übersetzung: Karin Betz


Bevor ich mit der eigentlichen Besprechung beginne, im Vorfeld noch etwas zur Übersetzung: Hier geht der Lob an DVA und Zhejiang Literature & Art Publishing House, die diese deutsche Ausgabe gefördert haben. Man hätte sich nämlich leicht davonstehlen können und auf eine kostengünstige Übersetzung aus der bereits erhältlichen englischen Ausgabe setzen können, ist diesen Schritt aber glücklicherweise nicht gegangen. Stattdessen wurde, wie es sich gehört, direkt aus dem Chinesischen übersetzt. Sollte Usus sein, viele Verlage bewiesen leider schon gegenteiliges. Die deutsche Übersetzung von Karin Betz liest sich flüssig und leicht verständlich, ein bereits großer Pluspunkt, bevor man überhaupt richtig in diese komplexe Geschichte eintaucht.

Nun aber zur Besprechung. Da stoße ich gleich vor meine erste Frage: Wer ist eigentlich Mai Jia? Seine Vita verrät, er gehört zu den erfolgreichsten Autoren Chinas (5 Millionen Buchverkäufe an physischen Exemplaren, 10 Millionen an digitalen Absätzen). Mai Jia ist aber in Wirklichkeit Jiang Benhu. Ein Autor, der also unter einem Pseudonym arbeitet und über den sich in seinem Heimatland viele Gerüchte ranken. Die Öffentlichkeit scheut Mai Jia aber nicht, im Gegenteil. In Interviews redet er relativ frei und unbeschwert, und, etwas, was mir schnell aufgefallen ist, extrem selbstbewusst, ohne jedoch arrogant zu wirken. Ein Mann, der von seinen Fähigkeiten, von seiner langen Erfahrung anscheinend überzeugt ist. Ein genauer Geburtsmonat von Mai Jia ist anscheinend nicht bekannt. Da er 1964 geboren ist, ist er also entweder 50 oder 51 Jahre alt. Zudem ist der Chinese auch noch Präsident der Zhejiang (chinesische Provinz) Writers Association sowie Vizepräsident der Zhejiang Literature and Art Association.

Ich muss zugeben, bevor ich "Das verhängnisvolle Talent des Herrn Rong" begonnen habe zu lesen, hatte ich eine menge Freude daran, mir Hintergrundinformationen über den Autor selbst anzueignen. Genau wie die japanische Literatur, stagniert auch die für viele Leser so exotische chinesische Literatur im Westen. Die Übersetzungen sind kostspielig, und ob die Titel den westlichen Lesern zusagen ist genau so riskant wie auf einen völlig unbekannten Autor große Hoffnungen zu setzen. Mit der Veröffentlichung von "Das verhängnisvolle Talent des Herrn Rong" ist aber schon einmal ein wichtiger Anfang gemacht worden was den Trend zur modernen chinesischen Unterhaltungsliteratur angeht. Und so exotisch ist das fremde Terrain gar nicht, denn wie in jedem anderen Land auch, befinden sich ebenfalls im fernen Osten hochtalentierte Autoren.

"Das verhängnisvolle Talent des Herrn Rong" ist in China bereits 2002 unter dem Titel "Jiemi" (auf deutsch so viel wie "Entschlüsselung") erschienen und war dort ein Bestseller. Zu einem landesweit bekannten Autor wurde Mai Jia aber nicht durch "Jiemi", sondern viel mehr durch die TV-Adaptionen, die man aus seinen Werken machte. Mai Jias Name wurde dabei häufig von den Produzenten übergangen oder man degradierte ihn im Abspann häufig zu einem einfachen Writer der an der Adaption mitgewirkt hat. Der Autor kämpfte jedoch als Schöpfer seiner Werke öffentlich dagegen an, prangerte an und gewann praktisch seine Autorschaft zurück. In China nicht unbedingt die Tagesordnung. Es war also dieses Ereignis, welches Mai Jia landesweit bekannt machte und automatisch dadurch wurde so ziemlich jedes seiner bis dato veröffentlichten Werke nachträglich zu einem Bestseller.

Im vergangenem Jahr bereits erschien "Das verhängnisvolle Talent des Herrn Rong" auch erstmals in englischer Übersetzung, die jedoch weitgehend kritisiert wurde. Ein weiterer Grund, wieso eine deutsche Übersetzung nur aus der chinesischen Sprache sinn machte.
Besonders die Amerikaner nahmen das Buch mit gemischten Gefühlen auf. Die Leser, die aber mit allen Hintergründen vertraut waren, waren angetan. Doch wie kommt so eine zweigeteilte Meinung zustande? Der Grund ist wenig plausibel. Viele Leser haben hier mit einer echten Biografie gerechnet. Mit einer authentischen Biografie eines Genies, welches wirklich einmal lebte. Mai Jia versteht es zwar perfekt historische Ereignisse und die Realität mit Fiktion und seinen Charakteren zu verknüpfen, die Geschichte um das Mathematik-Genie, den brillanten Codeknacker Rong Jinzhen, die ist komplett aus Mai Jias Fantasie entsprungen. Der Autor selbst hat hier aber eine menge Erfahrung seiner rund 17 jährigen Dienstzeit bei der chinesischen Armee mit einfließen lassen. In einigen übersetzten Interviews redet Mai Jia offen darüber, dass er Romane schreibt, die die Menschen unterhalten sollen. Wer hier also nach wahren Begebenheiten sucht, der wird wohl nicht fündig werden. Mai Jia ist für einen Chinesen aber an sich sehr offen. Er macht keinen Hehl daraus, die Namen einiger Provinzen, Städte oder Parteien für seine Romane umgeändert zu haben (ihm blieb nichts anderes übrig um der staatlichen Zensur zu entgehen), damit endete die Selbstzensur aber bereits. Er bewegt sich geschickt im Rahmen seiner Möglichkeiten, ohne seine Geschichten verharmlosen zu müssen.




Das beeindruckende, was mir während des Lesens von "Das verhängnisvolle Talent des Herrn Rong" aufgefallen ist, ist wie sich die Geschichte entfaltet. Der Roman beginnt recht klassisch als Familienroman. Im Fokus steht die große Familie Rong, sie alle sind Salzhändler. Doch wie kommt es, dass die Familiendynastie sich im laufe der Jahre zu Genies entwickelt, hochbegabten Mathematik-Genies wohlgemerkt, und sogar ihre eigene Universität eröffnet? Wie ein Dominostein, den Mai Jia anstößt, erzählt er eine Familiensaga ohne dabei in unnötige Längen abzudriften. Häufig wechselt der Erzählstil, ein Stilmittel, welches den Leser immer wieder aufs neue mit ins Geschehen reißt. Verwirrend wird die Geschichte selbst nie, lediglich mit den vielen verschiedenen Namen dürfte der ungeübte westliche Leser häufig noch einmal nachschlagen müssen, um wen es genau geht. Hier hätte ich mir vielleicht ein kleines Personenregister (Dramatis personæ) gewünscht, welches einmal die wichtigsten Charaktere der Geschichte vor Beginn des Prologs einmal separat auflistet. Allerdings will ich es aber auch nicht dramatischer machen, als es ist, man gewöhnt sich relativ schnell an die verschiedenen Namen.

Und irgendwann, ganz überraschend, kommt dann auch der eigentliche Protagonist endlich ins Spiel. Herr Rong. Rong Jinzhen oder von seiner Familie auch einfach Zhendi genannt. Ein etwas komischer Junge mit einem etwas zu groß geratenen Kopf. Von den Beschreibungen im Buch her scheint die Kopfform von Jinzhen aber gar nicht mal so abnormal zu sein, dies wird relativ zu Beginn auch noch einmal bestätigt. Hier beginnt nach der Familiensaga dann eine art fiktive Biografie. Häufig verknüpft Mai Jia die fiktionalen Ereignisse mit geschichtlichen Ereignissen aus der Vergangenheit. Man hat es also auch ein wenig mit etwas alternativer Geschichtsschreibung zu tun. Natürlich darf man hier keine Eskapaden erwarten wie es beispielsweise Philip K. Dick in "Das Orakel vom Berge" tut. In Mai Jias Geschichte geht alles etwas irdischer zu.

Was man von "Das verhängnisvolle Talent des Herrn Rong" nicht erwarten darf ist ein klassischer Spionageroman in James Bond Manier. Das Buch widmet sich im späteren Verlauf der Geschichte der Spionage. Man kann den Roman also durchaus auch zum Spy Fiction Genre zählen. Das Hauptaugenmerk liegt aber auch weiterhin viel mehr auf die Entwicklungen, die Jinzhen durchmacht. Ein junger Mann, der es im Leben nie ganz einfach hatte und später von seinen so geliebten Zahlen praktisch in den Wahnsinn getrieben wird. Die Spionage ist lediglich ein Element der Geschichte, nicht der Fokus. Ein sehr interessanter Aspekt, wenn man sich zum Vergleich mal westliche Vertreter des Genre näher anschaut.


Resümee

Mal wieder eine Rezension mit Überlänge. Und dabei habe ich es nun nicht einmal geschafft, etwas mehr über die komplexe Geschichte des Buches zu verraten. Aber dies ist auch gar nicht nötig.

"Das verhängnisvolle Talent des Herrn Rong" ist ein so facettenreicher Roman, so souverän geschrieben, dass man als Leser schneller in die Geschichte findet, als man vielleicht denkt. Mai Jia deckt viele Genres ab, hat seinen eigenen Stil und versteht es, den Leser anspruchsvoll zu unterhalten. Phrasen wie "Der Dan Brown aus China" lese ich daher ungerne, ehrlich gesagt gibt es keinen unpassenderen Vergleich (ich könnte noch einmal einen genau so langen Text verfassen, was mir alles an Dan Brown nicht passt, aber diese Geschichte hebe ich mir für ein anderes mal auf).

"Das verhängnisvolle Talent des Herrn Rong" ist eine längst überfällige Veröffentlichung und hoffentlich ein Anstoß dafür, mehr chinesische Literatur zu uns zu bringen. Dies schließt natürlich Mai Jias Werke mit ein.

Selten ist ein deutscher Buchtitel (der vom Originaltitel drastisch abweicht) mal so treffsicher und elegant gewählt wie in diesem Falle. Und selten blättern sich die Seiten bei meiner Lesegeschwindigkeit so schnell um. Wenn dies tatsächlich Mai Jias angepriesene Vision seiner Unterhaltungsliteratur ist, dann hat er bereits mit diesem Frühwerk eine menge richtig gemacht. Sollte meine virtuelle Stimme auch nur etwas bewirken, so hoffe ich, meinen Teil dazu beigetragen zu haben, damit die Geschichte um das verhängnisvolle Talent des Herrn Rong nicht ungelesen bleibt.

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